Archiv des Autors: Susanne Ernst

Über Susanne Ernst

studiert Theaterwissenschaft, Französisch, Amerik. Literaturgeschichte

Spielwiese – Les Danseurs ont apprecié la Qualité du Parquet: Maison des Arts de Créteil // Les Chiens de Navarre

Ich habe gestern einmal mehr begriffen, warum Theater begeistern, faszinieren, fesseln, mitreißen, umdrehen, durchschleudern und wegspülen kann. Und das alles mit Humor. Es hat zwar Vorteile, aber eben nicht nur, wenn man sich hauptsächlich nach Vorschlägen von Dozenten richtet in seiner Abendgestaltung. An dieser Stelle ein großes Lob an das Festival „Exit“, das mir von meinem Freund und Bühnentechniker Luca empfohlen wurde.

Foto von celinef.com

Foto von celinef.com

In dessen Rahmen habe ich gestern eine Pina-Bausch-würdige Farce auf sowie Liebeserklärung an den Tanz gesehen, „Les Danseurs ont appprecié la Qualité du Parquet“, von dem Künstlerkollektiv Chiens de Navarre. Dieses „Parkett“, dieser Tanzboden empfing die vorderen Reihen, die über die Bühne den Saal betraten, als allererstes: bei rotgoldenen Sonnenuntergangslichtstimmung tanzten die Darsteller ausgelassen zu schwungvoller Salsamusik auf dem mulchartigen Erdboden, der sich über die gesamte Größe der Bühne erstreckte, mit den Zuschauern um die Wette. Das heißt mit denen, die wollten. Was wundervoll und unfreiwillig komische Situationen ergab. Schon bereute ich, nicht noch früher gekommen zu sein, diesem Spektakel hätte ich stundenlang zuschauen mögen, fürs mitmachen war ich schon zu spät dran (und leider sehr weit hinten platziert). Und damit ging der Rausch und Strudel an Eindrücken erst los. Ein Klavierschwein, das vorgibt, virtuos das Playback aus dem kaputten Klavier herauszuzaubern. Dazu eine Tänzerin, die sich durch ihre rhythmisch gesetzten Bewegungen über die Musik mokiert, ein Spagat aufwärts an einer Leiter beendet die komödiantische Einlage. Ein Stepptanz. Zwei nackte Männer überqueren den hinteren Teil der Bühne zu quälend krawalliger Musik, die auf deutsch fragt „Sind die Vulkane noch tätig?“. Eine Parodie auf Schwanensee, eine Bollywood (oder doch zumindest orientalische) Tanzeinlage. Wumm. Was für ein Durcheinander! Alle tragen sie Masken und/oder Perücken, bewegen sich zwischen einer Tim-Burton-artig grotesken Zappelästhetik und klassisch-codierten Tanzformen und das zumeist zu klassischer Musik. Dabei eine sehr an den Kabarett-Aufbau erinnernde Nummernshow, eine Art Revue. Keinerlei Anspruch auf Logik oder einen roten Faden. Den schreiende Höhepunkt, wo drei Autos, ein Motorrad, der Wiener Walzer sowie der Radetzkymarsch und Bierdosenschießen eine entscheidende Rolle spielen (und in grotesker Weise an das alljährliche Ballett des Neujahrskonzertes der Wiener Philharmoniker erinnern), will ich gar nicht näher erläutern. Zu komisch, schräg, verballhornt. Extase in jeder Hinsicht, als zum abschließenden Bolero Bauschs Frühlingsopfer (Armbewegungen der Frauen und Einbezug des erdigen Bodenbelages) zitiert wird. Wo war ich? Der rote Faden, richtig. Ich glaube, ich habe ihn die ganze Zeit gesehen aber nicht als solchen wahrgenommen. Es ist die unbändige, logisch nicht erklärbare und wogende Lust an der Bewegung. Ich habe schon lange keine Darsteller mehr gesehen, die solchen Spaß auf der Bühne hatten. Hier hat sich keiner ernst genommen, es regnet Glitzer, eine Massenorgie mit Rasensprenkler, die Stepptänzerin verfehlt die designierte Fläche und wird unhörbar, der Prinz wirkt wie ein tollpatschiger Geier mit seinen ulkigen (Helge Schneiders Meisenmann würdigen) Grand jetés. Und bei all dem ein solcher, ja, dyonischer Rausch, eine Woge des Tanzes, die ihresgleichen sucht. Noch heute, 05. April, im Maison des Arts de Créteil zu bestaunen, neben der interessantesten und verrücktesten interaktiven Ausstellung, die ich vermutlich je gesehen habe. Weil Frühling ist. Weil es Spaß macht und den Weg wert ist. Diese Spielwiese ist nur für uns, für langgezogene Kinder, die nicht verlernt haben, wie es sich anfühlt, zu spielen um des Spielens willen.

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Sie tanzen doch so schön – La fille au cheveux blancs: Shanghai Ballett // R. Hu, A. Fu, D. Cheng, Y. Lin

I140319_Ballet de Shanghai_slider_v2ch habe Dienstagabend zum ersten Mal am eigenen Leib gespürt, wie unangenehm politisches Theater sein kann. Ich rede dabei nicht über die von Happening- und Performancekultur beeinflussten Varianten von Rimini Protokoll, Schlingensief, Castorf etc. pp. Oft hinterlassen sie einen schalen Geschmack beim Zuschauer, weil man sich ja doch ertappt fühlt durch das schonungslose Anprangern von sozialen Misständen. Mit schlechtem Gewissen oder wenigstens einem leisen Schaudern verlässt man das Theater.

Nein. Näher kommt dem ganzen eher Piscators politisches Theater, das in der Quintessenz den Kommunismus propagieren sollte. Wer das im Quadrat denkt, eine große Prise Mao darübergibt und dann nochmal umrührt, bekommt La fille au cheveux blancs, zu sehen Dienstag und Mittwoch in Paris. Es ist das zweite Stück des einwöchigen Gastspiels des Shanghai Balletts.

Basierend auf der gleichnamigen Oper war es eines von zwei Balletten, die unter Mao erlaubt waren. Es erzählt die Geschichte eines armen Bauernmädchens, deren Vater, als er seine Abgaben nicht zahlen kann, von den bösartigen Volksfeinden ermordet und sie als Geißel gefangen genommen wird. Natürlich war sie verliebt, er brachte ihr Essen, sie gab ihm eine Sichel dafür (mittlerweile ersetzt durch einen Geldbeutel mit seinen Initialen, das sei unpolitischer). Sie wird von ihren neuen Herren (wahlweise und je nach Gelegenheit konnten das Großgrundbesitzer, die nationalistische Partei während der Machtergreifung Maos, die Japaner, der Okzident, oder einfach irgendjemand sein, der der Partei nicht gefiel) misshandelt, kann aber in die Wildnis fliehen. Dort färbt sich ihr Haar aufgrund des Salzmangels weißblond. Um zu überleben, klaut sie Essen aus einem Tempel, und wird von den dortigen Bewohnern als Fantom gefürchtet. Damit alles im Guten endet, brauchen wir jetzt die kommunistische Partei. Und damit eine Wiedererkennung zwischen dem ehemaligen Liebespaar zustanden kommen kann, brauchen wir den Geliebten als Hauptmann. Hilfreich an der Stelle natürlich der Geldbeutel (Autsch). Zur Wiedererkennung! Alles gut? Nein. Erst müssen wir noch zwei ehemalige Großgrundbesitzer erschießen. Immerhin offstage. Und das wird dann gefeiert.

Ich bin nicht so naiv, dass ich mit etwas China-Kritischem gerechnet hätte. Aber wie kann es sein, dass ein durch und durch propagandistisches Stück über den Sieg des Kommunismus in China – gut? getarnt als Liebesromanze in der Liebesfarbe rot – heutzutage noch nach Paris eingeladen werden kann und überhaupt nicht kritisch beäugt wird? Kaum im Programmheft, eventuell die Erwähnung einer „époque tragique“ in der Vorankündigung. Kein Buh. Kein Pfeifen. Warum auch, sie tanzen doch so schön.
Jeder Riefenstahlfilm kann als Vergleich herangezogen werden. Klar, ganz einmalige Ästhetik, enorm gut komponierte Bilder. Das verhältnismäßig Simple, dem Auge Gefällige. Das mag der Mensch, vor allem die breite Masse. Mein Interesse gilt schon seit längerem der Inszenierung von Masse, und da hatte ich sie nun.

Ich bin sauer auf mich. Ich hab mich ja genausowenig wie die anderen getraut, zu buhen. Ich hatte schon große Schwierigkeiten, mir das Klatschen zu verkneifen. Aber sie waren ja gut! Verflucht gut. Während ich beim Chinesen um die Ecke (welch Ironie!) auf meine Nr. 8 zum mitnehmen warte, beschließe ich, eine Nacht über den Text zu schlafen.

Ich habe seit Monaten anfangen wollen, aus und über Paris zu schreiben. Ich hatte schon mehrere Kurzentwürfe, Anfänge, Ideen, Sentenzen, Zweizeiler… und ich habe so vieles, besonders an Theater gesehen. Überkandideltes, Beeindruckendes, Schönes, Langweiliges, Lustiges, Verspieltes, Düsteres, viel Robert Wilson, viel Tanz. Die Welle an verschiedenen Theater- und Tanzdarbietungen hat mich überrollt, und, entgegen meiner Gewohnheit, verstummen lassen. Warum führe ich mich also jetzt plötzlich so auf wie der Rächer eines Regimes?

Weil der kritische Ansatz fehlt. Ich hab nichts gegen Stücke, die ihren Zeitgeist kundtun. Das muss aber differenzierter betrachtet werden. Und es ist nicht damit getan, die Sichel durch ein Portemonnaie zu ersetzen, lieber künstlerischer Direktor. Im Gegenteil.

Lesetip: Artikel zum Stück auf dem französischsprachigen Blog „Regard sur la Chine


„And it’s sad – but you expected that anyways.“ – Nancy.Interview: Bayer. Staatsoper // Claude Bardouil

Groupie werden/sein/leben/sterben. Groupie mit mehr als nur Körperkontakt. Nancy Laura Spungen wurde tief in den Drogen- und Gewaltstrom hineingesogen, so tief, dass sie nicht wieder auftauchen konnte. Die Beziehung zu Sid Vicious wird im Programmheft (Teil der Opernfestspiele) als „langer Herointrip“ beschrieben.

Was Claude Bardouil und Magdalena Poplawska vertanzen, ist mehr. Krude und bloße Intimität. Das Wort Privatsphäre verschwindet aus dem Wortschatz, ersetzt durch ein Meer aus Drogen, Rausch, Gewalt und Musik. Die Optik ist eher Mick Jagger und Tilda Swinton. Sie ahmt ihn nach, wird dann sogar zu seiner Puppe, wird von ihm getragen, geschleudert, geschubst und als Leibeigene betrachtet. Was etwas seinen Zweck verfehlt, sind die Kameras, die weder den Voyeurismus der Situation noch die scheinbare Distanz generieren können. Nach einer halben Stunde intensivem Wechselspiel zwischen schnellen, hektischen und durchaus brutalen Momenten sowie stillen und intimen Pas-de-Deux stellt sich eine gewisse Langeweile ein, eine Form von Routine – die so in der gerade ein knappes Jahr dauernden Beziehung Nancy/Sid wohl kaum eingetreten sein dürfte.

Damit sind in keinem Fall die herausragenden Duette gemeint. Ob zu Anfang, wo sich beide begegnen, vielleicht zum ersten Mal, sich verschränken, betasten, einhaken und verrenken, oder zentral, inzwischen fast nackt voreinander, verbunden durch eine Jeans, die beide gleichzeitig tragen. Man vergisst, wessen Bein, wessen Arm, wessen Körperteil. Beide werden eins, wissen aber, dass sie in so unbedingter Abhängigkeit nicht leben werden können. Ich habe selten so eine herzzerreißende und zugleich zerstörerische Nähe sehen dürfen. Beide verbrennen für die Zuschauer vor laufender Kamera, auf offener Flamme gleichermaßen. Die erbrachte Leistung ist erheblich, die Rollen sind gelebt, nicht nur gespielt, die Darsteller verdienen sich den frenetischen Applaus wahrhaft. Doch wirken viele Passagen wie Füllstücke, um eine Stunde Programm füllen zu können. Schade darum.

Besuchte Vorstellung: 11.07.2013


Betanze, dass du sterblich bist – Memento Mori: Gärtnerplatztheater // Karl Alfred Schreiner / Edward Clug

© Lioba Schöneck

© Lioba Schöneck

© Lioba Schöneck

© Lioba Schöneck

Was macht der Tod mit dem Menschen, mit dem Tänzerkörper – die unsterbliche Rolle gegenüber dem sterblichen Schauspieler? Memento Mori, ein Stück über Tod in allen seinen Facetten, hinterfragt den Umgang mit und das Verständnis von Tod. Zum Requiem von Cherubini (Choreografie Karl Alfred Schreiner) und dem Stabat Mater von Pergolesi (Choreografie Edward Clug) tanzt sich das Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz an diesem lauen Sommerabend in der Reithalle in den Tod, ganz ohne rote Schuhe. Der erste Teil von Schreiner wartet mit wunderbar dichten Bildern auf, die sich allerdings so sehr überlagern, dass alles etwas zu eng und zu voll wirkt – zu viele Ideen auf zu engem Raum. Hier haben wir keine elfengleichen Todesfeen wie in der Giselle, hier sind zackige, eckige Gespenster, mit Ecken und Kanten. Hier tanzen Erdernwürmer. Schön das Bild der wandernden Lichter, die im Vordergrund wie Grablichter und dann wie Trümmer- oder Grabsteine im Hintergrund fungieren. Insbesondere die Krümmung der Finger, teilweise manieristisch abgewinkelte Handgelenke sowie ein starker Fokus auf die Spannung der Arme sind stets zu beobachten. Bemerkenswert die Gruppenszenen, allesamt interessant choreographiert und akrobatisch. Insgesamt laufen Musik und Tanz, trotz der direkten Präsenz des Orchesters auf der Bühne, sowie des stark ins Geschehen einbezogenen Chores, ständig nur gegeneinander. Es muss ja keine Einheit bestehen, denkt sich hier der aufgeklärte und geprüfte Theaterwissenschaftler. Aber was soll denn damit ausgesagt werden? In erster Linie stört es und wirkt unstimmig. Die Tänzer scheineneine andere Luft zu atmen, sich anders zu bewegen, aus der düsteren Mönch-Vanitas-Grabesstimmung weniger ausbrechen zu wollen als rauszufallen. Als dann der letzte Tänzer die Bühne völlig sichtbar in den hellen Sommerabend verlässt, bricht die Choreografie letztlich mit ihrer zuvor generierten Ernsthaftigkeit, das Leben ist schön, wir verlassen die Bühne des Lebens, jetzt erst recht. Ein gelungener Abschluss einer keineswegs sonderlich stimmigen Darbietung, was nicht an Chor oder Orchester lag.

© Lioba Schöneck

© Lioba Schöneck

Der zweite Teil folgt in jeder Hinsicht dem ungeschriebenen Gesetz, dass weniger oft mehr ist – angefangen bei der Stückauswahl des für zwei Solistinnen (Mezzosopran und Sopran) komponiertem Stabat Mater. Die Tänzer brillieren in kleineren Gruppen, das Timing stimmt, die Choreografie auf Rhythmus basiert. Und es funktioniert nicht nur, es überholt einen während es Anschauens, voller pfiffiger kleiner Momente, Anspielungen und guter Ideen. Das Wölben der Oberkörper, das Hin und Her des Lebens, die Kreisbewegungen passen. Besonders hervorzuheben ist ein Männerduett, das zum Trio ausgebaut wird, mit Neel Jansen und Davide di Giovanni. Diese beiden sehr unterschiedlichen Tänzer lassen keine Sekunde einen Zweifel daran, dass jede Faser ihres Körpers tanzen will. Ein Tänzerkopf schiebt sich unter das hautfarbene Kleid einer Tänzerin, sie ist schwanger, die beiden tanzen miteinander – ein wunderbarer Einfall, in seiner Originalität ähnlich Preljocajs Duett des Prinzen mit dem toten Schneewittchen. Es folgt der Moment der Geburt, so grotesk wie subtil stellt sich das Leben Jesu in einem Augenblick dar, gebunden an die Mutter – einerseits eine Anbetungs-Darstellung, andererseits eine Pietà mit dem toten Erlöser in den Armen der Mutter. Genial. Der Umgang mit den Bühnenelementen, etwa 8 Meter langen weißen Stelen, ist präzise und geschickt, ob als Catwalk oder als stilisiertes Kreuz, an das der Tänzer sich mit Klebeband selbst kreuzigt. Das Stück schafft eine Atmosphäre, die ich so selten erlebt habe. Das Leben wird hier in allen Facetten gefeiert und gezeigt, eines fügt sich ins andere, ohne einem aufgezwungenen roten Faden folgen zu müssen. Ein Pina-Bausch-Zitat, eine Grablegung, Gebetsbank – ein ironischer, jedoch stets ernsthafter und lebensbejahender Kommentar auf das Leben – mit seinen kleinen Zaubertricks. Danke, Edward Clug!

© Lioba Schöneck

© Lioba Schöneck

Besuchte Vorstellung: 09.07.2013, weitere Vorstellungen 11. und 12.07. um 19:30 Uhr und 14.07. um 18 Uhr


Körperwelten – Exits and Entrances: Bayerisches Staatsballett // Merce Cunningham / Richard Siegal

© Wilfried Hösl

© Wilfried Hösl

© Wilfried Hösl

© Wilfried Hösl

Die erste Millisekunde, als sich der Vorhang zur Uraufführung hebt, wummert die Musik schon los – dumpfes Flirren – ich denke sofort an Siegals Black Swan und bereue es, meine Ohrstöpsel nicht mitgenommen zu haben. Das Bereuen stelle ich schnell ein. Von rechts nach links läuft langsam das Wort „Noise“ über den Vorhang, die Tänzer laufen von hinten nach vorne, ducken sich unter dem „Noise“ weg. Und dann beginnt die große Vibration, die das Prinzregententheater an diesem Abend 40 Minuten lang gefangen nimmt. Unwillkürliche Gedanken an Save the Last Dance, wobei Unitxt deutlich über eine simple Fusion aus Ballett und HipHop hinausgeht. Wir sehen enthüllte Ballettkörper eine – teils ihnen fremden, teils offensichtlich „heimischen“ Sprache sprechen. Die Korsagen der Tänzerinnen haben Griffe, mit deren Hilfe sie von ihren Partnern ungeheuer dynamisch bewegt werden können. Der Forsythe-Schüler bleibt nicht unsichtbar, seien es in Details wie den Hüftbewegungen der Frauen oder den energiegeladenen Männergruppen. „Signal“ wird an den hinteren Bühnenvorhang geworfen, wir sehen eine stets gleiche Formation mit wechselnden Tänzern im Schattenspiel, ein Perpetuum Mobile, das sich ständig selbst anzukurbeln scheint. Mein Favorit ist ein kurzes Duett zum Schluss hin, getanzt von Dustin Klein und Mia Rudic, ein Feuerwerk in schwarz und weiß. Impulse geben den Anlass zum Tanz, und Raum und Licht bieten die ideale Malfläche für die Tänzer.

© Wilfried Hösl

© Wilfried Hösl

Der frenetische Applaus wurde gefolgt von Cunninghams Biped aus dem Jahre 1999. Dieses bemerkenswerte Stück Tanzgeschichte ist eine zutiefst in sich versunkenes, im

© Wilfried Hösl

© Wilfried Hösl

Kontrast zur vorherigen rhythmischen Achterbahnfahrt fast meditatives Bewegungskarussell aus Licht. Man könnte fast den Aufbau einer Yoga-Stunde zum Vergleich heran ziehen – erst kommt der Powerpart, dann die Entspannungsphase. Die Tänzer gleichen Regenbogenforellen in den sich im Licht brechenden hautengenen Kostümen. Die Poesie der Projektionen ist selbstverständlich und auf den ersten Blick ohne direkten Zusammenhang zum Geschehen auf der Bühne, einer Unter- bzw. Übermalung gleichsam – abstrakte Kunst, Unterwassertierchen, und doch stehen immer Menschen hinter der künstlichen Bewegung. Über diese Bewegungsskelette alleine ließen sich wissenschaftliche Aufsätze schreiben. Merce Cunninghams Choreographiestil lässt den Zuschauer über Formen der Instabilität nachdenken, wie man sie sich schwer vorstellen kann. Die Bewegungen sind nicht ständig im Fluss, das Innehalten und die eingefrorene Pose dominieren. Alle sind zusammen, gleichzeitig, aber jeder für sich in seiner Bewegung, die Einheitlichkeit hört beim Individuum auf. Aber die musikalische Untermalung lässt alles fließen, der Geist hat Platz, Raum, Zeit um zu fließen und auch abzuschweifen. Das ist das großartige an dieser Art von Tanz, er selbst wird zur Projektionsfläche für den Zuschauer. Die Kostüme, zum Ende hin durch hauchdünne Überwürfe verändert, beflügeln die Körper nochmals, verändern sie. Ich glaube, ich kann das Regnen der Elementarteilchen hören…

Besuchte Vorstellung: 25.06.2013, weitere Vorstellungen 26./28.06., 16.07.2013, 10./11./12.01.2014, jeweils 19:30 Uhr


Bersten – Violet: Muffathalle/Relations // Meg Stuart

Es wächst, pulsiert und lebt. Ein Baum, der zum getanzten Uhrzeigersinn des zweiten Tänzers von rechts (Name leider nicht herauszufinden) wächst. Ein Zyklus des Lebens, die Geschwindigkeit nimmt zu, die Lautstärke, und wenn der Höhepunkt erreicht ist – ist Schluss. Beim ersten Mal bin ich verwirrt, beim zweiten Mal genervt. Ich verbringe die anderthalb Stunden versunken in eben jenen Uhrzeiger, den Tänzer mit den gleichsam aus seinem Körper wachsenden Armen, der über eine unglaubliche Körperspannung und –präsenz verfügt. Die anderen Performer sehe ich gar nicht richtig, ich scheitere beim Versuch. Das Bühnengeschehen beginnt mit ihm, seinen Händen, den kreisenden, ausgreifenden, zeigenden Bewegungen seiner Arme. Meg-Stuart-Arme. Als die Beine ins Spiel kommen, scheint das schon nicht gut gehen zu können. Und gut gehen soll es irgendwie auch gar nicht. Auch gefallen nicht, die Musik trifft den Nerv der Bewegung und raubt mir somit meinen letzten. Ich überlege bereits zu gehen, kann und will aber doch nicht – im zweiten Anlauf nimmt das Stück plötzlich neue gruppendynamische Züge an, die mich nicht loslassen. Ein Menschenknäuel rollt übereinander, es wächst mit jedem neuen Tänzer. Ein Konstrukt aus Bewegung hat sich tief in den Raum hineingeschrieben, voll Leidenschaft, ohne Allüren, ohne Zweifel. Das ist bewundernswert. Abgesehen von der Leistung der Tänzer am wohl bisher heißesten Tag des Jahres. Wirklich bewundernswert.

Aber warum darf am Ende eines Wirbels aus Körpern und Klängen nichts als der stroboskop-geleitete Stillstand stehen? Ist das der Super-Gau unseres Lebens? Ich gehe tief frustriert, flüchte regelrecht. War ich nicht in der passenden Stimmung? Eventuell gibt es für dieses Stück auch keine. Der Sog war da, die Bewegung floss in meinen Körper über, ich wollte so gerne mitmachen, ausbrechen, bersten. Violet kann nur in Trance leben.

Besuchte Vorstellung: 18.06.2013, weitere Vorstellung 19.06.2013, 20.30 Uhr


Rundumschlag und Nussknacker – Düsseldorf: Tanzkongress 2013 // Kulturstiftung des Bundes

Nach einer Woche habe ich den Tanzkongress verdaut. Was in einem kleinen Auto voller Tanzbegeisterter wie ein Roadtrip in den Sommer und den Norden begann, endete – wie? Eigentlich hat es gerade erst begonnen. Denn was ich mitgenommen habe, ist der Wunsch, dass es das nächste Mal anders wird. Das soll nicht undankbar klingen, der Tanzkongress wird absolut gebraucht, das Gelände war gut geeignet (bei gutem Wetter) mit den Menschenmassen fertig zu werden (wenn aber nun das nächste Mal mehr Teilnehmer kommen..?), es war eine sehr angenehme Atmosphäre. Meine anfängliche Begeisterung fürs überbordende Programm mündete in fast asozialer Abgrenzung zu den anderen Kongressteilnehmern, weil ich ständig von A nach B und von Performance zu Workshop gerannt bin. Der Anspruch an mich selbst: alles mitnehmen, was geht. Dabei habe ich bewusst das Netzwerken hintangestellt.

Nach einer Woche frage ich mich, ob das so schlau war. Wenn die inhaltliche Bündelung etwas stringenter gewesen wäre, hätte ich mit Sicherheit nicht so oft die Veranstaltung gewechselt. Technische Schwierigkeiten ganz außer Acht gelassen, war ich von der Organisation innerhalb der einzelnen Veranstaltungen etwas entsetzt – Moderatoren, die sich ihrer Aufgabe nicht bewusst waren oder sein wollten, Zeiteinteilung, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Wer viel erreichen möchte, muss viel fordern. Aber ein Kongress gibt nun mal einen Rahmen. Wer sich innerhalb dessen nicht auf den geforderten und angekündigten Inhalt einschränken kann, hat das falsche Format gewählt. Nichts gegen Flexibilität und den Drang, die Dinge in Bewegung zu halten – aber zeitliche sowie inhaltliche Grenzen machen einen Kongress nunmal aus.

Hortensia Völckers ist sich in der Abschlusspressemeldung des Tanzkongress „sicher, dass insbesondere der internationale Nachwuchs und die vielen studentischen Teilnehmer wertvolle Erfahrungen machen konnten.“ Und um für diese studentischen Teilnehmer zu sprechen: ich bin mir dessen nicht so sicher. Wie der ebenfalls von studentischen Teilnehmern verfasste Tanznetz-Blog zum Tanzkongress weiter ausführt „bleiben tiefgehende Einblicke in verschiedene Themengebiete auf diesem Tanzkongress leider eine Seltenheit. Zwar schätzen wir es die Prominenten der Szene zu bekannten Themen diskutieren zu hören, was am Ende allerdings dabei herauskommt, kann nicht wirklich oft als ’neu‘, ‚innovativ‘ oder als ‚Freisetzung von blockierten Energien‘ bezeichnet werden […]. Wertvolle Erfahrungen? Ja vielleicht, Überforderung? Bestimmt – aber Denkanstöße? Eher selten.“

Was wünschen wir uns denn nun, wir als Nachwuchs? Einen Tanzkongress ohne Anführungszeichen. Mehr Kontroverse, mehr Austausch, weniger Vorsicht. Denn wie soll eine Diskussion entstehen, wenn wir uns selbst daran hindern, die eigentlichen Probleme auszusprechen?

© Simone Scardovelli

Da war mein Highlight eindeutig der Nussknacker von Antje Pfundtner im Düsseldorfer Schauspielhaus. Zwar war ich zum gegebenen Zeitpunkt bereits so müde, dass ich Bühnentraum und Eigentrance eventuell nicht mehr ganz zu unterscheiden vermochte. Aber dieses Tüllgewitter auf der Bühne. Ein lebender Weihnachtsbaum. Ein Nussknacker, der seine Grand Jetés einübt. Nicht ohne ironischen Seitenkommentar greift Antje Pfundtner auf den Nussknacker und Kinderträume zurück, nimmt sie auseinander und stülpt sie um, ohne sie zu verlieren. Wunderschön das Ende, die Darsteller stimmen gemeinsam einen mehrstimmigen Gesang an, kein Text, nur Klangwerk, und geben diesen an einen im Zuschauerraum verteilten Chor weiter. Wer „Wie im Himmel“ von Kay Pollak gesehen hat, weiß, wovon ich spreche. Dieses Stück kann man, wenn man sich ihm mit dem Willen zur Trance und Verzauberung genähert hat, mit einem Lächeln verlassen. Es hinterlässt eine Fülle von Motiven und Unverstandenem, Reminiszenzen an Vergangenes und Wiederkehrendes wie das stets vergangene und wiederkehrende Weihnachtsfest. Was ist daran schön? Der Zauber. Oder um es mit den Worten des Programmhefts / dem in den letzten Tagen sowieso zu viel zitierten Giorgio Agamben zu sagen: „Walter Benjamin hat einmal gesagt, die erste Erfahrung, die das Kind von der Welt mache, sei nicht, dass die Erwachsenen stärker seien, sondern dass es selbst nicht die Fähigkeit habe zu zaubern.“

Besuchte Vorstellung: 08.06.2013. Tanzkongress 2013 Düsseldorf: 06. bis 09.06.2013


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