Von den Beinen zu kurz

Philip Decker inszeniert Katja Brunners dramatisches Debüt über Täter-/Opferschaft bei Kindesmissbrauch

Foto: Astrid Ackermann
Foto: Astrid Ackermann

Den Vorraum der Galerie Kulukcu erfüllen neben den Stimmen der wartenden Premierenbesucher und dem Klirren von Bierflaschen düstere Klänge von Musik, dazu Geflüster, das zwar kaum verständlich ist, jedoch beunruhigend klingt. Das unbehagliche Gefühl bleibt, als die Zuschauer den Bühnenraum betreten, der an ein Klassenzimmer erinnert. Sechs Tische sind in einer Art Kreis angeordnet, das Publikum nimmt rundherum Platz. Über jedem Tisch hängt eine Lampe, von der eine Wasserbombe herabbaumelt. Vielleicht kommt es daher, dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Oder von dem Menschenhaufen in der Mitte des Raumes. Dort liegen die Schauspieler übereinander gestapelt und kaum auseinander zu halten, reglos wie Puppen. Nachdem es ihnen gelungen ist, sich voneinander zu trennen, stellen sie sich im Kreis um das Publikum herum. Zwischen ihnen entwickelt sich ein Gespräch, wobei sich jedoch keine Charaktere ausmachen lassen. Die sechs Schauspieler, vier Frauen und zwei Männer, können verschiedene Perspektiven und Positionen einnehmen. Mal scheinen sie allwissend, wenn sie beispielsweise von der Geburt des Kindes erzählen, die sie sowohl aus dessen als auch aus der Perspektive der Mutter miterlebt zu haben scheinen. Dann wiederum wissen sie überhaupt nichts, sondern spekulieren wild drauf los und widersprechen sich. Das ganze Stück setzt sich im Wesentlichen aus Spekulationen zusammen, einem Versuch, die Gefühle und Geschehnisse in einer Familie, bestehend aus Vater, Mutter und Tochter, zu rekonstruieren und einzuordnen. Klar wird: Die Familienverhältnisse sind zerrüttet, der Vater missbraucht die Tochter, die ständig kränkelnde Mutter sieht zu und schweigt. Man kennt diese Fälle, zumindest aus den Medien, es steht fest, wer Täter und wer Opfer ist, mit wem man sympathisiert und mit wem nicht. Doch so einfach ist es dann doch nicht.

Bis zuletzt bleibt unentscheidbar, was sich nun wirklich zugetragen hat, wer die Wahrheit sagt und ob überhaupt jemand Schuld trägt. Ist die Tochter wirklich Schuld an dem Blutbad, in dem die Schauspieler sich wälzen? Ist der Vater tot oder ist das ein Wunschtraum? Ist die Mutter in Wirklichkeit die Schutzbedürftige? Trotz des brutalen Inhalts und der Wortgewalt von Katja Brunners Stück hat Philip Deckers Inszenierung, zumindest vordergründig, auch eine sanfte Komponente. Zwischen den Akten (wenn hier von Akten die Rede sein kann) tritt eine Märchenerzählerin im Arztkittel auf, die, teilweise singend, Ausschnitte der Geschichte einer Prinzessin zum Besten gibt. Immer wieder sind an der Wand Szenen aus Disney-Filmen zu sehen. Doch auch in den scheinbar harmlosen Kindergeschichten bahnt sich die Brutalität ihren Weg. Da ist die geschrumpfte Alice, die fast in ihren eigenen Tränen ertrinkt, Bambi, der seine Mutter verloren hat und nun vor seinem übermächtigen Vater steht, und der König im Märchen, der seine Tochter verspeist, weil ihre Wangen ihn plötzlich an Äpfel erinnern.

Die Inszenierung verstört bewusst, sie gibt keine Antworten, sondern hinterlässt den Zuschauer im Gegenteil mit jeder Menge Fragen. Wie sollen, wie können wir mit solchen Familiengeschichten umgehen? Müssen wir die Gemeinplätze verlassen, auf denen wir es uns bequem gemacht haben, und womöglich genauer hinsehen? Wie können wir Menschen und Handlungen einordnen, wenn Gut und Böse nicht zu unterscheiden sind?

Noch dreimal gibt es die Möglichkeit, diesen intensiven und spannenden Theaterabend mitzuerleben: Am 11., 12. und 13. Februar, jeweils um 20 Uhr.

Lovers, Authors and other Strangers – Jana Pulkrabek

Monsuntheater

KLICK

„Lovers, Authors and Other Strangers/Stories, Szenen und Parodien des Komödianten Woody Allen!“ 

Fünf Schauspieler spielen und lesen verschieden Szenen aus Woody Allens Feder.
Es ist ein schönes Team, jeder der Schauspieler versteht es in die immer wieder unterschiedlichen Rollen zu schlüpfen und so den Abend wunderbar amüsant zu gestalten. Es ist eine große Freude ihnen zuzusehen, mal ganz abgesehen von Woody Allens komödiantischen und doch hoch philosophischen Talent.

Mit wenigen Mitteln erzählen sie die Geschichte, wie das Sandwisch entstand. Danach kann das Publikum die Kreationen aufessen. Eine andere Geschichte handelt von einem Mann in New York, der mithilfe eines Zauberers in den Roman „Madam Bovary“ von Flaubert flüchtet um die wahre Liebe kenne zu lernen. Einmal dem Roman entrissen kommt Madam aber nicht mehr aus London weg und so wird alles zu einem Desaster. „Und die Moral von der Geschicht, betrüge deine Frau nicht!“.
Die Schauspieler fegen über die Bühne und nichts kann sie aufhalten so scheint es, erst wenn du Musik anfängt, präparieren sie sich für die nächste Szene. Auch hat es überhaupt nicht gestört, dass die Schauspieler ihre Textbücher zur Hilfe hatten. Im Gegenteil, so wurde einem umso mehr bewusst, dass es sich um Szenen aus Drehbüchern handelt und es ein Salon über Woody Allen war.

Das einzige was ich hier anzumerken habe ist, dass man leider nicht gesagt bekam aus welchen Filmen diese Szenen stammten. Das hätte mich sehr interessiert. Ansonsten war es ein sehr schöner und unterhaltsamer Abend.

Der Salon ist eine feste Veranstaltung im Monsuntheater mit unterschiedlichen Themen. Am 9.02 geht es um den russischen Komponist Michail Glinka, ein Liederabend. Dies ist bestimmt genauso sehenswert, wie der über Woody Allen.

Die Geographie des Herzens – Erfolgreicher Auftakt des Fastfood Improcup 2014 im Schlachthof

Im ausverkauften Saal des Schlachthof läutete das Fastfood Theater am Samstag den diesjährigen Improcup ein – ein Theatersport-Turnier, bei dem sich acht Zweierteams in verschiedenen Disziplinen des Improtheaters messen müssen. Mithilfe von Vorgaben des Publikums und eines Zufallsgenerators erfahren die Spieler, was sie für uns spielen dürfen. Und das sind nicht gerade Szenen aus dem Alltag – oder hat schon mal jemand einen Heiratsantrag in einer hallenden Folterkammer bekommen? Nach jeder Szene dürfen die Zuschauer mit ihrem Applaus Punkte an ihr favorisiertes Team vergeben, der nicht immer ganz eindeutig ausfällt.Improcup-Publikum im ausverkauften Schlachthof

Ins erste Viertelfinale 2014 starteten die Teams Improvista Social Club aus Wien (mit Barbara Willensdorfer und Helmut Schuster) und Body and Soul aus München/Regensburg (mit Monika Eßer-Stahl und Erik Muero). Nachdem die Spielregeln erklärt sind und auch das Publikum weiß, was es zu tun hat, dürfen sich die Teams in der „Polsterrunde“ mit Startpunkten eindecken, indem sie sich von ihrer besten Seite präsentieren. Obwohl die Aufgaben immer schwieriger und die Regeln immer strenger werden, gibt es während des ganzen Matchs keinen Anlass, „Zumutung“ zu rufen. Dieser Einwand ist den Zuschauern nämlich gestattet, wenn eine Szene völlig daneben geht. Doch die Spieler sind Profis und lassen sich auch von den seltsamsten Vorgaben nicht aus der Ruhe bringen. Weil das Publikum sich in der „Angeberrunde“ nicht entscheiden kann, ob es lieber einen Vortrag über Geologie oder über Herzchirurgie sehen möchte, improvisiert Monika kurzerhand einen wunderbar absurden Beitrag über die Geographie des Herzens, den ihr Spielpartner Erik als (sehr sportlicher) Gebärdendolmetscher bebildert.  Vor der Pause spielen beide Teams gemeinsam ein Musical mit dem von einer Zuschauerin gewünschten Titel „Hallo Huhn“, das von zwei Hähnen handelt, die sich als Hühner ausgeben. Als sie aufzufliegen drohen, bleibt ihnen nur ein Ausweg vor dem Kochtopf: Sie müssen fliegen lernen. Während sich Helmut und Erik gackernd im Fliegen versuchen, singen Barbara und Monika ihnen ein ermutigendes Lied. Geholfen wird ihnen dabei von Musiker Michael Armann, der am Klavier mit improvisiert. Eine so skurrile und witzige Darbietung gäbe es auf einer echten Musicalbühne wohl eher nicht zu sehen.

Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen, bis zuletzt ist nicht abzusehen, wer das Match gewinnen wird: Erst sichern sich Improvista Social Club die Gunst der Zuschauer mit einer grandiosen Szene über den Absturz einer Sängerin, bei der die beiden Spieler sich gegenseitig synchronisieren, dann holen Body and Soul wieder auf mit einem Lied über Kasachstan. Doch es kann nur einen Gewinner geben heute Abend und zuletzt ist es ein knapper, aber verdienter Sieg für die Wiener von Improvista Social Club. Schade, dass Body and Soul nun nicht mehr dabei sein werden – doch weiter geht es trotzdem: Am 1. März mit den Teams Prima Klima und Die unrasierten Gentlemen! Wer dabei sein will, sichert sich am Besten schon im Vorverkauf ein Ticket, der Andrang an der Abendkasse ist nämlich auch ein kleiner Wettkampf. Der macht allerdings nicht so viel Spaß.

Improvista

Am Anfang der letzten Nacht – Nina Pichler

Monsun Theater

KLICK

In der neuen Inszenierung von Nino Haratschwili geht es um vier Reisende und den Engel Amor.
Ort: Ein Hotel. Zeit: Drei Nächte.

Ein Arzt-Paar, dass versucht seine Ehe wieder in den Griff zu kriegen. Eine Schauspielerin ohne Engagement und ein Geschäftsmann, der sich von seiner Frau unterbuttern lässt. Es geht um Sehnsüchte, Ängste, Wünsche, Träume und alle vier Personen sind auf die eine oder andere Weise miteinander verbunden. Die Ärztin hat die Zwillingsschwester der Schauspielerin bei einer Operation getötet, die wiederrum musste die Rolle ihrer Schwester einnehmen an der sie zerbrach und in eine Klinik eingewiesen wurde, wo sie den Geschäftsmann getroffen hat. Für das Ärzte-Paar nimmt die Reise kein gutes Ende, für die anderen beiden Protagonisten schon. Mittendrin Amor.

Gespielt wird auf einem Baugerüst, welches die unterschiedlichen Etagen des Hotels darstellt. Ganz oben Amor, Mirko Thiele, mit einer Leidenschaft für Bier. Er versucht mit einem Punkteprogramm den einsamen Geschäftsmann wieder zu einem richtigen Mann zu machen. Mit Witz, Charme und Humor sind Mirko Thiele und Klaus Beyer für mich das beste Spielpaar an diesem Abend. Gekonnt spielen sie mit den Klischees aber lassen sich nicht von ihnen überrennen. Der trocken Humor von Amor und die Submessivität des Geschäftsmannes prallen hier aufeinander. Es ist einfach herrlich mitanzusehen. Schade nur, dass Amor mit keinem der anderen Figuren interagiert.

Das Ärzte-Ehepaar spielt nicht schlecht, vor allem der Herbert Trattnig sticht hier heraus, doch warum muss man immer so schreien? Ich versteh das wirklich nicht. Anja Topf ist der ewige Drache, die leider keine wirkliche Entwicklung im Stück durchmacht. Nur kurz sieht man ihre Angst und Verzweiflung. Ihr Mann versucht sie zu halten, es gelingt ihm nicht. Ich habe hier etwas vermisst, ich kann gar nicht genau sagen was. Vielleicht lag es auch am Text, vielleicht auch nicht. Sowohl die Geschichte, als auch die Schauspieler haben mich hier nicht so richtig überzeugt. Ich denke leise Verzweiflung hätte hier mehr gebracht, als das ständige Anschreien.

Nina Sarita Balthasar spielt Sophie. Die Zwillingsschwester eines aufstrebenden Stars. Als ihre Schwester bei einer OP stirbt soll sie ihren Platz einnehmen und zerbricht daran. Balthasar versucht mit allen Mittel hier die Verzweiflung darzustellen aber auch sie schreit und springt auf der Bühne herum. Sie hat keine Gegenspieler, das ist vielleicht das Problem. Sie kann sich an keinem festhalten, ist auf sich allein gestellt. Sie ist die überdrehte Prinzessin mit den Tabletten. Auch hier fehlt mir etwas: Das wirkliche hineinspüren in die Rolle, in den Charakter. Erst als sie zum Schluss zu einem vermeintlichen Casting geht und sich nicht mehr verkleidet, ist sie wirklich glaubwürdig.

Eine Inszenierung, die stark von dem können der Schauspieler lebt. Die Geschichte ist keine Neue. Alles was hier verhandelt wurde, wurde schon tausendmal woanders verhandelt. Es hat der Funke gefehlt, der Funke bei dem am Ende ein WOW-Effekt entsteht.

Am-Anfang-der-letzten-Nacht

Jedermann – Bastian Kraft

Thalia Theater in der Gausstraße

KlICK

Wieder ein Solostück von Philipp Hochmair in Regie von Bastian Kraft. Diesmal: Jedermann von Hugo von Hofmannsthal. Eine Konzert-Performance soll es sein, die Musik steuert die Amerikanerin Simon Jones bei, die auch mit auf der Bühne steht, singt und musiziert.

Hofmannsthals Dichtung im Thalia Theater, modern inszeniert und neu interpretiert.  Die Frage des Daseins steht hier im Mittelpunkt. Was machst man, wenn man nur noch einen Tag zu leben hat? Was zählt im Leben wirklich? Hofmannsthals Theaterstück handelt von Jedermann, der vom Tod aufgesucht wird. Dieser wiederum wurde von Gott geschickt, weil die Menschen ihn nicht mehr zu schätzen wussten. Jedermann ist ein reicher Bürger, dessen Habgier und Geldsucht ihn dazu führen, dass er von Gott ausgewählt wurde dem Tod entgegenzutreten. Eine Stunde wird ihm vom Tod geschenkt, sich einen Gefährten zu suchen, der ihn auf seine letzte Reise begleiten soll. Er findet keinen und selbst sein Geld will nicht mit ins Grab. Zum Schluss reinigt er seine Seele und darf vor das göttliche Gericht treten.

In Krafts Performance ist Jedermann ein Rockstar, der jedoch die Verssprache von Hofmannsthal behalten hat. Hochmaier spielt hier wieder mehrere Figuren und springt von der Einen zur Nächsten. Im Alleingang erzählt er die Geschichte von Jedermann und verfällt der Verzweiflung immer mehr. Durchaus gekonnt gespielt springt er von einer Bühnenecke zur anderen. Simon Jones begleitet ihn musikalisch aber auch darstellerisch. Ein paar deutsche Sätze kommen aus ihrem Mund, sie ist quasi  eine Nebenfigur im Spiel. Ihre Figur bleibt aber immer etwas unklar. Wenn Hochmaier in langen Monologen verschwindet, steht sie am Rand und tut nichts. Hierbei stellt sich die Frage, ob das gewollt ist oder nicht, wenn ja dann ist es nicht überzeugend genug. In ganzer Linie überzeugt sie aber musikalisch. Ihre Performance ist spektakulär, sie ist hier die richtige Rockerin auf dieser Bühne.

Die Bühne und die Kostüme glitzern um die Wette, Gold und Schwarz herrschen hier vor, und auch die digitalen Texttafeln tauchen hier wieder auf und verraten uns immer, welche Rolle Hochmair gerade spielt. Auch in dieser Inszenierung zeigt sich Krafts Faible für jede Art von Medien. Handkamera und Live-Screen kommen hier zum Dauereinsatz. Die Bühne sieht aus, wie auf einem Rockkonzert und alles ist eine große Show.

Teilweise übertreibt Hochmair hier in seinem Spiel, aber das ist wahrscheinlich Geschmackssache. Vor allem am Anfang sind die Texte von Hochmair nicht sehr verständlich gesprochen. Man kommt kaum hinterher den Inhalt zu verstehen, wenn man das Stück vorher nicht kennt. Nur mit Mühe und Not kann man sich die Geschichte zusammen reimen. Zum Ende hin wird es besser und auch das Spiel ist nicht mehr so übertrieben.

Ein rauschendes Performance-Konzert das musikalisch auf ganzer Linie überzeugt. Spielerisch aber eher Geschmackssache ist und Bühnentechnisch nichts auslässt.

966ea34343(c) Thalia Theater

Fräulein Else im Rationaltheater // 4.1.2014

Mit: Johanna Weiske

Regie: Dominik Frank
Regieassistenz: Dena Brunner, Verena Regensburger
Bühne, Licht, Video: Julie Boniche
Technische Assistenz: Julia Pfänder
Produktionsleitung: Dietmar Höss

 Der Bewusstseinstrom – Durch die Augen Elses

Dieses Jahr hat sich der Regisseur Dominik Frank der Novelle „Fräulein Else“ von Arthur Schnitzler angenommen und für die Bühne des Rationaltheaters adaptiert. Angelehnt an Freuds Psychologie, mit dem Schnitzler eine Freundschaft verband, ist es der Versuch Schnitzlers, die theoretischen Grundlagen Freuds in einen literarischen Text zu überführen. Das Stück, das sich nach Tolstois Anna Karenina und der Novelle Leuitnant Gustl, ebenfalls aus Schnitzlers Feder, erstmals der literarischen Technik des Bewusstseinsstrom bedient, führt die Leistung der Weltkonstruktion einer Einzelperson eindrucksvoll vor Augen. Szenerie, beteiligte Figuren, Geschichte – alles wird aus der Sicht Elses geschildert, ein 19-jähriges Mädchen mit starkem Bühnenbewusstsein, das sich im Exil vom Wiener Gesellschaftsleben in einem italienischen Kurort wähnen muss. Dort holt sie auf tragische Weise dennoch ein Brief der Mutter und die verheerenden Familienumstände ein. Der Brief der Mutter erklärt, dass der Vater Mündelgelder veruntreut habe und die Familie somit auf die finanzielle Hilfe des Kunsthändlers Dorsdays angewiesen sei. Während Else der Bitte der Mutter noch nachkommt, werden bei Dorsdays Gegenangebot, Else nackt sehen zu wollen, die Fäden eines möglichen, gesellschaftlichen Zusammenkommens überdehnt – und Else schnappt schließlich über. Auf das Begehren Dorsdays hin, Else nackt zu sehen, sieht sie sich in die Enge getrieben: in der leugnenden Ablehnung eines Raumes HINTER dem Vorhang, wo Demütigungen, Absprachen, Verunglimpfungen und die Niedrigkeiten des Menschen das Leben zeichnen, kehrt sie das Angebot Dorsdays in ihrer Hysterie kurzerhand um in einen messianischen Gestus der Selbstaufopferung.

Copyright: Julie Binoche
Copyright: Julie Binoche

Den Mond auslachen? – Else

Das gackernde Lachen, das sich schließlich bis ins Kreischen steigert aus dem Munde Johanna Weiskes, charakterisiert ein jugendliches, übermütiges Fräulein Else. „Hochgemut“ nicht „hochmütig“ sei sie nach eigener Meinung. Ein Lachen, das sich bei jedem gesellschaftlichen Zusammentreffen selbst versichert. Dieses Lachen verselbständigt sich bei Ihrem spektakulären Auftritt vor Dorsday, man möchte fast schon sagen: ihrem Über-Vater – verselbständigt sich in einen Automatismus, in einen Witz ohne Anlass ob der aberwitzigen Situation. Sie kann gerade noch ihr eigenes Lachen kommentieren, und durch die Vielstimmigkeit der Szene, durch den nun zu voller Blüte gekommenen Bewusstseinstrom hindurch ist die dröhnende Verletzung einer jungen, schönen jungen Frau zu spüren, die sich viel vom Leben verspricht. Gekonnt ist dies von Johanna Weiske gespielt: Else ist noch lange kein wienerisches Hascherl, sondern will es krachen lassen, will sich mit der Front ihrer Stirn beweisen. Das viele Küss-die-Hand, das Geschnatter, die verschiedenen Charaktere treten eindringlich durch die schauspielerische Leistung Weiskes hervor. Der schnelle Wechsel zwischen den Figuren, für die sie gemäß der schauspielerischen Qualitäten Elses, Stimme und Positur wechselt, verläuft meist reibungslos.

Die Inszenierung: sehr beeindruckend, aber konform

Dadurch, dass der Schauspieler durch die literarische Technik des Bewusstseinstroms derart in den Fokus gerät, ist jede Inszenierung von Schnitzerls „Else“ eine Einsicht in den Möglichkeitsraum verschiedener persönlicher Weltinszenierungen, durch Elses Augen, durch die Augen Dominik Franks und der Johanna Weiskes. Zusätzlich durch das minimalistische, requisitenlose (höchstens das Kleid, dessen sich Else entledigt) und mehr unterstützende Bühnenbild geschärft steht die Person im Fokus. Dieses Stück auf die Bühne zu holen ist zwar keineswegs neu, aber die Charakterisierung Elses auf diese erfrischende Art, wie Johanna Weiske sie zuwege bringt, ist hervorragend. Nur möchte man nach diesem Abend fragen: warum ausgerechnet Arthur Schnitzlers Else? Nichts deutet einen Gegenwartsbezug an, eher im Gegenteil: das Begleitheft versammelt literarische Verarbeitungen und wissenschaftliche Artikel zu Else und gibt einen vertieften Einblick in das Stück. Else um Ihrer selbst willen?

Genie oder Narr? – Das Theaterprojekt „Gesucht: Till E.“ in der Pasinger Fabrik

theater Viel Lärm um Nichts

Er ist quasi ein deutscher Volksheld und wohl eine der bekanntesten literarischen Figuren der Welt. Die älteste Fassung der Geschichten über Till Eulenspiegel stammt aus dem frühen 16. Jahrhundert. Im Laufe der Zeit gab es zahlreiche Adaptionen in allen Medien, seit dem 21. Dezember zeigt auch das theater Viel Lärm um Nichts ein Theaterprojekt nach dem Volksbuch von Hermann Bote und dem Roman „Bracke“. Unter der Regie von Andreas Seyferth schlüpfen fünf Künstler in die Rolle des Till Eulenspiegel und zeigen ihn in verschiedensten Lebensabschnitten. Auch verkörpern sie die anderen Figuren, mit denen der Held zu tun bekommt.

Dabei stellt jeder der Darsteller eine andere Seite derselben Person dar. Judith Bopp spielt den sterbenden Eulenspiegel, der trotzdem noch die Obrigkeiten und Frommen an der Nase herumführt, Till E. 4sowie das Kind, das Probleme hat in der Gesellschaft Fuß zu fassen und deshalb als Artist Aufsehen erregen will. Denis Fink ist der Entertainer Eulenspiegel, führt aber auch als Moderator in Ich-Perspektive durch den Abend. Er bildet sozusagen den roten Faden der Inszenierung. Sven Schöcker zeigt das Leben des Protagonisten als tiefgründiger Narr am Hof eines tyrannischen Kurfürsten. Er hält dem Herrscher einen Spiegel vor und verpackt harte Kritik in seiner Spaßmacherei. Einen müden und niedergeschlagenen Till schließlich verkörpert Sebastian Kalhammer. Dieser findet in einem jungen Gaukler wieder neuen Lebenswillen. Unterstützt werden die Schauspieler vom Musiker Marcus Tronsberg, der ab und an auch auf die Bühne geht und mitspielt. Die Übergänge zwischen den einzelnen Figuren ist meist fließend und nicht immer auf Anhieb erkennbar. Aber es ist sehr spannend, die verschiedenen Gesichter einer Person mit tatsächlich verschiedenen Darstellern zu sehen. Einen Schwerpunkt der Inszenierung nimmt nach einiger Zeit das Verhältnis Tills zum Kurfürsten ein, das weniger von Respekt als von Unterdrückung geprägt ist. Der legendäre Spaßmacher Till Eulenspiegel wird hier zu einer tragischen, menschlichen Figur. Trotzdem ist der gesamte Theaterabend von der schrägen Komik durchzogen, die die literarischen Vorlagen ausmachen.

Alles in allem wirkt die Inszenierung wie eine Mischung aus der Vorstellung einer mittelalterlichen Wandertruppe, einer Zirkusvorstellung und einer bunten, schrägen Revue.

Besonders genial ist das Bühnenbild von Ayin Kaip, in und auf dem die Darsteller sich auf mehreren Ebenen bewegen können. Das Holzgerüst verwandelt sich in eine große Zahl von Räumen und dient als Kletterpark für die Figuren. Nicht nur eine schauspielerische, sondern auch eine große körperliche Leistung. Sehr fantasievoll sind auch die Kostüme von Johannes Schrödl, die oft nur mit minimalen Details neue Figuren schaffen.

Till E. 3

Die Inszenierung ist noch bis 22. März in Pasing zu sehen. Infos und Tickets gibt es auf der Webseite.
http://www.theaterviellaermumnichts.de/aktill.htm

Und hier noch ein Trailer für ein paar Eindrücke:
https://www.facebook.com/photo.php?v=648038311923437

Witz und Wahn mit Gatsby im Volkstheater

„So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom – und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu“ – F. Scott Fitzgerald.

Etwas Vergangenes loslassen – so wichtig wie natürlich im Leben. Etwas, das Jay Gatsby (Max Wagner) nicht gelingt und ihm schließlich zum Verhängnis wird.

Dieser Lebemann hat scheinbar alles, wovon man(n) träumen kann: Ein prächtiges Anwesen, Reichtum, Prestige, ein umwerfendes Aussehen und eine geheimnisvolle Aura. Niemand weiß schließlich so richtig, wie er es zu diesem Reichtum und Ruhm gebracht hat. Gatsby lebt den amerikanischen Traum. Alles, was er tut, hat allerdings nur eine Intention: Er will Daisy (Constanze Wächter), seine verlorene Liebe, zurückgewinnen. Gatsby hofft, sie mit seinem opulenten Lebensstil beeindrucken zu können und will ihr jetzt das bieten, was er vor Jahren – als beide ein Paar waren – nicht bieten konnte. Dass beide sich längst verändert haben und Vergangenes nicht wie in einer Konserve überdauert, hat Gatsby nicht verstanden. Und so muss das Unglück seinen Lauf nehmen…

Die Inszenierung des erst 24-jährigen Abdullah Kenan Karaca ist beeindruckend witzig, ohne ins Lächerliche zu gehen. Es fasziniert, wie der Regisseur es schafft, die Leichtigkeit des Buches zu übernehmen und seinem Gatsby das Tragische zu nehmen. Der Roman ist für die Bühnenfassung am Volkstheater auf 90 Minuten zusammengestrichen, die Erzähler-Funktion entfällt komplett. Das Bühnenbild ist schlicht: Auf der kleinen Bühne des Volkstheaters befindet sich in der Mitte eine von Lichtröhren umrandete Fläche, auf der sich das ganze Geschehen abspielt. Von der Decke hängt eine Art Schaukel herunter. Alles ist sehr puristisch gehalten. Die Inszenierung konzentriert sich damit ganz und gar auf die Charaktere, was meiner Meinung nach sehr gut gelöst wurde. Die Kostüme passen zwar in die 20er-Jahre, könnten aber auch für heutige Upper-Class-Events verwendet werden. Der Gatsby des Volkstheaters ist zeitgemäß.

© Daniel Delang
© Daniel Delang

Das Ehepaar Daisy und Tom als Repräsentanten der High Society und Bussi-Bussi-Gesellschaft wird dem Zuschauer wunderbar tragikomisch dargeboten. Es ist zum Lachen – gleichzeitig aber ist es ein Lachen, das im Halse stecken bleibt. Das wird am Ende noch einmal auf die Spitze getrieben, wenn Daisy, Tom (Pascal Fligg), und Jordan Baker (Lenja Schultze) nach einem Autounfall symbolisch das tote Fleisch von Myrtel, der Geliebten Toms essen.

© Daniel Delang
© Daniel Delang

Max Wagner überzeugt als Jay Gatsby und lediglich die Momente, in denen Karaca ihn als maulendes Kind inszeniert, sind etwas überzogen. Fazit: Unbedingt anschauen, wenn noch eine der Restkarten an der Abendkasse ergattert werden kann!

Die nächsten Vorstellungen: 11. & 12. Januar sowie 05. & 06. Februar.

Mit Max Wagner (Gatsby), Lenja Schultze (Jordan), Constanze Wächter (Daisy), Jakob Geßner (Nick) und Pascal Fligg (Tom). Regie: Abdullah Kenan Karaca, Bühne: Yvonne Kalles.

Das erste Treffen der Münchner privaten Schauspielschulen

theater…und so fort

Ebenso wie die Theater rücken auch die kleinen, privaten Schauspielschulen nach wie vor in den Schatten der großen staatlichen Institutionen. Dies nahm Heiko Dietz, der Leiter des theater…und so fort und der Schule TheaterRaum München zum Anlass, auch den fünf privaten Berufsfachschulen eine Plattform zu bieten. Drei von ihnen folgten dem Aufruf zu diesem Wettbewerb: neben dem TheaterRaum nehmen auch Schüler der ISSA und der Schauspiel München teil. Dabei soll es laut den Schulleitern weniger um ein Gegeneinander der Gruppen gehen, sondern vielmehr um einen Kennenlernen der Schüler untereinander und Öffentlichkeitsarbeit für die Einrichtungen.
In diesem Jahr wurde den Gruppen das Thema „Hülle“ vorgegeben, zu dem sie 30-Minütige Präsentationen entwickeln sollten. Neben der Themenvorgabe mussten sie zudem drei weiße Blätter Papier, vier Schwarze Stühle und zwei weiße Wände in ihre Arbeit mit einbeziehen. Extras an Bühnenbild und Licht gibt es nicht.
Gestern zeigten dann erstmals die jungen NachwuchskünstlerInnen auf der Bühne des theaters…und und so fort, was ihnen zu dem Thema eingefallen ist. Bis einschließlich Samstag werden die drei Projekte in einer zuvor ausgelosten Reihenfolge dem Publikum präsentiert. Am Samstag schließlich entscheidet eine Jury, wer den mit 2000 € dotierten „MAX“ gewinnt. Verschiedene Institutionen und Firmen wie das Kulturreferat oder der Bezirksausschuss der Maxvorstadt ermöglichen die Veranstaltung sowie das Preisgeld.
Bei der gestrigen Premiere machten die Schüler der ISSA den Anfang. Sie zeigten eine bunte Collage aus Shakespearetexten, Ballett und Clownerie. Das Thema „Hülle“ wurde vor allem in Textzitaten behandelt. Die ganze Präsentation war sehr sympathisch und authentisch gespielt, jedoch fehlte manchmal etwas der Zusammenhang zwischen den Einzelstücken.
Nach einer zehnminütigen Pause gingen die fünf Schüler des TheaterRaums an den Start. Diese Schule stellt als einzige Privatschule in München ihre Nachwuchsschauspieler vom ersten Semester an vor zahlendem Publikum auf die Bühne. Die Gruppe hatte zusammen mit Dietz eine sehr humorvolle Szene improvisiert und in ein Stück umgewandelt. Darin glauben drei Mitarbeiter einer Firma, von ihren neuen, jungen Chefs gekündigt zu werden. Aus Angst um ihren Job lassen die höflichen, professionellen Hüllen fallen und gehen sich regelrecht an die Gurgel.
Zum Schluss zeigte eine große Gruppe der Schauspiel München eine sehr überraschende Präsentation. Diese beginnt erst einmal damit, dass einige Darsteller zu spät kommen. Mit Erde verschmiert und unter einer Plastikfolie beginnt dann eine stumme Performance, in der Wesen eine menschliche Hülle entdecken und versuchen, damit zurecht zu kommen. Nach einer Viertelstunde ist diese Performance jedoch vorbei und die Darsteller streiten sich ausgiebig darüber, was sie in der restlichen Zeit machen sollen. Dieser Streit eskaliert zusehens und nur die beiden Männer der Gruppe halten bis zum Ende der 30 Minuten durch.
Ein sehr abwechslungsreicher und unterhaltsamer Abend, bei dem man viel von den Schauspielern von morgen sehen kann. Noch bis einschließlich Samstag kann man die Veranstaltung besuchen. Es gibt noch wenige Restkarten.
http://www.undsofort.de/stueck/treffen-der-muenchner-privaten-schauspielschulen-2013,411

Zerbrechliche Wesen – „Die Glasmenagerie“ von Tennessee Williams in Landshut

kleines theater – KAMMERSPIELE Landshut

Bereits am 22. November feierte Sven Grunerts Inszenierung von Tennessee Williams‘ bekanntem Bühnenwerk „Die Glasmenagerie“ in Landshut Premiere.
Das Drama wurde im Jahr 1944 uraufgeführt und erzählt die Geschichte der Familie Wingfield aus der Sicht des Sohnes Tom, der es seinem Vater gleichgetan hat und spurlos verschwunden ist. Zusammen mit seiner Schwester Laura und seiner Mutter Amanda lebte er in einer ärmlichen Wohnung. Nachdem sie vom Vater verlassen wurden, musste Tom die Familie als Arbeiter in einer Schuhfabrik ernähren. Laura ist kaum merklich körperlich behindert und traut sich deshalb nicht in die Öffentlichkeit; ihre Mutter Amanda lebt nur in ihrer Jugend und will unbedingt einen Liebhaber für ihre Tochter finden, der die Familie unterstützen kann. Tom lädt deshalb Jim ein, einen Kollegen und Freund aus der Fabrik. Laura kennt Jim bereits aus ihrer Schulzeit und war verliebt in ihn. Auch er scheint sich zu dem schüchternen Mädchen hingezogen zu fühlen, hat jedoch bereits eine feste Beziehung.
Die Inszenierung Grunerts kommt ohne große Gesten aus. Die Figuren sind anfangs sehr in iGlasmenagerie 2hre eigene Welt verkapselt. Die Mutter macht sich hinter dem Spiegel zurecht, Laura sitzt auf einem Glasboden, umgeben von ihren geliebten gläsernen Sammlerstücken. Alleine Tom bricht öfter aus der beengten Wohnung aus und redet vor der „Wand“ zum Publikum. Problematisch war für mich ab und zu das Bühnenbild, da das Bühnenbild von Helmut Stürmer. Vor der Bühne war eine Wand aus Maschendraht mit Fenstern und Türen. Jedoch versperrten die Rahmen der einzelnen Elemente zumindest mir oft die Sicht auf die Gesichter mancher Darsteller, wenn sie an dem Spiegel oder Lauras Glasboden saßen. Ein kleines aber großartiges Detail ist die Feuerleiter, die den – in ihrer Welt eingesperrten – Figuren oft als einziger Fluchtweg zu dienen scheint, wenn sie einer unangenehmen Situation ausweichen wollen. Beeindruckend ist auch die Szene, in der Amanda und Tom sich über Laura unterhalten und sie unter ihrem Glasboden erscheint.
Das kleine Ensemble kann ganz klar die Spannungen zwischen den vier Figuren darstellen. Cornelia Pollak spielt eine zurückgezogene Laura, die kaum aus ihrer eigenen kleinen Welt aus Glastieren Glasmenagerie 1herauskommt und erst in Gegenwart von Jim aufzublühen scheint. Julius Bornman als ebender ist das genaue Gegenteil, er geht ohne Scheu auf das junge Mädchen zu. Doch während es zu Beginn ihrer Begegnung Laura ist, die mit den Worten ringt, wechseln perfektes Leben aufzwingen will. Sie versucht immer als ihm damit seine Freiheit von der strengen Mutter winkt. Er gibt den Lebemann und versteckt dahinter doch nur die Unzufriedenheit mit seinem ganzen Leben.
Die Inszenierung ist auf jeden Fall sehr sehenswert und nicht alltäglich! Das Stück ist sicher keine leichte Kost, aber eines der besten Werke Williams‘!

http://www.kleinestheater-kammerspiele-landshut.de/nc/wir-ueber-uns/inszenierungen/repertoire/die-glasmenagerie.html