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Sozialkritik im Eilverfahren – „Der Freund krank“ bei werkmünchen // Alex Novak

Zwei Standmikrophone und etliche Bierflaschen schmücken die kahle Bühne, die Jörg Kiefel für Nis-Momme Stockmanns „Der Freund krank“ im Theater werkmünchen ersonnen hat. Mikrophone in einem intimen Raum, wo man auch ohne Verstärkung jedes Wort mühelos versteht, noch dazu zwei für ein Ein-Frau-Stück – da hat offensichtlich jemand etwas sehr Wichtiges zu verkünden und will sichergehen, dass es beim Publikum auch ankommt. Als Katinka Maché dann aber loslegt mit ihrem Monolog, stellt sich rasch heraus, dass man hier als Adressat nicht besonders zuvorkommend bedient wird. Sie rast durch den Text, rattert ihn mit planmäßiger Unachtsamkeit herunter. Wer nicht mitkommt, akustisch oder inhaltlich, hat Pech gehabt. Auch die Mikrofone dienen gerade dem umgekehrten Zweck, indem sie mit ihrem Rauschen die Verständlichkeit einschränken, anstatt der Verdeutlichung zu dienen – sobald die Darstellerin auf die Verstärkung verzichtet, klingt der Text schon wesentlich klarer. Aber die meiste Zeit hat man es schwer und muss selbst entscheiden, wieviel Mühe man aufwenden will, um dem verbalen Sturzbach zu folgen. Mal strengt man sich an, mal lehnt man sich zurück, mal steigt man aus, mal wieder ein. Chaotisch und subjektiv präsentiert sich Stockmanns Story jedem Zuschauer nur in Schlaglichtern.

Dieses unverbindliche Angebot, sich angesprochen zu fühlen oder auch nicht, wäre an sich keine unspannende Methode, um einem monströs langen Monolog Herr zu werden (oder besser: Frau zu werden, denn die Inszenierung setzt sich über die eigentlich männliche Erzählperspektive des Monologs erfrischend kommentarlos hinweg) – wenn doch die Geschwindigkeit als solche auch Genuss bieten könnte. Wenn man auch in den Momenten, in denen man sich dafür entscheidet, nichts zu verstehen, etwas erleben könnte. Solange es Freude macht, jemanden mit Feuereifer reden zu hören, muss man ja nicht unbedingt verstehen, was er sagt. Aber die von Katinka Maché gestaltete ruhelose Erzählerin, die sich auf der Bühne gleichzeitig gestresst und zu Hause zu fühlen scheint, die zwischen ihren atemlosen Berichten immer wieder entspannt einen Schluck aus der Bierflasche nimmt, die permanent Auskunft gibt und dabei doch unnahbar bleibt – diese Gestalt ist unkonkret, hat zu wenig Eigenleben jenseits der erzählten Geschichte, als dass man sich an ihrem Verbalexzess erfreuen könnte. Und vor allem: Ihr Interesse an der Geschichte bleibt unklar.

In aller Kürze geht es in Stockmanns sozialkritisch-deprimierendem Milieuportrait um den Identitätskonflikt eines Mannes, der sich aus einer Industrievorstadt hochgearbeitet hat und nun auf Besuch dorthin zurückkehrt. Als Stadtplaner ist er für Entscheidungen mitverantwortlich, die seinen früheren Nachbarn die Lebensgrundlage bedrohen. Anfeindungen gegen den ungeliebten Aufsteiger sind die Folge. Darin verwoben ist die surreale Geschichte um eine Figur in der Nachfolge von Melvilles Bartleby: einen Fabrikarbeiter, der nach seiner Entlassung jegliche Aktivität bis hin zu basalen lebenserhaltenden Tätigkeiten verweigert und so aus eigenem Willen zum Pflegefall wird. Aber da ein Zusammenhang zwischen dieser Story und der eigenwilligen Präsentationsform kaum ersichtlich wird, nimmt das Interesse schnell ab. Das ist schade.

Unter Textfluten begraben: Katinka Maché

Unter Textfluten begraben: Katinka Maché

Und schade ist es auch um Katinka Maché, denn man gewinnt den Eindruck, dass die Inszenierung von Alex Novak den Charme und Facettenreichtum der Schauspielerin unterdrückt. Gelegentlich ahnt man ihre Spritzigkeit und ihr Temperament, um sie im nächsten Moment umso schmerzlicher zu vermissen. Zu eng klammert sie sich meist ans Mikrofon, beschneidet die Freiheit der Hände und des Blicks, fügt sich in das strenge Konzept, lässt sich von der eintönigen Vortragsweise plattmachen, bemüht sich um eine Neutralität, die es im Theater gar nicht geben kann. Der Kraftakt, den dieses Solo für sie bedeutet, ist erkennbar und nötigt Respekt ab – aber er begeistert nicht. Faszinierende Momente gelingen ihr allerdings dann, wenn sie von erzählenden Passagen in wörtlichen Dialog wechselt: Schnippisch, beiläufig und verächtlich spuckt sie die Sätze aus, als wäre sowieso alles klar. Da gewinnen das hohe Tempo und die provokative Nachlässigkeit der Sprache plötzlich Sinn, machen die Sprödigkeit und Verschlossenheit mit sich selbst hadernder Menschen sinnfällig. Was sonst stilistische Marotte ist, wird da zum Ausdruck. Stark auch die stillen Momente, die immer wieder willkommene Abwechslung inmitten der Atemlosigkeit bieten: wenn sie schweigend beobachtet, wie der Text als Projektion, auch ziemlich flott, über die kahlen Wände gleitet. Diese Mischung aus Ruhe und Hektik, diese schweigsame Geschwätzigkeit ergibt eine eigenwillige Spannung, aus der man noch mehr hätte schöpfen können.

Kein Zweifel – an diesem Abend folgt jede Rauheit, jede Zumutung einem Plan. Leicht nachvollziehbar ist er nicht.

Weitere Vorstellungen am 24. Januar und 26. Januar 2013, 20:00 Uhr

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Das Ichende in mir // „Der Weg zum Glück“ bei werkmünchen (Halle 7)

„Dann gehe ich jetzt los“, sagt der Mann auf der weißen Styroporinsel, und er bewegt langsam, wie gegen starken Widerstand, seinen rechten Fuß. Jetzt steht er wieder da wie vorher – nochmal von Anfang. Oder war da noch gar nichts? War diese kleine Bewegung nur die Selbsttäuschung eines Beobachters, der glaubt, es müsse doch endlich jemand oder etwas losgehen? Um jede zuckende Bewegung, um jedes urlautartig herausgestoßene Wort will gerungen sein am Anfang dieser Vorstellung, einem Anfang, der vor allem um eines kreist: um das Anfangen, oder besser: das Nichtanfangen. Obwohl die Zeit verfliegt, obwohl ein Geburtstagsständchen das andere jagt, kommt er keinen Schritt voran, der ein wenig depressive, ein wenig von Phobien geplagte, ein wenig sozial inkompetente, ein wenig unglücklich verliebte und vor allem sehr selbstmitleidige junge Mann. Ein gelähmter Körper unter Höchstspannung, der Stimme, Bewegung, Mitteilung, alles, was man im Theater für selbstverständlich hält, sich selbst und dem Publikum erst wieder erobern und bewusst machen muss. Gegen diese minimalistische Strenge wirken später ein paar emotionale Ausbrüche eher platt. Stimmt die einfache Regel, dass weniger mehr ist?

Nochmal von Anfang. „Der Weg zum Glück“ heißt dieser Monolog, ein schrecklich banaler Titel, und so zeichnet Ingrid Lausund, Autorin mit Expertise für humorvoll erzählte Alltagsneurosen, eine pseudotragische Figur, bei der man nie so ganz sicher sein kann, ob nicht die Eitelkeit ihr größtes Problem darstellt. Dass der grübelnde junge Mann den Vorwurf, das Ganze sei doch nur ein selbstmitleidiges durchschnittliches Befindlichkeitslamento, selbst formuliert, ändert nichts daran, dass dieser Verdacht berechtigt ist. Aber selbst wenn: Auch darin erkennt man sich ja wieder, in diesem Gefühl, nicht verstanden zu werden (weil man gar nicht verstanden werden will) und benachteiligt zu sein (weil sich das immer noch besser anfühlt als jede Verpflichtung zur Dankbarkeit). Eine gewisse Eitelkeit ist doch überhaupt die Voraussetzung dafür, dass jemand sich auf der Bühne mitteilt – deshalb auch die Anspielungen auf die Bühnensituation, auf die Beleuchtung, auf die Einsamkeit eines Schauspielers, der nach dem richtigen Stichwort sucht. Oder ist diese Selbstthematisierung schon wieder die nächste Eitelkeit des Theaterbetriebs?

Nochmal von Anfang. Ein Mann steht in der Mitte einer weißen Insel aus Styropor-Verpackungschips (einem ebenso dankbaren wie modischen Ausstattungsmaterial), die die Bühnenbildnerin Selma Agirgöl in der BlackBox der Halle 7 aufgeschüttet hat. Der Mann heißt Fabian Feder, und er ist es, der diese Vorstellung zu einem Erlebnis macht. Gute Dienste bei der Verführung seines Publikums leistet vor allem seine ruhige, tiefe Stimme, die es ihm erlaubt, auch beim Stammeln und kraftlosen Sprechen sonor und verständlich zu bleiben. Manchmal, wenn der Text besonders introvertiert oder aber besonders schnell wird, überschreitet seine Artikulation dann doch die Grenze zur Unverständlichkeit – aber daraufhin hängt man umso neugieriger an seinen Lippen. Wenn er mit sich selbst, oder mit seinem Ich, oder mit dem Ichenden in sich schizophrene Dialoge führt, findet er virtuos das richtige Maß an Variation, um die miteinander streitenden Stimmen voneinander abzugrenzen, ohne dass es clownesk wird. Die clowneske Note des Selbstgesprächs spart er sich für später auf – und da kann sich das Publikum kaum halten vor Lachen. Aber das Lachen überlässt Fabian Feder grundsätzlich den anderen: er selbst behandelt seine verstörte Figur mit heiligem Ernst. Überhaupt ist er ein Meister darin, sich zu bremsen, zu stocken, das Ausrasten zuzulassen und gleich wieder zu ersticken. Im Gestauten, Verspannten, Zuckenden liegt seine Qualität. Und wenn er nach leider mitunter unglaubwürdigen Wutausbrüchen blitzschnell wieder in eine angespannte Haltung zurückfindet, zeigt er, dass Kontrolle die höchste Tugend des Schauspielers ist.

Wo sich die Anfänge häufen, häufen sich auch die Schlüsse. Regisseur Alex Novak verlässt sich neben seinem souveränen Schauspieler auf die Wirkung von Zäsuren. Verschiedene Versionen des gleichen Songs, ein wiederkehrender Glockenschlag und eine wirklich witzige Lichtregie sind vielleicht in der Summe zuviel des Guten, um den Monolog zu gliedern, haben aber jedenfalls Überraschungspotential. Als dann der Schluss ganz unerwartet eintritt (womit man allerdings bei so einer endlosen, ziellosen Selbstbespiegelung wiederum rechnen musste), wünscht man, es ginge weiter, weil das Zuschauen so unglaublichen Spaß macht. Oder es finge nochmal von vorn an. Aber das tut es ja auch: Bei einer der nächsten Vorstellungen, zu denen ich nur herzlich einladen kann.

Ein Wort zum Schluss. Warum man nach Ablauf der Vorstellung, während die Premierengäste sich in Bar und Außenbereich tummeln, eine Filmversion des ganzen Monologs an die Rückwand projizieren muss (wobei das Bühnenbild auch noch die Sicht verdeckt), verstehe ich gar nicht. Die Aura dieses konzentrierten Theaterabends lässt sich damit nicht überbieten. Zum Glück.

Weitere Termine am 24.5., 2.6., 14.6., 19.6. und 29.6.


Stehende Gewässer – Alex Novak

Theater Halle 7

KLICK

Alex Novak inszenierte das preisgekrönte Stück „Stehende Gewässer“ von Markus Bauer in der Halle 7. Das Stück wurde 2009 zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens und 2012 zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen.  Zu Recht!

Eine Familie zieht in ein Haus am See. Sie vermieten die Zimmer um über die Runden zu kommen. Im Raum stehen große Fragen, große Träume, Wünsche und Hoffnungen die nach und nach alle zerplatzen. Es geht um existenzielle Fragen, um Selbstverwirklichung, um alles was man sich am Anfang eines Lebens so vornimmt. Natürlich läuft das Leben nie nach Plan und so steht auch diese Familie vor dem Abgrund. Die Eltern saufen und rauchen, die Tochter flüchtet sich in die Drogen und der Sohn hängt seiner verflossenen Liebe nach. Keiner von ihnen schafft es aus dem Trott rauszukommen. Sie sehnen sich nach der Vergangenheit und der besseren Zukunft und schaffen es nicht, sich mit dem Hier und Jetzt auseinanderzusetzen.

Alex Novak inszeniert in der darkBOX! Trotz siebirischer Kälte gehe ich zur Premiere und hoffe, dass es geheizt ist. Es ist geheizt! Ich setze mich in den Zuschauerraum und sehe den Schauspielern beim Rauchen zu.

Überall liegen Mülltüten herum ( WARUM?), Jahreszahlen wurden mit Kreide an die Wand gekritzelt. Sonst ist alles schwarz.

Dieter Fernengel eröffnet den Abend mit einem Monolog. Ich habe leider nur die Hälfte verstanden, da er ziemlich undeutlich gesprochen hat. Erst nach und nach bekommt man mit, worum es hier eigentlich geht. Das Stück fliegt durch die Jahre und erzählt durcheinander die Geschichte der Familie mit dem Haus am See. Die nicht chronologische Erzählweise macht es spannend, aber auch schwierig mitzukommen. Aber man soll ja das Publikum nie unterschätzen!

Plötzlich eine Stimme aus dem Zuschauerraum. Lotte sitzt inmitten der Zuschauer und hat eine Mülltüte über dem Kopf, manchmal ist sie auch oben beim Beleuchter oder auf der Bühne. Lotte ist die Freundin von Martin, dem Sohn der Familie. Ihre Relevanz in dem Stück habe ich nicht ganz verstanden.

Gespielt haben alle fantastisch. Glaubwürdig, emotional, authentisch. Am meisten beeindruckt hat mich Beatrice Murmann, eigentlich Regisseurin, überzeigte sie hier als Schauspielerin. Vielleicht war es manchmal ein bisschen viel gewesen, aber ich habe ihr alles geglaubt.

Die Inszenierung an sich ist nicht der große Knaller, aber sie ist gut. Man geht aus der Aufführung und hat eine berührendes Stück gesehen. Man fängt an nachzudenken….über sich und sein Leben, jedenfalls habe ich das getan.

Es ist ein toller Text, eine gute Inszenierung und ein schöner Abend. Einen Abend, aus dem man etwas für sich mitnehmen kann aber nicht muss. Ein Abend, bei dem man etwas länger braucht um reinzukommen, um den Konflikt zu verstehen. Wenn man DAS verstanden hat, kann man sich bequem hinsetzen und die Aufführung genießen.


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