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Lasset uns gemeinsam… – In Common: HAU // Ivana Müller

Was haben wir gemeinsam? 10 Performer. Ein Ziel. Oder – mehrere?

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Auf der Bühne eine Dreiecks-Skala, spitz nach vorne zulaufend. Eine Formation von Menschen unter einer Plane – ein Stein als Kosmopolit verhandelt seine Bestandteile – zu 90% europäisch, Hermaphrodit, ein Tattoo, politische Einstellung eher links. Verquirlte Daten erzeugen Gelächter. Die spielerische Erkundung der Gemeinsamkeiten bringt automatisch Uneinigkeiten und (vermeintliche) Defizite des Einzelnen hervor. „We are unique“, deklamiert das Ensemble. Wer gewinnt? Der mit dem Alleinstellungsmerkmal, so krude und absurd es am Schluss sein mag – oder politisch brisant „I am German. I’m the winner.“

Politische Relevanz lässt das Stück allerdings insgesamt eher vermissen. Der Umgang in den 6 Etappen des Spiele- und Theaterabends ist humorig, gut zugänglich und unterhaltsam. Das chorische Sprechen bzw. das Timing im Allgemeinen sind exakt. Der 4. Teil, „Speaking Democracy“, bebildert das Problem von Demokratie am stärksten: Was wäre, hätte jeder von uns nur eine Kategorie Wörter zur Verfügung? „Actions“, „Questions“, „Small Words“, „Doubts“, „Quality Time“,…. Wenn abgestimmt wird und sich zwei Seiten bilden, hat die eine Seite automatisch Ausdrucksschwierigkeiten – weil sie keine ganz korrekten Sätze mehr bilden kann und viele Worte ganz fehlen „You can’t say ’no‘, you lack the  word.“ Denkanstöße sind zahlreich, geistreich, aber sie kratzen nur an der Oberfläche. Der Zuschauer verlässt das Stück nicht mit Hunger nach mehr Diskussion über Demokratie – sondern mit Hunger auf mehr Tiefgang.

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Zugreifen! – Seven Thirty in Tights: Sophiensäle // Frédéric Gies

Seven Thirty in Tights

Frédéric Gies’ Version und Vision eines Gesellschaftstanzes spielt mit verschiedenen Lesbarkeiten des Begriffes: wie sieht unsere Vorstellung eines gelungenen Miteinander der Gesellschaft aus? Lassen sich Impulse und ihre Weitergabe, zentral in dem Stück „Seven Thirty in Tights“, in einem politischen Kontext denken? Könnte Politik folglich unmittelbarer auf Umstände reagieren?
Ausgehend von einem geschlossenen Kreis gehen die zehn Tänzer unter Aufgebot ihres gesamten Bewegungsrepertoires aufs Ganze. Der Kreis löst sich zu Anfang in Zeitlupentempo auf, eine Geschwindigkeit, die einem Robert Wilson würdig wäre. Ein Anhauchen einer Bewegung, das Atmen der Tänzer, das Knarzen der Dielen.

1 ½ Stunden Traum von Konzentration, Wiederentdeckung der Langsamkeit und der Suche nach Gemeinsamkeit ohne Individualitätsverlust. Währenddessen herrscht absolute Stille – die Musik für diesen ganz eigenen Rhythmus muss erst geschrieben werden, scheint es. Abgelöst und losgelöst von einem regulären Zeitmaß definiert sich dieser Rhythmus über Impulse, mal langsam, mal schnell. Kreisformationen, die durch den Raum mäandern wie eine Amöbe, lösen sich in wogende Menchenketten und schließlich ganz auf. Dabei sieht man von simplen Dehnbewegungen über naive Sprünge bis hin zu kompliziertesten 4-er Kombinationen wirklich alles.
Seven Thirty in Tights

Die Stärken des Stückes liegen in den Extremen Langsamkeit und Schnelligkeit. Dabei nehmen die Berührungen der Tänzer ebenso wie das Tempo zunächst immer stärker zu, der Zuschauer erwartet einen Höhepunkt, der sich ihm offenbart. So einfach macht es die Choreographie dem Zuschauer aber nicht. Mal wirken die Bewegungen verzweifelt, aber nie sinnlos. Im Wunsch nach Zusammenarbeit bewegen sich die Tänzer an den Grenzen des Bühnenraumes, nahe der Zuschauer, entlang. Sind wir besser, wenn wir alle als einer agieren? Mehrere Menschen zusammen als Einzeller? Gesellschaftstanz setzt Kommunikation, Konvention und daraus entstehende Kodizes voraus. Aber gibt es ein Voran, ein Weiterdenken – oder kehrt man unweigerlich immer zum Kreis zurück? Entscheidend ist die stets ausgestreckte, (zu)greifende Hand, der Willen zum Miteinander und die Suche nach neuen Erfahrungen.

Längen sind Teil des Stückes, auch wenn nach einer Stunde der Eindruck aufkeimt, man habe evtl. den Zenit überschritten. Zum Schluss setzt elektronische Musik ein, zu der alle gemeinsam einen Ton singen, immer in Abstimmung mit den anderen, die Stimmen klingen fast magisch durch die Electro-Wolke. Assoziationen zum Film „Wie im Himmel“ sind durchaus passend: das Gemeinsame findet jeder in seinem eigenen Ton/Tanz – und geht mit einem Lächeln.

Besuchte Vorstellung: 28.04.2013


DIESE HOSE IST WARM.

Meg Stuarts Built to last zwischen rauschhaften Emotionen und lakonischen Kommentaren

Geräuschkulisse der Großstadt? Nein. Neue Musik. Schrecken, Krampf, Zucken, mechanische Bewegungen, Irrsinn – so fängt es an. Im Laufe des Abends tanzen fünf Performer zu fünfzehn klassischen Stücken kreuz und quer durch die Musikgeschichte. Ein Gregorianischer Choral löst die Wiener Klassik ab, Tonales folgt auf auskomponiertes Rauschen und das mitreißende Thema Aus der Neuen Welt von Dvorak hat auf einmal gar nichts mehr gemeinsam mit Beethoven. Denn zu Dvořák sieht man zackige Armbewegungen, Kraftposen, Sportlichkeit, Eindeutigkeit, bei Beethovens Eroica dagegen ein großes Gewusel. Krabbelnde Körper, einander tragende Körper, Gleichzeitigkeit von Triumph und Geschlagensein in Gesten und Haltungen. Welch‘ konträre Emotionen ein sinfonischer Satz gleichzeitig mit sich bringen kann, hat man geahnt, aber nie so visualisiert gesehen. Die musikalische Interpretation eines Stückes – gebündelt durch einen Dirigenten, ein Orchester – enthält Ambiguitäten, wie sie sich beim Hören wohl vermitteln, wie sie aber kaum besser als durch die fantastische Choreographie ins Bewusstsein treten können, die vom 10.-12.Januar 2013 im Berliner Hebbel am Ufer zu sehen war.

Es handelt sich um Meg Stuarts Tanztheaterinszenierung Built to Last. Als Koproduktion der Münchener Kammerspiele mit Damaged goods dort bereits im April letzten Jahres uraufgeführt, profitiert der Tanz tatsächlich von den Klassikern der Musikgeschichte, geschrieben für die Ewigkeit (built to last). Doch nicht nur die gewählten musikalischen Kostbarkeiten, auch dieser ausdrucksstarke Tanz ist von Dauer und zum Teil kehren sich die Hierarchien um. Da erschließt sich die musikalische Ausdruckskraft erst durch die Bewegungen, Gesten, die Mimik und die effektvolle Bühnengestaltung. Setzt die Musik kurz aus, geht die Bewegung weiter und setzt die Musik dann wieder ein, so begleitet sie plötzlich die Bewegung, das Austesten von Gesten und Posen. Setzen Musik und Tanz gleichzeitig aus, ist ein von Gefühlen überbordender Satz, ein Rausch an Rasen, Stampfen, Sich-Winden, Kugeln und erdrückt sein vorbei, so bleibt die große Stille, das Erwachen, die Nüchternheit. Eben noch meinten wir zu wissen wo wir sind, und plötzlich ist alles ganz anders. „Wir glauben, wir wüssten, wo wir sind, aber wir wissen es nicht.“ So wird das in der Aufführung kommentiert. Der Tiefsinn dieser Worte wird aber gleich gebrochen durch eine gekonnte, subtile Ironie in den mimischen Kommentaren von Kristof Van Boven, die gegen zu viel Pathos wirken und mit zu einem erstaunlich kurzweiligen Abend beitragen. Es ist urkomisch, wenn mittelalterlicher Gesang durch archaische Geräte der Feldarbeit illustriert wird, alberne Perücken und ein Hirschgeweih auf futuristische geometrische Körper prallen und in schrillen Kostümen das Modell eines großen Dinosauriers auseinander genommen wird, dessen Skelett im Kontrast dazu steht, dass die Performer hier überaus lebendig sind. Sie powern sich spürbar aus („Diese Hose ist warm.“) und werden mit ihren Life-Visualisierungen der musikalischen Vorgänge in der Musik zu Figuren, zu Individuen. Nur mit Psychologie, zwischenmenschlicher Kommunikation oder narrativer Handlung hat das alles wenig zu tun. Vorgeführt wird hier eine eigene Sprache zwischen Musik und Bewegung, von der man gern noch mehr sehen und hören möchte.


„Und dann der alte Moor so“ – Die Räuber sind im Gorki Theater

„Man wird mir einräumen, dass es eine widersinnige Zumutung ist, binnen drei Stunden drei außerordentliche Menschen zu erschöpfen, deren Tätigkeit von vielleicht tausend Räderchen abhänget (…)“ schreibt der Herausgeber im Vorwort  der Räuber- Fassung von 1781 und eben dies erzählt uns Karl von Moor auf der Bühne des Gorki Theaters in der Inszenierung des Hausregisseurs Antú Romeró Nunes.

Zugegeben, auf ganz drei Stunden kommt diese Stückversion nicht. Trotzdem sind es immerhin zweieinhalb Stunden („Sogar die Pause hab ich euch genommen! Und warum? Weil ich ein Räuber bin! „) , in welchen die drei Darsteller Michael Klammer, Paul Schröder und Aenne Schwarz in ausgeklügelter Monolog- Manier ihre jeweilige Version der Räuber darstellen.

In schwarzem Kostüm betritt Franz als erster die Bühne, die vollkommen leer und in ihrer ganzen Tiefe gezeigt wird. Jegliche Requisiten sind unsichtbar; Brief, Buch, Stift, – alles erscheint einzig durch die präzise pantomische Darstellung der Akteure vor dem geistigen Auge des Zuschauers.
Franz erzählt aus seiner Perspektive die Geschichte der Räuber. Durch seinen Blick ist er der strahlende Held, sein Bruder Karl ein weinerlicher, verweiblichter Versager, Amalia „bildhübsch, aber scheiße“ und sein Vater, der alte Moor ein verwirrter Greis, der letzten Endes leider an Herzversagen stirbt. Paul Schröder schlüpft mühelos in jegliche Rollen, dank seines komischen Talents und seinem energischen Auftreten, sowie dem gut durchdachten Lichtkonzept benötigt die Erzählung nicht mehr als ihn, um seine Geschichte verständlich und funktionierend zu machen. In Franz‘ Augen endet das Stück in seiner Übernahme des Moorischen Reiches. Danach ist Perspektivenwechsel…

..und Amalia erzählt ihre Version. Auch sie trägt schwarz, später dunkelblau, und kommt ohne „echte“ Requisiten aus. Durch ihre Augen ist Franz ein kleinwüchsiger Pimpf mit kurzen Ärmchen und der alte Moor ein trauriger Herrscher. Aenne Schwarz hat einen schwierigen Einstieg, nach der fulminant komischen Darstellung von Peter Schröder. In ihrer Darstellung fehlt der Funke, der zum Publikum überspringt. Nichtdestotrotz bietet sie eine starke Frauenfigur auf der Bühne dar, welche, ganz gegen das von Schiller erschaffenden Weiblichkeitsbild agiert und sich auch in dem schillerschen „Männerstoff“ mit Fug und Recht behaupten kann. Durch die Idee nicht, wie in vielen Fällen Spiegelberg, sondern Amalia neben Karl und Franz als eine der „drei außerordentlichen Menschen“ mit in das Geschehen einzubeziehen, schafft Nunes eine ganz neue Rolle, die mit Hilfe von Schwarz‘ Spiel ein völlig neuer Charakter wird.
Wichtige Szenen, die bisher nur aus Franz Sicht dargestellt wurden, bekommen in ihrer Version ein ganz neues Ausmaß. So dauert eine Szene im ersten Akt bei Franz nur einige Sekunden:(„Szene 1.4: Ich liebe dich, wie mich selbst, Amalia. Rumms! (sie ohrfeigt ihn)“ während sie in Amalias Erzählung einige Minuten in Anspruch nimmt: Nachdem Franz‘ ihr seine Liebe gesteht, vergewaltigt er sie und lässt sie entblößt im Zimmer liegen. Wunderschön kunstvoll mit stimmungsvoller Musik und gleichermaßen erschreckend realistisch stellt Schwarz diesen Übergriff ganz alleine dar, der Effekt: absolut überzeugend.
Amalias Geschichte endet mit der Todesnachricht ihres Geliebten Karl. Wie auf einen Schlag gealtert greift sie nach ihrem imaginären Rollator und schleicht von der Bühne.

Was nun folgt, ist die Pause.
Denkt man zumindest und dann geht’s doch weiter.
Mit einem gewaltigen Knall betritt Karl von Moor die Bühne. Im lässigen Plauderton kombiniert Michael Klammer Schillers Text mit anderen Texten (unter anderem von Büchner und Josef Harder) und begründet dies damit, dass er ein Räuber sei und somit das Recht habe, den Zuschauern die Erwartungshaltung, die Pause und anderen Autoren aus ihren Stücken zu klauen. Raub des geistigen Eigentums quasi.
Nach dem, zum größten Teil improvisierten Prolog, spielt Klammer Karl von Moors Sichtweise auf die Dinge. Er agiert sympathisch, melancholisch und entschlossen, fast so, wie in Schillers Original. Er zeigt uns nicht nur Franz und seinen Vater aus seiner Sicht, sondern übernimmt auch die Rollen der anderen Räuber. Das macht nicht nur Spaß, zuzusehen, sondern zeigt auch, dass man nicht mehr als eine leere Bühne und einen (talentierten) Menschen auf dieser braucht, um eine (dramatische) Geschichte zu erzählen- wenn man denn für solche Dekonstruktionen offen ist.
Auch Klammer spielt in schwarz und besitzt, überraschender Weise, ein tatsächliches Requisit- eine Schusswaffe, von welcher er auch mehrmals Gebrauch macht, vor allem, um seinen Bruder Franz zu bedrohen, als er herausfindet, dass dieser ihren gemeinsamen Vater auf dem Gewissen hat.
Effektvoll wird der Schauspieler zum Räuberhauptmann und stachelt mit hitzigen Reden wider dem Publikum zu „Raub und Mord“ auf und gerade, wenn man als Zuschauer dazu bereit wäre, mit ihm auf die Bühne zu springen und sich seiner Bande anzuschließen, tun genau das ca. 26 junge Menschen aus dem Publikum, welche in zivil seit Anfang des Stückes dabei waren und sich nun als gut funktionierenden Sprecher- Chor entpuppen. Dieser Regiehandgriff funktioniert genauso hervorragend, wie der verteilt sitzende Chor als Einheit fungiert. Flüsternd und hetzend stehen sie im Dialog mit Karl, der auf der Bühne ist, ehe sie selbst aufstehen und maskiert hinter ihm marschierend Terror und Schrecken verbreiten- Aus Sicht der Bande wird dann der letzte Akt eingeläutet.

Nun befinden sich alle Akteure auf der Bühne. Trotzdem entsteht kein richtiger Dialog. Irgendwie stirbt Franz und Amalia will doch nicht mehr bei Karl sein- wie und warum genau das geschieht geht in den Effekten zum Ende der Inszenierung hin leider unter. Der Inhalt büßt eindeutig für die Stimmung ein.

Trotz einiger Längen, insbesondere in Karls Prolog und Franz‘ letztem Akt, ist Nunes‘ Räuber Inszenierung unterhaltsam und kurzweilig. Zwar dürfte man es mitunter schwer haben, dem Plot durch und durch zu folgen, wenn man keine Ahnung von Schillers Original- Räubern hat, jedoch ist dieses Stück losgelöst von dem alten Text zu betrachten. Nunes räumt der Kunst Freiheiten ein, auch, oder gerade, bei der Darstellung so eines Klassikers; diesem Kulturerbe der „Räuber“. Jung, frisch und kraftvoll lebt der alte Stoff auch modernisiert noch weiter und funktioniert problemlos. Unterhaltsames Theater muss nicht gleich schlechtes Theater bedeuten. Die Inszenierung ist gut durchdacht und lebt von den brillanten Monologen der drei Darsteller. Beschäftigt der Stoff einen noch Stunden nach dem Applaus? Eher nicht. Aber, um es in Karls/ Michael Klammers Worten zu sagen:

Die Inszenierung ist halt „eher so locker“.


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