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Der notwendige Dritte – „L’Illusion conjugale“ am Teamtheater // Vincent Kraupner

Zwei  Stühle für drei Personen: Das kann nicht gut gehen. Während die Eheleute Maxime und Jeanne anfangs noch bequem einander gegenübersitzen, beginnen mit dem Eintreffen des befreundeten Claude die Platzwechselspiele. Ein simpler Regietrick, um Dynamik zu erzeugen, und er geht wunderbar auf. Ganz von selbst ergibt sich mal eine Zweierverschwörung gegen den Dritten, der keinen Stuhl abbekommen hat, mal ein Machtgefälle zwischen dem stehenden Showmaster und seinen beiden tiefergesetzten Versuchstieren, mal eine starke Allianz zweier stehender Inquisitoren gegen ein einsam auf dem Stuhl verbliebenes Verhöropfer. Den was zwischen den drei Figuren in Eric Assous‘ Komödie „L’Illusion conjugale“ vorgeht, ist lustvolles Taktieren, Aushorchen, Überführen, dessen Sinn sich dem Zuschauer nur teilweise enthüllt.

Maximes Absicht ist klar: Gerade hat Jeanne ihm bei einer spontanen Geständnisrunde berichtet, dass sie bisher eine, genau eine außereheliche Affäre hatte, und weil der nichtsahnende Claude gerade vorbeischaut, tut Maxime alles, um in ihm den geheimnisvollen Liebhaber dingfest machen zu können. Weniger scheint es ihm um die Wahrheit zu gehen als um die Lust an einem positiven Befund; ihn, der selbst zwölf kurze Seitensprünge eingeräumt hat, treibt nicht die verletzte Liebe des Gatten, sondern kriminalistische Neugierde. Jeanne hingegen, deren Konterfei mit sphinxenhaft verschlossenem Mund auf der Vorbühne prangt, agiert undurchsichtig, stachelt den Verdacht immer wieder an, um sich gleich darauf zu distanzieren, bleibt seltsam unbeteiligt – während dem unfreiwilligen Mitspieler Claude die Situation immer peinlicher wird. Lächelnd beobachtet sie die Verunsicherung der Männer, rotiert selbstvergessen auf dem weißen Lederdrehstuhl.

Mit den mondänen Sitzmöbeln und dem Designerglastisch, postiert auf bemüht idyllischem Kunstrasen, variiert Bühnenbildnerin Monika Staykova sich selbst, denn sie entwarf auch den Raum für Oliver Zimmers deutschsprachige Inszenierung, die bis vor einer Woche auf dem Programm des Teamtheaters stand (vergleiche unsere Besprechung „Freche Frage, lange Antwort“ vom 7. Oktober). Der konvex eingeengte Bühnenschlauch mit abstrakt-praktischen Sitzwürfeln, in dem Zimmer seine Figuren aufeinander losließ, ist einer großzügig geweiteten, von konkavem Rundhorizont begrenzten Fertigvillen-Atmosphäre gewichen. Und Staykovas Umakzentuierung ist exemplarisch für die weniger turbulente, dafür entspanntere, subtilere Faktur, die Vincent Kraupners originalsprachige Version auszeichnet. Leider erlaubt die Disposition es nicht, die zwei Produktionen direkt hintereinander zu zeigen – schade! Denn das Vergleichsprojekt hat sich gelohnt: Gerade weil beide Regisseure im Groben einem realistischen Komödienstil verpflichtet bleiben, lassen sich Rollengestaltung und Schauspielerführung im Detail trefflich unterscheiden.

Marie Nebel (Jeanne), Marcus Morlinghaus (Maxime), Thierry Seroz (Claude)

Während Zimmers schrulliges Ehepaar von Anfang an cholerisches und kokettes Temperament explodieren ließ, später aber auf diesem hohen emotionalen Niveau ermüdend hängenblieb, geht Kraupner sanfter heran, mit Sinn für Pausen, heruntergeschluckte Gedanken und feindseliges Abwarten. So stehen im dritten Akt mit steigendem Alkoholpegel noch neue Töne und eine plötzlich raumgreifende Dynamik zur Verfügung. Ganz ohne die Machoattitüden seines deutschen Kollegen zeigt Marcus Morlinghaus als Maxime sich von der Enthüllung seiner Frau mehr verunsichert als erbost; dann aber schwingt er sich zum Spielemacher auf, verbindet Nervosität und Stolz zu einer lauernden Daueranspannung. Mit provozierend angezogener Handbremse schlängelt er sich durch die Dialoge, versucht sich im Klugen und Geheimnisvollen und bleibt dabei doch jämmerlich durchschaubar, garniert mit einer Aura snobistischen Selbstmitleids. Eine großartige schauspielerische Leistung, dank derer der Abend auch über die unbestreitbaren Längen des Stücks eleganter hinwegschifft als seine Zwillingsproduktion.

Gegenüber ihrer deutschen Partnerin hält sich Marie Nebel als Jeanne sehr zurück, agiert jederzeit berechnend und ausgeglichen, ohne jedoch blass zu wirken. In solcher Intrigenseligkeit fühlt sich Thierry Seroz‘ ebenso schüchterner wie tumber Claude verständlicherweise unwohl: ein gelungener Typenkontrast, bei dem die Gemeinsamkeiten des zankenden High-Society-Paares doch zu überwiegen scheinen.

Als Claude schließlich gegangen ist, stünde wieder die richtige Anzahl von Sitzgelegenheiten zur Verfügung, aber Maxime kauert erschöpft an der Rampe: ein Stuhl bleibt leer. Plötzlich fehlt da doch etwas, und man ahnt, dass die Ehe von solchen Spielen mit wehrlosen Dritten lebt, dass es nicht das erste, nicht das letzte Spiel seiner Art gewesen ist. Ob es die Beziehung gefestigt oder zerrüttet hat, bleibt seltsam offen. Darin liegt Kraupners Leistung: In ein boulevardeskes Witz- und Wortgefecht eine homöopathisch wirksame Dosis von Melancholie einzuflechten.

Ein lohnender Abend – für frankophone Zuschauer und solche, die bei der deutschen Version gut aufgepasst haben, denn Übertitel gibt es nicht.

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Freche Frage, lange Antwort – „Illusionen einer Ehe“ am Teamtheater

Das Licht geht an, ein Mann legt eine Patience, seine Frau kommt dazu und fragt aus heiterem Himmel nach einer Zahl: nach der Anzahl seiner außerehelichen Affären. Mit freundlicher Selbstverständlichkeit, lächelnd und erbarmungslos. Der überrumpelte Ehemann windet sich, gesteht einiges, stellt die Gegenfrage, erfährt etwas, will aber mehr wissen, forscht weiter. Da wird verglichen, verhandelt und (im wahrsten Sinne des Wortes) abgerechnet, und die ehemoralische Erörterung zwischen Jeanne und Maxime, ob es nun schlimmer sei, viele oberflächliche oder nur eine ernsthafte Affäre gehabt zu haben, läuft innerhalb kürzester Zeit auf vergnüglichsten Hochtouren. Noch haben wir kaum erfahren, wer die beiden eigentlich sind; auch das freundliche Bühnenbild mit Polstersitzwürfeln und großzügig geschwungenen weißen Wänden bleibt genüsslich unkonkret. In der ersten Umbaupause ist das Publikum nicht minder überrumpelt als der Ehemann zu Beginn – und vor Gelächter schon schwer erschöpft.

Die Eingangsszene von Eric Assous‘ Komödie „Illusionen einer Ehe“ ist ein geniales Dramolett, dessen Kunstgriff darin besteht, sich so konsequent auf eine einzige aus der Luft gegriffene Frage zu beschränken, dass die Figuren am ständigen Kreisen um das eine Thema irre zu werden scheinen. Leider schließen sich etliche Szenen an, die wenig Neues bringen und die freche Grundsituation in ein fades Licht rücken. Als mit dem Freund Claude ein potentieller Kandidat für Jeannes mysteriöse „ernsthafte“ Affäre zu Besuch kommt, verliert Maximes ständiges Nachforschen schnell an Reiz. Und Oliver Zimmers Inszenierung am Teamtheater bemüht sich zu wenig um Abwechslung in der äußeren Situation, als dass Maximes starrsinniges Verhör zum running gag, zur unbeirrbar wiederkehrenden Pointe werden könnte. Stattdessen nutzt sich das gleichförmige Verhalten ab, zumal Maximes Verdacht in Zimmers Darstellung reichlich unbegründet erscheint: Der Stücktext böte mehr Möglichkeiten, das Publikum durch Andeutungen selbst zum kriminalistischen Rätseln zu bringen, ob zwischen Claude und Jeanne nun etwas lief oder nicht.

Irene Rovan (Jeanne), Uwe Kosubek (Claude), Philipp Weiche (Maxime)

Zum Nachdenken zwingt dafür das Thema als solches, denn Assous‘ Stück macht weder eindeutige Werbung für die titelgebende „Illusion“ ehelicher Treue noch für jene gegenseitige Offenheit, deren halbherzige Anwendung auf der Bühne zu nachhaltiger (wenn auch im Boulevardstil abgemilderter) Gefühlsverwirrung führt. Welche Position die Taktiererin Jeanne zu dieser Frage einnimmt, das bleibt das eigentliche Rätsel: Mit welchem Ziel eröffnet sie das Spiel der Geständnisse? Und warum sieht sie so zweideutig zu, wenn Maxime Claude aufs Eis zu führen versucht? Bei Irene Rovan liegt diese geheimnisvolle Rolle in besten Händen. Sie zeichnet eine mal dominante, mal zurückhaltende Gestalt, in deren Launen man sich verlieben kann. Kontrastierend spielt Philipp Weiche einen prolligen, allzu durchschaubaren Maxime, der als hilfloser Choleriker gleich zu Beginn hoch einsteigt und sich wenige Steigerungsmöglichkeiten offen lässt. Obwohl ihm dabei manche Zwischentöne verloren gehen, trägt aber seine geschäftig gestikulierende Bühnenpräsenz den Abend in bester Boulevard-Manier. Uwe Kosubek übt sich als unbeteiligtes Verhöropfer Claude lange in vornehmer schauspielerischer Zurückhaltung, bis es ihm am Ende in einer (dramaturgisch etwas erzwungenen) Enthüllung wundervoll gelingt, in den sonst auf schnelle Pointen ausgelegten Abend einen Moment angespannter Ruhe einzubringen.

So lohnt sich der Besuch im Teamtheater eher wegen des routinierten Temperaments der Schauspieler, die nur in manchen entschieden zu langwierigen Szenen die Gunst des köstlich amüsierten Publikums verlieren. Ein Vergleich der schauspielerischen Ansätze bietet sich im November an, wenn am gleichen Ort, ebenfalls in Monika Staykovas Bühnenbild, die französischsprachige Truppe Cie Antéros ihre Inszenierung von „L’Illusion conjugale“ präsentiert: ein kluges Experiment der Teamtheater-Intendanz, zwei Perspektiven im kubistischen Nebeneinander zu zeigen, denn Eric Assous‘ Figuren lassen gerade dort Interpretationsfreiraum, wo der pure Text sie etwas simpel gestrickt erscheinen lässt. Und vielleicht haben die Franzosen auch einen anderen Blick auf die Bedeutung von Treue und Ehrlichkeit?

Weitere Vorstellungen: Mittwoch, Donnerstag, Freitag und Samstag, jeweils 20 Uhr (bis 3.11.)


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