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Zu Gast bei Spielart: Geh mir aus der Sonne von Ofira Henig

Im Rahmen des Spielart Festivals zeigen aktuell viele internationale Künstler ihre Arbeiten, darunter auch Ofira Henig mit ihrer nur in Europa gespielten Produktion „Geh mir aus der Sonne“ im Schwere Reiter. In einer Art Biographien-Collage setzen sich die israelische Regisseurin und ihr Ensemble mit Heimat und Exil, mit Identität und Unterdrückung, mit künstlerischer Freiheit und persönlichen Überzeugungen auseinander.

Henigs eigener Weg zum freien künstlerischen Ausdruck, ihre Suche nach einer jüdischen Identität, ihre Ängste werden mit den Geschichten von Heinrich Heine, Federico García Lorca, Leni Riefenstahl und Robert Capa konfrontiert. Doch diese Charaktere vermischen sich immer wieder auch mit den Darstellern, die Grenzen verschwimmen. Obwohl alle Biographien geprägt sind von Vertreibung, Unterdrückung und Entbehrungen und in diesem Kontext auch die deutsche Vergangenheit nicht ausgeblendet werden kann, kommt das Stück keineswegs mit erhobenem Zeigefinger daher. Die Personen werden nicht schwarz-weiß gezeichnet, sondern als facettenreich, teilweise mit durchaus ambivalenten Charakterzügen dargestellt. So kann man als Zuschauer fast Mitleid bekommen mit Leni Riefenstahl, die doch eigentlich „nur schöne Filme machen“ wollte und sich keiner Schuld bewusst ist. Schließlich sieht sie darin ihr gutes Recht als Künstlerin, mit Nazi-Ideologie hat sie nichts am Hut. Beeindruckend ist die zum Teil unerschütterliche Vaterlandsliebe der Figuren. So wünscht sich Heine beispielsweise trotz seines schwierigen Verhältnisses zu Deutschland nichts mehr, als in seiner Heimat bestattet zu werden. Umso tragischer wirkt die Tatsache, dass er nun in Paris, Montmartre, begraben liegt. Wirklich Schuld sind nur diejenigen, die Lorca (alias Doron Tavori) als die „falschen Spanier“ bezeichnet, die es aber auch in jedem anderen Land gibt. Diejenigen, die ihn letztlich erschießen, „in den Arsch, weil er ein Schwuler ist“.

Genau wie die dargestellten Persönlichkeiten stammen auch die Schauspieler aus verschiedenen Ländern und sprechen verschiedene Sprachen. Die deutsche Übersetzung gibt es zum Mitlesen. Aufgrund der Textmassen kommt man so leider kaum dazu, dem Geschehen auf der Bühne zu folgen. Zum Glück der nicht multilingualen Zuschauer ist die Inszenierung allerdings auch eher statisch, der Text steht im Vordergrund. Abgesehen von Unterbrechungen durch Musik- und Tanzeinlagen kann man sich voll und ganz auf die spannenden Erzählungen konzentrieren.

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Gute Zeiten Schlechte Zeiten beim Kindertheater-Festival „Panoptikum“

Das Festival für Kindertheater aus Bayern und Europa macht seinem Namen alle Ehre. Zum 7. Mal gab es vom 07.-12.02.2012 in Nürnberg eine Schau, die den Spagat zwischen internationalem und regionalem Schwerpunkt versucht. Was diesem Festival definitiv gelingt, ist das Aufzeigen der vielfältigsten Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen. Tänzer, Mülltüten, Musiker, Geschichtenerzähler, Installationen, Puppen und Hip Hopper stehen als unvergleichbare Formen wie selbstverständlich nebeneinander.

Da ist zum Beispiel das Ensemble Teatrodistinto aus Italien: Auf einem weißen Quadrat quer geteilt von einer halbhohen Trennwand kauern zwei Menschen und können sich nicht sehen. Mit vorsichtigen und genauen Bewegungen erkunden sie immer weiter die jeweils fremde Welt des anderen. Jeder Schritt, jeder Blick wird genau verfolgt; eine Spannung, die sich auch auf die Zuschauer überträgt. Die Erkundung der Fremden für Kinder ab 3. Nicht nur die Reduktion und Klarheit der Form ist ein seltenes Erlebnis auch die Stille, in der der Beginn des Stückes steht sind einzigartig.

In jeder Hinsicht gegensätzlich ist die Produktion des Nürnberger Theaters „Salz und Pfeffer“. Hier sollte angeblich die Geschichte des Kinderbuches „stick man“ nacherzählt werden. Dieser Stockmann wird in der Geschichte von Axel Scheffler und Julia Donaldson tagein tagaus mit einem gewöhnlichen Stock verwechselt. Der eigentliche „Zweckentfremdungs-Schlamassel“ findet aber nicht in der dramatischen Vorlage, sondern in der Bearbeitung von Christian Auer und seiner Kompanie statt. Jedes Bild der Kinderbuches wird identisch nachgestellt mit einer unglaublichen Anzahl an Pappen, Stoffen, und Prospekten; der Erfindungsreichtum von Uschi Faltenbacher und Paul Schmidt kennt keine Grenzen. Leider. Denn die permanenten Umbauten lassen die Puppenanimation und die Handlung fast untergehen. Reich ist das Stück außerdem an kultureller Bildung: Der Text wird uns im englischen Original vorgetragen, Kinder bekommen Buttons geschenkt und drei Musiker untermalen mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ die Leidensreise. Eigentlich ist hier auch das Theater zweckentfremdet: Anstatt eines Ortes, an dem Geschichten gezeigt werden, die wir brauchen, sehen wir in dieser Inszenierung nur einen Überforderung des Theaters als Bildungsinstanz. Es würde mich nicht wundern, wenn einige Schüler ihre Überforderung in der Schule (etwa im Englischunterricht) direkt wiedererlebt haben.

Dabei ist es doch gerade für Kindertheater ungeheuer wichtig, phantasievoll zu erzählen und Freidenkräume anzubieten, die es in der Schule so nicht gibt und teilweise auch nicht geben kann. Gute Beispiele des Objekttheaters, wie etwa des Ymedioteatro aus Spanien oder von Tristan Vogt zeigen diese unerschöpflichen Brunnen des Findens, Weiterdenkens und Überraschens. Eine Mülltüte wird zum Rockstar, ein runder Kieselstein zum Zirkusartisten. Das Potential ihrer Geschichten ist immens und das natürlich nicht nur für die Kleinen. Gutes Kindertheater macht – wie jedes gutes Theater – alle staunen.


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