Schlagwort-Archive: Georg Büchner

Frauen singt mir das Lied der Freiheit!

Am vergangenen Freitagabend (25.10.2013) feierte DANTON IST TOT unter der Regie von Inga Helfrich im PATHOS transport theater Premiere. Die Frauen haben hier das Sagen. Der abgewandelte Titel ist Programm: Danton ist tot – so tot, dass er es nicht mehr auf die Bühne schafft. Der Schauplatz von Büchners Erstlingswerk, die männerdominierte Gesellschaft zur Zeit der Französischen Revolution rückt in der Inszenierung in weite Ferne. Die sieben Darstellerinnen Rosalie Eberle, Bettina Hamel, Bettina Hauenschild, Marie Koslowski, Linda Löbel, Laura Maire und Susanne Schroeder gehen in mehreren Bildern der Frage nach persönlicher und gesellschaftlicher Freiheit auf den Grund.

In diesem Jahr wäre der große deutsche Dichter Georg Büchner 200 Jahre alt geworden. Der Kampf um die Freiheit, der in Büchners Dramen immer eine Rolle spielt, hat und wird auch nie an Aktualität verlieren. In DANTON IST TOT gehen mit der Frage nach Freiheit aktuelle Themen einher, wie etwa der Drang nach Individualität oder auch nach einem vermeintlichen Fortschritt. Im Fokus jedoch steht das emanzipatorische Streben gegen eine patriarchalisch geprägte Gesellschaft. Die im 18. Jahrhundert für die Frauenrechte kämpfende Olympe de Gouges ist genauso präsent wie Simone de Beauvoir, Judith Butler oder Alice Schwarzer. Es ist ein buntes, collagenartiges Gesamtbild mit psychologisch, fein ausgearbeiteten Figuren. Die Darstellerinnen verkörpern Frauen aus einer vergangen Ära, sowie moderne Frauentypen, die sich mit ihrer Rolle in der Gesellschaft auseinandersetzten und weiterhin auseinandersetzen werden. Rollkragen Pullis und Schlaghosen treffen auf Barcode Tang Tops und knappe Höschen. In der Wohnzimmer Kulisse wird erklärt, erzählt und diskutiert. Von Starrheit keine Spur. Ein Tisch dreht die Runde, Kostüme fliegen durch die Luft, Bilder an der Wand kommen und gehen. Der sichtbare Szenenumbau gibt dem Stück Eigendynamik. So sind die Szenen durch viel Text nicht gerade leicht verdaubar. Bewegung tut dem Stück, das keine auf sich aufbauende Handlung besitzt, gut. Die musikalische Untermalung der entzückenden Livemusikerin Rosalie Eberle entfaltet sich als ein wohltuendes, erfrischendes Mittel an diesem Freitagabend.

Ein gelungener Abend, der mir jedoch nicht allzu nah ging. Mir fehlte die Brisanz der Thematik. So lag die Genialität Büchners doch gerade darin, den Zeitgeist in seinem Herzen zu treffen. Der Geschlechterkampf in Deutschland gehört trotz Frauenquotendiskussion nach meinem Empfinden nicht zu den brisantesten Themen unserer Zeit.

Danton ist tot

Advertisements

Dantons Tod – Jette Steckel

Thalia Theater

KLICK

Das erste Mal im Thalia Theater in Hamburg. Ich sitze im Oberrang, kann aber alles gut sehen und verstehen.

Es wird Dantons Tod von Büchner gespielt in einer Inszenierung von Jette Steckel. Eine der drei jungen Neu-Regisseure am Thalia, die das Bild des Theaters prägen. Steckel inszeniert viele Klassiker, wohin gegen die anderen beiden sich eher an moderne Stücke wagen. Trotzdem ist Steckels Inszenierung nicht altbacken und staubtrocken. Sie verbindet moderne Spieltechniken und Inszenierungselemente mit klassischem Text.

Es steht ein Keyboard und eine E-Gitarre auf der Bühne und auch das Schlagzeug kommt in einer Session zwischen Danton und Robespierre so wunderbar zum Einsatz, dass es einem Rockkonzert gleicht das sich einwandfrei mit dem Text Büchner vermischt. Die Musik spielt hier generell eine enorme Rolle, was bei dem Thema ja eigentlich sehr passend erscheint. Es geht um die Französische Revolution: Um Herrschaft, um Regierungssysteme und was man eigentlich erreichen will und ob es sich lohnt dafür zu kämpfen- Für seine Überzeugung. Alles Themen mit denen wir uns auch heute wieder mehr beschäftigen. Überall flackern Revolutionen auf, mal Große und mal Kleine über den ganzen Erdball verteilt. Diese Aktualität spürt man deutlich in der Inszenierung  auch wenn sie nicht mit Worten erwähnt wird. Sie schwingt im Unterton mit, warum genau kann ich auch nicht sagen. Es ist nur so ein Gefühl.

Das Bühnenbild ist grandios. Die Drehbühne wird hier voll zum Einsatz gebracht. Es gibt zwei Kreise, die sich in unterschiedliche Richtungen drehen. Auf dem Kleinen steht eine große Kugel deren Innenteil rausgeschnitten wurde und die nur noch einen Rahmen hat, sozusagen. Es ist schwer zu beschreiben. Die Schauspieler bespielen die Kugel. Mit ihren vier Seiten und zwei Ebenen kann sie immer wieder etwas Neues zum Vorschein bringen. Die Kreise rotieren und drehen sich immer weiter, genauso wie sich auch Dantons Schicksal und die Revolution immer weiter drehen bis zum Tod. „Die Revolution frisst ihre Kinder“, wie es bei Büchner heißt. Eine Aussage, die durch das Bühnenbild und die laute, rotierende Musik unterstützt und in ein Bild gebracht wird.

Jörg Pohl als Danton ist großartig, genauso wie alle anderen Schauspieler. Es ist ein perfektes Zusammenspiel zwischen Schauspiel, Musik, Bühne und Inszenierung. Jette Steckel ist eine Regisseurin, die zu Recht am Thalia inszeniert.

(c)Armin Smailovic


Im Keller gehen die Uhren anders – „Woyzeck“ im Haus der kleinen Künste // hwmüller

Nach der Aufführung macht ein Lektüreschlüssel für Gymnasiasten die Runde im Publikum. Jemand hat ihn mitgenommen, um auf der Fahrt flüchtig aufzufrischen, was aus der Schulzeit nur noch dunkel in seinem Kopf herumdämmerte. „Woyzeck“, das ist offensichtlich Pflicht, das gehört zur Bildung, das darf, kann oder will man nicht ohne Vorkenntnisse genießen. Wenn eine Inszenierung mit bildungsbedingten Erwartungshaltungen spielen will, hat sie es leicht, will sie aber eine ganz eigene Version der Geschichte vermitteln, dann hat sie es schwer, denn die Wahrnehmung des Publikums ist von einer diffusen Mischung aus Textkenntnis und Interpretations-Fremdanleihen vorbelastet. Allein schon die bei jeder „Woyzeck“-Aufführung unterschiedliche Auswahl und Anordnung der Szenen stellt ja die Zuschauer vor die große Herausforderung, all das zu vergessen, was sie gelesen haben, was aber hier nicht gespielt wird – sonst wird man der jeweiligen Version nicht gerecht.

Bei hwmüller muss man nicht nur das vergessen, was nicht gespielt wird, sondern muss auch bei Einigem, was gesprochen wird, so tun, als hätte man es noch nie gehört, denn er stellt zahlreiche Texte in einen neuen Zusammenhang, legt ihn anderen Figuren in den Mund. Figuren gibt es nur drei, und diese Reduktion sorgt für Klarheit: Da ist die Autorität, Hauptmann und Arzt in einer Person, da ist der Untergebene Woyzeck, der der Autorität dienen muss, und da ist eine Frau, Marie, die sich auf beide erotisch einlässt. Am Ende tötet der Untergebene die Frau, vielleicht aus Eifersucht, vielleicht als Opfer im Dienste einer imaginären Mission. Während in Büchners Fragment ein Patchwork angerissener Szenen, gestreifter Orte und episodisch auftauchender Figuren ein Milieu andeutet, welches das Handeln der Figuren determiniert, bleibt hier die ganze Widersprüchlichkeit in den drei Figuren hängen, müssen sie ihre Motivation aus sich selbst heraus finden. Das überzeugt. Zwar weiß man nicht so recht, um welche Autorität es eigentlich geht und in welcher Art von Abhängigkeit Woyzeck sich befindet. Aber wo die gesellschaftlichen Umstände im Dunkeln bleiben, springt die Atmosphäre des Kellerraums (ungewollt?) ein: Drei Menschen bilden in einem staubigen Bunker wie Überlebende einer Katastrophe eine Miniatur-Gesellschaft, in der bestimmte Rollen eben verteilt werden müssen.

Durch die Reduktion der Figuren zu einem kompakten Dreieck gewinnt vor allem Marie ein neues Profil: Nicht aus sexueller Gier nach einem smarten geerdeten Burschen wird sie dem vergeistigten Woyzeck untreu, sondern aus Berechnung und Mangel an Alternativen gibt sie sich dem (kaum weniger realitätsfernen) Hauptmann, dem Vertreter der Macht hin. Und Woyzeck sieht alles, von Anfang an, mal schweigend, mal protestierend. Die räumliche Verdichtung ermöglicht beklemmende, stimmige Bilder. Keine Orts- und Zeitsprünge helfen den dreien, sich voreinander zu verstecken. Hier kann sich niemand aus der Verantwortung ziehen.

Ebenso wenig wie die Figuren kann sich allerdings die Technik in einem intimen Raum wie dem Keller der kleinen Künste verstecken. So wunderbar sich die Aufführung atmosphärisch in den tristen Bunker einfügt, so ungeschickt geht der Regisseur mit diesem Problem um, wenn er gut sichtbar am Technikpult die Aufführung steuert. Das Leuchten des Laptops stört gewaltig, und wenn es Lichtwechsel oder Toneinspielungen gibt, sieht man das seinem gespannten Gesicht immer schon eine Minute vorher an. Dann kommt der jeweilige Effekt tatsächlich – und wirkt erzwungen. Entweder man hat die Möglichkeiten, solche Effekte von Geisterhand geschehen zu lassen, oder es muss eben ohne gehen.

Aber Klänge spielen eben eine wichtige Rolle für die Inszenierung. Immer wieder ist ein Uhrticken, ein Pulsschlag zu hören, mal stur, später beschleunigend. Woyzeck als der Eifrige, Gehetzte steht dem apathischen, vor dem Vergehen der Zeit die Augen verschließenden Hauptmann gegenüber. Das Stethoskop, mit dem er Woyzecks inneren Rhythmus abhört, wird zum Symbol der Kontrolle und entfaltet als solches im rätselhaften Schlussbild von Maries Ermordung ergreifend dämonische Wirkung. Leider vertraut hwmüller seinem klugen Prinzip der Reduktion nicht genug, wenn es darum geht, den Umgang mit der Zeit wirklich zum thematischen Zentrum zu machen. Dafür schleppt die Fassung noch zu viel Büchner-Text mit, die sie gar nicht bräuchte (insbesondere die völlig aus dem Zusammenhang genommenen Lieder, deren Vortrag ebenso sinnlos wie peinlich ist). Das hätte man noch schärfen können.

Mehr Schärfe wäre auch in der schauspielerischen Umsetzung schön gewesen. Sowohl Julius Maria Dattenberger als Woyzeck wie auch Wolfgang Jelend als sein männlicher Widerpart wählen als Grundhaltung unterschiedliche Ausprägungen von Lethargie – und wie immer ist es ein Balanceakt, aus einer lethargisch-sedierten nicht eine langweilige Figur werden zu lassen. Dattenberger schnuddelt sich so geistesabwesend durch seinen Text, dass man wenig versteht und mehr Lustlosigkeit als Verstörung wahrnimmt, und Jelends wunderbar monotone Melancholie schlägt ab und zu in schauspielerische Schläfrigkeit um. Ein gelungenes Gegengewicht bildet die jederzeit wache Marie von Caroline Ruske: Sie strahlt eine den Verhältnissen trotzende, lächelnde Hinterlist aus, während ihr die Momente von Zweifel und Reue weniger glaubhaft gelingen.

Alles in allem ein kluges Konzept, das aber eine radikalere und gründlichere Ausführung vertragen könnte, damit man besser versteht, worum es eigentlich geht. Der Blick in den Lektüreschlüssel kann das nicht ersetzen – zum Glück.


%d Bloggern gefällt das: