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Körper und Ich – Der Körper als Ausstattung

Marie Golüke und Roland Walter boten am 15.2.2014 eine dreiteilige Einzelperformance im Haus der kleinen Künste mit dem Dachthema „Körper und Ich“ dar. Die einmalige Aufführung in München lotete die Grenzen von Körpern und Körperlichkeit aus, die Möglichkeit der Manipulation des eigenen Körpers und damit auch die Konstituenten des Geschlechts und die Unmöglichkeit der Bewahrheitung von Liebe

Die Rahmung: welche Körperlichkeit darf auf die Bühne?

Das Programm kündigt Walters Performance „Vogelflug“ mit der vermeintlich pathetischen Frage an: „Frei sein wie ein Vogel. Wie geht das?“ Erst wenn man auf den Hinweis stößt, dass der Performer körperlich behindert ist, eine starke Behinderung, die ihn an einen Rollstuhl bindet, transformiert sich die Frage, die sich im Grunde zwischen Ratgeberliteratur und Kindersprache bewegt, in eine gewisse Radikalität, die Frage danach, wie sich Sehnsucht ökonomisiert, wenn die körperlichen Bedingungen dergestalt beeinträchtigt sind? Es entsteht eine diffuse, stumme und radikale Sehnsucht nach dem Anderen und Draußen. Die häufige Verwendung der Geburtsmetapher – sowohl die von der körperlichen Beeinträchtigung diktierte Embryonalstellung, die Fesselrequisite, die man als Nabelschnur verstehen kann, als auch das sehnsuchtsvolle Ins-Leere-Greifen auf die Sonne zu – kann man in diesem Kontext verstehen. Jedoch lässt dies für den Zuschauer keine Möglichkeit offen, sich irgendwie mit der Figur identifizieren zu können – die Aussage driftet sogar in eine Tautologie ab. Deswegen muss man zuschauen und Walters Darbietung als erzählende Innenschau hinnehmen, die sich in der Dialektik Freiheit/Gefangensein ergeht. Und diese bewegt sich durchgehend dann doch dem ersten Riecher gemäß in einem Zwischenstadium, dem die künstlerische Brechung fehlt.

Was hier zumindest versucht wurde, ist, einer Stimme, der wir sonst kaum Gehör schenken, Ausdruck zu verleihen. Aber bitte nicht, wenn man bedenkt, dass im Feld der Politik politische Maßnahme vonnöten sind, Quoten für körperliche Behinderte einzuführen, die nichts anderes als ihre gesellschaftliche Ohnmacht quittieren. Der Raum der Bühne sollte durch die Vorannahme der Möglichkeit der Ausserstandsetzung gesellschaftlicher Konventionen umso eindringlicher schildern können, was es heißt, behindert zu sein. Behinderte auf die Bühnen – aber bitte nicht als Behinderte!

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Das Geschlecht: „Eat, Love, Puke – Parfoce“

Das für diese Aufführung revidierte Stück von Cornelia Gellrich ist der Monolog einer Schauspielerin, die um der Idee der Schönheit willen sich selbst bis an die körperlichen Grenzen manövriert, und zwar im Fressen, in der Liebe und im Kotzen. Die sich auch deswegen in einem selbstgewählten Märtyrertum aufreibt, um dem existentiell verwurzelten Misstrauen gegenüber der Möglichkeit der Liebe des von ihr vergötterten Mannes entgegen zu wirken. Denn dem unverstandenen Überschuss, der aus solch einem Glücksfall resultiert, dem nämlich, erwiderter und tiefer Liebe, dessen quasi erwählt zu sein, muss man erst einmal beikommen. Sie muss sich selbst schnitzen und formen, um sich überhaupt in den Bereich zu drängen, in dem Begehren eine Rolle spielen kann. Sie rationalisiert mit dem Körper die Gabe der Liebe und verleiht ihm (und sich) vor dem object ambigou Macht, und zwar über eine negative (weibliche) Praktik: Selbstgeißelung in Form von Bulemie und Fresssucht, um überhaupt als liebenswerter Körper mit Investitionen bestimmt werden zu können. Die Überraschung bei der Behandlung des Themas ist also, dass bei der Problematik Masochismus als Liebesgarant keine Kompensationslogik oder Traumaargumentation zum Tragen kommt, sondern dass sich die Protagonistin über die Optimierungsmaßnahmen vor ihrer großen Liebe und ewig unerfüllt bleibenden Sehnsucht beweisen will.

Was ist dies jedoch anderes als sich in einem konservierten Körper zu befinden? Golüke setzt diesen Gedankengang gekonnt um, indem sie sich in Frischhaltefolie einwickeln lässt. Zusätzlich zu jener Blutstauchung durch den Wärmeverlust, der auftritt, wenn man bei geringer Bekleidung in dem außergewöhnlich kalten Raum steht (siehe Foto), kommt also die Blutstauchung durch Abschnürung der Blutbahnen. Dies verleiht der Aufführung eine Intensität und fügt dem Stück eine weitere Bedeutungsebene hinzu: Das erschöpfte Keuchen der Schauspielerin zeigt die Anstrengung um den ewigen Geliebten: das Publikum.

Die Darbietung: wohin mit dem Körper?

Damit haben wir hier zwei Verhandlung in einem dreisätzigen Stück, das nicht unterschiedlicher den Begriff „Körper“ fassen könnte: Während Walter sich mit dem Körper in der Dialektik Freiheit/Gefangenheit auseinandersetzt, ist Golükes Körper als Mittel zentriert, mit dem man doch nicht die Sehnsucht zu lieben und den Kampf geliebt zu werden einholen kann. Ein kurzer Moment der Befreiung kündigt sich an, wenn das Kotzen einsetzt, wenn der Körper an die Grenzen seiner Belastbarkeit geführt wird – und auch ich den Wunsch verspürte aufzuspringen, um die schwankende Golüke aufzufangen. Ein durchwachsener Abend.

Bild: copyright: Julian Herrfurth


Im Keller gehen die Uhren anders – „Woyzeck“ im Haus der kleinen Künste // hwmüller

Nach der Aufführung macht ein Lektüreschlüssel für Gymnasiasten die Runde im Publikum. Jemand hat ihn mitgenommen, um auf der Fahrt flüchtig aufzufrischen, was aus der Schulzeit nur noch dunkel in seinem Kopf herumdämmerte. „Woyzeck“, das ist offensichtlich Pflicht, das gehört zur Bildung, das darf, kann oder will man nicht ohne Vorkenntnisse genießen. Wenn eine Inszenierung mit bildungsbedingten Erwartungshaltungen spielen will, hat sie es leicht, will sie aber eine ganz eigene Version der Geschichte vermitteln, dann hat sie es schwer, denn die Wahrnehmung des Publikums ist von einer diffusen Mischung aus Textkenntnis und Interpretations-Fremdanleihen vorbelastet. Allein schon die bei jeder „Woyzeck“-Aufführung unterschiedliche Auswahl und Anordnung der Szenen stellt ja die Zuschauer vor die große Herausforderung, all das zu vergessen, was sie gelesen haben, was aber hier nicht gespielt wird – sonst wird man der jeweiligen Version nicht gerecht.

Bei hwmüller muss man nicht nur das vergessen, was nicht gespielt wird, sondern muss auch bei Einigem, was gesprochen wird, so tun, als hätte man es noch nie gehört, denn er stellt zahlreiche Texte in einen neuen Zusammenhang, legt ihn anderen Figuren in den Mund. Figuren gibt es nur drei, und diese Reduktion sorgt für Klarheit: Da ist die Autorität, Hauptmann und Arzt in einer Person, da ist der Untergebene Woyzeck, der der Autorität dienen muss, und da ist eine Frau, Marie, die sich auf beide erotisch einlässt. Am Ende tötet der Untergebene die Frau, vielleicht aus Eifersucht, vielleicht als Opfer im Dienste einer imaginären Mission. Während in Büchners Fragment ein Patchwork angerissener Szenen, gestreifter Orte und episodisch auftauchender Figuren ein Milieu andeutet, welches das Handeln der Figuren determiniert, bleibt hier die ganze Widersprüchlichkeit in den drei Figuren hängen, müssen sie ihre Motivation aus sich selbst heraus finden. Das überzeugt. Zwar weiß man nicht so recht, um welche Autorität es eigentlich geht und in welcher Art von Abhängigkeit Woyzeck sich befindet. Aber wo die gesellschaftlichen Umstände im Dunkeln bleiben, springt die Atmosphäre des Kellerraums (ungewollt?) ein: Drei Menschen bilden in einem staubigen Bunker wie Überlebende einer Katastrophe eine Miniatur-Gesellschaft, in der bestimmte Rollen eben verteilt werden müssen.

Durch die Reduktion der Figuren zu einem kompakten Dreieck gewinnt vor allem Marie ein neues Profil: Nicht aus sexueller Gier nach einem smarten geerdeten Burschen wird sie dem vergeistigten Woyzeck untreu, sondern aus Berechnung und Mangel an Alternativen gibt sie sich dem (kaum weniger realitätsfernen) Hauptmann, dem Vertreter der Macht hin. Und Woyzeck sieht alles, von Anfang an, mal schweigend, mal protestierend. Die räumliche Verdichtung ermöglicht beklemmende, stimmige Bilder. Keine Orts- und Zeitsprünge helfen den dreien, sich voreinander zu verstecken. Hier kann sich niemand aus der Verantwortung ziehen.

Ebenso wenig wie die Figuren kann sich allerdings die Technik in einem intimen Raum wie dem Keller der kleinen Künste verstecken. So wunderbar sich die Aufführung atmosphärisch in den tristen Bunker einfügt, so ungeschickt geht der Regisseur mit diesem Problem um, wenn er gut sichtbar am Technikpult die Aufführung steuert. Das Leuchten des Laptops stört gewaltig, und wenn es Lichtwechsel oder Toneinspielungen gibt, sieht man das seinem gespannten Gesicht immer schon eine Minute vorher an. Dann kommt der jeweilige Effekt tatsächlich – und wirkt erzwungen. Entweder man hat die Möglichkeiten, solche Effekte von Geisterhand geschehen zu lassen, oder es muss eben ohne gehen.

Aber Klänge spielen eben eine wichtige Rolle für die Inszenierung. Immer wieder ist ein Uhrticken, ein Pulsschlag zu hören, mal stur, später beschleunigend. Woyzeck als der Eifrige, Gehetzte steht dem apathischen, vor dem Vergehen der Zeit die Augen verschließenden Hauptmann gegenüber. Das Stethoskop, mit dem er Woyzecks inneren Rhythmus abhört, wird zum Symbol der Kontrolle und entfaltet als solches im rätselhaften Schlussbild von Maries Ermordung ergreifend dämonische Wirkung. Leider vertraut hwmüller seinem klugen Prinzip der Reduktion nicht genug, wenn es darum geht, den Umgang mit der Zeit wirklich zum thematischen Zentrum zu machen. Dafür schleppt die Fassung noch zu viel Büchner-Text mit, die sie gar nicht bräuchte (insbesondere die völlig aus dem Zusammenhang genommenen Lieder, deren Vortrag ebenso sinnlos wie peinlich ist). Das hätte man noch schärfen können.

Mehr Schärfe wäre auch in der schauspielerischen Umsetzung schön gewesen. Sowohl Julius Maria Dattenberger als Woyzeck wie auch Wolfgang Jelend als sein männlicher Widerpart wählen als Grundhaltung unterschiedliche Ausprägungen von Lethargie – und wie immer ist es ein Balanceakt, aus einer lethargisch-sedierten nicht eine langweilige Figur werden zu lassen. Dattenberger schnuddelt sich so geistesabwesend durch seinen Text, dass man wenig versteht und mehr Lustlosigkeit als Verstörung wahrnimmt, und Jelends wunderbar monotone Melancholie schlägt ab und zu in schauspielerische Schläfrigkeit um. Ein gelungenes Gegengewicht bildet die jederzeit wache Marie von Caroline Ruske: Sie strahlt eine den Verhältnissen trotzende, lächelnde Hinterlist aus, während ihr die Momente von Zweifel und Reue weniger glaubhaft gelingen.

Alles in allem ein kluges Konzept, das aber eine radikalere und gründlichere Ausführung vertragen könnte, damit man besser versteht, worum es eigentlich geht. Der Blick in den Lektüreschlüssel kann das nicht ersetzen – zum Glück.


König Roland // Body in motion – Roland Walter im Haus der kleinen Künste

Ich bin ja bekennender Fan vom Haus der kleinen Künste, denn hier sehe ich immer wieder: Theater, das berührt, das wirklich bei mir ankommt, ist nicht zu Hause auf großen Bühnen – Theater ist im Keller! Und der gestrige Abend hat mir wieder einmal Recht gegeben.

Lange habe ich nach einem passenden Titel für meinen Artikel über Roland Walters Performance im Haus der kleinen Künste gesucht. Am Ende bin ich zu einem Schluss gekommen, der eigentlich offensichtlich war, ja vielleicht sogar der einzig mögliche Titel, mit dem sich das zusammenfassen lässt, was ich gestern im Keller gesehen habe: König Roland. Der Abend beginnt mit einer Lesung aus Rolands Buch – ja, Roland hat ein Buch geschrieben. Über sein Leben, seine spastische Lähmung und die Erfahrungen, die er mit seinem Körper, seinen Mitmenschen und unserem Sozialsystemgemacht hat. Der Titel des Buches ist übrigens der gleiche wie der meines Artikels: König Roland – Im Rollstuhl durch das Universum. Roland wird zuerst von seiner Assistentin Andrea auf eine Couch gehievt, von wo er seine Zuschauer mit kindlicher Freude anstrahlt. Bereits in diesem Moment sind meine Berührungsängste, die ich zugegebenermaßen zu Beginn hatte, verflogen und ich kann nicht anders, als zurückzulächeln. Dann begrüßt Roland sein Publikum in seiner ganz eigenen Sprache, die anfangs für mich nur schwer zu verstehen ist. Andrea muss übersetzen. Sie beginnt, Rolands Lebensgeschichte zu erzählen anhand vonKapiteln aus seinem Buch. Angefangen mit seiner Geburt, bei der es durch Sauerstoffmangel zu Rolands spastischer Lähmung gekommen ist, bis zu seiner Tätigkeit als Organisator von Behindertenfreizeiten, die er sich anfangs nicht zugetraut hat. Manche Dinge, in die Roland uns Einblick gibt, berühren mich tief, beispielsweise die Geschichte, wie er von Jugendlichen überfallen und geschlagen wurde, oder wie man ihm nach einem Unfall im Krankenhaus Medikamente und das Essen verweigerte. Bei anderen, den lustigen Erlebnissen mit seinen Assistenten, lache ich mit ihm mit, als Andrea das entsprechende Kapitel zum Besten gibt. Roland muss zwar vorlesen lassen, aber die Regie hierbei führt immer noch er selbst – nur damit das geklärt wäre. Und gegen Ende der Lesung beginne ich das Prinzip König, das Roland verkörpert, zu verstehen.

Der zweite Teil des Abends besteht aus drei Performances. In der ersten stellt Roland seine Geburt da. Er rollt sich in seinem Rollstuhl zusammen – an sich schon eine Bewegung, die den meisten anderen Menschen unmmöglich wäre, und als die Musik einsetzt, beginnt er zu tanzen. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der mit solch einem Bewusstsein und so einer Körperbeherrschung Musik mit jedem Teil seines Körpers fühlen kann. Roland ist tief konzentriert, gibt auch mit seinem Gesicht alles von sich preis. Zu Anfang der Performance hat er uns erzählt, dass er seinen Körper als ein ihm von Gott gegebenes Geschenk sehe und nun gibt er diese Gabe an uns weiter und ich fühle mich ebenfalls reich beschenkt. Auch die zweite Performance ist zu Musik und trägt den Namen „Changes“. Dieses Mal drückt Roland mit seinem Tanz die Möglichkeiten und die Grenzen aus, die ihm durch seinen Körper gegeben sind und auf welche Art und Weise man sich dadurch entwickeln kann. In der dritten Performance, die nicht von Musik begleitet wird, liegt Roland bis auf die Unterhose nackt auf dem Boden und fesselt sich selbst mit einer Eisenkette. Ich finde es gut, dass dieser Teil an den Schuss gestellt wurde, da er uns Zuschauern und auch Roland einiges abverlangt. Er handelt von der Befreiung aus Rolands Gefängnis, das sein eigener körper ist. Als Roland am Ende seine Ketten abgestreift hat, habe ich einen freien Mann vor mir.

Doch diese dritte Performance hätte es gar nicht gebraucht, um mich davon zu überzeugen, dass Roland gar kein Gefangener ist. Sowohl in seinen Bewegungen als auch in seinem Denken und Handeln ist er für mich freier und selbstbestimmter, als es die meisten Menschen ohne Behinderung je sein werden. Ja, das Prinzip König hat sich für mich an diesem Abend auf jeden Fall bewahrheitet und ich gehe nach Hause mit Dankbarkeit dafür, dass Roland es für einen Abend mit mir geteilt hat. Lange Feiern war gestern übrigens für Roland nicht mehr drin, denn schon heute ist die nächste Vorstellung in Salzburg.


Weniger ist ganz schön viel // „Die Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ im Haus der kleinen Künste

Nirgends finde ich Theater schöner als im kleinsten Rahmen, in „Kuschelatmosphäre“ sozusagen. Ach ja, ein Keller macht sich da auch nicht schlecht und Gogols „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ scheint wie für das Haus der Kleinen Künste geschrieben.

Hier hat sich der kleine Beamte Poprischtschin, gespielt von Maximilian Pfnür eingenistet: Ein Bett, eine Couch, ein Tisch und eine Lampe, mehr gibt es nicht, in dieser Welt des spanischen Bürgerkrieges, voll von Regeln, Hierarchien und rigoroser Bürokratie. Zu hören bekommt das Publikum den Monolog von einem, für den das Gesellschaftssytem, seine Behörde und vor allem die unerfüllte Liebe zur Tochter seines Direktors zum Gefängnis werden. Es ist eine Gedankenspirale, die immer mehr an Eigendynamik gewinnt, durch Ereignisse, auf die Poprischtschin keinen Einfluss hat. Das Gespräch zwischen zwei Hunden, das er belauscht hat, scheint hier nicht die Einbildung eines Wahnsinnigen, sondern ein natürliches Ereignis. Am Ende steht die Erhebung zum König von Spanien und auch diese Krönung ist ein fast logischer Akt. Dieser scheitert jedoch, wie Poprischtschin selbst, an der Realität.

Den Wahnsinnigen zu spielen erfordert Feingefühl, alleine ein ganzes Leben vor seinem Publikum aufzubauen, erfordert große Kraft. Maximilian Pfnür findet genau die richtige Mischung und es gibt nur ganz wenige Momente, in denen ich nicht im Stück bin, weil ich das Gefühl habe, das er in jedem Augenblick direkt zu mir spricht, Poprischtschins Wahngedanken werden zu einem ganz normalen Dialog. Maximilian Pfnür präsentiert diese Gedanken nicht etwa mit übertriebenen Pathos oder überdreht, sondern herrlich unaufgeregt und das ist sympathisch, auch wenn die Töne, die er anschlägt stellenweise etwas zu leise werden. Es entsteht ein gutes Gespräch zwischen ihm, mir und den anderen Zuschauern, kein Stück. Ich glaube, wenn ich wieder mal Theater gucke, dann gehe ich dazu in den Keller und kann das auch nur jedem anderen empfehlen.

Es gibt noch eine Vorstellung am Freitag, 8.6. um 20.00 Uhr – unbedingt hingehen!!


Maria Stuart – Dominik Frank

Theater ist im Keller/
Haus der kleinen Künste

KLICK

Jeder kennt den Kampf zwischen Maria Stuart, Königin von Schottland, und Elisabeth, Königin von England, im 16. Jahrhundert um Macht, Männer und den englischen Thron. Maria Stuart  wurde in den Kerker gesteckt, als sie Asyl in England bei Elisabeth suchte. 1587 wurde sie wegen Hochverrats hingerichtet.

In Schillers Drama werden die letzten Wochen und Tage vor der Hinrichtung Marias gezeigt. Schiller ist  historisch nicht sehr genau, sondern nimmt die Historie als Rahmenhandlung. Die bedeutendste Änderung Schillers ist, dass er Maria und Elisabeth im 3. Akt Aufeinandertreffen lässt.  Elisabeth hasst Maria und ist ständig im Clinch mit sich selber, ob sie den Todesbefehl ihrer Halbschwester unterschreiben soll oder nicht. Das Ende ist allgemein bekannt. Ihr seht ich liebe dieses Drama von Schiller und auch die historisch korrekten Begebenheiten find ich wahnsinnig spannend.  Es gibt eine ganz tolle Romanbiographie von Maria Stuart, die ich verschlungen habe!

Dominik Frank inszeniert mit nur einer Schauspielerin. Wie das geht? Das Drama von Schiller ist bis auf Marie und Elisabeth zusammengestrichen und auch von ihrem Text fehlt einiges. Teresa Geisler spielt Maria und Elisabeth. Um da durchzublicken, ist es hilfreich pünktlich zu sein und sich die sehenswerte Einführung von Dominik Frank anzuhören.

Ich will eigentlich gar nicht zu viel verraten. Ich halte es für eine gelungene und kluge Inszenierung. Der Keller vom Haus der kleinen Künste ist bestens dafür geeignet. Es ist ein kleiner und intimer Theaterabend. Wir waren zwölf Zuschauer, was aber völlig gepasst und ausgereicht hat. Gespielt wird in einem Gang und die Schauspielerin geht immer wieder an den Zuschauern vorbei, die an der Wand sitzen. Auf der einen Seite des Ganges ist Elisabeth auf der anderen Maria und in der Mitte treffen sie sich und sehen sich in die Augen! Sie tun es wirklich, gespielt von einer Schauspielerin! Sehr schön fand ich auch, dass die Zuschauer beleuchtet waren und die Schauspielerin manchmal nicht. So wurde das eigentliche, konventionelle Konzept von Theater völlig umgedreht und man konnte seinen Nachbarn beim Bier trinken zuschauen.

Teresa Geisler spielt hervorragend. Sowohl die eine als auch die andere Rolle, sie versteht es die Differenzen der beiden Figuren herauszuarbeiten aber sie trotzdem wieder als eine erscheinen zu lassen. Sie ist Maria, Elisabeth, Maria und Elisabeth und auch wieder nur sie selber. Man kann den ganzen Abend über rätseln, wenn sie nun eigentlich spielt und man wird  auch regelrecht dazu aufgefordert. Mir persönlich hat die Elisabeth am besten gefallen. Am Ende wenn das Buch keinen Seiten mehr hat und sie verzweifelt noch einen letzten Satz sucht, ihn aber nicht findet ist sie alles auf einmal und eigentlich auch Nichts.

Die Aufführung wird begleitet mit einer kleinen Ausstellung von Florian Sellmeier. Seine Fotos zeigen eine völlig neue Sichtweise auf München. Man steht vor diesen Fotos und fragt sich die ganze Zeit, wie er das gemacht hat. Ein neuer Stadtraum entsteht in diesen Fotos.
KLICK

Das Zusammenführen von Darstellender und Bildender Kunst, das in diesem Raum am Entstehen ist, funktioniert. Vielleicht wird es ein Zukunftsmodel. Ich finde es sehr gelungen.

Die nächste und letzte Aufführung wird nächsten Freitag, 4.11.2011 um 20 Uhr sein. Geht hin es lohnt sich! Ich fand es sehr interessant und spannend und auch wenn man mal abschweift und dem Inhalt nicht so ganz folgen kann, klingt immer noch die schöne Melodie von Schiller Sprache im Ohr.


Datos De Luna/Mondangaben – Jorge Ourcilleon

Vernissage/ Lesung im Haus der kleinen Künste

KLICK

Das Haus der kleinen Künste ist ein kleiner, feiner Laden am Isator. Es gibt auch einen Keller der kleinen Künste, wo regelmäßig Ausstellungen, Lesungen und Performances stattfinden.

Gestern war ich nun da zu einer Ausstellung von Jorge Ourcilleon. Der gebürtige Spanier, lebt seit seinem Studium in Deutschland.

Seine Gedichte haben alle etwas Leichtes, Luftiges und im Unterton kommt eine gewisse Melancholie durch. Sie sind kurz aber schön. Ich bin versunken.

Und seine Bilder sind genauso. Leicht, fast kindlich und naiv und doch mit einem Hauch Melancholie. Man schaut sie mehr als nur ein paar Sekunden an. Sein Lieblingsthema ist das Meer. Es gibt viele Bilder in Türkis oder in Blau aber auch meine Lieblingsfarbe war vertreten. Pink, eingebettet in Schwarz zum Thema Schlaflosigkeit. Das Bild hat die Unruhe sehr gut dargestellt.

Es ist eine tolle Ausstellung und sowohl grafische Bilder als auch Bilder mit Personen oder Tieren findet man dort.

Am 29.4 ist die letzte Lesung und die Ausstellung geht bis zum 2.Mai.

Es lohnt sich. Ich hab mir schon ein Bild ausgesucht!


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