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Psychokrieg im bäuerlichen Milieu – Tolstojs „Die Macht der Finsternis“ in München

theater…und so fort

Düstere Abende im theater…und so fort: Diesen Monat feierte Lew Tolstojs naturalistisches Drama unter der Regie des Schauspielers Konrad Adams Premiere. In den fünf Akten des Stücks wird ein meist trostloses Bild des bäuerlichen Russlands gezeichnet: Der Bauer Pëtr quält sich mit einer schweren Krankheit herum, tyrannisiert jedoch trotzdem seine Frau Anisja und seine Töchter aus zwei Ehen. In ihrer Verzweiflung flüchtet sich die Bäuerin in eine Affäre mit dem Knecht Nikita, der jedoch mit seiner ehemaligen Geliebten Marinka verheiratet werden soll. Nikitas Mutter Matrjona kann nicht nur diese Ehe verhindern, sondern hilft Anisja auch noch, ihren Mann zu vergiften. Nach Pëtrs qualvollen Ableben heiratet Anisja den Knecht, doch Nikita verprasst das Geld seiner neuen Ehefrau, beginnt eine Liebelei mit seiner Stieftochter Akulina und wird zu einem noch schlimmeren Scheusal, als Pëtr es war. Sein Vater Akim und der gutmütige, neue Knecht Mitrič versuchen vergeblich, den Frieden im Haus wieder herzustellen, stoßen jedoch auf taube Ohren. Als Nikita schließlich aus Versehen Akulina schwängert, gewinnen Anisja und Matrjona wieder die Oberhand.

Leichte Kost sind das Stück und die Inszenierung definitiv nicht. Im düsteren, trostlosen Bühnenbild Heinz Konrad agiert eine

Heiko Dietz, Ute Pauer

Heiko Dietz, Ute Pauer

Gruppe von hochkarätigen Schauspielern. Die beiden Hauptdarsteller Ute Pauer als Anisja und Heiko Dietz als Nikita etwa können in jeder Sekunde die Spannung aufrecht erhalten. Sie wandeln sich vom geheimen Liebespaar zu zwei egoistischen Einzelgängern, die um die Dominanz in der Beziehung kämpfen. Anisja zeigt immer nur ihre zerbrechliche Seite, wenn ihre Kontrahenten nicht zugegen sind. Sie leidet unter ihren Männern, ist jedoch eiskalt wenn sie ihrem sterbenden Ehemann das Geld stiehlt oder Nikita zwingt, sein neugeborenes Kind zu töten. Nikita spielt zwar den großen Weiberhelden, ist jedoch immer schnell und auch in Gegenwart anderer emotional völlig überfordert.

Susanna Hasenbach stellt die Rolle der kindlichen Anjutka nicht nur durch ihre Statur, sondern auch durch ihr naives Spiel sehr überzeugend dar – ihr gegenüber steht Noelle Cartier van Dissel als Anjutkas Halbschwester Akulina. Anfangs wird diese von ihrer Stiefmutter schikaniert, später von Nikita ausgenutzt und letztendlich gegen ihren Willen verheiratet. Ihre Darstellerin zeigt eine burschikose und doch naive junge Frau, die nicht merkt, dass sie letztendlich nur als Spielball für die anderen dient. Einen kurzen und doch beeindruckenden Auftritt hat Uwe Kosubek als kranker Bauer Pëtr, der die Bühne zu Beginn bereits hustend, keuchend und mit vollgepinkelten Hosen betritt. Die Figur täte einem Leid, wenn er nicht gleichzeitig ein solches Scheusal wäre. Als er sein Ende kommen sieht, gibt es jedoch einen wundervollen versöhnlichen Moment mit der jüngeren Tochter Anjutka, die ihrem sterbenden Vater einen Kuss auf die Wange gibt.

Solche kleinen Gesten der Menschlichkeit blitzen immer wieder in Konrad Adams‘ Inszenierung auf und helfen dem Zuschauer sehr durch dieses düstere Psycho-Drama. So freundet sich der gutmütige Mitrič (gespielt von Wolfgang Haas), der ebenfalls sehr unter dem Kleinkrieg und seinem Alkoholentzug zu leiden scheint, mit Anjutka an. Ein weiterer Sympathieträger der Inszenierung ist Winfried Hübner als gläubiger Akim. Dieser will einfach nicht verstehen, wie schlecht und rücksichtslos Menschen und allen voran sein Sohn Nikita handeln können. Er versucht vergeblich, die – in dieser Inszenierung mehr als hitzigen – Gemüter zu beruhigen, hat jedoch am Ende selbst einen schrecklichen Wutausbruch, als sein gutes Zureden nicht fruchtet.

Heiko Dietz, Winfried Hübner

Heiko Dietz, Winfried Hübner

Als Zuschauer wird man jedenfalls mitgerissen von den starken und ungeschönten Emotionen, die einem von Adams und seinem Ensemble regelrecht entgegen geschleudert werden. Zwar gibt es sehr vereinzelt winzige humoristische Kommentare oder Situationen, ein Großteil der Lacher sind dann aber wohl eher Ausdruck einer inneren Anspannung, die sich von der Bühne in den Zuschauerraum ausbreitet. Der Regisseur hat die naturalistischen Wurzeln des Stückes auf jeden Fall im Spiel sehr ernst genommen. Zeitlich ist es jedoch eher in moderneren Zeiten angelegt, im Hintergrund hört man Traktoren und Autos und auch die Kleidung scheint nicht aus dem Ende des 19. Jahrhunderts zu stammen.

Das Bühnenbild Heinz Konrads und die Kostüme von Andreas Haun sind ebenfalls naturalistisch angehaucht, haben jedoch auch abstrakte Elemente. So trägt Nikita zum Beispiel zur Hochzeit seiner Schwiegertochter nur ein Hemd zur verdreckten Arbeitshose. Auch die schöne Fassade der Figuren kann also nicht immer über das problematische Innere hinwegtäuschen.
Ein sehr mitreißender Theaterabend für Fans anspruchsvoller Dramatik und wirklich großartiger Schauspieler. Das Stück wird noch bis 17. Mai mehrmals die Woche gezeigt. Karten und Infos gibt es unter der folgenden Adresse.
http://www.undsofort.de/stueck/die-macht-der-finsternis,491

 

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Was wäre wenn… – Ephraim Kishons Komödie „Es war die Lerche“ in München

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Was wäre, wenn Romeo und Julia, das wohl berühmtste Liebespaar der Theatergeschichte, Shakespeares Drama überlebt hätten? Diese Frage beantwortet die Komödie „Es war die Lerche“ von Ephraim Kishon, die am vergangenen Mittwoch Premiere im Münchner theater…und so fort Premiere feierte.

Kishon zeigt das Ehepaar Romeo und Julia dreißig Jahre nach den Ereignissen des elisabethanischen Stücks. Da Julias Mutter ihren Schwiegersohn nicht leiden kann, gibt es auch keine finanzielle Unterstützung für die Tochter.

Sebastian Sash (Shakespeare), Wolfgang Haas (Romeo), Sonja Reichelt (Julia)

Sebastian Sash (Shakespeare), Wolfgang Haas (Romeo), Sonja Reichelt (Julia)

Auch Romeo stellte sich kurz nach der Hochzeit als armer Schnorrer heraus und muss nun als Ballettlehrer die holde Gattin und die zickige Tochter Lucrezia über Wasser halten. Auch das Liebesleben des Paares lässt seit Jahren zu Wünschen übrig, Romeos romantische Zuneigung zu seiner Wärmflasche Lisa trägt dazu nicht positiv bei.

Mitten im Ehestreit taucht zu allem Unglück auch noch William Shakespeare persönlich auf, der aus dem Grab auferstanden ist, um die Beziehung mit allen Mitteln zu retten. Doch stattdessen verliebt er sich in die rebellische Teenager-Tochter und brennt mit ihr durch.

Das Stück klingt chaotisch, und genau das ist es. Aber die Situationen wirken wie aus dem richtigen Leben gegriffen, etwa der schnarchende Ehemann oder das Aneinander-Vorbei-Reden beim Frühstück. In den zwei Stunden Theaterabend bleibt sicher kein Auge trocken. Das liegt vor allem an der detailreichen und kurzweiligen Inszenierung von Heiko Dietz und den drei Darstellern. Ganz in der elisabethanischen Tradition übernehmen die Darsteller mehrere Rollen, weshalb sie sich auch bei Shakespeare beschweren. Sonja Reichelt spielt neben der gelangweilten Ehefrau Julia auch Töchterchen Lucrezia und die alte, schrullige Amme Julias. Wolfgang Haas gibt einen herrlich schrägen Romeo und den doch sehr vergesslichen Pater Lorenzo, der gerne mal die Shakespeare-Figuren durcheinander bringt. Zuletzt noch Sebastian Sash als Willy Shakespeare, der im Gegensatz zum Ehepaar fast nur in Zitaten aus „seinen“ Werken kommuniziert und an dem Verhalten seines Traumpaars schier verzweifelt.

NebenLerche dem akribischen Zerstören des Traumpaar-Klischees wird auch ordentlich mit dem elisabethanischen Theaterwesen aufgeräumt. Die Figuren fragen sich etwa, warum manche immer ihre geheimsten Gedanken laut mit dem Publikum teilen, schließlich könnten sie auf der Bühne das genauso gut hören.

Das Stück macht sicher nicht nur Verheirateten und Shakespeare-Fans Spaß. Wer als Abschluss eines warmen Sommertags einfach nur eine große Portion Humor gebrauchen kann ist in dem kühlen Kellertheater in der Kurfürstenstraße mehr als gut aufgehoben.

Es gibt noch Vorstellungen am 16., 17., 18., 20., 21. und 22. August. Kartenpreise und Möglichkeiten zur Reservierung gibt es unter http://www.undsofort.de/stueck/es-war-die-lerche,396


Der Eindringling aus dem Wald – Völckers „Die Eisvögel“ in München

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Die drei Schüler der Schauspielschule TheaterRaum München feierten gestern die Premiere ihres Semesterprojekts. Diesmal steht der düstere Thriller „Die Eisvögel“ der Berliner Autorin Tine Rahel Völcker auf dem Programm. Das Stück feierte 2004 Premiere.

Die Handlung beginnt eigentlich recht harmlos: Komponist Karl spaziert an einem kalten Wintertag durch den Wald, als er Josi entdeckt, die sich in den zugefrorenen See stürzen will. Er hat Mitleid mit dem Mädchen und nimmt sie mit nach Hause. Karls Frau Eva ist wenig begeistert von dem Gast, besonders als sie sich in ihrer eigentlich glücklichen Beziehung als Störfaktor erweist. Und obwohl sie undurchschaubar wirkt und nichts über ihre Vergangenheit preisgibt, fühlt sich Karl zu Josi hingezogen. Er fühlt sich zu sehr von seinen Mitmenschen, besonders seiner Frau Eva beeinflusst und gesteuert, doch als Eva aus Eifersucht zu einem Freund verschwindet, entscheidet sich Karl für sie. Hat sich Josi anfangs bei dem Paar eingenistet, lassen sie sie nun nicht mehr gehen und alle Beteiligten führen von nun an einen Psycho-Krieg.

Die drei Schüler Pia Kolb (Eva), Linda Hummrich (Josi) und Stefan Voglhuber (Karl) meistern das sicher nicht einfache Stück, das aus einer Abfolge von Dialogen unter den Figuren und an die Zuschauer gerichteten Monologen bestens. Unter der Regie von Schul- und Theaterleiter Heiko Dietz haben sie eine bedrückende Inszenierung geschaffen, in der die psychischen Spannungen im Verlauf des Stücks immer deutlicher und fast unangenehm wird.

Besonders stark ist der Konflikt zwischen den beiden Frauen. Bereits im Prolog werden Eva und Josi als sehr unterschiedliche Charaktere vorgestellt: Eva ist ernsthaft und liebt ihr geregeltes Leben; Josi hingegen ist völlig chaotisch und hat Probleme, ihre Grenzen einzuhalten. Während Karls Ehefrau anfangs noch alles daran setzt, rational mit dem unerwarteten Hausgast umzugehen, findet dieser direkt Gefallen daran, den funktionierenden Alltag zu stören. Und Karl ist zwischen diesen beiden Welten hin und her gerissen. Zwar ist er als Filmmusik-Komponist ein Künstler, trotzdem wird er von seiner Frau zu effizientem Arbeiten gedrängt. Dies ist auch der Grund, wieso er in der geheimnisvollen Josi Gefallen findet und schließlich auch die Prinzipien, die ihm vermutlich andere aufgezwungen haben, über Bord wirft.

Dazu passt auch das beengt wirkende Bühnenbild. Die Räume des Hauses werden nur durch Linien auf dem Bühnenboden und verschiedene schwarzweiße Kästen gekennzeichnet. Gerade wenn die Situation wieder besonders angespannt wird sind alle drei Figuren auf der Bühne, wenn auch zum Teil bewegungslos, da ein Monolog Einblick in die Gefühlswelt eines einzelnen Protagonisten gibt.

eisvoegel_showImmer wieder brechen vor allem Karl und Josi aus dieser Enge aus und finden sich im „Wald“ abseits der Bühne wieder, der zwar mit diversen Baumstämmen natürlich, mangels Blätter jedoch ebenso düster und trostlos wirkt wie das Haus. Auch das bläuliche Licht und die meist fast dunkle Bühne erzeugen eine unheimliche Stimmung.

Zusammenfassend kann man nur sagen, ein sehr spannender Theaterabend, bei dem man vor allem in zweiten Teil jeden Moment mit einer Eskalation rechnet. Die Jungschauspieler zeigen einmal mehr, dass sie jetzt schon von ernst bis komisch die Theatergenres beherrschen.

Die Inszenierung der „Eisvögel“ wird noch am 18., 19., 20., 24., 25., 26. und 27. Juli in der Kurfürstenstraße gezeigt. Informationen und Karten gibt es unter folgendem Link.

http://www.undsofort.de/stueck/die-eisvoegel,387


Philosophie am Bahnsteig – Die nachdenkliche Komödie „Bitte zurückbleiben!“ in München

theater…und so fort

 

Eine alltägliche Situation: vierzehn sehr verschiedene Menschen warten auf einen Zug, der sie in die Innenstadt bringen soll. Die Stimmung ist sehr gereizt, wieso weiß der Zuschauer zunächst nicht. Nur zwei junge Frauen unterhalten sich friedlich miteinander, scheinbar unbeeindruckt von den anderen.

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Es ist nicht ganz einfach, das neue Stück des Theaterchefs Heiko Dietz zusammenzufassen. Es hat eine mitreißende, interessante und stellenweise auch recht lustige Handlung… nur läuft diese rückwärts. Zu Beginn jeder Szene bekommt man eine rätselhafte Situation vor Augen gestellt, doch erst später erfährt man, wie es dazu kam. Dies ist unglaublich spannend, ich persönlich konnte nie vorher erraten, was zuvor geschehen ist. Dabei hat die Geschichte nichts allzu Absurdes oder Unglaubwürdiges. Die Charaktere sind sehr realistisch gezeichnet: die streitsüchtige Therapeutin, die sich beinahe zwanghaft in fremde Angelegenheiten einmischen muss; der verschmitzte ältere Herr, der sich über die Streitereien sehr amüsiert; die gestresste Anwältin, die einen sehr ausgeglichen wirkenden Geistlichen zu einem Gerichtsprozess begleitet; das betrunkene aber glückliche Paar; ein geheimnisvoller Fremder… Es geht jedoch nicht nur um die Probleme oder Ansichten der Einzelpersonen, sondern vor allem auch, wie die Menschen in bestimmten Situationen miteinander umgehen können. Und dabei stellt sich im Laufe des Theaterabends heraus, dass selten etwas oder jemand so ist, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Die einzelnen Szenen stellen auch immer wieder eine andere Figur in den Mittelpunkt.

Lustig sind vor allem die Szenen, in denen die Figuren durcheinander und aneinander vorbei reden und dadurch die ein oder andere Verwirrung entsteht. Die Dialoge sind allgemein sehr natürlich geschrieben. Die Versprecher wirken ungewollt, stehen aber durchaus im Text.

Dietz inszenierte sein Stück selbst und spielt neben elf hervorragenden Kollegen eine kleine Rolle, deren Bedeutung man erst am Ende des Stücks erfährt. Das Ensemble ist durchweg sehr sehr gut und überzeugend. Besonders beeindruckt haben mich Florian Weber als der geistig behinderte Stefan, der die Figur sehr natürlich spielte, ohne in Klischees zu rutschen, und Winfried Hübner als der „Wartende“.

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Das Bühnenbild ist schlicht, erinnert an eine gewöhnliche Münchner S-Bahn-Station mit einer Fototapete. Zeitweise wird sogar der gesamte Theaterraum zum Bahnhof umfunktioniert, was eine der wirklich witzigen Szenen dieser „unerfreulichen Komödie“ ist. Im Hintergrund ist eine Bahnhofsuhr zu sehen, die die Zeitsprünge auch sichtbar macht. Auch die Musik von Tobias Bosse passt perfekt zum Stück.

Alles in allem ein ungewöhnliches, aber sehr sehenswertes Stück. Zwar sind Geschichten, die in der Zeit zurückreisen, keine absolute Neuheit, doch allzu oft bekommt man so etwas auch nicht zu sehen. Und die Handlung dieses Stücks zieht einen in seinen Bann.

„Bitte zurückbleiben!“ wird noch bis 18. Mai gezeigt. Karten und Infos gibt es unter

http://www.undsofort.de/stueck/bitte-zurueckbleiben,259


Freunde und andere Katastrophen – Marc Fayets „Jacques hat gesagt“ in München

theater…und so fort München

Am Mittwoch den 13. März feierten die Schauspielschüler des TheaterRaums München auf der Bühne des theater…und so fort die Premiere der französischen Komödie „Jacques hat gesagt“.

In der Wohnung des Karikaturisten Romain treffen sich sechs alte Jugendfreunde. Neben Romain ist da noch seine selbstbewusste Chefin Marie und das offensichtlich nicht ganz so glückliche Ehepaar Jean-René und Lilli. Ihre Freundin Victoire ist ein Hypochonder wie er im Buche steht und dann ist da noch die unbekümmert wirkende Bernadette, die früher bei Marie arbeitete, aber jetzt gefeuert wurde. Sie alle haben den Schnipsel eines Briefes ihres Freundes Jacques erhalten, der vor Jahren ins Ausland ging und seitdem nichts mehr von sich hören ließ. Er bittet sie, sich an genau diesem Abend bei Romain zu treffen und ein Video anzusehen, in dem er ein großes Geheimnis preisgeben will. Die Freunde sind nervös, haben sie doch alles etwas zu verbergen. Also erzählen sie sich quasi präventiv schon all ihre schmutzigen Geheimnisse.

Französische Komödien haben oft viel Text und können sehr schnell langweilig werden. Glücklichweise hat der Theater- und Schulleiter Heiko Dietz es geschafft, mit seinen Schülern eine kurzweilige und dynamische Inszenierung auf die Bühne zu bringen. Es machte offenbar nicht nur mir großen Spaß, die Jungschauspieler über die Bühne wuseln zu sehen. Besonders herrlich waren die völlig chaotischen Szenen, etwa als Victoire in ihrer emotionalen Aufgewühltheit in Ohnmacht fällt. Auch wird bei der Inszenierung viel Wert auf kleine, aber urkomische Details gelegt. Warum nochmal lagert Romain sein Salatöl im Schlafzimmer? Man macht sich unweigerlich seine Gedanken und möchte es dabei eigentlich gar nicht wissen…

Jacques neu

Die Charaktere sind sehr individuell und überzeugend gespielt. Stefan Voglhuber spielt den herrlich schrulligen und kleinlauten Romain, der viel – und sich vor allem oft um Kopf und Kragen – redet und alles andere als Durchsetzungsvermögen besitzt. Die unterkühlte und frustrierte Manager-Gattin Lilli wird von Paulina Alpen verkörpert. Sie kommt bei ihrem Mann selten zu Wort, doch allein durch ihre Mimik sagt sie mehr, als mit tausend Worte es tun könnten. Lillis Mann Jean wird von Andreas Herr gespielt. Er gibt den arroganten Geschäftsmann, der gerne mal Geschichten ausschmückt und tief entrüstet ist, als er merkt, dass seine Freunde ihm sowieso nie geglaubt haben. Mit die meisten Lacher hatte wohl Pia Kolb als Victoire auf ihrer Seite. Sie schaffte es, derart wehleidig den Hypochonder und die trauernde Katzenbesitzerin zu spielen, dass man teilweise wirklich Mitleid mit ihr bekam. Linda Hummrich verkörperte das krasse Gegenteil. Ihrer Figur ist unhöflich und aufmüpfig, versteckt dahinter aber ernste Probleme. Zuletzt noch Mira Huber, die selbstsichere Redakteurin Marie spielt. Ihre Figur ist eigentlich der Unsympath der Inszenierung, da sie in den Kontakt zu ihren einstigen besten Freunden eigentlich immer nur auf ihren eigenen Vorteil aus ist.

Bei allem Slapstick und Humor gibt es jedoch auch in diesem Stück stillere Momente, in denen die Fassaden der Figuren Risse bekommen und sie sich eingestehen müssen, dass ihr Leben nicht so ist, wie sie es sich einreden.

Die Inszenierung wird noch heute, den 15. und morgen den 16. März, jeweils um 20 Uhr gezeigt. Für alle die einen überaus unterhaltsamen Theaterabend mit hervorragenden Nachwuchs-Schauspielern erleben wollen, gibt es hier den Link zur Theaterseite.

http://www.undsofort.de/stueck/jacques-hat-gesagt…,355


Absurdes Anti-Kabarett – Dirk Bernemanns „Und wir scheitern immer schöner“ in München

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Es ist wieder Zeit, in die Abgründe der Gesellschaft zu blicken.
Nach dem großen Erfolg der Roman-Adaption „Ich hab die Unschuld kotzen sehen“ im Frühjahr (wir berichteten: Ich hab die Unschuld kotzen sehen) steht derzeit neben deren Wiederaufnahme auch der zweite Teil von Dirk Bernemanns Trilogie auf dem Programm des kleinen theater…und so fort in München.
Wieder geht es um gescheiterte Existenzen, Gefühlskälte, traumatische Erfahrungen und dem fehlenden Respekt vor Gesellschaft und Mitmenschen. Ein Sexsüchtiger erzählt, wie er Frauen abschleppt und dann vor die Tür setzt; ein Neonazi landet im Gefängnis und wundert sich, dass seine Kameraden ihn nicht besuchen; ein ungeborenes Kind erzählt, wie es eine Abtreibung erlebt. Diesmal gibt es jedoch neben all den negativen Erlebnissen jedoch auch Lichtblicke für die Figuren, etwa wenn eine junge Frau einem Vergewaltigungsversuch nicht nur entkommen, sondern sogar den Täter ins Gefängnis bringen kann oder ein alter, kranker Mann sich ohne Angst und sogar mit Humor von seinem Leben verabschiedet.
Regisseur Heiko Dietz wollte die Sammlung von Kurzgeschichten diesmal völlig anders auf die Bühne bringen und so gibt es anstelle einzelner Monolog-Szenen eine Art absurder Revue oder Zirkusvorstellung zu sehen. Der Theaterabend beginnt schon beim Einlass, als man von Sarah Dorsel als Einlassdame an seinen Platz gebracht wird. Sie und die anderen vier Darsteller bleiben den ganzen Abend über in einer Rolle. Die Monologe sind in einzelne, auf den ersten Blick nicht immer zum Text passende, Nummern verpackt. Doch durch kleine Details und Symbole sieht man jedes Mal eine Parallele zwischen dem Gesehenen und Gehörten. Etwa als Wolfgang Haas als „Zauberkünstler“ mit scheinbar zufällig gezogenen Spielkarten die Geschichte einer pseudo-harmonischen Weihnachtsfeier mit der Familie erzählt. Neben absichtlich mehr oder weniger überzeugenden Zaubernummern gibt es auch Szenen mit Gesang, Kabarett, Geschichtenerzählern oder im „Wetten dass“-Stil. Verbunden werden die „Nummern“ mit durchaus lustigen Einlagen, meist Johannes Haag als grinsenden Gitarrenspieler, der aber immer zu früh dran ist und wieder von der Bühne geschickt wird. Allgemein hat das Publikum wegen der grotesken Szenen viel zu Lachen bei dieser Inszenierung, wobei man eigentlich angesichts der grausigen Geschichten nicht lachen möchte.
Die Darsteller unterhalten sich oft auch scheinbar privat über Rollenabsprachen oder technische Pannen, was ihnen eine gewisse Distanz zu den Figuren der Geschichten gibt. Dadurch wird dem Zuschauer die Bedeutung des Erzählten oft erst nach einiger Zeit bewusst, da man den Schrecken nicht unmittelbar in der Mimik und Gestik der Darsteller erkennen kann. Wenn man jedoch zum Nachdenken kommt, ist es dafür umso krasser.
Im Mittelpunkt steht zum Einen die Gesellschaftskritik, die durch Bernemanns ungeschönte Texte ausgedrückt wird. Die Sprache ist meistens derbe und direkt und lässt den, sich hoffentlich gewählter ausdrückenden, Zuschauer schonmal einen Schauer über den Rücken laufen. Doch durch die Darstellung der Szenen von Dietz‘ Inszenierung wird einem auch vor Augen geführt, was heutzutage alles als Unterhaltung bezeichnet wird. Die frauenverachtende Erzählung des „Fickmenschen“ wirkt zum Beispiel wie eine überspitzte Version gewisser zeitgenössischer „Komiker“.
Doch der Humor der Inszenierung lässt uns mit einer Botschaft aus dem Theater gehen: Das Leben und die Menschen mögen manchmal mies sein, doch es hilft auch nichts, darüber zu jammern. Man muss schlimme Dinge oft mit einem lachenden Auge sehen, um sie zu verarbeiten.


Die Inszenierung wird am 21., 23., 28., 29. und 30. November gezeigt, den ersten Teil „Ich hab die Unschuld kotzen sehen“ kann man noch am 20. und 22.11. sehen. Für alle Hartgesottenen gibt es am 1. Dezember ab 17.13 Uhr ein Double-Feature mit beiden Stücken.
Karten für alle Veranstaltungen gibt es unter der Telefonnummer 089/23219877 oder unter http://www.undsofort.de/kartenbestellung


Ich hab die Unschuld kotzen sehen – Dirk Bernemann / Regie:Heiko Dietz

Theater…und so fort

Kotze bekommt ihr bei uns nicht zu sehen.

Auch kein Sperma. Ebenso kein Blut. Obwohl das leichter zu besorgen wäre.

Mengenmäßig jetzt…

Und das mit der Unschuld ist so ein Ding.

Diese Ankündigung im Programmheft erweckt den Eindruck, als erwarte den Zuschauer weniger schwere Kost, als der Titel vermuten lässt. Doch das stellt sich schnell als Irrtum heraus, dieser Theaterabend ist sicherlich nichts für Sensible.

Die begeisterten Rezensionen von Presse und Freunden lockten auch mich mal wieder in das Theater…und so fort in der Kurfürstenstraße, das für mich mittlerweile eine tolle Adresse für ungewöhnliche Inszenierungen ist. Das Bühnenstück zum erfolgreichen Buch Dirk Bernemanns lockt viele in das Münchner Kellertheater, teilweise sind die Fans des Autors auch stundenlang gefahren. Bernemann erzählt in seinen 13 Kurzgeschichten über Menschen am Rande der Gesellschaft: Mörder, Prostituierte, gewalttätige Familienväter oder kaltherzige Gesetzeshüter. Man bekommt es auf der Bühne mit Figuren zu tun, denen man im wirklichen Leben ausweicht. Manche wirken surreal wie die Frau, die einen Auftragskiller anpreist (Sacha Holzheimer). Andere begegnen uns jeden Tag wie der verrückte Obdachlose in der U-Bahn (Johannes Haag), der eigentlich nur sterben möchte oder das junge Mädchen, das nach exzessiven Drogenkonsum im Krankenwagen landet (Sarah Dorsel). Und immer gibt es eine Verknüpfung zwischen den Geschichten.

Die sieben Darsteller schlüpfen in mehrere Rollen und erzählen in Monologen die Schicksale ihrer Figuren. Dabei schafft es Dietz, das Spiel der Darsteller in einen zum Teil krassen Kontrast zum Gesprochenen zu setzen. Eine der beeindruckendsten Szenen  die des Prostituiertenmöders, gespielt von Andreas Haun, der in unscheinbarem Outfit und völlig regungslos auf der Bühne sitzt und in allen Einzelheiten seiner grausamen Tat beschreibt. Oder die, in der der Regisseur selbst einen Straßenbahnfahrer spielt, dem eine Selbstmörderin vor den Zug gesprungen ist und der versucht, sein Trauma durch Gelächter und Scherze zu verarbeiten.

Es ist auch ein Beweis dafür, wie sehr die Worte tatsächlich auf den Zuschauer wirken. Man möchte eigentlich nicht lachen, da es angesichts der menschlichen Abgründe unangemessen erscheint, doch man kann manchmal nicht anders. Dabei lacht man selten wirklich herzhaft sondern meistens nur, weil man angesichts der absurden Beschreibungen nicht anders kann. Manche der Geschichten erscheinen zu Beginn harmlos und entfalten erst später ihre Wirkung. Nach Ende der Vorstellung war ich total platt und musste alles erst mal verdauen. So ging es auch den anderen Zuschauern, die erst nach einer gefühlte Ewigkeit zu klatschen begannen, auch wenn jedem klar war, dass die Vorstellung zu Ende war (sehr zu Freude der Darsteller).

Das Bühnenbild gesteht aus mehreren großen weißen Bühnenelementen, die wahlweise zu einer Projektionswand, Säulen, ein Autowrack, einer Bar oder ein Haus. Die Darsteller werden von ihnen von der Bühne gedrängt, eingequetscht oder dienen als Ansprechpartner. Minimalistisch und klasse!

Ich kann die Inszenierung sehr empfehlen, nicht nur für Fans des Buchs (das ich zuvor noch nicht kannte). Man sieht keine extremen Bilder auf der Bühne, es spielt sich alles nur in den Köpfen der Zuschauer ab und gerade das macht den Reiz dieses Stücks aus.

Vorstellungen gibt es noch am 27. und 28. April und am 2., 3., 4., und 5. Mai. Reservieren könnt ihr hier: http://www.undsofort.de/stueck/ich-hab-die-unschuld-kotzen-sehen,164


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