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Wahnsinn der Freiheit// Kleist im i-camp

George Froscher und Kurt Bildstein beschäftigen sich in ihrer Produktion „Wahnsinn der Freiheit. Kleist oder das absolute Ich.“ in einer Briefcollage mit Kleists „Krisen, Furor, Freiheitswille, Verzweiflung und seiner latenten Bisexualität“.

Der Abend selbst beginnt dann durchaus in after hour Atmosphäre. Zu sphärisch-elektronischen Klängen und flackernden Lichtprojektionen hüpfelt Bildstein mottengleich einem Licht hinterher, das es nicht gibt. Zettel werden aufgehoben, Variationen des Wortstamms Kat- in den Saal hineingerufen, weitere Schauspieler gesellen sich zu dem Manisch-Hüpfelnden. Dann werden die umstrittenen Wilhelmine Briefe performt. Drei Frauen, drei Generationen, eine Uniform: Schwarzes Kleid, Strümpfe, roter Lippenstift, kein BH. Und es hagelt gute Ratschläge, immer unterbrochen vom einstimmigen Ruf der drei Frauen: „Wilhelmine!“.

Ich sehe zu und finde das ein wenig plakativ. Sätze wie „O lege den Gedanken wie einen diamantenen Schild um Deine Brust: ich bin zu einer Mutter geboren! Jeder andere Gedanke, jeder andere Wunsch fahre zurück von diesem undurchdringlichen Harnisch. Was könnte Dir sonst die Erde für ein Ziel bieten, das nicht verachtungswürdig wäre?“, der Lächerlichkeit preiszugeben ist keine große Herausforderung. Außerdem -ich muss es leider sagen- ist es langweilig und ich bin froh, als die drei Sirenen abtreten. Auch Kleists unterdrückter Homosexualität wird Rechnung getragen. Zur Genüge. Da reiben die Schauspieler dann ihren Unterleib aneinander, geißeln sich und andere und deklamieren schwärmerische Passagen der Briefe. Überhaupt ist viel los an diesem Abend: Es wird getanzt, geschrien, geschossen, die Nebelmaschine findet Verwendung und als sich Bildstein am Ende stellvertretend in den Mund schießt, kommt auch noch ein Saxophon zum Einsatz.

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Nichtsdestotrotz hat der Abend durchaus beeindruckende Momente: Die Schauspieler begeistern fast durchweg mit Präsenz, erstaunlicher Körperbeherrschung und exaktem Timing. Auch das Zwanghafte, Getriebene Kleists erzählt sich teilweise sehr eindrücklich. Vor allem in den stillen Momenten, wenn die Schauspieler ihren Körper in gymnastischen Übungen knechten – ohne pathetisch Briefpassagen zu deklamieren.


Die Hermannsschlacht – Armin Petras

Römer in Calvin Klein Shorts

Ein Berg aus Schaumstoffquadern. Zwei Scheinwerfer fahren von oben herunter ins Blickfeld des Zuschauerraums und leuchten die Bühne aus; später kommen zwei weitere dazu. Ein Streichquartett spielt auf der Bühne.

Armin Petras Römer tragen schicke Anzüge in bester James Bond Manier – mit Fliege versteht sich – wahlweise sind sie auch in weißen Unterhosen unterwegs. Die Germanen dagegen sind in Kleidung gesteckt, die an tausendjährige zwölf Jahre angelehnt ist. Je mehr sie zivilisiert werden, desto kürzer werden die Röcke und desto höher die Absätze.

Hermann erhält als Geschenk ein Paar Schuhe – den Höhepunkt der zivilisierten Welt. Er verrät Varus, und um die germanischen Stämme hinter sich zu scharen, lässt er ein germanisches Mädchen vergewaltigen und gibt es als Tat des Feindes aus. Wie war das nochmal mit Polen 1939?

Seine Gattin Thusnelda heißt Hermann guttun mit dem Römer, dem sie auch immer mehr verfällt, bis ihr Mann sie aufklärt, dass dieser nur an ihren Haaren interessiert sei, um sie nach dem Sieg seiner Kaisern als Geschenk zu schicken. Sie wird zur Bärin und rächt sich grausam.

Die Germanen bauen auf offener Bühne mit Hilfe der Schaumstoffquader mehrmals das Bühnenbild um. Der Berg wird zu Stegen, einer unebenen Landschaft, auf der man aufpassen muss, wohin man seinen Fuß sitzt, quasi ein politisches Parkett. Eine Mauer wird aufgetürmt, oben nehmen die Germanen Platz und halten Ausschau. Das farblose Licht der Scheinwerfer erzeugt Atmosphäre: mal leuchten sie das Geschehen peinlich genau aus, mal tauchen sie die Bühne in mystische Verklärung. Dazu trägt auch der zum Teil sehr witzig eingesetzte Nebel bei.

Katharina Hackhausen, Horst Kotterba, Peter Kurth, Lasse Myhr, Jochen Noch, Wiebke Puls, Edmund Telgenkämper und Michael Tregor, sowie das Modern String Quartett wirken in ihren Rollen schwer und verbissen, aber dann auch wieder so leicht.

Die kurzzeitige Verwendung des irgendwas-Deutschen trägt eine gewisse Heiterkeit ins Ohr des Zuschauers.

Nach zwei Stunden sind die Römer geschlagen, Germanien gerettet und ein Schwert zur E-Gitarre geworden (was auch immer die Aussage dieses letzten Scherzes sein soll). Man steht auf, ist platt, geht hinaus und fragt sich: was war das denn? Die Inszenierung ist einfach unglaublich dicht gepackt und man muss erst einmal eine Weile verdauen. Letztendlich, wenn man selbst nicht mehr plattgebügelt ist, bleibt ein zufriedenes Gefühl im Magen zurück, diese Inszenierung gesehen zu haben, die dieses im dritten Reich missbrauchte Stück reanimiert.


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