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Der Fremde – Jette Steckel

Thalia Theater Gaußstraße

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Romanadaptionen scheinen an dem Thalia in der Gaußstraße gerade IN zu sein. Dies soll hier keineswegs negativ gemeint sein. Es ist mir nur aufgefallen. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich gerade ein Seminar zum Thema Romanadaptionen besuche und sich dafür das Thalia in der Gaußstraße besonders gut eignet.

Heute auf dem Programm also Der Fremde von Alber Camus. Schon der Roman des Literaturnobelpreisträgers  berührte mich in seiner ganzen Absurdität und ich war gespannt, wie die Umsetzung auf der Bühne realisiert werden würde. Im Roman ist alles chronologisch hintereinander erzählt. Erst das Begräbnis der Mutter, auf der  Meursault nicht weinte, dann die Begegnung mit Marie, das Gemeinsame baden, den komischen Film den sie sich ansahen, dann der Nachbar der ihn überredete den Brief an seine „Geliebte “ zu schreiben, die Auseinandersetzung mit ihr, der Tag am Strand, der getötet Araber, die Zeit im Gefängnis und das Verhör, der Morgen der Hinrichtung.

Jette Steckel wirft nun alles durcheinander. Es wird nicht mehr chronologisch erzählt, sondern das Verhör steht im Mittelpunkt. Von dort aus wird vor und zurückgesprungen in der Geschichte. Immer mehr Einzelheiten werden klar. Die Inszenierung ist wie ein Puzzelstück aufgebaut, indem sich nach und nach die passenden Teile zusammenfinden.

Drei Männer und eine Frau. Jeder spielt alles. Klar hat jeder bestimmte Rollen, die nur er spielt. Alle sind jedoch Meursault, Personen aus dem Gericht und Meursaults Freunde. Es vermischt sich und trotzdem ist es immer klar, wer wer ist. Franziska Hartmann ist sowohl die Schwester des toten Arabers, als auch Marie, die Verlobte von Meursault. Die Schauspieler wechseln grandios zwischen den Rollen hin und her und doch sind sie immer nur eine Maske die sie aufsetzen, unter ihnen scheint immer der neutrale Charakter des Schauspielers hervor.  Dies ist keineswegs negativ gemeint, eher positiv: Es kann eben jedem passieren, dass er zum Tode verurteilt wird, weil er auf der Beerdigung seiner Mutter nicht geweint hat.

Die starke körperliche Präsenz aller Schauspieler hat mich beeindruckt. Dies wurde natürlich auch dadurch begünstigt, dass die Bühne eine Runde Drehscheibe war, mit rotem Kies oder Sand ausgelegt. Fast die ganzen anderthalb Stunden drehte sich die Scheibe und der es muss enorme kraftaufwändig sein, das Gleichgewicht zu halten. Wir saßen, wie in einer Arena drum herum. Es erinnerte an einen Gladiatorenwettkampf, nur dass die Menge hier nicht buhlte und begeistert schrie. Eigentlich schade, dass wir es uns abgewöhnt haben im Theater Laute von uns zu geben. Hier hätte es wunderbar gepasst, da wir alle zu Mitspielern, zu Geschworenen gemacht wurden.

Ein weiteres Highlight auch das aufwendige Lichtkonzept. Wenn Meursault und Marie ins Kino gehen, werden wir mit Scheinwerfern angestrahlt und es ist wunderbar hier die Augen zu schließen und die vier Lichtkegel über seine Augen tanzen zu lassen, ähnlich wie ein Leuchtturm es tut, und dann könnte man auch zu Hause sitzen und ein Hörbuch hören.

Die Vielschichtigkeit der Inszenierung hat mich sehr beeindruckt und trotzdem wurde der nüchterne  und klare Charakter Meusaults nie vergessen. Eine wirklich gelungene Romanadaption, die man sich unbedingt anschauen sollte.

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Dantons Tod – Jette Steckel

Thalia Theater

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Das erste Mal im Thalia Theater in Hamburg. Ich sitze im Oberrang, kann aber alles gut sehen und verstehen.

Es wird Dantons Tod von Büchner gespielt in einer Inszenierung von Jette Steckel. Eine der drei jungen Neu-Regisseure am Thalia, die das Bild des Theaters prägen. Steckel inszeniert viele Klassiker, wohin gegen die anderen beiden sich eher an moderne Stücke wagen. Trotzdem ist Steckels Inszenierung nicht altbacken und staubtrocken. Sie verbindet moderne Spieltechniken und Inszenierungselemente mit klassischem Text.

Es steht ein Keyboard und eine E-Gitarre auf der Bühne und auch das Schlagzeug kommt in einer Session zwischen Danton und Robespierre so wunderbar zum Einsatz, dass es einem Rockkonzert gleicht das sich einwandfrei mit dem Text Büchner vermischt. Die Musik spielt hier generell eine enorme Rolle, was bei dem Thema ja eigentlich sehr passend erscheint. Es geht um die Französische Revolution: Um Herrschaft, um Regierungssysteme und was man eigentlich erreichen will und ob es sich lohnt dafür zu kämpfen- Für seine Überzeugung. Alles Themen mit denen wir uns auch heute wieder mehr beschäftigen. Überall flackern Revolutionen auf, mal Große und mal Kleine über den ganzen Erdball verteilt. Diese Aktualität spürt man deutlich in der Inszenierung  auch wenn sie nicht mit Worten erwähnt wird. Sie schwingt im Unterton mit, warum genau kann ich auch nicht sagen. Es ist nur so ein Gefühl.

Das Bühnenbild ist grandios. Die Drehbühne wird hier voll zum Einsatz gebracht. Es gibt zwei Kreise, die sich in unterschiedliche Richtungen drehen. Auf dem Kleinen steht eine große Kugel deren Innenteil rausgeschnitten wurde und die nur noch einen Rahmen hat, sozusagen. Es ist schwer zu beschreiben. Die Schauspieler bespielen die Kugel. Mit ihren vier Seiten und zwei Ebenen kann sie immer wieder etwas Neues zum Vorschein bringen. Die Kreise rotieren und drehen sich immer weiter, genauso wie sich auch Dantons Schicksal und die Revolution immer weiter drehen bis zum Tod. „Die Revolution frisst ihre Kinder“, wie es bei Büchner heißt. Eine Aussage, die durch das Bühnenbild und die laute, rotierende Musik unterstützt und in ein Bild gebracht wird.

Jörg Pohl als Danton ist großartig, genauso wie alle anderen Schauspieler. Es ist ein perfektes Zusammenspiel zwischen Schauspiel, Musik, Bühne und Inszenierung. Jette Steckel ist eine Regisseurin, die zu Recht am Thalia inszeniert.

(c)Armin Smailovic


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