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Internationales Sommerfestival auf Kampnagel!

Drei Wochen findet das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel statt! Neben Performance, Konzerten und Konferenzen kann man hier den AVANT-Garden nur sehr empfehlen. Ein bunter Festivalgarten in buntem Licht getaucht. Mittendrin eine kleine Rote Flora (Kanalspielhaus) in der abends ein DJ auflegt und eine Bar  zu finden ist. Es gibt Burger und Würstchen und eine pinke Riesenschaukel.

Meinen Auftakt beim Sommerfestival hatte ich mit der Senegalesischen Band Jeri Jeri um Berliner Techno-Pionier Mark Ernestus.  Der Club war gefüllt und das Konzert wurde eine Mischung aus afrikanischen Rhythmen und Tänzen, Trommeln, Gesang und lateinamerikanischen Einflüssen. das Publikum, am Anfang noch sehr zurückhaltend wurde irgendwann von der Musik mitgezogen und tanzte zum Schluss mit der Band auf der Bühne. Wie ein Ritual steigerte sich dieser Abend und die Musik zog einen mit. Der Gesang tat sein eigenes um zum Trancehaften Rhythmus beizutragen und man konnte sich so wunderbar darin fallen lassen. Die Krönung bildete eine Tänzerin, die das Publikum aufheizte und deren Bewegungen eine Mischung aus verschiedenen Tanzstilen waren. Danach brauchte man erst mal ein paar Minuten um wieder zu merken, dass man in Hamburg ist.

An einem Sonntagmorgen ging ich zur Abschlussdiskussion der Konferenz FANTASIES THAT MATTER.IMAGES OF SEXWORK IN MEDIA AND ART. Eine Konferenz mit der Künstlerin und ehemaligen US-Pornodarstellerin Anni Sprinkle. Da ich die beiden vorherigen Tage nicht in Hamburg war, konnte ich mir nur den Abschluss der Konferenz anschauen. Gleich zu Beginn beschwerten sich die Sex-Workers aus den USA, dass zur Konferenz keine ansässigen Sex-Worker aus Hamburg dabei waren. Der Hauptgrund war auch, dass die Konferenz auf Englisch gehalten wurde und die wenigstens der Sex-Worker in Hamburg Englisch sprechen. Die Diskussion drehte sich um Sex-Worker und Kunst. Warum Prostituierte häufig zu Künstlern werden? Weil sie sich hier ausdrücken können, hier werden sie gehört und man interessiert sich für ihre Anliegen. Würden sie einfach zu einem Politiker gehen wollen, wäre Ihnen der Weg versperrt. Eine Interessante Diskussion mit vielen Zwischenkommentaren von Sex-Workern. Das Einzige Merkwürdige: Es durften nur Sex-Worker etwas sagen, wir anderen wurden als bloße Zuschauer aus der Diskussion ausgeklammert. Da stellt sich die Fragen WARUM? Wäre eine Diskussion in der alle etwas sagen dürften nicht viel interessanter? So waren es ergreifende Thesen, Argumente und spannende Fakten der Sex-Worker, aber eine Diskussion war das leider nicht.

Mein persönliches Highlight war Situation Rooms von Rimini Protokoll. Schon oft hatte ich über sie gelesen, Videos geschaut und über ihre Arbeiten recherchiert, aber noch nie hatte ich sie live erlebt. Der Ausgangspunkt für dieses Multi-Player-Video-Stück war ein Foto, welches 2011 um die Welt ging. Es zeigt 13 Personen die im Weißen Haus dabei zuschauen, wie auf dem Bildschirm vor Ihnen die Jagd nach Osama Bin Laden beendet und er exekutiert wird. Dieses Foto regte die Gruppe dazu an, sich mit dem Thema Waffenhandel und dessen Auswirkungen zu beschäftigen. Rimini Protokoll arbeiten dokumentarisch und tauchen in dieser Performance nicht persönlich auf. Sie versammeln „Experten des Alltags“ und versuchen somit dem System auf die Schliche zu kommen. Im Konkreten heißt das, dass in der Vorhalle bei Kampnagel ein riesen Raum gebaut wurde. Mehrere Zimmer und Situationen befinden sich darin. Der Zuschauer wird zum Akteur und bekommt einen I-pad mit Kopfhörer in die Hand gedrückt, stellt sich vor eine Tür und sobald die Hand auf dem Bildschirm die Tür aufmachst, machst du sie auch auf. Dann der Name eines Kartellanführers auf dem Bildschirm. Er ist der Boss eines Drogenimperiums und erzählt seine Geschichte, wie er durch Waffengewalt alle seine Leute verlor. Teilweise griff er selbst  zur Waffe, teilweise waren es andere. Man ist in dem exakt gleichen Raum wie er auf dem Bildschirm gezeigt wird. Ich befinde mich in einem kleinen Raum aus Stein an deren Wände die Totendaten der Personen angeschlagen sind. Dann geht es weiter. In den nächsten Raum. Im Laufe der 90 Minuten, lerne ich den Chef der Deutschen Bank kennen, die mit unserem Geld den Waffenhandel unterstützen. Lerne Aktivisten kennen, die alles daran setzten das Deutschland nicht mehr der drittgrößte Waffenlieferant in die Welt ist. Verfolge das Schicksal eines Syriers, der nach einem Angriff behindert ist und nun in Libyen leben muss und sich das Schicksal seiner Freunde auf Facebook ansieht, und reise mit einem Deutschen Arzt im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen nach Afrika. In einem stickigen weißen Sanitätszelt bin ich erst Arzt, dann Patient. Im Schrank findet man Bilder von Menschen deren Oberlippe von Bomben abgerissen wurde. Er hat sie wieder angenäht. Als Patient habe ich eine Schusswunde im Bein und bekomme eine gelben Punkt auf die Hand geklebt. Die Schusswunde ist nicht akut und ich muss warten. Auf der anderen Seite sitze ich in Konferenzsälen und beschließe die nächste Waffenlieferung und betreibe Waffenhandel. Auf der Saudi-arabischen Messe für Waffenhandel finde ich heraus, dass Deutschland seine Finger überall drin hat. Unsere Kameras sind an Drohnen montiert, Waffen sind aus Deutscher Herstellung. Es gibt sogar einen Waffenkatalog. Man kann hier Problemlos alles bestellen. Fast als letztes sitze ich in Indien in einem Raum und bediene den Schaltknüppel für eine Drohne. Es werden Terroristen in den Bergen gesucht. Und die Stimme in meinem Ohr „Es ist so einfach. Man drückt einfach auf den Knopf und das Haus wird bombardiert. Und danach geht man Kaffee trinken.“ Es ist erschütternd, dass wir Menschen gleichzeitig und zerstören und uns helfen. Der ewige Kampf ums Überleben hat ihm 21. Jahrhundert völlig neue Formen angenommen. Und die Erkenntnis nach dieser Rundgang: Man ist beteiligt. Ob man will oder nicht. Allein damit, dass wir unser Geld bei Banken anlegen, die unser Geld benutzen um es in der Rüstungsindustrie anzulegen. Und wir müssen unser Geld auf ein Konto packen, sonst bekommen wir keine Arbeit, keine Wohnung etc. Nach Amerika und Russland sind wir der 3.! größter Waffenlieferant. Heißt das unsere gesamte Wirtschaft würde zusammenbrechen, wenn wir keine Waffen mehr ins Ausland exportieren und herstellen? Fakt: Es gibt nur wenige kleine Banken, die unser Geld nicht in die Rüstungsindustrie oder die Forschung und Entwicklung für Waffen stecken. Wie kann es sein, dass ein Land so etwas tut und im gleichen Atemzug Massen an Flüchtlingen aufnimmt. Ist alles einzig ein System der Macht und des Geldes? Und die Humanität ist nur geheuchelt?

Wer immer die Möglichkeit hat, bei diesem Rundgang mit dabei zu sein sollte es tun! Ein wichtiger Beitrag und eine neue Offenlegung von Prozessen, was uns bzw. mir vorher nicht bewusst war. Von Mitte Dezember bis Anfang Januar gastiert die Arbeit in Berlin.

Als die Newcomer in der Tanzszene gehandelt waren die ehemaligen Studenten der Amsterdamer School for New Dance Development mit ihrem neuen Stück Wellness zu Gast.  Florentina Holzinger & Vincent Riebeek plus Ensemble zeigten den Abschluss einer Trilogie, die sich um Themen wie Popkultur, Schöhnheitswahn etc. drehten. Zu Beginn eine Gruppenchoreographie waren alle in schrillen, glänzenden Kostümen wie aus Sportvideos der 80er, in der Hand hielten sie Modezeitungen, grell geschminkte Gesichter erinnerten auch der Tanz an eine Aerobic Stunde oder Yoga/Pilates. In der Mitte eine Frau mit Megabrüsten, die auf einem Teppich voller Scherben liegt. Sie wird später in dem bösen Spiel die, die alle antreibt, die wertet, die urteilt, die herausfordert und die, die immer die anderen schwitzen lässt. Man stellt sie auf und sie muss über die Scherben gehen. Dabei schaut sie souverän, lässt sich die Schmerzen nicht anmerken. Ein Sinnbild für den Schmerz, den wir uns freiwillig antun um Schön zu sein, Anerkennung zu bekommen, ein Guru zu werden. Sie ist der Guru in dieser Performance. Soweit zum ersten Bild. Der Körperkult geht weiter. Das zweite Bild zeigt eine orgiastische Sexszene. Lauter Electrosound, Discolicht von hinten und Nebel, sodass nur noch die Umrisse der Körper zu sehen sind. Es ist wunderbar orgiastisch, verschwenderisch und zerstörend. Man kann hier eine Kritik am Körperkult unserer Zeit sehen, die diese ganze Arbeit auf jeden Fall ist, aber man kann diese bestimmte Sequenz auch als Aufforderung verstehen, sich dem Leben mehr hinzugeben. Im dritten Bild geht es dann zur Arbeit an der Seele und der Überwindung von Scham. Erst wälzen sie sich in Sand und dann soll jeder vorsingen. Es wird ermutigt und gleichzeitig gedemütigt. Der unerbittliche Guru hat sich in die erste Reihe gesetzt. Ein Zuschauer musste weichen. Der Kreis schließt sich mit der Anfangschoreographie. Tosender Applaus. Was für eine Tanzperformance. Sie haut einen voll weg. Und die Frage am Schluss: Tun wir uns das alles wirklich freiwillig an? Und warum? Warum biegen wir unseren Körper und unseren Geist so sehr, gestalten ihn um und formen ihn? Nichts gegen Sport und psychische Beratung, wenn man sie nötig hat, aber wir stutzen uns zu Recht und vergessen dabei wer wir sind. Aber wer sind wir eigentlich? Diese Inszenierung zeigt auf jeden Fall die unerbittliche Suche nach unserem wahren Ich, so wie wir es gerne hätten.

Als Abschluss des Sommerfestivals ging ich zu KID KOALA und seinem Stück: Nufonia Must Fall, obwohl Stück hier das falsche Wort ist. Kid Koala ist ein Tunrntablist und Nufonia Must Fall ist eine Graphic Novel, die er veröffentlicht hat. Beides mixt er zusammen und heraus kommt eine an dem Abend abgefilmte, inszenierte Graphic Novel mit Live-Musik. Die Hauptprotagonisten waren kleinen Figuren, ähnlich wie in einem Puppentheater. Eigentlich ist es eine neue und Moderne Form des alten, guten Puppentheaters. Sozusagen eine Weiterentwicklung der Augsburger Puppenkiste, nur das hier die Puppenspieler nicht von oben die Marionetten zum Leben erwecken, sondern von unten. Es waren vier kleine Filmsets aufgebaut und die Spieler saßen unten den Filmsets, die Figuren an mehreren Stäben und los ging die Geschichte. Eine Kamera übertrug die Aufnahmen auf eine große Leinwand die von der Decke hing. Es war faszinierend. Man sah gleichzeitig wie der Film gemacht wurde und konnte das Ergebnis im selben Moment auf der Leinwand sehen. Mit viel Liebe zum Detail waren die kleinen Filmsets ausgestattet und die Spieler agierten fast Wortlos, sodass den Protagonisten des Abends alle Aufmerksamkeit geschenkt werden konnte. Die Story ist schnell erzählt. In einer Welt in der Roboter und Menschen Seite an Seite leben, wird ein kleiner Roboter gefeuert und durch einen besseren mit acht Armen ersetzt. Kurz zuvor hat er eine wunderschöne Frau im Fahrstuhl kennen gelernt und sich in sie verliebt. Als er gefeuert wurde fängt er in einem Burger-Laden an, aber auch da wird er durch den 8-Armigen Roboter ersetzt, da der nun mal schneller ist. Zwischendurch war die Frau da und er hat ihr mit Liebe ein kleines Sandwich zubereitet. Der 8-Armige Roboter ist zwar schnell, aber es steckt eben keine Liebe in den Dingen die er tut. Der kleine Roboter schreibt einen Love-Song für die Frau und als er vor dem Burger-Laden steht und es ihr durch die Scheibe vorsingt, wird er von einem Auto angefahren. Sie kümmert sich rührend um ihn und schon bald werden sie ein Liebespaar und wollen in die Ferien fliegen. Doch dann entdeckt der kleine Roboter, dass die Frau eine Wissenschaftlerin ist die den 8-Armigen Roboter gebaut hat, der ihm alle Jobs gekostet hat. Er flieht. Natürlich gibt es ein Happy End und sie versöhnen sich am Flughafen. Eine rührende kleine Geschichte. Die „Filmmusik“ wurde die ganze Zeit von einem Orchester live gespielt, welches mit auf der Bühne saß und Kid Koala machte die übrigen Geräusche. Für manche war die Geschichte zu kitschig, ich fand es eine gute Abwechslung zu dem “ ganzen krassen Zeug“ was sonst noch so auf dem Festival zu sehen war.

Abends ging es dann immer in den Festival-Garten und/oder ins Kanalspielhaus. Hier traten Bands auf und man konnte wunderbar den Tag ausklingen lassen. Im Garten gab es eine kleine Installation und die Volkstanz Heute-Gruppe zeigte ihre Arbeit, welche jedoch kaum Beachtung fand. Auch ich schaute nicht hin, da ich dieses Projekt von Kampnagel nicht sonderlich spannend finde. Traditioneller Volkstanz soll hier neue Beachtung finden. An sich gut, doch irgendwie hat es an diesem Abend keinen interessiert. Trotzdem konnte man sich in diesem Garten Stunden aufhalten. Alles in allem ein sehr schönes internationales Sommerfestival 2014!

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Tanzplattform 2014

Kampnagel

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Tanzplattform 2014 in Hamburg! Schon vor zwei Jahren in Dresden, konnte ich die Tanzplattform miterleben. Anders als in Dresden war hier alles auf einem Gelände, sodass man nicht hin und herfahren muss. Ein ehemaliges Industriegelände mit insgesamt sechs großen Hallen dienten als Veranstaltungsort für die Tanzplattform.

The Forsythe Company: Sider

Mein erstes Stück, gleich einer der großen Namen auf der Tanzplattform. William Forsythe mit seiner Company und dem Stück Sider. Der Kontext soll eine Tragödie aus dem 16. Jahrhundert sein, die in Bewegung übersetzt und mit Sprachmustern aus der Tragödie vermischt wird. Leider habe ich davon nicht sehr viel mitbekommen. Da ich ganz oben saß, konnte man die Worte auf der Tafel nur erahnen bzw. nur die Hälfte sehen. Ich kann mich noch an „is and isn`t“ erinnern, so waren alle Wortpaare aufgebaut. Ein Spiel mit dem Gegensatz. Die Tänzer waren teilweise von Kopf bis Fuß in bunten Klamotten eingehüllt, einige hatten elisabethanische Kragen um. Zwei Tänzer rezitierten die Tragödie in einem Englisch aus dem 16. Jahrhundert, sodass man leider nichts verstand. Forsythe verwendete große Pappen, mit denen immer wieder neue Gebilde gebaut und Geräusche erzeugt wurden.  Ein spannender Ansatz, der für mich leider nicht ganz aufging.

Richard Sigal: Black Swan

Eine riesen Leinwand im Halbkreis aufgebaut nimmt die ganze Bühne ein. Es ist dunkel und Richard Sigal kommt mit schwarz geschminktem Gesicht auf die Bühne. Hauptprotagonist sind Gedichte, die auf die Leinwand projiziert werden und im Lesen entstehen. Eine Stimme, verzerrt spricht die Wörter manchmal im Voraus, manchmal im Nachhinein. Eine Wortkomposition im Augenblick entsteht hier, während Sigal ganz klein und fast nicht sichtbar, wegen der Dunkelheit dazu tanzt und die Gedichte teilweise mitspricht. Teilweise werden die Gedichte ins Deutsche übersetzt, teilweise nicht. Die Stimmung ist jedoch von Anfang an klar. Düster aber nicht depressiv. Es hat etwas Suchendes und man wird mitgerissen mit der Flut an Worten, die über einen kommt. Eine wunderbare intermediale Inszenierung in der Sigal die Kraft des Wortes betont und sich selber damit in den Schatten stellt.

Isabelle Schad und Laurent Goldring: Der Bau

Kafkas unvollendete Erzählung dient hier als Inspiration für das Stück von Isabelle Schad und Laurent Goldring. Nackt kommt sie auf die Bühne, sie bewegt ihren Rücken und man sieht die einzelnen Muskeln und Knochen. Die Tiermetapher von Kafka wird hier in einer langsamen Verwandlung der Tanzenden zum Stoffknäul präsentiert. Innerhalb von 50 Minuten ist der menschliche Körper verschwunden und ein Knäul aus Stoffbahnen rollt über die Bühne, welches sich in der Bewegung immer wieder neu formt. Der Sound des Körpers und der Bewegung wird im Moment aufgefangen und wiedergegeben, jedoch fragt man sich wie das technisch gelöst wurde, da Schad keine Mikrophone am Körper tragen konnte. Ein bisschen lange dauerte das  finden der fünf oder sechs Stoffbahnen. Irgendwann kannte man eben den Ablauf und die Bewegungen. Erst im zweiten Teil, wurde das Stück wieder spannender. Der Stoffknäul formte immer wieder neue Tiere in seiner Bewegung. Für mich zumindest.

Swoosh Lieu: The Factory. Eine Besetzungsprobe

Absolventinnen der Angewandten Theaterwissenschaft Gießen zeigten hier eine Installation/Besetzungsprobe zu den Produktionsbedingungen von Künstlern. Wir waren in einer fortwährenden Probe und die Akteure fast nicht sichtbar. Eine Choreographie aus Maschinen, Bannern und Schriften stützte auf uns ein. Eine interessante Mischung. Wer bekommt die Produktionsmittel? Von wem werden sie Verteilt? Eine Auflistung aller Dinge, die für diese Produktion gebraucht werden. Und dann? Dann ist die Show zu Ende. Es werden Probleme aufgedeckt, die aber nicht weiter erforscht werden. Es werden Sachen an die Banner geschrieben, die jeder weiß aber nicht weitergedacht wurden. Schade, mich hätten die Lösungsansätze interessiert.  Eine Installation die zur Diskussion anregt: Hat leider nicht geklappt.

Zufit Simon: I like to move it

Zuifit Simon war eine der NEUEN auf der Tanzplattform. Eine Tänzerin betritt die Bühne und macht verschiedene Bewegungen ohne Musik. Es sind Bewegungen, wie man sie in den Clubs sieht oder bei den Background-Tänzerinnen der Superstars oder Rockkonzerten. Schwarze Lederhose, viel Schmuck und hohe Schuhe. Eine Lichtshow wie bei einem Konzert. Nur die Musik fehlt. Nach einer Weile holt sie sich einen Lausprecher und tanzt mit ihm. Sie legt sich auf ihn und je nach Bewegung kommen Geräusche aus den Lautsprechern. Sie komponiert sozusagen mit ihren Bewegungen. Eine Bewegungskomposition. Zwei weitere Tänzerinnen kommen dazu und die Komposition setzt sich fort. Das ist im Weitesten alles, was passiert. Es werden unterschiedliche Variationen ausgetestet: Boxen an den Füßen, herumwirbeln von Mikrofonen, verschiedenen Tanzschritte. Alles in einer einstudierten Choreographie, wie bei Backgroundtänzerinnen die bei THE DOME auftreten. Ohne Musik wirkt die Choreographie lächerliche und absurd. Für mich wurde hier der Tanz in der Musikbranche zitiert, vorgeführt und kritisiert, welches sehr spannend zu beobachten war. Mehr habe ich aber nicht mitnehmen können. Zwar wurden immer wieder neue Variationen ausgetestet, aber im Grunde war es immer dasselbe. Es gab keine Entwicklung, keine Spannung. Nach dem ersten WOW-Effekt wurde es langweilig.

VA Wölfl: Chor(e)ographie/Journalismus (Kurze Stücke)

Zu Beginn stellt sich Amelie Deuflhard auf die Bühne und erklärt, dass VA Wölfl nicht die gesamte Choreographie zeigen kann, da Kampnagel ihm nicht die gewünschten drei sondern nur zwei Tage zur Vorbereitung geben konnte. VA Wölfl komponiert das Stück mit seinen Tänzern in dem Moment bzw. er reagiert im Stück auf das Stück und die Zuschauer. Es ist keine feststehende Choreographie. Tänzer kommen mit Glitzerkostümen auf die Bühne und tragen ein Gewehr. Danach bleibt eine in der Mitte stehen und bewegt sich so langsam, dass man es mit dem bloßen Auge fast nicht sieht. Dazu eine Projektion und die Laute von Fußballfans in einem Stadion. Man kann sich ganz reinfallen lassen in dieses Bild. Dann ist es abrupt vorbei. das Licht geht wieder an. Keiner weiß was. Zuschauer sind verwirrt. Die ersten Leute gehen. Nach ein paar Minuten geht es weiter. Ein Sänger fängt im Publikum an zu singen. Gitarrenklänge auf der Bühne. Wieder ist alles vorbei. Zuschauer sind noch verwirrter. Manche beschweren sich, dafür ihr Geld ausgegeben zu haben, bleiben aber sitzen, andere Gehen. Einer schmeißt beim Gehen wütend Tennisbälle auf die Bühne, die vorher dort ausgeschüttet wurden. Wieder ein anderer schreit, es solle doch mal weitergehen. Großartig wie VA Wölfl mit dem Publikum spielt und es verarscht, auch wenn hier viel schief gegangen ist und der Auftritt eigentlich abgesagt werden sollte. Die Masse Zuschauer bewegt sich und ist nicht mehr nur stummer Konsument.

Antonia Beahr: Abecendarium Bestiarium

Mein absoluter Favorit dieser Tanzplattform! Am Sonntag konnte ich noch in die Vorstellung reinrutschen auch ohne Karte. Ich liebe sie. Beahr bat 13 Künstlerfreunde, dass sie Kurzgeschichten über ausgestorbene Tiere schrieben, die etwas mit ihnen selber zu tun haben. Charakterlich oder Namentlich. Hier wurden sieben dieser kurzen Stücke gezeigt. Jedes wurde einem Buchstaben im Alphabet zugeordnet. T wie der Tasmanische Tiger oder S wie die Stellersche Seekuh. Es war grandios. Eine Mischung aus Theater, Performance und Klangkunst zeigte sich hier, sowie die Wandelbarkeit der Antonia Beahr. Das Verhalten zwischen Mensch und Tier wurde sichtbar und wer zum Schluss als Sieger hervorgegangen ist. Eine lustige und zugleich traurige Performance. Die Zuschauer mussten zu den jeweiligen Orten mitgehen im Raum. Es war sehr eng und klein. Mit einer Herzlichkeit und Wärme leitete Beahr ihre Zuschauer an und sie hatte sie binnen ein paar Minuten um den Finger gewickelt. Schon bei FOUR FACES in Dresden fand ich sie großartig. Ich ging sehr gerührt aus dieser Vorstellung heraus. Großartig!

Tino Sehgal: [Ohne Titel][2000]

Drei Tänzer tanzen das Stück von Tino Segal, welches er vor 13 Jahren noch selber tanzte. Jeder in seiner eigenen Version. Ich schaute mir zwei an: Frank Willens und Boris Charmatz.

Frank Willens tanze im Foyer nackt auf einem harten Steinboden. Das Stück besteht aus Zitate von Choreographen. Ich entdeckte Tanzschritte aus Pinas Sacre. Das Foyer war voll und die Leute drängten sich um ihn. Man konnte seinen Schweiß sehen und manchen kam er so nah, dass sie seinen Atem spüren konnten. Es war fantastisch. Ein fantastischer Tänzer, der hier mit dem Publikum spielt. Alle wollten es sehen, doch kam er dem Zuschauer zu nah, rückten sie nach hinten, voller Angst berührt werden zu können. Sein Glied tanzte mit und eine Frau bekam es auch fast ins Gesicht. Er hielt es ihr sozusagen vor, wie später auch Boris Charmatz. Es war eine Provokation, auf die man sich einlassen konnte oder eben nicht. Ich fand es extrem spannend, wie das Publikum reagierte. Ich hatte aber auch noch nie so einen schönen nackten Mann gesehen, der in seiner Nacktheit und im Tanz immer noch so männlich war, obwohl er  auch Elemente aus dem klassischen Ballett tanzte. Es war faszinierend. 50 Minuten ging das Stück und wurde dadurch aufgelockert, dass er mit uns redete. Er hatte nicht sehr viel Platz aber er war wie ein Tier. Eine völlig andere Bühnensituation hatte Boris Charmatz. Er bekam die größte der Kampnagelbühnen. Zuschauer und Tänzer waren klar voneinander getrennt und er hatte viel mehr Raum für seine Bewegungen-  war aber auch nicht so nah am Zuschauer dran. Man erkannte die Stilistischen Unterschiede. Der Tanz im Foyer hat mich mehr beeindruckt, vielleicht weil ich da ganz vorne saß.

Ein aufwändiges Rahmenprogramm begleitet die Tanzplattform. Pitsching, Jurydebatte, Warm-Up. Man konnte gar nicht alles mitnehmen. Jeden Abend lud man zum Clubbing in die KMH. Sport -Spacken- Tanz, eine Uschi Geller Esperience. Sagen wir mal: Naja. Meins war es nicht. Verkleidete Performer machen auf Transe und laufen auf und ab. Es soll darum gehen sich mal gehen zu lassen, mitzumachen, zu trinken und zu rauchen. Es ging aber eher um die Performer, als um uns.

Im Foyer saß das Künstler-Duo aus New York, die mit uns eine Zeittafel konstruierten „The bureau for the future of choreography“. Ein Kamerateam filmte die Leute beim Schreiben.  Man konnte T-Shirts für 87 Cent kaufen auf denen „Life, Dance, Death“ stand. Ein schönes andenken und eine gelungene Tanzplattform, obwohl ich von Dresden vor zwei Jahren immer noch etwas mehr begeistert bin.

In zwei Jahren findet die nächste Tanzplattform in Frankfurt statt.


Nussknacker – Antje Pfundtner

Kampnagel

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Antje Pfundtner kramt in ihren Kindheitserinnerungen und holt den Nussknacker wieder heraus.

In ihrer aktuellen Choreographie zeigt Pfundtner ihre Erinnerungen an den Nussknacker und packt sie in buntes Tüll.

Es sind nur noch Fragmente aus der klassischen Inszenierung geblieben. Eine Vermischung von Text, Performance und Tanz. Pfundtner choreographiert nicht den Nussknacker nach, sondern findet ihre eigene und persönliche Interpretation des Stoffes. Man findet trotzdem Verweise auf die klassische Inszenierung: Der Weihnachtsbaum, das Geschenk welches überreicht wird oder einzelne musikalische Elemente von Tschaikowski, die der Komponist Sven Kacireck in seine Partitur eingearbeitet hat.

Auf der Bühne steht eine riesige Wand aus buntem Tüll mit der leider nichts weiter passiert, außer das sie auf der Bühne steht. An einer anderen Stelle verkleiden sich die Tänzer als Monster. Warum? Man weiß es nicht genau. Auch am Rand liegt ein Tüllhaufen, der nicht oft benutzt wird.

Man spricht Englisch, Französisch und Deutsch – jeder Tänzer in seiner Muttersprache.  Für mich ist es wie eine Collage einzelner Szenen und Akte. Mir fehlt der rote Faden. Antje Pfundtner erzählte in einem Interview, das ein Freund zu ihr gesagt hätte, dass es ein Stück ist was mit dem Nicht-Erfüllen von Erwartungen spielt. Da muss ich ihm Recht geben. Man erwartet, dass die Wand aus Tüll umkippt aber sie tut es nicht, um nur ein Beispiel zu nennen.

Als zum Schluss die gefühlte Hälfte der Zuschauer aufsteht und im Chor singt, bekommt man schon etwas Gänsehaut.

Hier wird nicht der klassische Nussknacker gezeigt, sondern Erinnerungen an die klassische Inszenierung aus der Sicht von Antje Pfundtner und ihren Performern.

Es sind auf jeden Fall tolle Tänzer und Performer dabei und ich persönlich halte Antje Pfundtner für eine großartige Künstlerin auch wenn mich NUSSKNACKER nicht so sehr überzeugt hat.

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I Don`t Belive In Outer Space – The Forsythe Company

Kampnagel

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Die Forsythe Company bei Kampnagel. Hier zeigte sie ihre neuste Produktion I don`t belive in outer space.

Kurze Zusammenfassung: Man muss nicht an das Übernatürliche glauben, die Welt an sich ist schon verrückt genug.

Bei dieser Inszenierung steht deutlich der Text, live und vom Band, im Kontrast mit der Bewegung. Es werden kleinen Alltagsszenen gezeigt, die ins Groteske gezogen werden. Dana Caspersen verkörpert zum Beispiel eine Szene aus einem Film von David Lynch: Zwei Nachbarn unterhalten sich an der Haustür. Sie bewegt ihren Körper statisch und ruckartig, dann wieder flüssig, je nachdem welche Figur sie gerade einnimmt. Den bösen Nachbarn oder die gute Nachbarin. Hinzu kommt, dass sie wunderbar ihre Stimme verstellen kann und es auch stimmlich ins Groteske abdriftet. Es wird mit Text gespielt, mal live, mal vom Band, mal wird er synchronisiert. Mal Englisch, mal Deutsch, mal Französisch, mal Japanisch. Es gibt eine Vielzahl von Figuren. Geschichten werden angefangen aber nicht beendet. Szenen werden angefangen und laufen ins Leere,  man schweift teilweise ab.

Ein ständiger Wechsel zwischen Chaos und Stille, zwischen Einzel-und Massensequenzen. Die Tänzer zeigen was sie können, doch wo das alles hingeht weiß man irgendwie nicht. Es tauchen dekonstruierte Ballettelemente auf, die für Forsythe typisch sind und doch zeigt jeder Tänzer worin er geschult wurde.

Die Musik ist live und wird in dem Moment oben am Technikerpult gespielt. Der Komponist Thom Willems richtet sich nach den Tänzern, nicht andersrum. In einem Zuschauergespräch nach der Vorstellung mit William Forsythe erfährt man so einiges. Er hat vor allem auch viel Humor und bringt im 5-min Takt die Zuschauer zum Lachen und die Dramaturgin in Verlegenheit.

Forsythe setzt viele Intertexte ein, sowohl aus Film und Musik. Er benutzt Popsongs und zerstückelt sie, gibt sie Figuren, die sie als ihre eigenen Texte annehmen. Mir ist der Song „I will survive“ von Gloria Gaynor im Gedächtnis geblieben, der oft eingesetzt wurde und teilweise wunderbar ins Lächerliche gezogen wird.

Es ist eine erfrischende Arbeit, die man sich anschauen kann.

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( Quelle: http://www.theforsythecompany.com/idontbelieveinouterspace.html )


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