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„Every victim needs a sacrifice“ – „Fräulein Else“ von Schnitzler im Haus der kleinen Künste

Else ist ein junges, lebensfrohes Mädchen. Bis jetzt. Sie macht Ferien weit weg von zu Hause und lässt es sich gut gehen. Als sie ein Telegramm von der Mutter erhält, wendet sich das Blatt: Der Papa hat ganze 30.000 Gulden veruntreut. Else soll mit Hilfe des reichen Dorsday dafür sorgen, dass er vor einer Gefängnisstrafe bewahrt wird. Dorsday ist durchaus bereit, das Geld zu leihen, hat aber eine Bedingung: Er möchte Else nackt sehen. Von nun an ist Else mal wahnsinnig, mal wütend, mal ruhig, mal verzweifelt und auch noch vieles mehr. Ihre Gedanken springen hin und her und versuchen, alles genauestens zu durchdringen und alle Möglichkeiten durchzuspielen.

Im Haus der kleinen Künste hat „Fräulein Else“ von Arthur Schnitzler Premiere. Das Ein-Mann-Stück bietet die Form des inneren Monologs, den die Darstellerin Lisa Eder gekonnt variiert. Sie verkörpert die Else lebensfroh und intensiv, aber auch einsam und unsicher. Sobald der Zuschauer meint, er sei hinter ihre Fassade gekommen, gibt es schon wieder eine weitere Facette an Else zu entdecken. Am stärksten sind die Passagen, in denen klar wird, dass sie keine Wahl hat – Else muss tun, was Dorsday von ihr verlangt, sonst kommt ihr Vater ins Gefängnis. Der Zuschauer sieht einerseits diese willensstarke, selbstbewusste Frau, andererseits die Verzweiflung aufgrund der Ungerechtigkeit, die ihr widerfährt. Es hilft alles nichts – sie muss sich opfern.

Einladung_Fr.Else

Auf der Bühne befindet sich ein kleiner Tisch mit Wein und Essen. Bevor die Vorstellung anfängt, sieht das recht einladend aus – sobald Else die Bühne betritt, wird es aber dunkel und drei Lampen, die die Bühne nur karg mit kaltem blauen Licht beleuchten, werden angeknipst. Die Inszenierung von Johannes Seuffer wird unterstützt von Musik und Projektionen. So kommt es vor, dass die Darstellerin der Else inbrünstig „Bitte geh nicht fort“ von Marlene Dietrich imitiert. Die englischen Projektionen werden immer mal wieder eingestreut, passend zum jeweiligen Textabschnitt. Das ergibt durchaus manchmal Situationskomik.

Wer noch nie im Haus der kleinen Künste war, sollte sich das Keller-Theater dort unbedingt einmal ansehen. „Fräulein Else“ konnte mich überzeugen – und das, obwohl sie 90 Minuten lang fast ununterbrochen ihr Innerstes nach außen kehrte.

Vorstellungen gibt es noch am 14. & 15. Dezember.


Weniger ist ganz schön viel // „Die Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ im Haus der kleinen Künste

Nirgends finde ich Theater schöner als im kleinsten Rahmen, in „Kuschelatmosphäre“ sozusagen. Ach ja, ein Keller macht sich da auch nicht schlecht und Gogols „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ scheint wie für das Haus der Kleinen Künste geschrieben.

Hier hat sich der kleine Beamte Poprischtschin, gespielt von Maximilian Pfnür eingenistet: Ein Bett, eine Couch, ein Tisch und eine Lampe, mehr gibt es nicht, in dieser Welt des spanischen Bürgerkrieges, voll von Regeln, Hierarchien und rigoroser Bürokratie. Zu hören bekommt das Publikum den Monolog von einem, für den das Gesellschaftssytem, seine Behörde und vor allem die unerfüllte Liebe zur Tochter seines Direktors zum Gefängnis werden. Es ist eine Gedankenspirale, die immer mehr an Eigendynamik gewinnt, durch Ereignisse, auf die Poprischtschin keinen Einfluss hat. Das Gespräch zwischen zwei Hunden, das er belauscht hat, scheint hier nicht die Einbildung eines Wahnsinnigen, sondern ein natürliches Ereignis. Am Ende steht die Erhebung zum König von Spanien und auch diese Krönung ist ein fast logischer Akt. Dieser scheitert jedoch, wie Poprischtschin selbst, an der Realität.

Den Wahnsinnigen zu spielen erfordert Feingefühl, alleine ein ganzes Leben vor seinem Publikum aufzubauen, erfordert große Kraft. Maximilian Pfnür findet genau die richtige Mischung und es gibt nur ganz wenige Momente, in denen ich nicht im Stück bin, weil ich das Gefühl habe, das er in jedem Augenblick direkt zu mir spricht, Poprischtschins Wahngedanken werden zu einem ganz normalen Dialog. Maximilian Pfnür präsentiert diese Gedanken nicht etwa mit übertriebenen Pathos oder überdreht, sondern herrlich unaufgeregt und das ist sympathisch, auch wenn die Töne, die er anschlägt stellenweise etwas zu leise werden. Es entsteht ein gutes Gespräch zwischen ihm, mir und den anderen Zuschauern, kein Stück. Ich glaube, wenn ich wieder mal Theater gucke, dann gehe ich dazu in den Keller und kann das auch nur jedem anderen empfehlen.

Es gibt noch eine Vorstellung am Freitag, 8.6. um 20.00 Uhr – unbedingt hingehen!!


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