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Herz aus Gift – Lina Hölscher

Rationaltheater München

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Eines vorweg: Ja ich stehe bei diesem Stück unter den Mitwirkenden, bin aber nur in einer Filmszene zu sehen und habe an der restlichen Inszenierung nicht mitgewirkt, noch sie vor der Premiere gesehen. Meine eigene Szene werde ich natürlich nicht kritisieren.

So und nun zum Stück.

Lina Hölscher hat schon bei Hasse Karlsson bewiesen, dass sie inszenieren kann. Nun stellte sie es einmal mehr unter Beweis.

Hintergrund des Stückes von Andrea Funk ist die Geschichte von der Serienmöderin Gesche Gottfried, die von 1813-1828 fünfzehn Menschen durch Gift ermordet hat, darunter auch ihre eigene Familie. 1828 wurde sie verhaftet und öffentlich hingerichtet.

Das Theaterstück spielt nun mit dem Gedanken, was passiert wäre, wäre Gesche nicht hingerichtet worden. Was wäre wenn sie aus ihrer Zeit entflieht und versucht ihre Taten hinter sich zu lassen um einen Neuanfang in einer deutschen Kleinstadt zu starten. Sie meldet sich bei einer Heiratsvermittlung an. Mattes, der dort arbeitet, verliebt sich in sie und wird in unabsehbare Dinge mithineingezogen. Heinz Kross, ein Klatschreporter, versucht Gesche auszuhorchen. Gesche kann von ihren Mustern nicht ablassen und so nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Andrea Funk fügt noch zwei weitere Serienmörder in ihr Stück mit ein, Jürgen Bartsch und Myra H. Von ihnen werden original Zitate eingebaut, so bekommt die Geschichte noch einmal eine ganz neue Brisanz, da Myra H. bis 2002 lebte. Auch heute sind die Nachrichten mehr denn je mit Mordtaten durchflutet. Letztes erschreckendes Beispiel war der Massenmörder Breivik aus Norwegen. Wir alle können uns an die Bilder im Fernsehen erinnern. Warum tut jemand so etwas? Im Fall von Breivik wurden die Gründe geklärt, im Fall von Gesche Gottfried versucht das Stück und die Inszenierung Antworten zu finden und gräbt sich in ihre Gedanken.

Lina Hölscher macht aus dem Theaterstück eine Mischung aus packendem Krimi und menschliches Drama.

Sinikka Schubert lotet alle Fassaden von Gesche Gottfried aus und das waren einige gewesen. Man müsste sie eigentlich mal fragen, ob sie die Gründe der Morde ihrer Figur gefunden hat. Wer weiß schon was in solch einem Menschen vor sich  geht, vielleicht ist Sinikka Schubert durch ihre Darstellung der Gesche dem ein bisschen näher gekommen. Aus ihrer Spielweise, könnte sich das durchaus ableiten lassen. Sie spielt emotional und macht den Eindruck, dass sie die Figur und ihre Geschichte lebt. Maike Specht, die in Hasse Karlsson ihre mütterliche Seite zeigte, wurde hier zur alternden Chefin der Heiratsvermittlung, die mit schwarzem Humor und Sarkasmus besticht. Christopher Goetzie sah man seine begonnene Ausbildung an einer Schauspielschule an. Er ging so in der Rolle des etwas zurückgebliebenen  Klatschreporters auf, dass sogar die Bewegungen seiner Fingerspitzen zur Figur passten! Timocin Ziegler, der Mattes spielte, ging leider etwas unter. Entweder waren die anderen zu stark oder er zu schwach in seiner Figur. Als eine der Hauptfiguren hätte ich ein bisschen mehr erwartet.

Mit wenig Mitteln und Requisiten wurde die Welt der Gesche dargestellt. Stellwände, Teppich und Blumenerde….und Butterstullen! Ich bin nicht einmal ausgestiegen und es wird einem nicht langweilig. Die großartige schauspielerische Leistung und auch die gesamte Inszenierung schaffen es, dass man gepackt wird von der Geschichte und sich fragt WARUM? Gesche spielt Gott. Sie entscheidet wer leben darf und wer nicht. Was muss man in sich tragen bzw. erlebt haben, um so einen Hass auf die Menschen zu haben. Die einzige Antwort die Gesche dazu hat ist, dass faule Kartoffeln von den gesunden getrennt werden müssen!

Es lohnt sich auf jeden Fall noch hinzugehen, denn einmal mehr hat Lina Hölscher bewiesen, dass sie es versteht  die Figuren herauszuarbeiten und ein gesamtes stimmiges Bild zu erzeugen in dem wunderbare Geschichten erzählt werden.

Weitere Vorstellungen am 8.1 und 15.1.2012 im Rationaltheater an der Münchner Freiheit.

„Es sind die Frauen, die Leben geben können. Und es sind die Frauen, die Leben nehmen können.“


Der gewissenlose Mörder Hasse Karlsson enthüllt die entsetzliche Wahrheit, wie die Frau über der Eisenbahnbrücke zu Tode gekommen ist // Rationaltheater

„Warum macht man Dinge, die man nicht tun will?“, schreibt Hasse Karlsson mit Kreide an die schwarze Bühnenrückwand – und kommentiert, nach vorn gewandt: „Ich weiß es nicht.“ Aber während der Protagonist in Henning Mankells Stück rückblickend seine eskalierenden Jungenstreiche mit unschuldiger Ratlosigkeit erzählt, ist der Mechanismus seiner Geschichte von außen betrachtet ziemlich einfach: Hasse schließt Freundschaft mit Schwalbe, einem Jungen aus finanziell besseren Verhältnissen, und wird bald von dessen Anerkennung abhängig. Daher nimmt er an Schwalbes sogenannten Racheaktionen an der Erwachsenenwelt teil – kleinen und größeren Streichen, die schließlich zum Kältetod einer Frau führen. Die Antwort, wofür eigentlich sich die beiden Jungen rächen sollen, bleibt Schwalbe seinem Freund Hasse schuldig – und so bezieht sich die exponierte Frage nach dem Grund des sadistischen Handelns unausgesprochen auch auf ihn, den Verführer.

Den Anlass für Hasse, diese Episode seines Lebens noch einmal im Wechsel von szenisch ausagierten und vereinzelten erzählerischen Momenten zu durchleben, liefert der bevorstehende Tod seiner Mutter – und das macht das Stück eigentlich spannend, denn der Zusammenhang zwischen Hasses Mittäterschaft und seinem erwähnten langjährigen Zerwürfnis mit der Mutter bleibt lange aufgespart und wird auch zuletzt eher angedeutet als dargestellt. Am Ende eines großen Bekenntnisses steht also wieder die Scheu, den eigentlich schmerzhaften Punkt zu benennen.

Die Regisseurin Lina Hölscher erzählt diese Geschichte geradlinig, mit klugem Minimalismus in der Ausstattung und großem Einfühlungsvermögen in die Unsicherheit der handelnden Figuren. Hasse, Schwalbe und die Mutter sind sauber gearbeitete Charaktere, die innerhalb kürzester Zeit Interesse wecken. Die wahrlich winzige Bühne des Rationaltheaters zwingt die Schauspieler zu präzisem, überlegtem Spiel – aber damit erzeugen sie eine Spannung, die den Raum immer wieder bis an seine äußersten Grenzen dehnt. So gewinnen die körperlichen Rangeleien zwischen den beiden Jungen unglaubliche Wucht, und die verzweifelte Suche nach Hasses (bedrückenderweise immer unsichtbar bleibendem) Vater gerät gerade wegen der engen Verhältnisse zu einer intensiven Szene.

Die Schauspieler sind dem gnadenlos intimen Rahmen zweifellos gewachsen. Eindrucksvoll vor allem die vollendet natürlich spielende Maike Specht, der es als Mutter gelingt, vereinnahmende Dominanz und liebevolle Herzlichkeit in ein und demselben Moment erfahrbar zu machen. Benjamin Jorns ist als fragil gebauter Jüngling mit scheuen Augen eine ideale Besetzung für Hasse; er verleiht der Aufführung einen melancholischen Grundton und macht die Hilfslosigkeit seiner Figur auf beklemmende Weise deutlich. Ihm zur Seite zieht der körperlich imposante Christopher Goetzie nicht nur alle Register eines komödiantischen mimischen Talents, sondern schafft mit Schwalbe auch eine zwiespältige Figur, indem er neben der angeberischen Aggressivität immer wieder kindliche Naivität durchscheinen lässt: Ein Täter mit der Aura des Unschuldigen. Sandra Obermeier in verschiedenen kleinen Opferrollen verfällt leider mitunter in einen affektierten, künstlichen Ton, trägt aber mit gleicher Präzision zu einer beachtlichen Ensembleleistung bei.

Ein ruhiger, nachdenklicher und rührender Abend, den man sich nicht entgehen lassen sollte!


Die Liebe in Zeiten ihrer unbegrenzten Besprechbarkeit – Lina Hölscher

Studiobühne LMU

KLICK

Vor ein paar Wochen wurde ich über Facebook zu diesem Stück eingeladen.

Ich weiß den Titel bis heute noch nicht.

Ich sagte ich geh ins Theater und man fragte mich: „In was denn?“

Ich sagte: „Keine Ahnung, irgendwas mit Liebe.“

Ich ging also in das Stück, in dem es über Liebe gehen sollte. Das Programmheft hat mir verraten, dass es um eine Frau geht, die Schauspielerin ist und kein Engagement hat, deshalb verdient sie ihr Geld mit Telefonsex. Ihr Nachbar, ein Autor, sucht  Material für sein neues Buch. ER, Andreas, kommt eines Abends zu IHR, Elisabeth, in die Wohnung und will ein Kondom haben. Wie man später mitbekommt, ist es jedoch nur ein Trick um sie näher kennen zu lernen.

Beide erzählen von ihrem gescheitertem Leben und ihren gescheiterten Beziehungen. SIE hat ein Poster an der Wand hängen mit einem knackigen Model drauf, den sie ihren Freund nennt. ER behauptet eine Freundin zu haben,  schaut sich aber nur Pornofilme an.

Im Laufe des Stücks kommen sie sich näher und am Ende wollen sie es dann mit einer Beziehung versuchen.

Darja Doberstein und Benjamin Jorns spielen SIE und ER. Sie spielen gut, sie spielen sie überzeugend. Darja Doberstein überzeugt auf jeden Fall mit ihrer erotischen Telefonsex-Stimme, die man ihr gar nicht zugetraut hätte, wenn man sie so sieht. Benjamin Jorns, in einem Streberoutfit, ist erst schüchtern dann losgelöst. Es wird mit viel Gefühl gespielt, mit viel Einsatz und Leidenschaft.  Man hat gesehen, dass sich die beiden beim spielen wohlfühlen. Und sie spielen auch sehr gut miteinander, was auch nicht immer der Fall ist. Aber bei ihnen hat man gemerkt, dass die Chemie stimmt.

Das Stück ist von Silke Hassler. Streckenweise fand ich den Text etwas langatmig und da es nur ein Zwei-Personen-Stück ist, ist es noch schwieriger die Spannung zu halten. Ich fand die Geschichte gut, aber sie hat mich nicht vom Hocker gehauen. Trotzdem wollte ich am Schluss wissen, ob die beiden es schaffen in einer „normalen“ Beziehung zu leben und was wird aus dem Job von IHR? Fragen, die leider nicht beantwortet werden.

Das Bühnenbild ist sehr spartanisch, aber es passt gut zum Stück.

Lina Hölscher hat, in Zusammenarbeit mit Sarah Holtkamp, es geschafft, dass ihrer beiden Schauspieler sehr gut miteinander harmonieren und das in zwei Wochen, wie mir nachher berichtet worden ist. Die Geschichte und die Schauspieler standen im Mittelpunkt und nicht ein überdimensionales Bühnenbild und krasse Technikeffekte, was ich ausgesprochen gut fand. So konnte man sich auf das wesentliche konzentrieren: Auf die zwei Figuren und ihre Geschichte.

Im Programmheft steht viel vom Glück, vom falschen Glück. Jaja so ist das mit Dingen, die man benutzt um sich glücklich zu fühlen. Sie reichen nie ganz, sie reichen noch nicht einmal halb. Das hat die CD mit den Alltagsgeräuschen, die SIE sich einlegt um nicht so einsam zu sein, sehr verdeutlicht.

Eigentlich ist es ein schönes Stück um über seine eigene Einsamkeit nachzudenken, aber dafür war es etwas zu kurz. 50 Min sind bei dem Thema irgendwie zu wenig gewesen.


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