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Spuren der Lebenslügen im Sand – Seltsames Intermezzo: Kammerspiele // Ivo van Hove

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© Jan Versweyveld

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© Jan Versweyveld

„Der Klang ihrer Stimme ist wie Feuer in meinem Kopf.“ Es lässt sich gar nicht genug zu diesem Stück sagen, um es treffend einfangen zu können, es brennt sich mit seinen über vier Stunden Dauer dem Zuschauer in Herz und Hirn ein. Es nimmt einen mit, fegt einen davon, bringt zum Lachen, lässt verzweifeln, steht völlig still und pocht und atmet unaufhörlich.

Die Darsteller rennen, kriechen, hüpfen barfuß über den feinen Lavasand, der von einer schräg nach vorne geneigten Ellipse eingefasst wird. Sonst nichts. Keine Requisiten, kein weiteres Bühnendekor. Knirschender feiner Sand, der überall Spuren hinterlässt. Nach fast jeder Szene wird er in Tennisplatz-Manier mit einem Rechen abgezogen, die Spuren im Sand verwischt. Die Regelmäßigkeit und Hingabe dieser Aktion gibt dem Stück seinen Rhythmus, egal, ob durch Statist, Bühnentechniker oder Hauptdarsteller ausgeführt.  Aber das Geschehene kann nicht ausradiert werden, im Gegenteil, über die bloßen Füße scheinen sich die Figuren in der Geschichte zu verwurzeln. Steht die Erinnerung am Anfang, so findet sich die Lebenslüge am Ende. Wenn eine Ellipse nicht Anfang und Ende in sich begreifen würde…

Seifenopernalarm! Aber gewünscht. 25 Jahre umspannt die Handlung, mittels Maske und Spiel erleben wir das Männerkarussell um Nina Leeds (Sandra Hüller in Höchstform), die ihr Leben darauf verwendet, ihrem gefallenen Geliebten nachzutrauern. Dieser Verlust wird durch verschiedenste Kompensierungsversuche in Form von Heirat, Ehebruch und Kinderkriegen schließlich ad absurdum geführt: das Entlarven der Erklärbarkeit aller menschlichen Regungen, der 1+1=2 Logik, die sich nicht durchsetzen kann in den Nuancen des Daseins. Diese kleinen Nuancen werden wunderbar durch die zwischengezwitscherten Gedankengänge jeder Figur zur Äußerung gebracht, offenbaren die oftmals tragische Komik des Alltags und die Skurrilität unserer Umgangsformen. Hier werden Klischees gezeigt, geprüft, gebrochen und doch bewiesen.

Das Einschreiben eines Namens in den Sand, eine fantastische Jesuspose auf Kies, Geschlossene Gesellschaft. Wiederholt taucht die Idee „Besitz“ als Schreckgespenst der menschlichen Beziehungen auf, die sie quälend langsam zerreißt. Muss uns ein Mensch gehören, damit wir glücklich sind? Müssen wir genau wissen, wie die Besitzverhältnisse sind? 1 Mann + 1 Frau = 1 gemeinsames Kind. Damit ihr Kind nicht verrückt wird, wie in der Familie ihres Ehemannes Sams (fantastisch: Marc Benjamin) schon so oft vorgekommen, treibt Nina ab, um Sam ein gesundes Kind mit Ed als Vater zu schenken. Wer hat Anspruch auf wen – weswegen? „Nach allem, was wir ihm geopfert haben…!“ (1 Mann + 1 Frau) + 1 Mann = 1 Kind. Wer ist der Mann zu viel, wo soll man die Klammer setzen? Und zu Guter Letzt noch der Onkel Charlie, das Muttersöhnchen, dass von Nina in eine Art Ersatzvaterrolle gedrängt wird, zu der zurück es sie drängt. Sein „Leben pflückt Rosen“. Dennoch hat man nicht das Gefühl, es wäre alles gesagt: am Ende stehen mehrere Leben unausgesprochen nebeneinander herum und wissen nicht mehr weiter, aus Angst, aus Erfahrung, aus Resignation. Der Zyklus beginnt erneut, Ninas Sohn, verabschiedet sich, die zukünftige Ehefrau im Arm, von seiner Mutter. „Söhne sind wie ihre Väter, sie gehen durch die Mutter hindurch, um wieder ihr Vater zu werden.“

Besuchte Vorstellung: 25.05.2013, weitere Vorstellungen 30.05./09.06. jeweils 18 Uhr, 02./22./29.06, jeweils 19 Uhr

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Münchner Kammerspiele – Fegefeuer in Ingolstadt

Susanne Kennedys Inszenierung von „Fegefeuer in Ingolstadt“ an den Kammerspielen lässt sich mit einem Wort beschreiben: Interessant. Dass interessant beim Theater aber auch unglaublich anstrengend bedeuten kann, habe ich hier wieder einmal zu spüren bekommen. Für alle, die „Fegefeuer in Ingolstadt“ nicht kennen, lohnt es sich, die Inhaltsangabe vorher zu studieren. Teilweise sind Zusammenhänge schwer zu verstehen, was der Sprache Fleißers geschuldet ist.

Das Geschehen spielt sich unter Schülern ab, die als solche aber nur aufgrund von Kostüm und Maske nicht zu erkennen wären. Olga (Çigdem Teke) erwartet ein Kind von Peps, der aber eine neue Freundin hat. Ihr Mitschüler Roelle, gespielt von Christian Löber, ist Außenseiter und wird von den anderen als hässlich und stinkend beschimpft. Er erpresst Olga mit dem Wissen um einen von ihr geplanten Schwangerschaftsabbruch und stellt ihr nach, was die Eifersucht von Olgas Schwester Clementine (Anna Maria Sturm) weckt. Schließlich sieht sich Olga gezwungen, ihrem Vater von der Schwangerschaft zu berichten, da Roelle Gewalt anwenden will, um ihr nahe zu sein. Die junge Frau trifft nicht auf das erhoffte Verständnis und versucht, sich zu ertränken, wird aber von Roelle gerettet. Weitere Figuren sind Protasius und Gervasius, die ursprünglich als undurchsichtig beschrieben und hier etwas ins Lächerliche gezogen sind.

Weil er einem Hund die Augen ausstach, ist Roelle unterdessen von der Schule geflogen. Er gibt sich als Vater von Olgas Kind aus. Roelle glaubt nach einigen Streitereien mit Olga, dass er an ihrer neuen Außenseiterrolle schuld ist und will beichten. Den Beichtzettel isst er aber auf, weil er sich dann doch nicht traut.

Das Bühnenbild von Lena Müller ist schlicht weiß gehalten. Es ist ein Raum in einem Haus dargestellt, an der Wand hängt ein Kruzifix. Der Bezug zur Religion ist allgegenwärtig. Das Licht flackert und schafft eine bedrohliche Atmosphäre. Ich habe zuerst an ein Irrenhaus gedacht, als ich die Bühne und die Figuren gesehen habe. Denn alle wirken krank, nicht zurechnungsfähig und erstarrt. Jeder bekämpft hier jeden, ein Miteinander gibt es nicht. Der Ton kommt vom Band. Die Schauspieler sind also in den rund 100 Minuten angehalten, das Playback mimisch einzuhalten. Das gelingt (bewusst?) nicht immer. Kennedy hat Peps und Hermine zudem ganz gestrichen und das Stück gekürzt.

Was am Anfang noch interessant wirkt – diese künstlich anmutenden Geschöpfe, die mehr Puppe als Mensch sind und nicht wirklich von der Stelle kommen – wird im Verlauf der Vorführung langweilig. Denn schon nach kurzer Zeit ist der weitere Verlauf absehbar. Ich ertappe mich dabei, mit den Gedanken abzuschweifen. Neben mir schnauft eine ältere Dame zunehmend genervter und als Roelle in der Szene mit dem Beichtzettel seine Handlungen immer wiederholt, bewegt sich der Zuschauer an der Grenze zum Ertragbaren.

Die letzte Szene dreht sich um eine Gebets-Litanei, die nicht enden wollend wieder und wieder und noch einmal von allen Darstellern eingesprochen wird. Trauten sich vorher nur wenige Zuschauer aus dem Saal, steht jetzt ein ganzes Rudel auf; einige klatschen verfrüht Beifall, um dem Geschehen auf der Bühne ein Ende zu machen. Jemand ruft „Na dann geht doch nach Hause, wenn ihr sowas nicht ertragen könnt.“ Recht hat er. Applaus gibt es trotzdem viel; als die Regisseurin die Bühne betritt, kassiert sie allerdings viele Buh-Rufe. Wer einen Hang zu Fleißers Texten hat und nicht auf leichte Kost steht, dem sei die Aufführung ans Herz gelegt. Ansonsten würde ich das Stück – obschon einige interessante Momente aufflackern – nicht zur Empfehlung aussprechen.

Es spielen: Christian Löber, Anna Maria Sturm, Çigdem Teke, Heidy Forster, Marc Benjamin, Walter Hess, Edmund Telgenkämper. Weitere Vorstellungen sind am 17.02., 24.02., 04.03., 15.03., 21.03. sowie am 30.03.2013.


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