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Bersten – Violet: Muffathalle/Relations // Meg Stuart

Es wächst, pulsiert und lebt. Ein Baum, der zum getanzten Uhrzeigersinn des zweiten Tänzers von rechts (Name leider nicht herauszufinden) wächst. Ein Zyklus des Lebens, die Geschwindigkeit nimmt zu, die Lautstärke, und wenn der Höhepunkt erreicht ist – ist Schluss. Beim ersten Mal bin ich verwirrt, beim zweiten Mal genervt. Ich verbringe die anderthalb Stunden versunken in eben jenen Uhrzeiger, den Tänzer mit den gleichsam aus seinem Körper wachsenden Armen, der über eine unglaubliche Körperspannung und –präsenz verfügt. Die anderen Performer sehe ich gar nicht richtig, ich scheitere beim Versuch. Das Bühnengeschehen beginnt mit ihm, seinen Händen, den kreisenden, ausgreifenden, zeigenden Bewegungen seiner Arme. Meg-Stuart-Arme. Als die Beine ins Spiel kommen, scheint das schon nicht gut gehen zu können. Und gut gehen soll es irgendwie auch gar nicht. Auch gefallen nicht, die Musik trifft den Nerv der Bewegung und raubt mir somit meinen letzten. Ich überlege bereits zu gehen, kann und will aber doch nicht – im zweiten Anlauf nimmt das Stück plötzlich neue gruppendynamische Züge an, die mich nicht loslassen. Ein Menschenknäuel rollt übereinander, es wächst mit jedem neuen Tänzer. Ein Konstrukt aus Bewegung hat sich tief in den Raum hineingeschrieben, voll Leidenschaft, ohne Allüren, ohne Zweifel. Das ist bewundernswert. Abgesehen von der Leistung der Tänzer am wohl bisher heißesten Tag des Jahres. Wirklich bewundernswert.

Aber warum darf am Ende eines Wirbels aus Körpern und Klängen nichts als der stroboskop-geleitete Stillstand stehen? Ist das der Super-Gau unseres Lebens? Ich gehe tief frustriert, flüchte regelrecht. War ich nicht in der passenden Stimmung? Eventuell gibt es für dieses Stück auch keine. Der Sog war da, die Bewegung floss in meinen Körper über, ich wollte so gerne mitmachen, ausbrechen, bersten. Violet kann nur in Trance leben.

Besuchte Vorstellung: 18.06.2013, weitere Vorstellung 19.06.2013, 20.30 Uhr

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DIESE HOSE IST WARM.

Meg Stuarts Built to last zwischen rauschhaften Emotionen und lakonischen Kommentaren

Geräuschkulisse der Großstadt? Nein. Neue Musik. Schrecken, Krampf, Zucken, mechanische Bewegungen, Irrsinn – so fängt es an. Im Laufe des Abends tanzen fünf Performer zu fünfzehn klassischen Stücken kreuz und quer durch die Musikgeschichte. Ein Gregorianischer Choral löst die Wiener Klassik ab, Tonales folgt auf auskomponiertes Rauschen und das mitreißende Thema Aus der Neuen Welt von Dvorak hat auf einmal gar nichts mehr gemeinsam mit Beethoven. Denn zu Dvořák sieht man zackige Armbewegungen, Kraftposen, Sportlichkeit, Eindeutigkeit, bei Beethovens Eroica dagegen ein großes Gewusel. Krabbelnde Körper, einander tragende Körper, Gleichzeitigkeit von Triumph und Geschlagensein in Gesten und Haltungen. Welch‘ konträre Emotionen ein sinfonischer Satz gleichzeitig mit sich bringen kann, hat man geahnt, aber nie so visualisiert gesehen. Die musikalische Interpretation eines Stückes – gebündelt durch einen Dirigenten, ein Orchester – enthält Ambiguitäten, wie sie sich beim Hören wohl vermitteln, wie sie aber kaum besser als durch die fantastische Choreographie ins Bewusstsein treten können, die vom 10.-12.Januar 2013 im Berliner Hebbel am Ufer zu sehen war.

Es handelt sich um Meg Stuarts Tanztheaterinszenierung Built to Last. Als Koproduktion der Münchener Kammerspiele mit Damaged goods dort bereits im April letzten Jahres uraufgeführt, profitiert der Tanz tatsächlich von den Klassikern der Musikgeschichte, geschrieben für die Ewigkeit (built to last). Doch nicht nur die gewählten musikalischen Kostbarkeiten, auch dieser ausdrucksstarke Tanz ist von Dauer und zum Teil kehren sich die Hierarchien um. Da erschließt sich die musikalische Ausdruckskraft erst durch die Bewegungen, Gesten, die Mimik und die effektvolle Bühnengestaltung. Setzt die Musik kurz aus, geht die Bewegung weiter und setzt die Musik dann wieder ein, so begleitet sie plötzlich die Bewegung, das Austesten von Gesten und Posen. Setzen Musik und Tanz gleichzeitig aus, ist ein von Gefühlen überbordender Satz, ein Rausch an Rasen, Stampfen, Sich-Winden, Kugeln und erdrückt sein vorbei, so bleibt die große Stille, das Erwachen, die Nüchternheit. Eben noch meinten wir zu wissen wo wir sind, und plötzlich ist alles ganz anders. „Wir glauben, wir wüssten, wo wir sind, aber wir wissen es nicht.“ So wird das in der Aufführung kommentiert. Der Tiefsinn dieser Worte wird aber gleich gebrochen durch eine gekonnte, subtile Ironie in den mimischen Kommentaren von Kristof Van Boven, die gegen zu viel Pathos wirken und mit zu einem erstaunlich kurzweiligen Abend beitragen. Es ist urkomisch, wenn mittelalterlicher Gesang durch archaische Geräte der Feldarbeit illustriert wird, alberne Perücken und ein Hirschgeweih auf futuristische geometrische Körper prallen und in schrillen Kostümen das Modell eines großen Dinosauriers auseinander genommen wird, dessen Skelett im Kontrast dazu steht, dass die Performer hier überaus lebendig sind. Sie powern sich spürbar aus („Diese Hose ist warm.“) und werden mit ihren Life-Visualisierungen der musikalischen Vorgänge in der Musik zu Figuren, zu Individuen. Nur mit Psychologie, zwischenmenschlicher Kommunikation oder narrativer Handlung hat das alles wenig zu tun. Vorgeführt wird hier eine eigene Sprache zwischen Musik und Bewegung, von der man gern noch mehr sehen und hören möchte.


Zerrissene Umarmungen – the fault lines: Muffathalle // Gehmacher, Miller, Stuart

Studio 2 in der Muffathalle. Alles ist weiß und hell, ein Vorhang rechts, zwei Projektoren, Meg Stuart und Philipp Gehmacher lehnen an der Wand. Keiner blickt den anderen an. Meeresrauschen? Dann bewegen sich beide entschlossen aufeinander zu, rennen ineinander, gegeneinander. Ein Gegeneinanderschlagen, eine Umarmung. Immer wieder neu, contract and release. Das vermeintliche Meer braust bei jedem dieser Kämpfe störgeräuschartig auf, verstärkt die anfangs noch handlastigen Auseinandersetzungen.
Zuschauen kann weh tun – mitunter hört man kleine Seufzer im Publikum, meine Gedanken schweifen ab, bleiben aber beim Thema Kommunikation. Sie hören und sehen: vertanzte Kommunikation gibt blaue Flecken. Kommt der Mensch nie zu einer Lösung, fängt aber immer wieder von vorne an? Macht ihn das aus? Unergründlicher Optimismus in ruckartiger Bewegung?
Das sieht nicht wie Optimismus aus. Das tut weh, das kratzt, das zieht, das drückt. Lichtwechsel – geben die beiden auf?

Die Performerin steht am Rand. Gehmacher scheint zu probieren, wie er die nächste Annäherung angehen soll – zögerlich, auf dem Boden sitzen, die Arme werden abgewinkelt, der Boden betastet. Es scheint nicht zu funktionieren. Betrachtet man es als Vorbereitung auf ein nächstes Gespräch sieht es nicht gut aus, als fiele ihm nichts ein, womit sein Körper erfolgreich kommunizieren könnte.

© Nina Gundlach

© Nina Gundlach

Einer der beiden Projektoren wird nun von Vladimir Miller bespielt, ein wandernder Punkt auf dem Ausschnitt vor dem Vorhang. Er zeigt immer nur Fragmente, eine Hand, ein Bein, den Vorhang. In die Geräuschkulisse mischt sich sanfte Musik, Kinderstimmen, das laute Knattern eines Filmprojektoren. Meg Stuart schiebt sich am Vorhang entlang, räumlich versetzt von Gehmacher. Aber aus der Projektorperspektive hält er ihren Kopf in seinen Händen, ganz kurz. Merken es Menschen vielleicht gar nicht mehr, wenn sie einander berühren? Es kommt auf den Blickwinkel an, der jeweilige Blickwinkel von außen konstituiert eine Definition einer Beziehung. Die zwei Performer bewegen sich zunehmend mehr am Boden, ruhiger. Bis aus dem Bewegungsfluss einzelne Etappen werden, jede Bewegung für sich, unterbrochen und vom Ganzen abgehoben.  Lichtreflexe wie Straßenlichter an der Wand. Oder ist das nur der Straßenlärm der Geräuschkulisse, die zunehmend wechselt?

Immer wieder streicht sie seinen Körper entlang, von Kopf bis Fuß. Und forme Menschen nach meinem Bilde. Er lässt sich nicht formen. Einer von beiden, beide, lösen die Positionen auf. Stillstand. Desinteresse. Aktio und Reaktio, die Bilder erinnern an unterschiedliche Schlafpositionen eines Paares im Bett.

Erneut der Projektor – eine Hand mit Stift zeichnet über die Liegenden, in die Liegenden hinein. Momentaufnahmen einer Beziehung, nicht zweier Menschen. Da sind Achsen, die unleserlich beschriftet aus Meg Stuarts Bauch ragen, Schattierungen, Schraffierungen. Wunden? Wölbungen und Spitzen. Und es hört nicht auf, die Zeichnung schreibt mit, zeichnet die zwei Menschen in ihrem Fokus. Nur Umrandungen, daraus ein Ganzes. Ein bisschen Picasso.

Nebeneinander vor dem Vorhang sitzend schiebt sich plötzlich eine schimmernde Folie vor die beiden. Der Mensch als Pixel, simsalabim. Dieser Filter tilgt die Spuren des Zeichners. Happy End in glitzernder Glückseligkeit und doch nicht. Sie sitzen nebeneinander, Yin und Yang, aber eine weitere Folie verschiebt die Perspektive, lässt sie optisch von ihm abrücken. Plötzlich ist dieses Schlussbild verschwunden, beide Performer begeben sich in die Ausgangspositionen.

Die Frage, welche Bedeutung die Umwelt und der Blickwinkel auf unsere Wahrnehmung haben steht im Raum. Wir sind uns dessen wohl bewusst, aber es fällt uns erst auf, wenn es uns jemand anderes zeigt. Die Frage ist, ob wir jemals, wie am Ende dieses Stückes, zurück auf Null gehen können. All unsere Erfahrungen sind uns doch gewissermaßen eingeschrieben, für uns fällt kein flimmernder Vorhang. Und doch radieren wir mit anderen Hilfsmitteln in unseren Geschichten, Beziehungen herum. Übrig bleibt die Hoffnung darauf, dass wir es trotz allem immer wieder versuchen. Ein schönes Fazit für den vorweihnachtlichen Denkanstoß von Access to Dance/Joint Adventures.

Besuchte Vorstellung: 06.12.2012, weitere Vorstellungen: 07.12.2012, jeweils 18.00 und 21.00 Uhr

Lost in Translation? – Access to Dance 2012

Joint Adventures


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