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Körper und Ich – Der Körper als Ausstattung

Marie Golüke und Roland Walter boten am 15.2.2014 eine dreiteilige Einzelperformance im Haus der kleinen Künste mit dem Dachthema „Körper und Ich“ dar. Die einmalige Aufführung in München lotete die Grenzen von Körpern und Körperlichkeit aus, die Möglichkeit der Manipulation des eigenen Körpers und damit auch die Konstituenten des Geschlechts und die Unmöglichkeit der Bewahrheitung von Liebe

Die Rahmung: welche Körperlichkeit darf auf die Bühne?

Das Programm kündigt Walters Performance „Vogelflug“ mit der vermeintlich pathetischen Frage an: „Frei sein wie ein Vogel. Wie geht das?“ Erst wenn man auf den Hinweis stößt, dass der Performer körperlich behindert ist, eine starke Behinderung, die ihn an einen Rollstuhl bindet, transformiert sich die Frage, die sich im Grunde zwischen Ratgeberliteratur und Kindersprache bewegt, in eine gewisse Radikalität, die Frage danach, wie sich Sehnsucht ökonomisiert, wenn die körperlichen Bedingungen dergestalt beeinträchtigt sind? Es entsteht eine diffuse, stumme und radikale Sehnsucht nach dem Anderen und Draußen. Die häufige Verwendung der Geburtsmetapher – sowohl die von der körperlichen Beeinträchtigung diktierte Embryonalstellung, die Fesselrequisite, die man als Nabelschnur verstehen kann, als auch das sehnsuchtsvolle Ins-Leere-Greifen auf die Sonne zu – kann man in diesem Kontext verstehen. Jedoch lässt dies für den Zuschauer keine Möglichkeit offen, sich irgendwie mit der Figur identifizieren zu können – die Aussage driftet sogar in eine Tautologie ab. Deswegen muss man zuschauen und Walters Darbietung als erzählende Innenschau hinnehmen, die sich in der Dialektik Freiheit/Gefangensein ergeht. Und diese bewegt sich durchgehend dann doch dem ersten Riecher gemäß in einem Zwischenstadium, dem die künstlerische Brechung fehlt.

Was hier zumindest versucht wurde, ist, einer Stimme, der wir sonst kaum Gehör schenken, Ausdruck zu verleihen. Aber bitte nicht, wenn man bedenkt, dass im Feld der Politik politische Maßnahme vonnöten sind, Quoten für körperliche Behinderte einzuführen, die nichts anderes als ihre gesellschaftliche Ohnmacht quittieren. Der Raum der Bühne sollte durch die Vorannahme der Möglichkeit der Ausserstandsetzung gesellschaftlicher Konventionen umso eindringlicher schildern können, was es heißt, behindert zu sein. Behinderte auf die Bühnen – aber bitte nicht als Behinderte!

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Das Geschlecht: „Eat, Love, Puke – Parfoce“

Das für diese Aufführung revidierte Stück von Cornelia Gellrich ist der Monolog einer Schauspielerin, die um der Idee der Schönheit willen sich selbst bis an die körperlichen Grenzen manövriert, und zwar im Fressen, in der Liebe und im Kotzen. Die sich auch deswegen in einem selbstgewählten Märtyrertum aufreibt, um dem existentiell verwurzelten Misstrauen gegenüber der Möglichkeit der Liebe des von ihr vergötterten Mannes entgegen zu wirken. Denn dem unverstandenen Überschuss, der aus solch einem Glücksfall resultiert, dem nämlich, erwiderter und tiefer Liebe, dessen quasi erwählt zu sein, muss man erst einmal beikommen. Sie muss sich selbst schnitzen und formen, um sich überhaupt in den Bereich zu drängen, in dem Begehren eine Rolle spielen kann. Sie rationalisiert mit dem Körper die Gabe der Liebe und verleiht ihm (und sich) vor dem object ambigou Macht, und zwar über eine negative (weibliche) Praktik: Selbstgeißelung in Form von Bulemie und Fresssucht, um überhaupt als liebenswerter Körper mit Investitionen bestimmt werden zu können. Die Überraschung bei der Behandlung des Themas ist also, dass bei der Problematik Masochismus als Liebesgarant keine Kompensationslogik oder Traumaargumentation zum Tragen kommt, sondern dass sich die Protagonistin über die Optimierungsmaßnahmen vor ihrer großen Liebe und ewig unerfüllt bleibenden Sehnsucht beweisen will.

Was ist dies jedoch anderes als sich in einem konservierten Körper zu befinden? Golüke setzt diesen Gedankengang gekonnt um, indem sie sich in Frischhaltefolie einwickeln lässt. Zusätzlich zu jener Blutstauchung durch den Wärmeverlust, der auftritt, wenn man bei geringer Bekleidung in dem außergewöhnlich kalten Raum steht (siehe Foto), kommt also die Blutstauchung durch Abschnürung der Blutbahnen. Dies verleiht der Aufführung eine Intensität und fügt dem Stück eine weitere Bedeutungsebene hinzu: Das erschöpfte Keuchen der Schauspielerin zeigt die Anstrengung um den ewigen Geliebten: das Publikum.

Die Darbietung: wohin mit dem Körper?

Damit haben wir hier zwei Verhandlung in einem dreisätzigen Stück, das nicht unterschiedlicher den Begriff „Körper“ fassen könnte: Während Walter sich mit dem Körper in der Dialektik Freiheit/Gefangenheit auseinandersetzt, ist Golükes Körper als Mittel zentriert, mit dem man doch nicht die Sehnsucht zu lieben und den Kampf geliebt zu werden einholen kann. Ein kurzer Moment der Befreiung kündigt sich an, wenn das Kotzen einsetzt, wenn der Körper an die Grenzen seiner Belastbarkeit geführt wird – und auch ich den Wunsch verspürte aufzuspringen, um die schwankende Golüke aufzufangen. Ein durchwachsener Abend.

Bild: copyright: Julian Herrfurth


Die Geographie des Herzens – Erfolgreicher Auftakt des Fastfood Improcup 2014 im Schlachthof

Im ausverkauften Saal des Schlachthof läutete das Fastfood Theater am Samstag den diesjährigen Improcup ein – ein Theatersport-Turnier, bei dem sich acht Zweierteams in verschiedenen Disziplinen des Improtheaters messen müssen. Mithilfe von Vorgaben des Publikums und eines Zufallsgenerators erfahren die Spieler, was sie für uns spielen dürfen. Und das sind nicht gerade Szenen aus dem Alltag – oder hat schon mal jemand einen Heiratsantrag in einer hallenden Folterkammer bekommen? Nach jeder Szene dürfen die Zuschauer mit ihrem Applaus Punkte an ihr favorisiertes Team vergeben, der nicht immer ganz eindeutig ausfällt.Improcup-Publikum im ausverkauften Schlachthof

Ins erste Viertelfinale 2014 starteten die Teams Improvista Social Club aus Wien (mit Barbara Willensdorfer und Helmut Schuster) und Body and Soul aus München/Regensburg (mit Monika Eßer-Stahl und Erik Muero). Nachdem die Spielregeln erklärt sind und auch das Publikum weiß, was es zu tun hat, dürfen sich die Teams in der „Polsterrunde“ mit Startpunkten eindecken, indem sie sich von ihrer besten Seite präsentieren. Obwohl die Aufgaben immer schwieriger und die Regeln immer strenger werden, gibt es während des ganzen Matchs keinen Anlass, „Zumutung“ zu rufen. Dieser Einwand ist den Zuschauern nämlich gestattet, wenn eine Szene völlig daneben geht. Doch die Spieler sind Profis und lassen sich auch von den seltsamsten Vorgaben nicht aus der Ruhe bringen. Weil das Publikum sich in der „Angeberrunde“ nicht entscheiden kann, ob es lieber einen Vortrag über Geologie oder über Herzchirurgie sehen möchte, improvisiert Monika kurzerhand einen wunderbar absurden Beitrag über die Geographie des Herzens, den ihr Spielpartner Erik als (sehr sportlicher) Gebärdendolmetscher bebildert.  Vor der Pause spielen beide Teams gemeinsam ein Musical mit dem von einer Zuschauerin gewünschten Titel „Hallo Huhn“, das von zwei Hähnen handelt, die sich als Hühner ausgeben. Als sie aufzufliegen drohen, bleibt ihnen nur ein Ausweg vor dem Kochtopf: Sie müssen fliegen lernen. Während sich Helmut und Erik gackernd im Fliegen versuchen, singen Barbara und Monika ihnen ein ermutigendes Lied. Geholfen wird ihnen dabei von Musiker Michael Armann, der am Klavier mit improvisiert. Eine so skurrile und witzige Darbietung gäbe es auf einer echten Musicalbühne wohl eher nicht zu sehen.

Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen, bis zuletzt ist nicht abzusehen, wer das Match gewinnen wird: Erst sichern sich Improvista Social Club die Gunst der Zuschauer mit einer grandiosen Szene über den Absturz einer Sängerin, bei der die beiden Spieler sich gegenseitig synchronisieren, dann holen Body and Soul wieder auf mit einem Lied über Kasachstan. Doch es kann nur einen Gewinner geben heute Abend und zuletzt ist es ein knapper, aber verdienter Sieg für die Wiener von Improvista Social Club. Schade, dass Body and Soul nun nicht mehr dabei sein werden – doch weiter geht es trotzdem: Am 1. März mit den Teams Prima Klima und Die unrasierten Gentlemen! Wer dabei sein will, sichert sich am Besten schon im Vorverkauf ein Ticket, der Andrang an der Abendkasse ist nämlich auch ein kleiner Wettkampf. Der macht allerdings nicht so viel Spaß.

Improvista


Spuren der Lebenslügen im Sand – Seltsames Intermezzo: Kammerspiele // Ivo van Hove

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© Jan Versweyveld

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© Jan Versweyveld

„Der Klang ihrer Stimme ist wie Feuer in meinem Kopf.“ Es lässt sich gar nicht genug zu diesem Stück sagen, um es treffend einfangen zu können, es brennt sich mit seinen über vier Stunden Dauer dem Zuschauer in Herz und Hirn ein. Es nimmt einen mit, fegt einen davon, bringt zum Lachen, lässt verzweifeln, steht völlig still und pocht und atmet unaufhörlich.

Die Darsteller rennen, kriechen, hüpfen barfuß über den feinen Lavasand, der von einer schräg nach vorne geneigten Ellipse eingefasst wird. Sonst nichts. Keine Requisiten, kein weiteres Bühnendekor. Knirschender feiner Sand, der überall Spuren hinterlässt. Nach fast jeder Szene wird er in Tennisplatz-Manier mit einem Rechen abgezogen, die Spuren im Sand verwischt. Die Regelmäßigkeit und Hingabe dieser Aktion gibt dem Stück seinen Rhythmus, egal, ob durch Statist, Bühnentechniker oder Hauptdarsteller ausgeführt.  Aber das Geschehene kann nicht ausradiert werden, im Gegenteil, über die bloßen Füße scheinen sich die Figuren in der Geschichte zu verwurzeln. Steht die Erinnerung am Anfang, so findet sich die Lebenslüge am Ende. Wenn eine Ellipse nicht Anfang und Ende in sich begreifen würde…

Seifenopernalarm! Aber gewünscht. 25 Jahre umspannt die Handlung, mittels Maske und Spiel erleben wir das Männerkarussell um Nina Leeds (Sandra Hüller in Höchstform), die ihr Leben darauf verwendet, ihrem gefallenen Geliebten nachzutrauern. Dieser Verlust wird durch verschiedenste Kompensierungsversuche in Form von Heirat, Ehebruch und Kinderkriegen schließlich ad absurdum geführt: das Entlarven der Erklärbarkeit aller menschlichen Regungen, der 1+1=2 Logik, die sich nicht durchsetzen kann in den Nuancen des Daseins. Diese kleinen Nuancen werden wunderbar durch die zwischengezwitscherten Gedankengänge jeder Figur zur Äußerung gebracht, offenbaren die oftmals tragische Komik des Alltags und die Skurrilität unserer Umgangsformen. Hier werden Klischees gezeigt, geprüft, gebrochen und doch bewiesen.

Das Einschreiben eines Namens in den Sand, eine fantastische Jesuspose auf Kies, Geschlossene Gesellschaft. Wiederholt taucht die Idee „Besitz“ als Schreckgespenst der menschlichen Beziehungen auf, die sie quälend langsam zerreißt. Muss uns ein Mensch gehören, damit wir glücklich sind? Müssen wir genau wissen, wie die Besitzverhältnisse sind? 1 Mann + 1 Frau = 1 gemeinsames Kind. Damit ihr Kind nicht verrückt wird, wie in der Familie ihres Ehemannes Sams (fantastisch: Marc Benjamin) schon so oft vorgekommen, treibt Nina ab, um Sam ein gesundes Kind mit Ed als Vater zu schenken. Wer hat Anspruch auf wen – weswegen? „Nach allem, was wir ihm geopfert haben…!“ (1 Mann + 1 Frau) + 1 Mann = 1 Kind. Wer ist der Mann zu viel, wo soll man die Klammer setzen? Und zu Guter Letzt noch der Onkel Charlie, das Muttersöhnchen, dass von Nina in eine Art Ersatzvaterrolle gedrängt wird, zu der zurück es sie drängt. Sein „Leben pflückt Rosen“. Dennoch hat man nicht das Gefühl, es wäre alles gesagt: am Ende stehen mehrere Leben unausgesprochen nebeneinander herum und wissen nicht mehr weiter, aus Angst, aus Erfahrung, aus Resignation. Der Zyklus beginnt erneut, Ninas Sohn, verabschiedet sich, die zukünftige Ehefrau im Arm, von seiner Mutter. „Söhne sind wie ihre Väter, sie gehen durch die Mutter hindurch, um wieder ihr Vater zu werden.“

Besuchte Vorstellung: 25.05.2013, weitere Vorstellungen 30.05./09.06. jeweils 18 Uhr, 02./22./29.06, jeweils 19 Uhr


Augen in Flammen, Mund voll Blut, aber keine Zähne – O Death: Kammerspiele // Jan Decorte

Die Thematik der Orestie ist aktueller denn je, das kann man in Zeiten der Demokratiekrise kaum leugnen. Die Umsetzung bzw. „Über“setzung des Stoffes in Jan Decortes „O Death“ trägt umgekehrt nicht unbedingt aktuellen Ereignissen Rechnung. Warum auch nicht, warum muss Offensichtlichkeit her? Wir sind im Theater, nicht in der Schule. Großartig das Bühnenbild, Optik Hochofen, drei Fenster, aus denen Flammen schlagen. Fantastisch: Anna Maria Sturm (bekannt aus Marcus H. Rosenmüllers „Beste Zeit“ und „Beste Gegend“), nackt und ganz in roter Körperfarbe, virtuos in ihrer Stimme und Körperlichkeit. Neben den Kalauern, der Sprache, die Mythen genüsslich als Gerüchte in der Klatschpresse verortet, findet sich ein starker Fokus auf choreographisch gesetzen Zeichen und Bewegungen. Sprachspiel, „Texte sind Partituren“: „Was man isst, ist man.“ Und wenn Walter Hess es vom Himmel flammend herabblitzen lässt, dann sieht man das. Meditative Stimmung, Gitarrenmusik, Spaß am Text.

Wie sollte man sich auf dieses Stück vorbereiten?

1. Spaß an der Orestie haben! Und Infos dazu.

2. Wach sein, sehr wach, koffeeinkaffeewach.

3. Über die etwas selbstverliebte Darstellungswut hinwegsehen, ebenso über eine inhomogene Schauspielertruppe und allzu viel Musik.

Besuchte Vorstellung: 16.05.2013, weitere Vorstellungen 21., 23., 24., 30.05. und 03., 06., 23., 26.06., jeweils 20:00 Uhr

© Danny Willems

© Danny Willems


Was mach ich, wenn die Arktis schmilzt? – „Das Gummiboot“ von Georg Lichtenegger in der Black Box München

Gummiboot

„Das Gummiboot“ ist das bereits dritte Theaterstück des eigenwilligen Jungregisseurs und -autors Georg Lichtenegger. Darin suchen sechs Figuren unterschiedlicher Altersgruppen nach ihrer Daseinsberechtigung. Zum einen ist dort die Beamtin, welche in ihrem Beruf und der damit einhergehenden Verantwortung als vermeintliche Schaltstelle zwischen Gesetzgeber und Bürger voll auf zugehen scheint; daneben gibt es das steife, verklemmte und unterkühlte Paar, welches neue Spannung in seine Beziehung bringen möchte, in dem es eine Reise macht und zwar ausgerechnet zur kalten Arktis, – was ihrer Beziehung nicht gerade Feuer geben dürfte. Dann ist dort ein Junge, der kein Blatt vor den Mund nimmt und zum allgemeinen Ärger die von den Erwachsenen übernommenen, klugen Sprüche klopft. Sein Gegenspieler ist ein greiser Mann, welcher sich nur all zu gern an die alten Zeiten erinnert, als noch alles anders und besser war. Um sich auch heute zu Recht zu finden beschließt er den Namen einer anderen Person anzunehmen und landet schließlich, nachdem sein Favorit „Adolf Hitler“ abgelehnt wurde, bei „Claudia Schiffer“. Und zu guter letzt ist dort noch der Elektriker, welcher sozusagen die Rolle des Gärtners im typischen Kriminalroman übernimmt. Still werkelt er vor sich hin, ist aber letztlich im wahrsten Sinne des Wortes, der „Drahtzieher“ des gesamten Geschehens. Denn er diagnostiziert eine Überlastung des Systems und fordert zu dessen Wiederherstellung, dass irgendjemand dieser sechs Figuren aus dem System verschwinden müsse, da „einer zu viel ist“. Nun beginnt eine Schlacht der Daseinsberechtigungen. Jeder der Figuren versucht zu erklären, warum gerade sie unverzichtbar sei. Schließlich findet sich als einzig, möglich abschiebbarer Kandidat der Junge. Er will also los zur Arktis, wird jedoch schließlich daran gehindert, da er ja kein Gummiboot habe und man ausserdem „die Jugend nicht wegschickt“. Also kommt auch er nicht in Frage. Und das System funktioniert immer noch nicht. Es scheint sich eine Sackgasse aufzutun, ehe man auf die Idee kommt den Elektriker fortzuschicken, – doch wer repariert dann den Defekt? In dieser Endlosschleife werden Generationenkonflikte („Früher wäre das nicht passiert“), Abhängigkeiten („Schließlich sind wir doch alle darauf angewiesen“), Identitätskrisen und zwischenmenschliche Beziehungen verhandelt. Letztlich mündet das Ganze in einen Wutausbruch des Elektrikers, der zum einen an der Technik (der Gesellschaft?) verzweifelt und zum anderen nicht genügend Anerkennung für seine Mühen bekommt. Um endlich an sein Ziel zu gelangen (der Rest kann sich nicht entscheiden), erschiesst er kurzerhand die Frau, – um sich dann letztlich selbst verärgert von der Gruppe abzusetzen. Es ist also das Nichtfunktionieren des (technischen bzw. gesellschaftlichen) Systems, welches die Figuren enthemmt und gleichsam eine existentielle Krise auslöst: Ohne ihm geht es nicht.
„Das Gummiboot“ spielt auf einem circa fünf Quadratmeter großem Podest, auf welchem sich die Schauspieler wie auf einem Floß zusammendrängen. Dieses – mit nur einer Stunde bemessene – kurze Stück braucht angenehm wenig szenischen Aufwand um die Funktionsmuster und Grundkonflikte einer Gesellschaft aufzuzeigen. Der Text wird von der „elektroakustische Musik“ von Sebastian Peter unterstützt, wodurch eine bizarre Atmosphäre geschaffen wird.
Lichtenegger beweist sich mit diesem Stück als ein sensibler Beobachter zwischenmenschlicher Beziehungen. Manchmal war es mir, als würde er die einzelnen Typen in Loriot‘scher Manier etwas zu plakativ und stereotypisch heraus arbeiten, andererseits grenzen sie sich auf diese Weise zumindest sehr stark voneinander ab und symbolisieren wohl auch die üblichen einfältigen Typen unserer Gesellschaft. Mit Humor und bitterem Ernst wirft dieses Stück letztlich Fragen auf: nach der Definition des eigenen Selbst, nach Notwendigkeiten und Abhängigkeiten unseres modernen Lebens; Fragen über Egoismus und die eigene Rolle in der Gesellschaft und über das Funktionieren in derselben. Eines jedoch scheint klar: Weglaufen bringt nichts und wenn die Arktis schmilzt sind wir eh verloren. Es gibt kein Heilsversprechen.

Für weitere Informationen und einen Trailer:
http://www.gummi-theater.de/


Tanz und Voyeurismus – 32 Rue Vandenbranden: Marstall// Peeping Tom

Peeping Tom, der Voyeur aus der Sage der Lady Godiva. Wir, die Zuschauer, sind die Peeping Toms dieses Abends. Aber wir erblinden nicht wie in dieser Geschichte. Und genau das ist die Kunst dieses Stückes. Den offenen Augen und Ohren wird eine Welt eröffnet, die unbequemer oder brutaler nicht sein könnte – aber man will nicht wegsehen, im Gegenteil.

Vom verschneiten München ins verschneite Theater – das naturalistisch anmutende Bühnenbild zeigt Wellblechbaracke und Campingwagen in tief verschneiter Landschaft. Im Hintergrund zwei kleine Grablichter im Schnee. Unwirtlich, es bläst ein eisiger Wind, Müllbeutel fliegen, eine Frau mit eingezogenem Kopf und Stöckelschuhen kämpft sich voran. Ein schreiendes Baby neben einem der Häuschen im Schnee – so geschickt gemacht, dass ich es einen Moment lang für echt halte. Die Stöckelschuhfrau beugt sich zu dem Kind – und bedeckt es mit Schnee, vergräbt es. Eiskalt.

Die Frage, wozu Menschen fähig sind, stellt sich nicht nur in ethisch-moralischer Hinsicht – die enorme Körperlichkeit und fantastische Flexibilität aller Tänzer ist überwältigend. Eine derart tragische Komik sucht ihresgleichen: nach hinten pendelnde Oberkörper, die zum Glockenschlag wieder zusammentreffen. Ein mit Koffern und einem Menschen beladener menschlicher Packesel – Gleichgewicht verzweifelt gesucht, Sprung und Fall ohne Unterlass. Eine Schneeschlacht, ausgelassen, verspielt, akrobatisch. Nie habe ich einen besseren Schneeengel gesehen als Maria Carolina Vieira; warum sollte ein Engel auch Knochen haben? Jos Baker trägt seinen Schneeengel wie ein Rad, tanzt mit ihr, ohne dass sie wesentlich ihre fixierte Rolle rückwärts auflöst. Dann sein Solo, eine „tour de force“ im wörtlichen Sinne; das Spiel mit den Muskeln, der Versuch, die Spannung zu halten missglückt immer wieder, der Oberkörper spielt nicht mit, der Bauch kuckt raus, die Gliedmaßen tanzen ihm davon, alles entspannt sich, neuer Versuch. Musikalisch untermalt durch „Casta Diva“, gesungen von der Sängerin des Ensembles, Eurudike de Beul.

Plötzlich starren alle Darsteller angsterfüllt in Richtung des Publikums – bemüht, keine hektischen Bewegungen zu machen, alles unter Kontrolle, just go inside girls. Die Sängerin holt ein Gewehr. Wovor fürchten sie sich? Vor Tieren? Vor uns? Ist das ein und dasselbe?  Spuren von Reality TV, gebrochen durch und mit Tanz und ad absurdum geführt:

Der Packesel vom Anfang auf dem Weg zur Babymörderin – Tanz mit dem Regenschirm, singing in the rain, der Sturm dreht und wendet den Schirm, der Darsteller hält sich am Fenster fest, die Beine vom Wind wegezogen. „If you need some tourist information, don’t hesitate. Call me. I’ll kill you“ das, und eine Art ritueller Masturbationstanz – im Hintergrund laufen Skitouristen durch und winken. Die Babymörderin ist schwanger, eine brutale Abtreibung, eine Art Party danach, zuckend, epileptisch. Eifersucht, Schwanenprinzessin-Horrorvision vom Partner mit einer anderen, die er für das Original hält. Ein Waschbär?

Die vielen kleinen Geschichten und Elemente laufen nacheinander, gleichzeitig, auf der Bühne ab. Zu viel? Vielleicht für den, der keine Geschichten mag. Durch die Scheiben der hell erleuchteten Fenster sehen wir alles, groß-klein-hübsch-hässlich. Grausam und zutiefst berührend ist ein Duett von Jos Baker und Maria Carolina Vieira – sie gibt sich ihm hin, sie kann nicht anders, und doch misshandelt er sie immer aufs Neue. Sieht ihr zu, wie sie sich quält, sie tanzt für ihn, aber sie tanzt nicht schön, sie kann nicht. Sie ist wie eine Puppe in seinen Händen, eine Leiche, an der er sich vergeht. Aber nicht wörtlich – nur durch Tanz. Der Tanz ist das Mittel, die Lösung, das Vergehen, die Erlösung: zum gesungenen „Agnus Dei“ tanzt SeolJin Kim, ein letztes Mal, dämonisches Maskengesicht, verzogen, entstellt, Todestanz.

Besuchte Vorstellung: 18.01.2013, weitere Vorstellungen: 12. und 13.04.2013, Oldenburgisches Staatstheater, jeweils 19.30 Uhr


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