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„Wir können die Welt nur verbessern, wenn wir sie abschaffen“ – Thomas Bernhards „Weltverbesserer“ von Theater Plan B im Rationaltheater

Die Welt ist eine Kloake/ Man muss sie ausräumen“, wettert der zunächst völlig hilflos wirkende „Weltverbesserer“, während er von seiner Frau in den Sessel gehievt und in Position gebracht wird, um mit seinem Monolog zu beginnen. Im Morgenmantel, barfuß und zerzaust sitzt er nun da und lässt – immer wieder unterbrochen durch Klagen über seinen Gesundheitszustand – jene bekannten bernhard’schen Hasstiraden ab: Die Welt ist eine Kloake, sie müsste ausgeräumt werden, aber weil naturgemäß niemand diese Kloake räumt, bleibt sie was sie ist. Kein Weltverbesserer ist in der Lage diese „Weltkloake“ nachhaltig zu säubern. Meist fehlt es auch an Durchhaltevermögen, wie die kleine Geschichtsstunde deutlich macht. Gandhi, Voltaire, Willy Brandt: alle tot – Snowden: fast tot.

Überwiegend dreht sich der abendfüllende Monolog um die Ehrendoktorwürde an jene namenlose Person des Weltverbesserers, die an diesem Tag stattfinden soll. Ein paar Herren werden zum Essen erwartet, um ihm den Titel zu verleihen, den er sich durch sein „Traktat zur Verbesserung der Welt“ verdient hat. Unglücklicherweise wird gerade durch die ihm hierfür verliehenen Titel und Orden deutlich, dass niemand sein Traktat verstanden hat. „Mein Traktat will nichts anderes/ als die totale Abschaffung/ Nur hat das niemand begriffen/ Ich will sie abschaffen/ und sie zeichnen mich dafür aus“.

Man hört ihm gerne zu, diesem Weltverbesserer, obwohl kaum einer sagen könnte, was das unerträglich Bernhardsche erträglich macht. Die Aufführung im Rationaltheater ist wohl nicht zuletzt deshalb mehr als erträglich, weil Titus Horst in der Hauptrolle absolut überzeugt und allen Zuschauern den bernhardschen Humor greifbar machen kann. Andreas Wiedermann gelingt eine solide Inszenierung, voller Hingabe an die sehr anspruchsvolle Sprache, im entspannten Ambiente des Rationaltheaters – ein Thomas-Bernhard-Abend durch und durch.

Nur noch heute, am 20. März, zu sehen, um 20 Uhr im Rationaltheater!

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Fräulein Else im Rationaltheater // 4.1.2014

Mit: Johanna Weiske

Regie: Dominik Frank
Regieassistenz: Dena Brunner, Verena Regensburger
Bühne, Licht, Video: Julie Boniche
Technische Assistenz: Julia Pfänder
Produktionsleitung: Dietmar Höss

 Der Bewusstseinstrom – Durch die Augen Elses

Dieses Jahr hat sich der Regisseur Dominik Frank der Novelle „Fräulein Else“ von Arthur Schnitzler angenommen und für die Bühne des Rationaltheaters adaptiert. Angelehnt an Freuds Psychologie, mit dem Schnitzler eine Freundschaft verband, ist es der Versuch Schnitzlers, die theoretischen Grundlagen Freuds in einen literarischen Text zu überführen. Das Stück, das sich nach Tolstois Anna Karenina und der Novelle Leuitnant Gustl, ebenfalls aus Schnitzlers Feder, erstmals der literarischen Technik des Bewusstseinsstrom bedient, führt die Leistung der Weltkonstruktion einer Einzelperson eindrucksvoll vor Augen. Szenerie, beteiligte Figuren, Geschichte – alles wird aus der Sicht Elses geschildert, ein 19-jähriges Mädchen mit starkem Bühnenbewusstsein, das sich im Exil vom Wiener Gesellschaftsleben in einem italienischen Kurort wähnen muss. Dort holt sie auf tragische Weise dennoch ein Brief der Mutter und die verheerenden Familienumstände ein. Der Brief der Mutter erklärt, dass der Vater Mündelgelder veruntreut habe und die Familie somit auf die finanzielle Hilfe des Kunsthändlers Dorsdays angewiesen sei. Während Else der Bitte der Mutter noch nachkommt, werden bei Dorsdays Gegenangebot, Else nackt sehen zu wollen, die Fäden eines möglichen, gesellschaftlichen Zusammenkommens überdehnt – und Else schnappt schließlich über. Auf das Begehren Dorsdays hin, Else nackt zu sehen, sieht sie sich in die Enge getrieben: in der leugnenden Ablehnung eines Raumes HINTER dem Vorhang, wo Demütigungen, Absprachen, Verunglimpfungen und die Niedrigkeiten des Menschen das Leben zeichnen, kehrt sie das Angebot Dorsdays in ihrer Hysterie kurzerhand um in einen messianischen Gestus der Selbstaufopferung.

Copyright: Julie Binoche

Copyright: Julie Binoche

Den Mond auslachen? – Else

Das gackernde Lachen, das sich schließlich bis ins Kreischen steigert aus dem Munde Johanna Weiskes, charakterisiert ein jugendliches, übermütiges Fräulein Else. „Hochgemut“ nicht „hochmütig“ sei sie nach eigener Meinung. Ein Lachen, das sich bei jedem gesellschaftlichen Zusammentreffen selbst versichert. Dieses Lachen verselbständigt sich bei Ihrem spektakulären Auftritt vor Dorsday, man möchte fast schon sagen: ihrem Über-Vater – verselbständigt sich in einen Automatismus, in einen Witz ohne Anlass ob der aberwitzigen Situation. Sie kann gerade noch ihr eigenes Lachen kommentieren, und durch die Vielstimmigkeit der Szene, durch den nun zu voller Blüte gekommenen Bewusstseinstrom hindurch ist die dröhnende Verletzung einer jungen, schönen jungen Frau zu spüren, die sich viel vom Leben verspricht. Gekonnt ist dies von Johanna Weiske gespielt: Else ist noch lange kein wienerisches Hascherl, sondern will es krachen lassen, will sich mit der Front ihrer Stirn beweisen. Das viele Küss-die-Hand, das Geschnatter, die verschiedenen Charaktere treten eindringlich durch die schauspielerische Leistung Weiskes hervor. Der schnelle Wechsel zwischen den Figuren, für die sie gemäß der schauspielerischen Qualitäten Elses, Stimme und Positur wechselt, verläuft meist reibungslos.

Die Inszenierung: sehr beeindruckend, aber konform

Dadurch, dass der Schauspieler durch die literarische Technik des Bewusstseinstroms derart in den Fokus gerät, ist jede Inszenierung von Schnitzerls „Else“ eine Einsicht in den Möglichkeitsraum verschiedener persönlicher Weltinszenierungen, durch Elses Augen, durch die Augen Dominik Franks und der Johanna Weiskes. Zusätzlich durch das minimalistische, requisitenlose (höchstens das Kleid, dessen sich Else entledigt) und mehr unterstützende Bühnenbild geschärft steht die Person im Fokus. Dieses Stück auf die Bühne zu holen ist zwar keineswegs neu, aber die Charakterisierung Elses auf diese erfrischende Art, wie Johanna Weiske sie zuwege bringt, ist hervorragend. Nur möchte man nach diesem Abend fragen: warum ausgerechnet Arthur Schnitzlers Else? Nichts deutet einen Gegenwartsbezug an, eher im Gegenteil: das Begleitheft versammelt literarische Verarbeitungen und wissenschaftliche Artikel zu Else und gibt einen vertieften Einblick in das Stück. Else um Ihrer selbst willen?


… wenn man trotzdem lacht – „Die nötige Komödie“ im Rationaltheater

Rationaltheater München

 

Was brachte Menschen heute und früher zum Lachen? Was bedeutet Humor für unsere Gesellschaft? Diesen und anderen Fragen stellt sich „Die nötige Komödie“ unter der Regie von Ulrich Eisenhofer, die am Münchner Rationaltheater gezeigt wird. Geschrieben wurde sie von Benno Heisel und von der Gruppe Fake[to]Pretend in Kooperation mit der Theaterakademie August Everding erarbeitet.

Eine Komikerin findet sich an einem mysteriösen Ort wieder, an dem sie und einige Kollegen gefangen sind. Es gibt nur zwei Auswege: entweder sie müssen sich vor einem Komitee beweisen oder durch eine Art Hölle flüchten, die sehr an Dantes Göttliche Komödie erinnert. Die Künstler müssen also einen ausgeklügelten dienoetigekomoediePlan schmieden, um wieder in die Realität zurück zu kommen. Dabei durchlaufen sie alle Formen den Unterhaltungsprogramms – Slapstick, Comedy, Revue… – und müssen feststellen, dass letztendlich alles nur auf Hitlerwitze hinausläuft. Dabei wirken die Handlungen der Darsteller immer improvisiert, was auch herrliche Streitereien und abstruse Diskussionen mit sich zieht.

Die größte Teil dieses Theaterabends ist überaus unterhaltsam und dabei auch noch lehrreich. Oder wussten Sie beispielsweise, wie der älteste überlieferte Witz der Welt lautet?  In der zweiten Hälfte kommt zu den zwei Akteuren auf der Bühne und dem Kollegen hinter der Bar noch eine unheimliche Dame, die ihren Körper zu einem Instrument der Kunst umfunktioniert hat. Was das noch genau mit dem Thema Humor zu tun hatte hat sich mir leider nicht ganz erschlossen, ebenso wie die sehr absurde Kochshow gegen Ende. Davon abgesehen machen die Musik und die Situationskomik aber große Freude! Auch die Darsteller stecken einen mit ihrem Spaß am Spiel an. Zwar sind nicht alle schauspielerisch perfekt, aber sie bringen uns zum Lachen und das ist doch die Hauptsache!

Sehr gelungen ist das wandlungsfähige Bühnenbild von Edoardo Colaiacomo, neben toller Revuebeleuchtung auch noch vier weiße Jalousien beinhaltet. Diese dienen nicht nur als Vorhang, sonder auch als Projektionsfläche für ziemlich schräge aber passende Videoprojektionen.

Alles in allem ein spaßiger Theaterabend der dank kühler Getränke an der Bar und Gratis-Fächern an der Kasse auch bei heißen Temperaturen Spaß macht! Die kommenden Aufführungstermine findet ihr bei unseren Veranstaltungstipps oder auf der Webseite des Theaters.

http://www.rationaltheater.de/cms/index.php/rationaltheater.html


Der Firmling – „Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist“

…sprach Karl Valentin.

Matthias Kauffmann hat im Rationaltheater an der Münchner Freiheit gewagt, eine Neuauflage des „Firmlings“ von Karl Valentin und Liesl Karlstadt zu inszenieren. Das Programmheft verspricht eine „tiefschwarze Valentiniade zum Lachen und Nachdenken“. Leider hat das Stück allenfalls unfreiwillige Komik zu bieten.

Mit einer Videoprojektion des alten Film-Originals beginnt der Abend noch recht vielversprechend. Ein Countdown zählt bis zum Beginn herunter, der Zuschauer darf gespannt sein. Doch was dann die folgenden zwei Stunden auf der Bühne zu sehen ist, ist enttäuschend.

Der eigentliche Sketch dreht sich um Firmling Pepperl und seinen Vater in einem Restaurant. Die beiden stoßen einen Tisch um, Alkohol fließt, das Lokal ist am Ende verwüstet. Im Original ist das wirklich komisch. Bei der Adaption habe ich das Gefühl, dass Effekthascherei an erster Stelle steht. Groß angekündigt ist das Schauspiel schon im Programmheft: Es gibt eigens ein Firmling-“Manifest“. So steht dort schon im ersten Paragraphen geschrieben, dass man Karl Valentin doch mit der gleichen Ernsthaftigkeit wie Goethe oder Schiller behandeln müsse. In fünf Akte ist das Ganze aufgeteilt. Die Übergänge sind viel zu abrupt und in den ganz seltenen Momenten, in denen eine gewisse Tragikomik aufkommen könnte – das sind die Szenen, in denen Kauffmann die andeutungsweise schwierige Beziehung zwischen Pepperl und dem Vater thematisiert – wird wie aus dem Nichts der immer zwischen Szenen verwendete Rap „Achtung, Achtung“ eingespielt.

Auch ist alles einfach übertrieben – das Schauspiel, die Einfälle zur Szenengestaltung, das „Manifest“ und damit zugleich die hohen Ansprüche, die der Regisseur an sich selbst stellt.

Ich habe das Gefühl, dass hier jemand dachte: „Viel hilft viel“. Und dann ist da noch die Szene, in der Pepperl wirklich EWIG lange einen ganzen Rosenkranz betet. Das will provokant sein, läuft aber auf Langeweile hinaus: Unterhaltung geht anders. Einige haben das Theater frühzeitig verlassen…

Copyright: Florian Freund / Rationaltheater

Copyright: Florian Freund / Rationaltheater

Es spielen Anna März, Justus Dallmer und Julian Bayer.

Am 20. Januar ist die letzte Vorstellung im Rationaltheater. Danach zieht das Stück weiter nach Rosenheim, wo es am 01. Februar Premiere hat.


Spanisch in Schwabing – Criminal: Rationaltheater // Lucía Rodríguez-Pschorr

Eine Barszene eröffnet den spanischen Abend, um mich rum fast nur spanisch, spanisch mitten in Schwabing. Wie Urlaub! Leider bin ich sehr knapp dran und kann mich nur noch auf den Kassenstuhl klemmen. Die Stimmung ist ausgelassen, das lässt während des ganzen Stückes nicht nach. Jede Szene kriegt Applaus. Auf spanisch mit deutschen Übertiteln. Gitarrenmusik untermalt die Szenenübergänge.

Die kriminellen Verwicklungen einer Dreiecksbeziehung werden im Laufe mehrerer Psychiatersitzungen offenbar: Ein Mann, eine Frau, ein Ehepaar. Beide sind in psychiatrischer Behandlung. Das ganze geht so weit, dass einer der Psychiater sein Artzgeheimnis bricht, um seine Kollegin vor den kriminellen Machenschaften eines ihrer Kunden (besagter Ehemann) zu warnen. Carlos Cossio sei im Begriff, seine Frau Diana ermorden zu wollen – was tun? Das Arztgeheimnis brechen, um ein Verbrechen zu verhindern? Wie weit darf ein Geheimnis gehen? Psychiaterin Dr. Amelia Andrade findet, das sei Sache der Polizei. Bis Carlos schließlich bei ihr anruft, er müsse einen Mord gestehen… Ein spannendes Stück von Autor Javier Daulte, geboren in Buenos Aires.

Ich spreche kein spanisch, ich verstehe dank französisch nur Brocken. Ich kenne auch Luis Buñuel nicht, dem die Schauspielertruppe Esquina al Sur e.V. das Stück gewidmet hat. So viel zu meiner eigenen Inkompetenz.

Die Tragik des ganzen wird immer wieder von  grotesk geistreichen Kommentaren der Figuren sowie dem etwas eingeschränkten Schauspielvermögen einiger Darsteller gebrochen. Das Gelächter ist groß. Ein in seiner Anlage großartiges Stück mit mehreren überraschenden Wendungen und Brüchen. Die Inszenierung hingegen hinkt ein wenig dieser Dynamik hinterher. Dianas Szenen werden häufig dreifach angespielt, in der Mitte wird ihre Figur von einem Alter Ego dargestellt. Dabei wird versucht, dreimal unterschiedliche Interpretationen der Szene wiederzugeben. Obwohl das teilweise gut gelingt, scheint der Gegenpart, Darsteller des Psychiaters, schauspielerisch nicht damit umgehen zu können. Seine Form von Verzweiflung grenzt mehr an Lächerlichkeit als dem Stück gut tut.  Zu sehr legen es die Regie oder die Schauspieler darauf an, Witze zu reißen. Schön zu sehen ist die Spielfreude und das Engagement der Darsteller. Und ob sie dem Stück gewachsen sind oder nicht, sie freuen sich an jeder Minute der Aufführung. Und wann hat man in München zuletzt spanischsprachiges Theater gesehen? Man kann interessante Fragen nach der menschlichen Psyche auch mit einem Lachen nach Hause tragen.

(Den Preis des Abends bekommt von mir dennoch ein mir unbekannter Hund mitsamt Besitzer, die im letzten Viertel des Stückes ins Theater kommen. Der Hund läuft rum, freut sich, lässt sich streicheln, kratzt lautstark auf dem Teppich und unter der Bank. Das Herrchen greift nicht ein. Nach 10 Minuten wird es wohl zu langweilig, die zwei verlassen das Theater wieder. Was für ein Auftritt!)

Besuchte Vorstellung: 27.11.2012


Die Freiheit der Gedanken // Reklamation im Rationaltheater (Mirja Reuter und Maximiliane Baumgartner)

Es ist ein Gedankenspiel, das in dieser Art viele Stücke durchkauen: Was passiert, wenn keine Regeln mehr gelten? Dann ist alles anders. Mann, Frau, diese Bezeichnungen, die bisher zur Kategorisierung dienten, sind außer Kraft gesetzt. Dementsprechend natürlich ist es auch, dass bei der Performance „Reklamation“ von Mirja Reuter und Maximiliane Baumgartner die weiblichen Darstellerinnen Männer sind und die männlichen Darsteller Frauen. Und mit natürlich meine ich auch natürlich, denn niemand, von denen, die auf der Bühne stehen, wirkt dabei gekünstelt oder gar verkleidet.

Doch von vorne: Wir befinden uns in einer Bar, einer Art Nachtlokal, das sich perfekt in die Rationaltheater-Atmosphäre einfügt. Die Besucher dieser Bar schauen zunächst durch ein Fenster (ein Film der auf einer Leinwand abläuft) nach draußen: Menschen die auf dem Gehsteig entlang laufen, Regen, vorbeirauschende Autos – belangloses, graues Einerlei. Die Barbesucher und mit ihnen wir, die Zuschauer, befinden uns in unserem eigenen kleinen Kosmos, eben jener leicht verruchten Bar. Ein Schild an der Theke kündigt die „Domestic Revolution“ an und gibt einen Vorgeschmack auf das, was folgt. Diejenigen, die an der Theke herumlungern, haben am Leben draußen nicht teil, drehen sich nur noch um sich selbst und da dabei irgendwann Langeweile aufkommt, müssen sie zwangsläufig miteinander interagieren, sich ihre Geschichte erzählen. Da ist von einer Vergewaltigung die Rede, die beinahe geschehen ist, vom Glücksspiel, alle Gedanken, die man in einer normalen Umgebung für sich behält, dürfen hier frei ausgesprochen werden. Mehr noch: Die Zuschauer werden sogar ausdrücklich dazu aufgefordert zu denken und zu tun, was sie möchten. Das darf man in der kleinen Bar in einem vagen Irgendwo. Der Hund eines Zuschauers nimmt diese Aufforderung tatsächlich wörtlich und läuft erwartungsvoll mit dem Schwanz wedelnd auf die Bühne. Und nun wird offensichtlich, dass die Darsteller das Versprechen, das nun alles erlaubt ist, ernst nehmen. Sofort ist der Mischling Teil ihres Spiels.

Ja, das fiktive „Was wäre wenn…“ haben schon viele Stücke durchgekaut. Aber im Fall von „Reklamation“ finde ich dieses Gedankenexperiment spannend (wenn auch vielleicht spieltechnisch nicht ganz perfekt) umgesetzt, eben weil ich nicht immer folgen kann, wenn sich das, was in verschiedenen Köpfen vorgeht, vermischt. Und folgen muss ich dem ja auch gar nicht, denn sind Gedanken nicht dazu da, um einfach vorüberzuziehen? Am Ende meine ich dann doch, etwas vom Konzept von Mirja Reuter und Maximiliane Baumgartner durchschaut zu haben: Wir, die wir das Draußen nur durch das Fenster betrachten und das Leben auf der Straße beim Vorüberziehen beobachten sind gar nicht gefangen. Denn das Draußen spielt sich Drinnen in unseren Köpfen ab – da, wo die Gedanken frei sind. Ein Trip, den ich ganz sicher nicht reklamiere.


Theater unter Morphium – „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ im Rationaltheater // Dominik Frank

Anscheinend zwingt dieser Raum zur Stille. Die beiden Inszenierungen von Lina Hölscher, die ich seit der Nezeröffnung des Schwabinger Rationaltheaters dort gesehen habe, waren leise, konzentrierte und höchst spannende Abende. Nun gab Jungregisseur Dominik Frank sein Rationaltheater-Debut – und zeigte in „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ ebenfalls einen ruhigen Stil, den man von seinen bisherigen extrovertierten oder schrillen Arbeiten nicht gewohnt ist. Das Spiel der eindringlichen, langen Blicke und langsamen Gesten, die manchmal an der Grenze der Hörbarkeit gesprochenen Worte scheinen unter Morphium zu stehen wie die Hauptfigur, eine verzweifelnde Ex-Filmdiva, deren Glanzkarriere mit dem Untergang des nationalsozialistischen Deutschland endete und die nun von einer Nervenärztin in stofflicher Abhängigkeit gehalten wird.

In der beeindruckend schlichten Bühne von Julie Boniche regiert folgerichtig klinisches Weiß, was der eigentlich winzigen Bühne Tiefe und Leichtigkeit verleiht. Und so schwebt auch die Handlung wie in Trance federleicht über Zeit- und Ortswechsel hinweg. Dieser stilistische Ansatz funktioniert großartig – und beweist nebenbei, wie mühelos das Theater sich ein schnittreiches Filmdrehbuch (die textliche Grundlage der Aufführung bildet das von Pea Fröhlich und Peter Märthesheimer geschriebene Drehbuch zu Fassbinders gleichnamigem Film) anzueignen vermag. Nicht der äußere Rahmen von Raum und Zeit verbindet und strukturiert die Szenen, vielmehr werden die Emotionen, die Begehrlichkeiten der Figuren zum fliegenden Teppich, der sie im Handumdrehen zum nächsten Einsatzort, zum nächsten Wendepunkt ihrer Leidensgeschichte trägt. Oft bemerkt man erst nach einigen Sätzen, dass die Szene gewechselt hat, wo und wann man sich jetzt gerade befindet, und diese Vernachlässigung äußerer Details zugunsten des Innenlebens entwickelt einen ganz besonderen Sog.

Dominik Frank beweist, dass er auch diesen Stil beherrscht. Der Sog bricht nur ein, wenn die Eintönigkeit des Bühnenbildes auf die Textdeklamation abfärbt. Da vertraut Frank einer falsch verstandenen Form von purem, ungekünsteltem Sprechen, das letzten Endes nur monoton wird. Besonders längere Monologe sind hochgefährdet. Mehr rhythmische Variation, mehr lebendige Durchdringung der Worte wäre hier dringend notwendig gewesen.

Einheitlich ist nicht nur die Farbe der Ausstattung, sondern auch das Geschlecht des Ensembles: Sechs identisch gewandete Frauen spielen alle Rollen, männliche wie weibliche. Als Sinnbild für egozentrische Wahrnehmung und Selbstbespiegelung besticht diese Lösung ebenso wie als Moment atmosphärischer Ödnis, führt aber doch zu erheblichen Verständnisproblemen, da einzelne Schauspielerinnen mehrere Figuren verkörpern und deren Kennzeichnung durch unterschiedliche schauspielerische Haltungen nur halbherzig geschieht. Anna März bleibt ihrer Rolle als Veronika treu und zeichnet ein gutes Portrait, wenn man sich auch noch mehr sichtbaren Realitätsverlust und emotionale Unberechenbarkeit gewünscht hätte. Den leidenschaftlichsten Part gestaltet Nadine Badewitz als Journalist Robert, der in Veronikas Schicksal hineingezogen wird: Eine überzeugende Darstellung, die insbesondere nie der Versuchung erliegt, aufgesetzt männlich wirken zu wollen. Marie Golüke bringt mit ihrer schroffen Zeichnung von Roberts Lebensgefährtin nicht nur herrliche Komik, sondern auch einen sinnvollen inhaltlichen Kontrast ins Spiel, da sie der selbstzerstörerischen Emotionalität der beiden Hauptfiguren einen bodenständigen, fast dümmlichen Pragmatismus entgegensetzt. Subtilen Schauer verströmt die Nervenärztin Dr. Katz in Aline Mauchs leiser, eiskalter Interpretation, während der Rest des Ensembles deutlich hinter den genannten Darstellerinnen zurückbleibt.

Am Ende geht ein Stern auf, der am Anfang vom Himmel fiel und verglühte. Wieso diese plakativen Videoeinspielungen? Der restliche Abend macht doch klar, dass das Theater in der Lage ist, die Spannung mit den ihm eigenen Mitteln mühelos zu halten. Ein schöner Beitrag zum Fassbinder-Jahr, den man noch an zahlreichen Terminen bis Juni wird erleben können.


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