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Keine Lust auf virtuelle Debatten – „Die ganz großen Themen sind hier“ auf der Studiobühne der TWM // Lukas Rehm

Gleich vorweg: Mit René Pollesch hat es nichts zu tun, auch wenn der Titel sich an dessen jüngste Münchner Arbeit „Eure ganz großen Themen sind weg“ anlehnt. Oder besser: Natürlich hat es mit Pollesch zu tun, so wie bei Pollesch und im öffentlich geführten Privatdiskurs, den er karikiert, irgendwo alles mit allem zu tun hat. Gerade wenn es um etwas ganz anderes geht. Bei Lukas Rehms Projekt „Die ganz großen Themen sind hier“ geht es um den Ort, wo es um alles gehen kann, wo es dann aber doch immer wieder und viel zu lange um das Gleiche oder um Ähnliches zu gehen scheint: es geht um das Internet. Wahrlich kein originelles, eher ein modisches Thema. Ohne ernsthaft etwas dagegen unternehmen oder das eigene Nutzerverhalten ändern zu wollen, machen uns allerorten Künstler darauf aufmerksam, wie gefährlich es ist, dass hier jeder seine anonymen Beleidigungen aussprechen kann, dass sich durch demokratisierte Informationskanäle die Dummheit verbreitet, dass die Konzentrationsfähigkeit leidet, dass die Menschen der unstrukturierten Überfülle an Daten nicht gewachsen sind und weiteres mehr.

Trotz des unoriginellen Themas ist das Projekt auf der Studiobühne der Theaterwissenschaft München aber originell. Es ist originell, weil es mit seinem Thema an genau der richtigen Stelle – gewollt oder ungewollt – auf die Nerven geht. Weil es das Phänomen Internet nicht nur verhandelt, sondern vorführt – indem es erlebbar macht, dass man zu diesem Thema überhaupt keinen guten, sondern nur einen nervigen Theaterabend gestalten kann. Und das ist dann schon wieder ziemlich gut, auf seine Art.

Was nervt? Punkt eins: Der Einsatz der Videoprojektionen, teils live aus dem Internet. Auf dem Bühnenboden und so nah am Publikum, dass man aufgrund des flachen Sichtwinkels gar keine Chance hat, etwas zu erkennen. Da wird das derzeit so modische Theatermittel zur Karikatur seiner selbst. Punkt zwei: Die teils ungemein uninteressanten Texte, die da erklingen, sämtlich (so die Behauptung) aus Foren oder Youtube-Kommentaren zitiert. Diskutiert wird über alles Mögliche, zum Beispiel über die Theatermacher Christoph Schliengensief und Claus Peymann, über ethnische Minderheiten und politische Korrektheit, über Genderfragen und ermüdend lange über die körperlichen Vorzüge eines weiblichen Pornomodels. Ein thematischer Gemischtwarenladen, strukturlos wie eine Google-Trefferseite. Punkt drei: Dass die Schauspieler über weite Strecken Englisch sprechen, was nicht gerade zu einer gelungenen sprachlichen Gestaltung beiträgt. Ähnlich wie die Daueraggression, mit der sich manche Forenteilnehmer – hier akustisch – abreagieren.

Die Mängelliste ließe sich fortsetzen. Aber all diese Störfaktoren sind am Ende nur vordergründig, denn: Geht es nicht genau darum? Ist nicht dieser mäßig interessante, immer unverbindliche, optisch wie inhaltlich flimmernde Austausch zwischen ungreifbaren Menschen, die ihre Stellungnahmen in notdürftigem Englisch über die Foren kleckern, ist das nicht der Alltag im Internet? Während René Pollesch in seinen Arbeiten vorgibt, den Leuten von heute auf den Mund zu schauen, dann aber doch gern genüsslich eine philosophische Etage zu weit oben ansetzt, wenn er seinen durchgedrehten Figuren intellektuelles Alltagsgewäsch in den Mund legt, erlebt man hier die unpersönliche Text-Über-Produktion blasser Internet-Autoren in Reinform. Am liebsten würde man den Ton ausblenden.

Was bliebe da übrig? So einiges. Denn zwischen thematischer Unverbindlichkeit und weißem Medienrauschen überlebt an diesem Abend allein: das Theater. Auf körperlicher Ebene zeigen Regisseur Lukas Rehm und seine Darsteller (Lisa-Marie Höke, David Niederer, Maximilian Pelz und Jan Struckmeier) eine schamlose Lust an wunderschön skurrilen Bildern, die mit den im Text verhandelten „Themen“ nicht das Geringste zu tun haben und gerade deshalb den stärksten Eindruck hinterlassen. Weil das Theater offenbar auf diese „Themen“ einschließlich des Metathemas „Internet“ keine Lust hat. Lust hat das Theater auf zerschlagene Teller, auf eine Waldgöttin mit silbernem Geweih, die in der Schubkarre herumgefahren wird, auf effektvolle Stürze, auf wechselnde geometrische Anordnungen der Darsteller, auf Tanzschritte, auf körperliche Verausgabung. Da zeigt die Truppe unbedingten Einsatz, eine Ernsthaftigkeit und Präzision, die auf der Studiobühne selten zu sehen sind.

Lust hat das Theater auch auf selbstironische Momente, die schon wieder mehr Berührungspunkte mit dem Thema aufweisen: Die herrlich sinnlose Verwendung von Kunstblut auf dunkler Bühne – eine Reflexion darüber, dass auch im Theater nicht alles so körperlich und echt ist, wie es tut? Oder die demokratische Einbindung anonymer Fremd-Körper von der Straße in den Schlussapplaus – eine Karikatur darauf, dass auch im Internet jeder beliebige User von der Straße mitmachen kann? Das macht Spaß, und bei solchen ästhetischen Erlebnissen wird klar, was die leibhaftige Bühne dem flachen Bildschirm voraushat. So sehr also auf den zweiten Blick alles bei diesem Projekt Sinn ergibt – man dürfte sich doch freuen, wenn die nächste Arbeit von Lukas Rehm mehr auf die virtuose Beherrschung der theatralen Mittel und auf ein originelleres Thema vertrauen würde.


Das Leben ist schief / Die Wildente von Henrik Ibsen auf der Studiobühne.twm

Ibsen auf der Studiobühne – dass sich die Tragödie des norwegischen Dramatikers gut mit der Blackbox-Atmosphäre der Studiobühne und mit Nicht-Stadttheater-Schauspielern verträgt, beweist Hannah Saars Inszenierung in jedem Fall. Mit viel Liebe zum Detail (besonders auch in Requisite und Kostüm: Caroline Redka) wird hier in gut einer Stunde die sich – bis zur Ankunft des jungen Gregers Werle – selbst bestätigende und feiernde „heile, (klein-) bürgerliche Welt“ der Familien Werle und Ekdal zum Kollabieren gebracht. Die Figur der Tochter Hedwig Ekdal ist gestrichen – ein spannender und sinniger Eingriff der deutlich gekürzten Textfassung (auf der Grundlage der Übersetzung von Peter Zadek und Gottfried Greiffenhagen). Dennoch ist sie aber präsent in der Rede ihrer Eltern und bleibt zunächst unsichtbar – wie die Wildente selbst.

Man hat sich eingerichtet im Alltag. Jedoch entspricht dieser kaum der makellosen Oberflächlichkeit der vom Ehepaar Ekdal zur Schau getragenen Harmonie (Küsschen links, Küsschen rechts und Nasenstupsen als Begrüßungsritual). In einer der gelungendsten Szenen baut Katharina Nay als Gina das Werlsche Anwesen mit größter Sorgfalt zur eigenen Obergeschosswohnung  um, zieht die schwarze Wand links und die Fensterfront rechts der Bühne in die Schieflage (genial, Bühne: Sascha Röder) und ihre Akribie in der Ausführung belanglosester Aufräumarbeiten lässt bereits erahnen, wer hier daran interessiert ist, den Schein von Ordnung aufrecht zu erhalten.

Leider gelingt der Umschlag von zahlreichen unterhaltsamen Momenten (der Jägermeister wird im Klavierkasten versteckt, um vom spitzbübischen Werle Senior (Julian Neckermann) dort wieder gefunden zu werden…) zur denen der Verzweiflung über Lebenslügen oder Schonungslosigkeit der „Wahrheit“ nicht direkt überzeugend. Auch dass die hereinrollende Tigerente mit einem Brief Hedwigs als solche gleich adressiert wird und die Tochter somit doch eine Gestalt bekommt, ist schade – war die bloße Andeutung ihrer Anwesenheit vielversprechender.

Wenn aber Relling, Gregers, Hjalmar und Gina im Schlussbild nass, vor Wasser triefend, im dämmrigen Licht an der Bühnenkante stehen, wird nochmal ein großartiger Bogen zum Anfang gezogen: die Feierenden sind aufgewacht, oder abgetaucht zum Meeresboden – was sie dort gefunden haben, bleibt dem Zuschauer überlassen.

Ibsens Wildente wird hier auf charmante und durchdachte Weise entstaubt, das harmonische Ensemble überzeugt besonders durch seine Spielfreude und der Dachboden liegt im Keller – alles ist verkehrt, also richtig, oder so.

Regie: Hannah Saar
Bühne und Licht: Sascha Röder
Kostüm: Caroline Redka
Künstlerische Assistenz und Dramaturgie: Carmen Böhm, Katharina Nay
Grafikdesign:Sebastian Hartmann

Es spielen:

HERR WERLE – Thomas Wegler
GREGERS WERLE – David Niederer
DER ALTE EKDAL – Julian Neckermann
HJALMAR EKDAL – Florian Holzmann
GINA – Katharina Nay
FRAU SØRBY – Lisa-Marie Höke
DOKTOR RELLING – Lukas Rehm
MOLVIG – Walter Zweigardt

sowie Tara Marie Dundas-Harper, Dominique Engeldinger, Till Jorde, Sophia Mann, Lukas Muffler, Kristina Neubürger und Marisa Wolf.


Ein verärgerter Fahrgast – Peter Handkes „Untertagblues“ auf der Studiobühne

http://www.theaterwissenschaft.uni-muenchen.de/forschung_praxis/_studiobuehne_twm_/winterspiele12-13/untertagblues/index.html

In der neuen Produktion der Theaterwissenschaftsstudenten im Rahmen des szenischen Praktikums hat man sich diesmal dem Stück „Untertagblues – Ein Stationendrama“ von Peter Handke gewidmet. Schon zu Beginn wird man angenehm überrascht, wird man doch stillschweigend erst durch einen langen Korridor, dann in den Keller und schließlich in die Studiobühne von einer der Protagonisten geführt. Auf diesem Weg begegnen einem immer wieder Figuren, die einen grundlos beschimpfen. Dann betritt man endlich die Blackbox Studiobühne, welcher diesmal die Atmosphäre einer U-Bahn verliehen wurde. Während der Schaffner jeweils die nächste Station ausruft, wird man von Station zu Station von einem Monolog ganz im Stil von Handkes „Publikumsbeschimpfung“ begleitet. Ein einzelner Fahrgast beleidigt und denunziert seine entweder ahnungslosen oder desinteressierten Mitfahrer, während diese gerade ein Kind auf die Welt bringen oder sich hemmungslos besaufen. Jeweils von einem anderen Schauspieler mehr oder weniger überzeugend gespielt, wird schnell klar, dass es sich um die gleiche Figur handelt, die offenbar ein Problem mit der Welt zu haben scheint.

Irritierend und zugleich innovativ waren dabei die schnellen Kostümwechsel „versteckt“ von einem Klavier in einer Senke mitten auf der Bühne. Dadurch wurde man leider viel zu oft von dem anderen Geschehen auf der Bühne abgelenkt, was auf Kosten der Inszenierung ging. Gelungen waren hingegen die Gruppenszenen, die einen an die morgendlich überfüllte U-Bahnfahrt in einer Sardinenbüchse erinnerten. Überraschend waren auch die guten Gesangseinlagen und die überzeugend kafkaeske Anklageszene zum Schluss, die einen bleibenden Eindruck hinterließen. Fazit: Unterhaltsam. Es spielten Adela Sabban, Stefanie Kaindl, Lene Gaiser, Lena Iversen, Andreas Giesser, Charlotte Warkentin, Jan Struckmeier, Sophie Rosenthal, Manuel Kröger und Elisabeth Hartl.


Metamorphoses – Jakob Arnold

Studiobühne TWM

Antike modern und trotzdem irgendwie traditionell gibt es derzeit auf der Studiobühne der Theaterwissenschaften zu sehen. Das Team um Regisseur Jakob Arnold hat die „Metamorphosen“ des römischen Dichters Ovid für die Bühne adaptiert und stellen einzelne Szenen aus der antiken Mythologie in lateinischer Sprache vor. Das könnte sich für so manchen Nicht-Lateiner wie mich als Problem herausstellen, der nicht gerade die „Metamorphosen“ oder Gustav Schwabs „Sagen des klassischen Altertums“ gelesen hat. Noch dazu waren die Götter des Powerpoint bei der gestrigen Vorstellung in Sachen Übertitel nicht immer gnädig. Doch dank der kurzen Zusammenfassungen der einzelnen Szenen, die in dem ausführlichen Programmheft zu finden sind, kommt auch der größte Lateinmuffel bei dieser Inszenierung auf seine Kosten.

Das Grundthema der Geschichten, die im ersten Jahrzehnt nach Christus geschrieben wurden, ist die Liebe, die fast immer in einer Tragödie endet. Ob es nun das Liebespaar Thisbe und Pyramus ist, das auf der Flucht vor den Eltern ums Leben kommt, oder die berühmte Geschichte um Orpheus, der dabei scheitert, seine geliebte Frau Euridice aus der Unterwelt zu retten. Die Geschichten um Liebe, Helden und mystische Wesen sind zeitlos und können somit damals wie heute die Menschen fesseln.

Die Inszenierung von Arnold sind mehr als abwechslungsreich. Es gibt reine Schauspielsequenzen, in denen mit verteilten Rollen der Text rezitiert wird. Ein vierstimmiger Chor, ein stimmgewaltiger Solist und ein fünfköpfiges Orchester lassen die wunderschöne Musik von Florian Riebesel erklingen und drei Tänzer treten immer wieder auf und erzählen die Geschichte um Hermaphroditus sogar ganz ohne Worte. Durch die Geschichten führen vor allem der dämonisch und sarkastisch wirkende „Poeta Doctus“, gespielt von Jakob Gehlen und der Chorführer  Esteban Muñoz, der eine große Opernstimme an den Tag legt.

Das Bühnenbild besteht aus vier Rahmen mit antiken Mustern, die an alte Mosaike oder Vasenmalereien erinnern und lassen die darin oft regungslos stehenden Figuren wie Gemälde wirken. Alternativ können sie auch umgedreht und verschoben werden und werden somit der Eingang zur Unterwelt. Dadurch dass die Elemente immer wieder verschoben werden und sich das Bild für den Zuschauer ständig „verwandelt“ wird die Kulisse auch dem Titel des Stücks gerecht.

Bemerkenswert sind auch die Kostüme. Der Chor ist ganz in schwarz gekleidet, was ihn mit dem Bühnenraum verschmelzen und ihn so in den Hintergrund treten lässt, auch wenn er ständig auf der Bühne präsent ist und beobachtet. Die Liebespaare passen in den Farben oder den Mustern ihrer Gewänder zusammen, die oft durch kleine Details die Verwandlungen darstellen (etwa Daphne, die sich in einen Lorbeerbaum verwandelt oder Scylla, die nach der Abweisung durch Minos zu einem Vogel wird). Dabei gibt es bei allen Kostümen nur die Farben Weiß, Schwarz, Gold und Rot.

Die Darsteller können durchweg überzeugen, selbst wenn sie in verschiedene Rollen schlüpfen und ihren Text in einer fremden Sprache trotzdem emotional und mitreißend gestalten müssen. Der wundervolle Klang der Texte, die in Hexametern verfasst sind, steht hierbei oft im Vordergrund, man hätte sie ja sonst genauso gut in Deutsch aufführen können. Aber gerade die Tatsache, dass diese tote Sprache auf der Bühne zum Leben erweckt wird, macht diese Inszenierung so außergewöhnlich.

„Metamorphoses“ ist heute Abend um 20.30 Uhr noch einmal auf der Studiobühne zu sehen und mit ganz viel Glück bekommt man auch noch Restkarten. Ansonsten kann man nur hoffen, dass die Inszenierung irgendwann wieder aufgenommen wird.


Die Unsicherheit der Sachlage – Philip Klose

Studiobühne TWM

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Philip Klose inszeniert zum zweiten Mal auf der Studiobühne der Theaterwissenschaft München. Diesmal kein Klassiker, sondern ein Stück des Gegenwartsdramatikers Philipp Löhle.

Klose benutzt eine Mischung aus dramatischer Figur und Privatperson, zwischen denen die Schauspieler während des ganzen Stückes switchen. Wissenschaftlich erklärt er seine Methode überzeugend in dem ausgegebenen Programmheft. Man merkt, dass Klose nach einer neuen dramatischen Form sucht. Im Gegensatz zu seiner ersten Inszenierung ist diese  hier ganz anders aufgebaut, sowohl vom Text als auch von der Inszenierung, was dem gesamten Abend sichtlich gut tut.

Jan C. Schmidt muss bei seiner Freundin Jule ausziehen und lebt fortan auf der Straße. Um ihn herum passieren immer wieder seltsame Dinge. Häuser brennen ab und Menschen sterben immer dann, wenn er mit ihnen zu tun hatte. Jan hält sich irgendwann für einen Terroristen und stellt sich der Polizei, doch die will nichts von ihm wissen und schickt ihn wieder nach Hause. Am Ende explodiert die Stadt.

Der Abend fängt damit an, dass die Schauspieler die Situation erklären und dann mit minimalistischen Kostümwechseln in die unterschiedlichen Rollen schlüpfen, die aber trotzdem nie zu viel werden. Nur bei Björn und Robert, beide gespielt von Alexander Klatt, kommt man am Ende ein bisschen durcheinander.  Auch die anderen beiden Schauspieler sind gut gewählt und überzeugen. Einzig bei Stefan Herfurth, die Hauptfigur Jan C. Schmidt, hätte man sich ein bisschen mehr Wahnsinn oder zumindest eine Steigerung in der dramatischen Figur gewünscht. So wirkte er bis  zum Schluss gleichgültig und anteilnahmslos, was nicht so recht zum Text passen wollte. Gabriele Mele hingegen sprang frisch und munter über 1 1/2 Stunden auf der Bühne herum und verlieh sowohl dem „Man mit dem Staubsauger“, als auch dem „Penner“Authentizität.

Beeindruckend war auch Katharina Wilczeck, die live ein Bild zeichnete und zwar so gut, dass man ab und zu von der Handlung abgelenkt wurde. Auch Florian Schäfer am Bass legte eine gute Leistung hin und so ist ein spartenübergreifender Abend entstanden, der sich lohnt.

Man könnte bemängeln, dass die Mischung aus Privatperson und dramatischer Figur manchmal zu abstrakt und zu gewollt herüber kam, aber ich denke das ist Geschmackssache. Ich persönlich finde der Abend erhält dadurch eine gute Mischung aus Lockerheit und Ernsthaftigkeit.

Die zweiten Inszenierung von Philip Klose überrascht und ich hoffe dass er weitersucht, nach seiner Theaterform.

Nur noch heute und morgen auf der Studiobühne zu sehen!


Tango – Marina Kolmender

Studiobühne TWM

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Das Plakat sah so gut aus! Leider hatte die Inszenierung nichts von dem was auf dem Plakat zu sehen war.

Marina Kolmender inszenierte auf der Studiobühne Tango des polnischen Autors Slawomir Mrozék.

Eine Familiengeschichte bzw. ein Generationskonflikt der satirisch und sarkastisch die Rebellion der Kinder gegen die Eltern  darstellt. Artur will wieder Ordnung in das Chaosleben seiner Eltern und Verwandten bringen und wird am Ende selbst Opfer seiner Theorien und Vorstellungen. Ein komödiantischer Krimi, der es in dieser Inszenierung leider an Witz und Spannung fehlte.

Der satirische und sarkastische Ton ist war in dieser Inszenierung nicht zu erkennen. Gags verpufften und der Gesellschaftliche Missstand wurde nicht genügend herausgearbeitet.  Die Schauspieler haben alle „gespielt“ aber mehr auch nicht. Der Hauptdarsteller hielt zwar große Reden, schwitze und hatte eine laute Stimme aber in seinen Augen war kein Ausdruck zu sehen. Er ratterte den Text mit gewollten Betonungen runter. Auch bei den anderen konnte man keine wirklichen Emotionen bzw. Ausdrücke entdecken. Einzig und allein Katharina Pachta-Reyhofen und Lukas Thout stachen heraus. Reyhofen spielte gekonnt mit ihren Reizen und ihren Launen und auch Thout erinnerte in seiner Art an Dinner for one, was mich sehr amüsierte. Bei allen anderen ist der Humor des Stückes leider nicht angekommen oder vielleicht auch steckengeblieben.

In der Mitte der Bühne gab es einen durchsichtigen Vorhang, eine Art Fliegengitter, und die ganze Zeit wartet man darauf, dass irgendetwas  mit diesem Vorhang passiert aber es tut sich nichts. Eine verschenkte Regie-Idee!

Mrozéks Werke sind für die Kritik an Staat und Gesellschaft bekannt und seine Stücke sind im Genre des absurden Theaters zu finden, so steht es jedenfalls im Programmheft. In dieser Inszenierung war leider nichts Absurdes zu erkennen, sondern es war klassisch, man möchte fast sagen werktreu inszeniert.

Schade, dass die Inszenierung nicht den Erwartungen des Plakates gleichkommen konnte.


Hysmine und Hysminias – Lars-Keke Altemann/ Kalas Liebfried

Studiobühne TWM

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Mit lautem Trommelwirbel wurde Hysmine und Hysminias eingeleitet, inszeniert von Lars-Keke Altemann und Kalas Liebfried.

Es war die Uraufführung des Stoffes. Lars-Keke Altemann schrieb den Roman in ein Theaterstück um. Er ließ einen Großteil der alten Sprache so wie sie ist, spickte sie aber zusätzlich mit modernen Elementen. Er selbst nahm die Rolle des Erzählers an.

Ein minimalistisches Bühnenbild, sehr gute Schauspieler und eine perfekte Dekonstruktion zum Schluss ließen viel Freiraum für eigene Gedanken und Interpretationen. Das große Pendel, dass unermüdlich im Raum schwing, war nur eine Teil des gelungenen Bühnenbildes.

Die Schauspieler schwebten über die Bühne mit einer Leichtigkeit, dass man manchmal dachte die Zeit sei stehen geblieben. Die Langsamkeit trug das ganze Stück, trotzdem war es nicht einen Moment langweilig. Vor meinen Augen breitet sich das byzantinische Reich des Makrembolites aus, jenem Dichter des Romans. Man wurde hineingezogen in diese uns unbekannte Welt und blieb darin gefangen bis das Licht erlosch.

Aline Mauch als Hysmine und Maximilian Pelz als Hysminias verstanden es mit der großen Sprache umzugehen und sie nicht zu übertreiben, genau wie auch der Rest des Ensembles. Am meisten begeistert hat mich  Stefan Natzel als Eros. Grandios gespielt und super besetzt. Auch Moritz Kienast überzeugte als Kratisthenes auf ganzer Linie und lockerte das ganze Dramatische immer wieder wunderbar auf. Lars-Keke Altemann spielte den Makrembolites. Er spielt ihn gut, trotzdem halte ich ihn persönlich für einen  besseren Regisseur als Schauspieler.

Die Dekonstruktion der Geschichte am Ende ist eine wunderbare Wendung. Das Blatt dreht sich und alle ziehen mit. Nun ist der Dichter der Arsch und muss seinen Hochmut beugen. Die Mädchen sollten vielleicht noch zielen lernen, sonst ist es verschenkte Mühe und wirkt eher etwas lächerlich, wenn sie den Dichter auspeitschen.

Ein wenig Kitsch, ein wenig Drama, ein wenig Performance. Von allem ist ein bisschen dabei, wobei niemals die Grenze zur Übertreibung übertreten wird. Genau das ist das Schöne daran.

 


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