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Münchner Kammerspiele – Fegefeuer in Ingolstadt

Susanne Kennedys Inszenierung von „Fegefeuer in Ingolstadt“ an den Kammerspielen lässt sich mit einem Wort beschreiben: Interessant. Dass interessant beim Theater aber auch unglaublich anstrengend bedeuten kann, habe ich hier wieder einmal zu spüren bekommen. Für alle, die „Fegefeuer in Ingolstadt“ nicht kennen, lohnt es sich, die Inhaltsangabe vorher zu studieren. Teilweise sind Zusammenhänge schwer zu verstehen, was der Sprache Fleißers geschuldet ist.

Das Geschehen spielt sich unter Schülern ab, die als solche aber nur aufgrund von Kostüm und Maske nicht zu erkennen wären. Olga (Çigdem Teke) erwartet ein Kind von Peps, der aber eine neue Freundin hat. Ihr Mitschüler Roelle, gespielt von Christian Löber, ist Außenseiter und wird von den anderen als hässlich und stinkend beschimpft. Er erpresst Olga mit dem Wissen um einen von ihr geplanten Schwangerschaftsabbruch und stellt ihr nach, was die Eifersucht von Olgas Schwester Clementine (Anna Maria Sturm) weckt. Schließlich sieht sich Olga gezwungen, ihrem Vater von der Schwangerschaft zu berichten, da Roelle Gewalt anwenden will, um ihr nahe zu sein. Die junge Frau trifft nicht auf das erhoffte Verständnis und versucht, sich zu ertränken, wird aber von Roelle gerettet. Weitere Figuren sind Protasius und Gervasius, die ursprünglich als undurchsichtig beschrieben und hier etwas ins Lächerliche gezogen sind.

Weil er einem Hund die Augen ausstach, ist Roelle unterdessen von der Schule geflogen. Er gibt sich als Vater von Olgas Kind aus. Roelle glaubt nach einigen Streitereien mit Olga, dass er an ihrer neuen Außenseiterrolle schuld ist und will beichten. Den Beichtzettel isst er aber auf, weil er sich dann doch nicht traut.

Das Bühnenbild von Lena Müller ist schlicht weiß gehalten. Es ist ein Raum in einem Haus dargestellt, an der Wand hängt ein Kruzifix. Der Bezug zur Religion ist allgegenwärtig. Das Licht flackert und schafft eine bedrohliche Atmosphäre. Ich habe zuerst an ein Irrenhaus gedacht, als ich die Bühne und die Figuren gesehen habe. Denn alle wirken krank, nicht zurechnungsfähig und erstarrt. Jeder bekämpft hier jeden, ein Miteinander gibt es nicht. Der Ton kommt vom Band. Die Schauspieler sind also in den rund 100 Minuten angehalten, das Playback mimisch einzuhalten. Das gelingt (bewusst?) nicht immer. Kennedy hat Peps und Hermine zudem ganz gestrichen und das Stück gekürzt.

Was am Anfang noch interessant wirkt – diese künstlich anmutenden Geschöpfe, die mehr Puppe als Mensch sind und nicht wirklich von der Stelle kommen – wird im Verlauf der Vorführung langweilig. Denn schon nach kurzer Zeit ist der weitere Verlauf absehbar. Ich ertappe mich dabei, mit den Gedanken abzuschweifen. Neben mir schnauft eine ältere Dame zunehmend genervter und als Roelle in der Szene mit dem Beichtzettel seine Handlungen immer wiederholt, bewegt sich der Zuschauer an der Grenze zum Ertragbaren.

Die letzte Szene dreht sich um eine Gebets-Litanei, die nicht enden wollend wieder und wieder und noch einmal von allen Darstellern eingesprochen wird. Trauten sich vorher nur wenige Zuschauer aus dem Saal, steht jetzt ein ganzes Rudel auf; einige klatschen verfrüht Beifall, um dem Geschehen auf der Bühne ein Ende zu machen. Jemand ruft „Na dann geht doch nach Hause, wenn ihr sowas nicht ertragen könnt.“ Recht hat er. Applaus gibt es trotzdem viel; als die Regisseurin die Bühne betritt, kassiert sie allerdings viele Buh-Rufe. Wer einen Hang zu Fleißers Texten hat und nicht auf leichte Kost steht, dem sei die Aufführung ans Herz gelegt. Ansonsten würde ich das Stück – obschon einige interessante Momente aufflackern – nicht zur Empfehlung aussprechen.

Es spielen: Christian Löber, Anna Maria Sturm, Çigdem Teke, Heidy Forster, Marc Benjamin, Walter Hess, Edmund Telgenkämper. Weitere Vorstellungen sind am 17.02., 24.02., 04.03., 15.03., 21.03. sowie am 30.03.2013.


They shoot horses, don`t they? – Susanne Kennedy

Kammerspiele München

KLICK

„Sadismus ist sexy und Masochismus ist ein Talent“

Eine offene Probe ist etwas anderes als seine Vorstellung. Es gibt keinen Schlussapplaus.

Von Zeit zu Zeit veranstalten die Kammerspiele offenen Proben für Studenten und Interessierte. Ich  ging mit einem Freund hin. Erstens, um Geld zu sparen und zweitens, um mal zu schauen, wie die Proben da so laufen. Ich hatte keine Ahnung, worum es ging.

Bei einer kleinen Einführung erzählte uns eine Frau, die gerade die Treppe hochgerannt war und fast  keine Luft bekam, dass es sich um einen Tanzmarathon in Amerika zur Zeit der großen Depression handelt. Sie erzählte uns, dass es damals sadistische Züge angenommen hätte und in großen Dramen endete. Jeder wollte das Preisgeld haben und alle tanzten bis zu Erschöpfung und noch viel weiter.  Die Vorlage für dieses Stück ist eine Novelle von Horace McCoy (1953), in der er solch einen Tanzmarathon beschreibt.

Wir gingen in den Werkraum. Ich kannte ihn bis dahin nur von XY Beat von Pollesch. Sie hatten die Gogostange entfernt und vor der ersten Reihe „abgesperrt“. Es sah aus wie in einer Zirkusmanege.  Die Figuren waren schon da, als wir reinkamen. Sie sahen alle aus, als wären sie einer Freakshow entsprungen, ich fand es aber echt toll. Die Kostüme waren wirklich toll und sie erinnerten mich an den Jahrmarkt bzw. Rummel der 1920er Jahre, wo man alles Groteske zeigte, wie z.B. „Die fettesten Zwillinge der Welt“ und alle strömen herbei, um sich diese Freaks anzuschauen. Genauso sah das hier auch aus.

Es ging los, der Moderator der Veranstaltung reicht die ganze Zeit und hatte so etwas Gelangweiltes an sich, das ist großartig.  Er führt durch die ganze Veranstaltung und den Abend. Völlig versifft steht er da und versucht die Teilnehmer anzuspornen. Alle anderen Figuren sind Typen. Alles runtergekommene Existenzen, die sich mit dem Preisgeld ihr Leben wieder aufbauen wollen. Die gescheiterte Schauspielerin, der Boxer, der Seemann usw.

Walter Hess, Nico Holonics, Lasse Myhr, Thomas Schmauser, Anna Maria Sturm, Cigdem Teke spielen diese Typen.

Man denkt sich: „Ja das kann lustig werden, ist auf jeden Fall eine tolle Ausgangssituation“, aber nein, man wird etwas enttäuscht.

Susann Kennedy hat versucht, die Schnelligkeit des Tanzes und die Länge eines Marathons in ein Stück zu packen und es wurde sehr langatmig. Es gibt große Pausen zwischen den Dialogen oder Monologen und meine Begleitung wäre fast eingeschlafen. In der Mitte gibt es eine tolle Szene, aber sonst…

Man kann es meiner Meinung nach nur verstehen, wenn man weiß, wie ein Tanzmarathon normalerweise aussieht. Ich hatte zufällig mal einen amerikanischen Tanzmarathon ausschnittsweise gesehen, deswegen wusste ich, wie so etwas abläuft. Aber wenn man es gar nicht kennt, ist man in dem Stück wirklich aufgeschmissen, da es ja diesen Tanzmarathon karikieren will.

Irgendwann war das Stück dann zu Ende und ich bin mit meiner Begleitung gegangen- wir beide sind ziemlich erschöpft gewesen. Ich hab mich gefühlt, als würde ich die Langsamkeit des Stückes noch mit mir rumschleppen. Es war, als würde ich genauso langsam gehen wie die Figuren in dem Stück. Das war schon sehr strange. Man ist erschlagen danach. Mit Leere.

„Sadismus ist sexy und Masochismus ist ein Talent“

Mein Lieblingsspruch des Abends- trifft sowohl auf das Thema als auch auf den Abend generell zu.

Premiere: 27.02.2011

Hier ein Trailer aus dem Film von Sydney Pollack


 


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