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Wenn politisches Bewusstsein langweilt: „Ich denke an Yu“ im Teamtheater // Regie: Stefanie Bauerochse

Sie muss schon ein unruhiger Mensch sein, die Übersetzerin Madeleine. Irgendetwas treibt sie um, macht sie grundnervös und unbeherrscht. Irgendetwas fehlt ihr, sonst würde sie sich nicht mit solch manischer Energie auf eine Zeitungsnotiz stürzen und es sich in einer Mischung aus Wichtigtuerei und Gutmenschentum zur Aufgabe machen, deren Hintergründe zu recherchieren, wobei ihre Recherche meist in der immer neuen Bekundung ihrer Fassungslosigkeit steckenbleibt: Yu Dongyue, erfährt sie aus der Zeitung, ein chinesischer Journalist, wurde kürzlich im Zustand geistiger Verwirrung aus der Haft entlassen, nachdem er 17 Jahre lang wegen Verschandelung eines Mao-Portraits einsitzen musste.

Aber Fassungslosigkeit über die Härte der kommunistischen Diktatur allein kann es kaum sein, was Madeleine dazu bringt, ihre Arbeit aufzuschieben, ihre geduldige chinesische Sprachschülerin ein ums andere Mal im rüdesten Ton nach Hause zu schicken (welche Ironie), weil sie an nichts anderes mehr als an Yu denkt, denn: Solche Fälle gibt es viele, da hat ihr Nachbar Jérémie schon recht. Was also steckt hinter Madeleines Fixierung auf diesen Fall? Vielleicht die Frustration in ihrem Liebesleben, von der wir in gelegentlichen Rückblenden erfahren? Vielleicht die Unzufriedenheit damit, dass sie in ihrem Job so langweilige Dinge wie einen Sachtext über Hausmüllentsorgung übersetzen muss?

Über Madeleines Hintergründe hätte man gern mehr erfahren. Aber dafür scheint sich Carole Fréchettes Stück „Ich denke an Yu“ nur am Rande zu interessieren. Stattdessen wird einem der plötzliche Ausbruch ihres politischen Bewusstseins als glaubwürdig verkauft. Anstatt die Hauptfigur kritisch zu beleuchten, schlägt sich das Stück erschreckend eindimensional auf ihre Seite und macht sein Publikum damit selbst zum Opfer von Madeleines aufdringlicher Aufklärungswut. Das ermüdet rasch.

Entbindet denn die politische Relevanz des Themas von der Pflicht, ein Stück spannungsvoll zu gestalten? Soll das (reale) Schicksal des Yu Dongyue den Zuschauer derart betroffen machen, dass er ein fast wendepunkt- und entwicklungsloses Stück ertragen kann? Gut, die Pointe kommt, die überraschende Enthüllung, dass bei der für Yu Dongyue so verhängnisvollen Demonstration im Jahr 1989 einiges doch etwas anders lief als zunächst vermutet, aber sie kommt spät und kann das Spannungstief kaum mehr beheben. Und: Ja, es gibt auch die Nebenhandlung um Jérémie, welcher der politischen Empörung seine private Familientragödie und seinen deprimierten Fatalismus entgegenstellt. Aber in der Inszenierung von Stefanie Bauerochse bleibt dieser Strang zu blass, um einen Kontrast zu schaffen und ernsthaft die Frage aufzuwerfen, wie sich Verantwortung im Politischen und im Privaten zueinander verhalten. Leider, denn so fehlen der hochenergetischen, fahrigen, zickigen Madeleine Gesprächspartner auf Augenhöhe, sodass auch ihre Energie irgendwann ins Leere stößt.

Melanie Mira als Nachhilfeschülerin Lin (mit authentischem asiatischem Äußerem) lässt sich von ihrer ungeduldigen Lehrerin alles gefallen und wird mit ihrem monotonen Akzent zum ebenso monotonen Sprachrohr des ängstlichen politischen Opportunismus – eine Bühnenfigur, die ohne erkennbaren Ironiefaktor an der Grenze zum rassistischen Ärgernis steht. Ulrich Zentner legt den hilfsbereiten und kontaktsuchenden Nachbarn Jérémie als tiefsinnigen, vom Leben abgehärteten Charakter an, hält sich aber meist dezent im Hintergrund. So kreist Hauptdarstellerin Gabriele Graf ganz um sich selbst – und das macht sie ganz gut, wenn auch ohne Entwicklung. Für ihre Monologe findet sie einen intimen, das Publikum gekonnt ignorierenden, mitunter die Unhörbarkeit streifenden Ton. Wie sie mit abgewandtem Blick auf ihrer Bücherinsel sitzt und ergebnislos grübelt, wie sie immer wieder Bücher und Fotos umschichtet und dabei in sich hineinmurmelt – das hat schon etwas Geheimnisvolles. Wenn dann noch die mutige Lichtgestaltung von Charlotte Marr hinzukommt, die Momente der Finsternis nicht scheut und ihre Figuren immer wieder effektvoll im Zwielicht umherschleichen lässt, dann wünscht man sich, dieses Team hätte sich ein reizvolleres Stück vorgenommen.

Im Rahmen der Reihe „Bonjour Québec“, die sich ab 7. Mai mit Lesungen neuer franko-kanadischer Stücke im Teamtheater fortsetzen wird, war das jedenfalls ein schwacher Auftakt.

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Das Leben als Eintagsfliege – Burn Baby Burn – Teamtheater Tankstelle // Vincent Kraupner

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Zwei Menschen treffen aufeinander, die nichts gemeinsam haben. Sie sind nur durch Zufall am gleichen Ort, einer verlassenen und verfallenen Tankstelle, wo die Aussteigerin Hirip lebt und träumt. Eher ausgestiegen worden, ausgerissen worden. Verlassen von der Mutter, verlassen von allen, kaum Kontakt zur Außenwelt, selten verirren sich Leute zur Tankstelle, meist auf der Suche nach Benzin. Wie Violette, die Friseurin, die mit Drogen dealt, überhaupt eine ganz toughe.  Sie leben einen Tag lang die zweifelhafte Freundschaft zweier Eintagsfliegen.

Ein sauberes, klares Bühnenbild, Zapfsäule, Reifen, Zeltplanen als Boden. Verwahrlosung. Dreck. Wer will denn hier leben? Diejenige, die sich ihre Welt träumt, alle Sehnsüchte formuliert und in ihre Lebensgeschichte einflicht – will sie wirklich? Oder doch vielleicht die Zynikerin, die keinen Platz für sich im Leben sieht und alles in Abrede stellt? Wissen ist Macht, nichts wissen – macht viel. Es macht das ganze Stück von Carine Lacroix aus, das die Frage nach dem Sinn des Lebens skurril und fantasievoll verhandelt. Die Darsteller sind mit Feuereifer mit dabei, besonders der Figur der Hirip wird mit solcher sprühenden Energie Leben eingehaucht, dass man die Illusion gerne glaubt.

Gerne glauben möchte, denn sie wäre schön: Eine Welt, in der alles möglich ist, sich selbst genügen, ein bisschen Proviant, genügsam sein, trotzdem oder gerade deshalb glücklich. „On peut tojours recommencer.“ Sie singt, sie lacht, sie tanzt, sie kehrt mit dem Besen, wo es nichts zu kehren gibt. Aber sie ist einsam. Eine kleine einsame Eva im Paradies, ohne Adam, sie hat den Apfel der Erkenntnis noch nicht einmal von weitem gesehen – sie hört nur jeden Sonntag das Klingen der Glocken weit entfernter Kirchtürme, wie ein Versprechen. Der Apfel kommt zu ihr in Gestalt von Violette, Neugierde weckend und unbarmherzig. Desillusioniert. Eigentlich ist sie Schlange, Apfel, und Kerubim in einem. Sie  nimmt Hirip die einzige Chance auf ihren Adam – den Pizzaboten, der dummerweise zu viel über Violettes Exfreund weiß. Danach gibt es kein zurück mehr, nach dem Mord benutzen sie die eiserne Restreserve Benzin nicht, um mit Violettes Moped zu verschwinden, sondern zünden alles an. Burn Baby, burn. Das etwas pathetische dargestellte Ende schmälert etwas den Glanz. Zwischendrin sackt die Energie auch ab, ein paar mehr Striche wären durchaus möglich gewesen. Sehenswert bleibt das Stück besonders durch eine wahnsinnig liebenswerte Hirip. „Il rit pas, le clown.“

Besuchte Vorstellung: 23.01.2013, weitere Vorstellungen: 24., 25. und 26.01.2013, jeweils 20 Uhr.


Der notwendige Dritte – „L’Illusion conjugale“ am Teamtheater // Vincent Kraupner

Zwei  Stühle für drei Personen: Das kann nicht gut gehen. Während die Eheleute Maxime und Jeanne anfangs noch bequem einander gegenübersitzen, beginnen mit dem Eintreffen des befreundeten Claude die Platzwechselspiele. Ein simpler Regietrick, um Dynamik zu erzeugen, und er geht wunderbar auf. Ganz von selbst ergibt sich mal eine Zweierverschwörung gegen den Dritten, der keinen Stuhl abbekommen hat, mal ein Machtgefälle zwischen dem stehenden Showmaster und seinen beiden tiefergesetzten Versuchstieren, mal eine starke Allianz zweier stehender Inquisitoren gegen ein einsam auf dem Stuhl verbliebenes Verhöropfer. Den was zwischen den drei Figuren in Eric Assous‘ Komödie „L’Illusion conjugale“ vorgeht, ist lustvolles Taktieren, Aushorchen, Überführen, dessen Sinn sich dem Zuschauer nur teilweise enthüllt.

Maximes Absicht ist klar: Gerade hat Jeanne ihm bei einer spontanen Geständnisrunde berichtet, dass sie bisher eine, genau eine außereheliche Affäre hatte, und weil der nichtsahnende Claude gerade vorbeischaut, tut Maxime alles, um in ihm den geheimnisvollen Liebhaber dingfest machen zu können. Weniger scheint es ihm um die Wahrheit zu gehen als um die Lust an einem positiven Befund; ihn, der selbst zwölf kurze Seitensprünge eingeräumt hat, treibt nicht die verletzte Liebe des Gatten, sondern kriminalistische Neugierde. Jeanne hingegen, deren Konterfei mit sphinxenhaft verschlossenem Mund auf der Vorbühne prangt, agiert undurchsichtig, stachelt den Verdacht immer wieder an, um sich gleich darauf zu distanzieren, bleibt seltsam unbeteiligt – während dem unfreiwilligen Mitspieler Claude die Situation immer peinlicher wird. Lächelnd beobachtet sie die Verunsicherung der Männer, rotiert selbstvergessen auf dem weißen Lederdrehstuhl.

Mit den mondänen Sitzmöbeln und dem Designerglastisch, postiert auf bemüht idyllischem Kunstrasen, variiert Bühnenbildnerin Monika Staykova sich selbst, denn sie entwarf auch den Raum für Oliver Zimmers deutschsprachige Inszenierung, die bis vor einer Woche auf dem Programm des Teamtheaters stand (vergleiche unsere Besprechung „Freche Frage, lange Antwort“ vom 7. Oktober). Der konvex eingeengte Bühnenschlauch mit abstrakt-praktischen Sitzwürfeln, in dem Zimmer seine Figuren aufeinander losließ, ist einer großzügig geweiteten, von konkavem Rundhorizont begrenzten Fertigvillen-Atmosphäre gewichen. Und Staykovas Umakzentuierung ist exemplarisch für die weniger turbulente, dafür entspanntere, subtilere Faktur, die Vincent Kraupners originalsprachige Version auszeichnet. Leider erlaubt die Disposition es nicht, die zwei Produktionen direkt hintereinander zu zeigen – schade! Denn das Vergleichsprojekt hat sich gelohnt: Gerade weil beide Regisseure im Groben einem realistischen Komödienstil verpflichtet bleiben, lassen sich Rollengestaltung und Schauspielerführung im Detail trefflich unterscheiden.

Marie Nebel (Jeanne), Marcus Morlinghaus (Maxime), Thierry Seroz (Claude)

Während Zimmers schrulliges Ehepaar von Anfang an cholerisches und kokettes Temperament explodieren ließ, später aber auf diesem hohen emotionalen Niveau ermüdend hängenblieb, geht Kraupner sanfter heran, mit Sinn für Pausen, heruntergeschluckte Gedanken und feindseliges Abwarten. So stehen im dritten Akt mit steigendem Alkoholpegel noch neue Töne und eine plötzlich raumgreifende Dynamik zur Verfügung. Ganz ohne die Machoattitüden seines deutschen Kollegen zeigt Marcus Morlinghaus als Maxime sich von der Enthüllung seiner Frau mehr verunsichert als erbost; dann aber schwingt er sich zum Spielemacher auf, verbindet Nervosität und Stolz zu einer lauernden Daueranspannung. Mit provozierend angezogener Handbremse schlängelt er sich durch die Dialoge, versucht sich im Klugen und Geheimnisvollen und bleibt dabei doch jämmerlich durchschaubar, garniert mit einer Aura snobistischen Selbstmitleids. Eine großartige schauspielerische Leistung, dank derer der Abend auch über die unbestreitbaren Längen des Stücks eleganter hinwegschifft als seine Zwillingsproduktion.

Gegenüber ihrer deutschen Partnerin hält sich Marie Nebel als Jeanne sehr zurück, agiert jederzeit berechnend und ausgeglichen, ohne jedoch blass zu wirken. In solcher Intrigenseligkeit fühlt sich Thierry Seroz‘ ebenso schüchterner wie tumber Claude verständlicherweise unwohl: ein gelungener Typenkontrast, bei dem die Gemeinsamkeiten des zankenden High-Society-Paares doch zu überwiegen scheinen.

Als Claude schließlich gegangen ist, stünde wieder die richtige Anzahl von Sitzgelegenheiten zur Verfügung, aber Maxime kauert erschöpft an der Rampe: ein Stuhl bleibt leer. Plötzlich fehlt da doch etwas, und man ahnt, dass die Ehe von solchen Spielen mit wehrlosen Dritten lebt, dass es nicht das erste, nicht das letzte Spiel seiner Art gewesen ist. Ob es die Beziehung gefestigt oder zerrüttet hat, bleibt seltsam offen. Darin liegt Kraupners Leistung: In ein boulevardeskes Witz- und Wortgefecht eine homöopathisch wirksame Dosis von Melancholie einzuflechten.

Ein lohnender Abend – für frankophone Zuschauer und solche, die bei der deutschen Version gut aufgepasst haben, denn Übertitel gibt es nicht.


Freche Frage, lange Antwort – „Illusionen einer Ehe“ am Teamtheater

Das Licht geht an, ein Mann legt eine Patience, seine Frau kommt dazu und fragt aus heiterem Himmel nach einer Zahl: nach der Anzahl seiner außerehelichen Affären. Mit freundlicher Selbstverständlichkeit, lächelnd und erbarmungslos. Der überrumpelte Ehemann windet sich, gesteht einiges, stellt die Gegenfrage, erfährt etwas, will aber mehr wissen, forscht weiter. Da wird verglichen, verhandelt und (im wahrsten Sinne des Wortes) abgerechnet, und die ehemoralische Erörterung zwischen Jeanne und Maxime, ob es nun schlimmer sei, viele oberflächliche oder nur eine ernsthafte Affäre gehabt zu haben, läuft innerhalb kürzester Zeit auf vergnüglichsten Hochtouren. Noch haben wir kaum erfahren, wer die beiden eigentlich sind; auch das freundliche Bühnenbild mit Polstersitzwürfeln und großzügig geschwungenen weißen Wänden bleibt genüsslich unkonkret. In der ersten Umbaupause ist das Publikum nicht minder überrumpelt als der Ehemann zu Beginn – und vor Gelächter schon schwer erschöpft.

Die Eingangsszene von Eric Assous‘ Komödie „Illusionen einer Ehe“ ist ein geniales Dramolett, dessen Kunstgriff darin besteht, sich so konsequent auf eine einzige aus der Luft gegriffene Frage zu beschränken, dass die Figuren am ständigen Kreisen um das eine Thema irre zu werden scheinen. Leider schließen sich etliche Szenen an, die wenig Neues bringen und die freche Grundsituation in ein fades Licht rücken. Als mit dem Freund Claude ein potentieller Kandidat für Jeannes mysteriöse „ernsthafte“ Affäre zu Besuch kommt, verliert Maximes ständiges Nachforschen schnell an Reiz. Und Oliver Zimmers Inszenierung am Teamtheater bemüht sich zu wenig um Abwechslung in der äußeren Situation, als dass Maximes starrsinniges Verhör zum running gag, zur unbeirrbar wiederkehrenden Pointe werden könnte. Stattdessen nutzt sich das gleichförmige Verhalten ab, zumal Maximes Verdacht in Zimmers Darstellung reichlich unbegründet erscheint: Der Stücktext böte mehr Möglichkeiten, das Publikum durch Andeutungen selbst zum kriminalistischen Rätseln zu bringen, ob zwischen Claude und Jeanne nun etwas lief oder nicht.

Irene Rovan (Jeanne), Uwe Kosubek (Claude), Philipp Weiche (Maxime)

Zum Nachdenken zwingt dafür das Thema als solches, denn Assous‘ Stück macht weder eindeutige Werbung für die titelgebende „Illusion“ ehelicher Treue noch für jene gegenseitige Offenheit, deren halbherzige Anwendung auf der Bühne zu nachhaltiger (wenn auch im Boulevardstil abgemilderter) Gefühlsverwirrung führt. Welche Position die Taktiererin Jeanne zu dieser Frage einnimmt, das bleibt das eigentliche Rätsel: Mit welchem Ziel eröffnet sie das Spiel der Geständnisse? Und warum sieht sie so zweideutig zu, wenn Maxime Claude aufs Eis zu führen versucht? Bei Irene Rovan liegt diese geheimnisvolle Rolle in besten Händen. Sie zeichnet eine mal dominante, mal zurückhaltende Gestalt, in deren Launen man sich verlieben kann. Kontrastierend spielt Philipp Weiche einen prolligen, allzu durchschaubaren Maxime, der als hilfloser Choleriker gleich zu Beginn hoch einsteigt und sich wenige Steigerungsmöglichkeiten offen lässt. Obwohl ihm dabei manche Zwischentöne verloren gehen, trägt aber seine geschäftig gestikulierende Bühnenpräsenz den Abend in bester Boulevard-Manier. Uwe Kosubek übt sich als unbeteiligtes Verhöropfer Claude lange in vornehmer schauspielerischer Zurückhaltung, bis es ihm am Ende in einer (dramaturgisch etwas erzwungenen) Enthüllung wundervoll gelingt, in den sonst auf schnelle Pointen ausgelegten Abend einen Moment angespannter Ruhe einzubringen.

So lohnt sich der Besuch im Teamtheater eher wegen des routinierten Temperaments der Schauspieler, die nur in manchen entschieden zu langwierigen Szenen die Gunst des köstlich amüsierten Publikums verlieren. Ein Vergleich der schauspielerischen Ansätze bietet sich im November an, wenn am gleichen Ort, ebenfalls in Monika Staykovas Bühnenbild, die französischsprachige Truppe Cie Antéros ihre Inszenierung von „L’Illusion conjugale“ präsentiert: ein kluges Experiment der Teamtheater-Intendanz, zwei Perspektiven im kubistischen Nebeneinander zu zeigen, denn Eric Assous‘ Figuren lassen gerade dort Interpretationsfreiraum, wo der pure Text sie etwas simpel gestrickt erscheinen lässt. Und vielleicht haben die Franzosen auch einen anderen Blick auf die Bedeutung von Treue und Ehrlichkeit?

Weitere Vorstellungen: Mittwoch, Donnerstag, Freitag und Samstag, jeweils 20 Uhr (bis 3.11.)


Weltliterarisch abgesicherter Klamauk: „Shakespeares wilde Weiber“ im Teamtheater

Sie hat ihren Shakespeare gelesen und weiß, wie man ihn zu verstehen hat: Die erfahrene Schauspielerin Molly, die in zahlreichen weiblichen Nebenrollen an zahlreichen deutschen Provinztheatern aufgetreten ist. Jetzt will sie trotz Kindern wieder ins Geschäft kommen, sie hat ja Erfahrung. Die andere hat ihren Shakespeare regelrecht studiert: Die Theaterwissenschaftlerin Andrea, die als Dramaturgin arbeitet, aber selbst gern spielen möchte. Wenn es um die Wortanzahlen einzelner Figuren und um die Häufigkeit bestimmter Wörter im Gesamtoeuvre des englischen Dichters geht, macht ihr niemand etwas vor. Kein Wunder, dass die beiden von Entsetzen und Verachtung gebeutelt werden, als der Soapdarstellerin Julia, die durch ihre Schauspielerei vor allem ihre ländliche Herkunft hinter sich lassen will, bei der Aufzählung weiblicher Shakespeare-Figuren sofort das Gretchen einfällt: „Das ist doch Goethe!“ ruft Molly entrüstet.

Aber die Bildungshuberei, die hier aufs Korn genommen wird, ist paradoxerweise Voraussetzung dafür, dass man die „turbulente musikalische Komödie“ (so die ambitionierte Selbstbezeichnung) von Harald Helfrich, Dorothee Jordan und Isabella Leicht überhaupt lustig finden kann. Die eitel-kunstbeflissene Molly würde nämlich ganz gut ins Zielpublikum von „Shakespeares wilde Weiber“ passen. Molly weiß einiges; wer mehr weiß als sie (wie die Dramaturgin), ist ein Freak; wer weniger weiß (wie die Soapdarstellerin), ist ein Banause. So erklärt sie die eigene Halbbildung zur gesunden Norm. Die gleiche Selbstzufriedenheit schwingt im Gelächter des Publikums mit, wenn man sich freut, dass man zu den verfremdeten, aufgefrischten oder ins Lächerliche gezogenen Shakespeare-Szenen, mit denen sich die drei Frauen auf der Bühne die Zeit vertreiben, die Originale erkennt.

Sie warten auf den „Macbeth“-Regisseur, aber der erscheint nicht, weil er die drei heimlichen Hauptrollen-Anwärterinnen heimlich testen will. Sie kramen in ihren Gedächtnissen und spielen spontan Szenen aus „Macbeth“, „Richard III.“, „Othello“, „Romeo und Julia“ und „Hamlet“ – zunächst, um den Rivalinnen zu imponieren, später auch einfach, um miteinander Spaß zu haben oder neue Rollen auszuprobieren. Heraus kommt eine bunte Mischung von komödiantischen Miniaturen, und der einzige rote Faden, der den gekonnten Klamauk notdürftig zusammenbindet, ist die Abstammung aus der gleichen ehrwürdigen Ecke der Weltliteratur. So hat bei aller Frechheit die ganze Veranstaltung einen bedenklich konservativen Anstrich. Was sich neckt, das liebt sich, und wir lieben unseren Shakespeare, umso mehr, da unsere Neckereien seiner Größe im Grunde nichts anhaben können.

Dazu passt, dass das Regietheater mit seinem gar nicht so neckischen Zugriff sein Fett wegbekommt: Als aus den drei anfänglichen Konkurrentinnen, die alle meinen, in Sachen Können respektive Bildung respektive Attraktivität die beiden anderen ausstechen zu können, gegen Ende Freundinnen werden, berichtet Molly angewidert von einer „König Lear“-Inszenierung im Stil von „Deutschland sucht den Superstar“. Obwohl die Absurdität ihres Gespöttels spätestens in den Moment klar wird, als Molly einklagt, man solle wenigstens Shakespeares Sprache nicht kaputtmachen, dabei aber natürlich nicht das englische Original, sondern die sperrigen deutschen Übersetzungen im Kopf hat, geht bei der pauschalen Abwertung eigenwilliger Regiekonzepte ein bestätigendes Raunen durchs Publikum. Verschwören sich Autor und Publikum hier wirklich gegen die Verschandelung von Shakespeare-Werken – oder wird das Publikum aufs Eis geführt, indem es die Karikatur der eigenen Ignoranz beklatscht?

Isabelle Leicht, Ursula Berlinghof, Claudia Hinterecker

Vielleicht liegt gerade darin die Stärke des Abends: Dass man sich bei den hemmungslos bedienten Klischees nie sicher sein kann, was Ernst ist und was Ironie. Lustvoll wirft die Inszenierung Steine ins eigene Glashaus, wenn einerseits in den Shakespeare-Szenen der drei Miminnen affektiertes und plattes Schauspiel karikiert wird, andererseits jedoch die realen Schauspielerinnen bei der Zeichnung ihrer Figuren auch gerne in die theatralische Übertreibung gehen. Für den schnelllebigen Witz wird da boulevardgemäß so manche charakterliche Glaubwürdigkeit geopfert. Auch das Spiel der Sympathie und Antipathie, der Allianzbildung und Rivalität zwischen den dreien folgt keiner erkennbaren Entwicklung, entscheidet sich von Fall zu Fall, von Szene zu Szene – wie überhaupt der ganze Abend lose aus Nummern zusammengefügt ist, inklusive einigen Songs, die die Nähe zur Revueästhetik bestätigen. Wenn man das alles nicht so ernst nimmt, geht das Konzept auf.

Vor allem deshalb, weil die drei Damen sich auf je eigene Weise mächtig ins Zeug legen und keine Langeweile aufkommen lassen. Claudia Hinterecker ist sich als herzensgutes Dummchen Julia, dessen vorgeschützte Eitelkeit beim kleinsten Angriff zerplatzt, für nichts zu schade. Co-Autorin Isabelle Leicht hat mit der etwas derben, vorlauten Dramaturgin vielleicht den glaubwürdigsten Part, zieht dafür in ihren pathetischen Monologen als Shakespeare-Heldin aber alle Register der Albernheit. Ursula Berlinghof als Molly lässt sich durch ihre umwerfende Bühnenpräsenz und schauspielerische Exaktheit ebenfalls nicht von boulevardesken Plattitüden abhalten, und ihr komisches Talent sorgt insbesondere in ihrer Darstellung von Richard III. für zwerchfellgefährdende Höhepunkte.

A propos: Ja, natürlich schlüpfen die drei Frauen auch in Männerrollen, gerade umgekehrt wie damals im Globe Theatre. Aus der immer wieder aufblitzenden Genderfrage – sowohl im Hinblick auf die untergeordnete Funktion von Frauengestalten bei Shakespeare als auch auf das heutige patriarchale Theatersystem – hätte das Stück mehr machen können, um Tiefe zu gewinnen. So bleibt am Schluss der Plan der drei wilden Weiber, sich von ihrem Regisseur zu emanzipieren und ein eigenes Projekt mit spezifisch fraulicher Sicht auf Shakespeare zu entwickeln, nur ein Denkanstoß. Aber gut: Unterhaltsam ist es trotzdem.

Aufführungen immer Mittwoch bis Samstag, 20:30 Uhr im Teamtheater, Tankstelle (bis 22.9.)


Kein schönes Stück ̵̶ gut so!

Simon Stephens‘ Theaterstück „Motortown“ wurde in ganz Deutschland schon auf die Bühne gebracht, gilt als „Erfolgsstück“, aber noch kein Theater in München traute sich, diesen Text umzusetzen. Sicher, Stephens‘ Welten sind düster und auch dieses Stück ist harter Tobak. Jetzt hat sich das Teamtheater Tankstelle dieses Stoffs angenommen und zur Münchner Erstaufführung gebracht. In der Inszenierung von Andreas Wiedermann spielen Eva Kruijssen, Axel Röhrle und Herbert Schäfer alle Rollen.

Danny kehrt aus dem Krieg im Irak zurück und findet keine Vertrauten mehr. Er kann sich niemandem anvertrauen, legt sich Identitäten und Realitäten zurecht. Ausschnitthaft stehen die Szenen nebeneinander in denen Danny zwischen aussichtsloser Verzweiflung und ungehindert brutalen Abgründen steht. Doch es ist nicht nur das Schicksal eines Kriegsheimkehrers, der keinen Anschluss mehr an die Gesellschaft findet, sondern eben jene zeigt sich als eine ständige Nicht-Zusammenkunft von Menschen. Dannys Ex-Freundin lehnt es ab, sich überhaupt mit ihm zu treffen, Tom, der Waffenfetischist will Danny nur seine Imitate verkaufen, das lüsterne Ehepaar möchte einen aufregenden Dreier und Dannys Schilderungen des Krieges dienen ihnen nur der sexuellen Erregung. Den Gipfel der vergewaltigten Kommunikation erreicht die Quälerei und Ermordung eines 14jährigen Mädchens durch Danny. Sicher kann man diese als Ergebnis eines Nichttherapierten betrachten und es ist auf keinen Fall verkehrt die Vernachlässigung von Traumatisierten zu thematisieren. Aber erschreckend ist vielmehr das Zerfallen einer Gemeinschaft in der es nichts Gemeinsames mehr gibt. Der Zuschauer erfährt nicht viel über die gezeigten Figuren an diesem Abend, aber er sieht die Schrecken, die sie hinterlassen. Das Verdrängen dieses Themas von der Bühne gleicht einer Verdrängung des Krieges in unserer „heilen Welt“. Deswegen ist es gut und richtig, dass dieses Stück auch endlich mal in München zu sehen ist!

Noch am 14. und 15. April 2012 ist dieser Abend zu erleben. Man sollte ihn sich nicht entgehen lassen!

Foto: Hilde Lobinger


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