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Heimat, bittersüße Heimat – Lable Noir

Theater Halle 7

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Lable Noir! Eine Gruppe aus 7 afro-deutschen/Schwarzen professionellen Schauspieler, die mit „Heimat, bittersüße Heimat“ in München in der Halle 7 gastierten.

Tatsächlich ist der Abend bittersüß!

Eine Mischung aus Kabarett, Tanz, Schauspiel und Geschichten. Laut und pulsierend aber auch leise und ernst, werden hier Geschichten aus dem Alltag afro-deutscher Mitbürger erzählt. Wie bei einer Nummernfolge wird hier eine Geschichte an die andere gereiht.

Probleme werden mit viel Witz und Sarkasmus erzählt und Situationen nachgestellt.

Mit wenig Requisiten wird viel auf die Bühne gebracht und grad der erste Teil besticht durch Witz, Dynamik, Ausdauer und einer gehörigen Portion Ironie.

Der zweite Teil hingegen flacht ein bisschen ab. Es geht um die Liebe, die zwar am Schluss wieder mit der Heimatliebe verknüpft wird aber ein sehr abrupter Wechsel in der Inszenierung ist. Manchmal wird die Liebe allzu plakativ dargestellt und man vergisst, dass es sich ja eigentlich um die „bittersüße Heimat“ handeln sollte.

Der Abend regt zum nachdenken und zum mitlachen an. Allein schon, dass am Anfang die deutsche Nationalhymne gespielt wird und man mit einem Afrikanischen Lied abschließt zeigt, dass beide Kulturen sehr wohl nebeneinander existieren können.

Ein wunderbarer und wertvoller Abend. Eine höchst ambitionierte Gruppe die hoffentlich irgendwann noch einmal nach München kommt.


Am Ende der Paarung – Claus-Peter Seifert

Theater Halle 7

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„Das Ende der Paarung erzählt den letzten Tag im Leben zweier politischer Figuren, die früher im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit standen und nun eine unbeachtet Randexistenz führen“

So wir das Stück im Programmheft angekündigt und es verspricht nicht zu viel.

Petra Kelly und Gert Bastian waren früher im Wiederstand, bei Friedensbewegungen, Parteigründungen usw. aktiv. Heute sitzen sie gemeinsam in ihrer Wohnung und keiner interessiert sich mehr für sie.

Claus-Peter Seifert schafft es, auch durch die enorme Leistung der beiden Schauspieler, eine halb naturalistische, halb abstrakte Inszenierung des Stückes mit Spiel, Spaß und Spannung auf die Bühne zu bringen. Und nicht nur auf der Bühne wird gespielt auch davor! Wie ich das meine? Da würde ich ja die Überraschung verderben.

Ja, diese Inszenierung ist wirklich wie ein Überraschungs-Ei an dem man sich nicht satt essen kann. Streckenweise isst man vielleicht ein bisschen viel aber schon hat man wieder Hunger auf das nächste Stück.

Jutta Masurath und Dirk Bender spielen das alte inaktive Paar fantastisch. Jutta Masurath bringt als Petra Kelly eine völlig überdrehte, hyperventilierende Aktivisten hervor, die immer noch die Welt retten will, obwohl sie keiner mehr hört. Sie isst nichts, da die Kinder in Afrika auch nichts essen und ist dabei eine knallharte Diktatorin die ihren Gatten den ganzen Haushalt machen lässt und keinen Finger rührt. Der wiederum, gespielt von Dirk Bender, tut alles für sie mit solch einer Gefälligkeit dass man am liebsten Aufspringen würde, ihm eine knallen würde und sagte: Schau wie sie dich ausnutzt warum lässt du dir das gefallen? Sie will man am liebsten erwürgen, wenn das „Rehlein“ wieder eins ihrer Ich-Rette-die-Welt Monologe loslässt in dieser schrillen Stimme, die einen wahnsinnig macht.

Sie können nicht ohne einander und nicht miteinander. Sie machen sich wahnsinnig, vertragen sich wieder nur um sich wieder erneut wahnsinnig zu machen. Gert der Ruhige, der mit seinem Leben schon abgeschlossen hat und unaufhörlich vom Krieg erzählt. Petra, die sich nicht damit abfinden kann nicht mehr gebraucht zu werden, nicht mehr politisch aktiv sein zu können. Sie geißeln sich bis zum Letzten, bis beide nicht mehr können. Er resigniert und sitzt Teilnahmslos auf der Toilette, Sie schläft auf dem Sofa ein wie ein kleines Kind und ist doch nur eine alte, einsame Frau.

Gemeinsam durchlebt man einen Tag mit den beiden und ist am Ende genauso fertig wie Gert, als er Petra endlich ins Bett bringt und ihr Till Eulenspiegel vorliest. Das Ende ist nicht überraschend, als Gert ihr im Schlaf eine Pistole an den Kopf hält. Trotzdem schafft es Claus-Peter Seifert das Publikum am Ende noch einmal zu überraschen. Jutta Masurath und Dirk Bender werden zu Sprechern und erzählen mit Clownsnasen das Schicksal von Petra Kelly und Gert Bastian zu Ende.

Die ganze Inszenierung hat etwas Filmisches an sich und doch verliert es den Theatercharme nicht. Der Witz, die Komik, die Absurdität und die großen Gefühle sowie die politischen Dramen mit der diese Inszenierung besticht, machen den Abend zu etwas ganz Besonderem.

Unbedingt hingehen! Das sollte man sich nicht entgehen lassen!


TRUST – Markus Schlappig

Theater Halle 7/ werkmünchen

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Markus Schlappig inszeniert TRUST von Falk Richter. Mit dieser Inszenierung präsentiert sich das neue Theater werkmünchen in den Räumen der Halle 7. Wie der Name schon sagt, geht es um Vertrauen. Vertrauen in einer Beziehung und in der Gesellschaft. In dem Stück werden die Maßstäbe und Gesetze des Vertrauens von Beziehung und Ökonomie gemixt und getauscht und vertauscht und wieder zurückgetauscht.

Markus Schlappig lässt am Anfang des Stückes das ganze Bühnenbild von seinen beiden Schauspielern zerlegen. Wer schon immer gerne wissen wollte, wie ein Ikea-Tisch von innen aussieht sollte in diese Inszenierung gehen! Das zertrümmerte Bühnenbild als Metapher unserer Gesellschaft. Man, wir sind alle so kaputt!

Die beiden Figuren des Stückes sind alles und nichts. Sie sind ein Paar, Ökonomie, Gesellschaft und Schatten ihrer selbst. Sie schreien und kreischen sich durch das Stück, dass unterbrochen wird mit leisen und zärtlichen Momenten und revolutionären Bauernliedern.

Manchmal hatte ich das Gefühl ich müsste gleich raus, da sie mir sonst die Ohren zuschreien und ein andern mal wollte ich unbedingt sitzen bleiben, um zu wissen was noch kommt. Ich denke es ist eine zwiespältige Inszenierung. Die beiden Schauspieler sind auf jeden Fall klasse und auch der Teddybär zum Schluss, der am Ende des Stückes aufsteht (was sich jeder denken kann, deswegen nehm ich auch nichts vorweg), muss man ein beachtliches Sitzfleisch zugestehen. Fast 2 Stunden auf einem Stuhl zu sitzen und nichts zu sagen, muss man erst mal schaffen.

Es ist ein interessanter Abend aus dem man viel mitnehmen kann, wenn man die Augen und Ohren offen hat. Ich persönlich muss gestehen, dass ich mich mit solchen modernen Stücken immer schwerer tue. Nicht weil sie schlecht geschrieben sind, aber weil die Aussage irgendwie immer dieselbe ist. Die Darstellung unserer Gesellschaft in ihrer ganzen Unfähigkeit und das alles ohne eine dramatische Geschichte. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich schon so viel Theater gesehen habe das ich bei diesen Themen keinen AHA-Effekt mehr habe.

Trotzdem finde ich, hat werkmünchen eine Chance verdient wahrgenommen zu werden. Das Stück ist so gut, dass man hingehen sollte aber auch nicht soooooooo gut, dass es einem vom Hocker haut. Lohnen tut sich allemal und wenn man nur sehen will, wie die Bühne zerhackt und zersägt wird!


Stehende Gewässer – Alex Novak

Theater Halle 7

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Alex Novak inszenierte das preisgekrönte Stück „Stehende Gewässer“ von Markus Bauer in der Halle 7. Das Stück wurde 2009 zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens und 2012 zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen.  Zu Recht!

Eine Familie zieht in ein Haus am See. Sie vermieten die Zimmer um über die Runden zu kommen. Im Raum stehen große Fragen, große Träume, Wünsche und Hoffnungen die nach und nach alle zerplatzen. Es geht um existenzielle Fragen, um Selbstverwirklichung, um alles was man sich am Anfang eines Lebens so vornimmt. Natürlich läuft das Leben nie nach Plan und so steht auch diese Familie vor dem Abgrund. Die Eltern saufen und rauchen, die Tochter flüchtet sich in die Drogen und der Sohn hängt seiner verflossenen Liebe nach. Keiner von ihnen schafft es aus dem Trott rauszukommen. Sie sehnen sich nach der Vergangenheit und der besseren Zukunft und schaffen es nicht, sich mit dem Hier und Jetzt auseinanderzusetzen.

Alex Novak inszeniert in der darkBOX! Trotz siebirischer Kälte gehe ich zur Premiere und hoffe, dass es geheizt ist. Es ist geheizt! Ich setze mich in den Zuschauerraum und sehe den Schauspielern beim Rauchen zu.

Überall liegen Mülltüten herum ( WARUM?), Jahreszahlen wurden mit Kreide an die Wand gekritzelt. Sonst ist alles schwarz.

Dieter Fernengel eröffnet den Abend mit einem Monolog. Ich habe leider nur die Hälfte verstanden, da er ziemlich undeutlich gesprochen hat. Erst nach und nach bekommt man mit, worum es hier eigentlich geht. Das Stück fliegt durch die Jahre und erzählt durcheinander die Geschichte der Familie mit dem Haus am See. Die nicht chronologische Erzählweise macht es spannend, aber auch schwierig mitzukommen. Aber man soll ja das Publikum nie unterschätzen!

Plötzlich eine Stimme aus dem Zuschauerraum. Lotte sitzt inmitten der Zuschauer und hat eine Mülltüte über dem Kopf, manchmal ist sie auch oben beim Beleuchter oder auf der Bühne. Lotte ist die Freundin von Martin, dem Sohn der Familie. Ihre Relevanz in dem Stück habe ich nicht ganz verstanden.

Gespielt haben alle fantastisch. Glaubwürdig, emotional, authentisch. Am meisten beeindruckt hat mich Beatrice Murmann, eigentlich Regisseurin, überzeigte sie hier als Schauspielerin. Vielleicht war es manchmal ein bisschen viel gewesen, aber ich habe ihr alles geglaubt.

Die Inszenierung an sich ist nicht der große Knaller, aber sie ist gut. Man geht aus der Aufführung und hat eine berührendes Stück gesehen. Man fängt an nachzudenken….über sich und sein Leben, jedenfalls habe ich das getan.

Es ist ein toller Text, eine gute Inszenierung und ein schöner Abend. Einen Abend, aus dem man etwas für sich mitnehmen kann aber nicht muss. Ein Abend, bei dem man etwas länger braucht um reinzukommen, um den Konflikt zu verstehen. Wenn man DAS verstanden hat, kann man sich bequem hinsetzen und die Aufführung genießen.


Gespräche mit Astronauten – Sahar Amini

Theater Halle 7

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Kennt ihr den Film „Tagebuch einer Nanny“ mit Scarlett Johansson? An diesen Film musste ich die ganze Zeit denken, als ich die Inszenierung sah! Die Nanny in dem Film ist zwar eine amerikanische Studentin die mal was neues ausprobieren will und keine Osteuropäische Frau die sich in einem fremden Land ein neues Leben erhofft, aber es gibt durchaus parallelen.

Wie befinden uns in Knautschland. Die Mädchen kommen aus Stolen, Mogelei, Schlamperei, Rostland usw. Sie wollen als Au Pair in Knautschland ein neues Leben anfangen und nur ein oder zwei Jahre bei der Hexe arbeiten, doch alles kommt immer anders.

Felicia Zeller zeigt in ihrem Text die Situation der Mädchen auf, die den Traum vom besseren Leben träumen und ganz allein in fremde Länder kommen um dann auf kontrollsüchtige, reiche Mütter  und nervige Kinder treffen, die ihnen das Leben nicht einfacher machen. Ihr Text sprüht vor Witz und Charme. Die Wortakrobatik, die die vier Schauspielerinnen leisten, ist wunderbar mit anzuhören. Es fehlen immer wieder Wörter, aber der Zuschauer braucht sie nicht um den Text zu verstehen. Man denkt ganz automatisch den Satz zu Ende. Bis auf die ersten 5 Minuten, fällt es überhaupt nicht schwer dem Text zu folgen. Auch diese Wortverdrehungen wie Knautschland, jeder weiß was damit gemeint ist und gerade deswegen ist es so lustig.

Sahar Amini versteht es dieses spannende Textknäul wunderbar verstehbar zu machen. Es ist großartig den vier Darstellerinnen zuzuschauen. Sie haben Spaß am Spielen und das, ist das größte Geschenk für einen Zuschauer. Wie wunderbar leicht sie mit dem Text umgehen und sich nicht von ihm aus der Ruhe, oder vielmehr aus der Hektik bringen lassen, ist genial. Ein kleiner Raum, wenig Requisiten aber mehr braucht es gar nicht, wenn das Ensemble so harmonisch ist wie hier. Die vier Spielerinnen schlüpfen in verschiedene Rollen und wieder heraus und wieder herein und wieder heraus. Sie verkörpern einerseits individuelle Figuren aber auch die Masse. Es ist eine überspitze Inszenierung mit wahrem Kern, bei dem die Überspitzung aber nie nervig wird. Es ist einfach eine gelungene Mischung aus allem: Text, Regie, Bühnenbild und Schauspiel. Es gab sowohl eine als auch mehrere Geschichten, die sich ineinander verknoteten und wieder auflösten, trotzdem hatte man nie das Gefühl es wäre zu viel und man sehe nicht mehr durch. Ich war stellenweise so tief drin und so mitgerissen, dass ich den Raum und die Leute gar nicht mehr wahrgenommen habe.

Manchmal war es als säße man vor einem Fernseher und hört Werbespots, dann wieder Stille, dann Gefühle, dann Revolution, dann Angst. Es ist eine wahre Achterbahn an Situationen, Emotionen und Gefühlen, der man aber trotzdem folgen kann. Die Inszenierung, der Text und auch die Schauspielerinnen schaffen es das Stück überhöht aber doch ernst darzustellen.  Slapstick vom Feinsten. Zwischendurch immer die Sirene und alles wieder auf Anfang und trotzdem geht es weiter.

Man muss dazu sagen, dass wir nur vier Zuschauer waren und sich die Schauspielerinnen so ins Zeug gelegt haben, als würden 100 vor ihnen sitzen. Dies ehrt einen als Zuschauer und wir vier hatten einen herrlichen, intimen Abend. Es hat so viel Spaß gemacht, den Darstellerinnen beim Spielen zuzuschauen. Das darf man sich nicht entgehen lassen!

Ach ja und „Tagebuch einer Nanny“ ist eine wunderbare Ergänzung zum Stück.

Also auf jeden Fall hingehen! Es lohnt sich! Die weiteren Termine findet ihr unter Veranstaltungstipps.


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