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Genie oder Narr? – Das Theaterprojekt „Gesucht: Till E.“ in der Pasinger Fabrik

theater Viel Lärm um Nichts

Er ist quasi ein deutscher Volksheld und wohl eine der bekanntesten literarischen Figuren der Welt. Die älteste Fassung der Geschichten über Till Eulenspiegel stammt aus dem frühen 16. Jahrhundert. Im Laufe der Zeit gab es zahlreiche Adaptionen in allen Medien, seit dem 21. Dezember zeigt auch das theater Viel Lärm um Nichts ein Theaterprojekt nach dem Volksbuch von Hermann Bote und dem Roman „Bracke“. Unter der Regie von Andreas Seyferth schlüpfen fünf Künstler in die Rolle des Till Eulenspiegel und zeigen ihn in verschiedensten Lebensabschnitten. Auch verkörpern sie die anderen Figuren, mit denen der Held zu tun bekommt.

Dabei stellt jeder der Darsteller eine andere Seite derselben Person dar. Judith Bopp spielt den sterbenden Eulenspiegel, der trotzdem noch die Obrigkeiten und Frommen an der Nase herumführt, Till E. 4sowie das Kind, das Probleme hat in der Gesellschaft Fuß zu fassen und deshalb als Artist Aufsehen erregen will. Denis Fink ist der Entertainer Eulenspiegel, führt aber auch als Moderator in Ich-Perspektive durch den Abend. Er bildet sozusagen den roten Faden der Inszenierung. Sven Schöcker zeigt das Leben des Protagonisten als tiefgründiger Narr am Hof eines tyrannischen Kurfürsten. Er hält dem Herrscher einen Spiegel vor und verpackt harte Kritik in seiner Spaßmacherei. Einen müden und niedergeschlagenen Till schließlich verkörpert Sebastian Kalhammer. Dieser findet in einem jungen Gaukler wieder neuen Lebenswillen. Unterstützt werden die Schauspieler vom Musiker Marcus Tronsberg, der ab und an auch auf die Bühne geht und mitspielt. Die Übergänge zwischen den einzelnen Figuren ist meist fließend und nicht immer auf Anhieb erkennbar. Aber es ist sehr spannend, die verschiedenen Gesichter einer Person mit tatsächlich verschiedenen Darstellern zu sehen. Einen Schwerpunkt der Inszenierung nimmt nach einiger Zeit das Verhältnis Tills zum Kurfürsten ein, das weniger von Respekt als von Unterdrückung geprägt ist. Der legendäre Spaßmacher Till Eulenspiegel wird hier zu einer tragischen, menschlichen Figur. Trotzdem ist der gesamte Theaterabend von der schrägen Komik durchzogen, die die literarischen Vorlagen ausmachen.

Alles in allem wirkt die Inszenierung wie eine Mischung aus der Vorstellung einer mittelalterlichen Wandertruppe, einer Zirkusvorstellung und einer bunten, schrägen Revue.

Besonders genial ist das Bühnenbild von Ayin Kaip, in und auf dem die Darsteller sich auf mehreren Ebenen bewegen können. Das Holzgerüst verwandelt sich in eine große Zahl von Räumen und dient als Kletterpark für die Figuren. Nicht nur eine schauspielerische, sondern auch eine große körperliche Leistung. Sehr fantasievoll sind auch die Kostüme von Johannes Schrödl, die oft nur mit minimalen Details neue Figuren schaffen.

Till E. 3

Die Inszenierung ist noch bis 22. März in Pasing zu sehen. Infos und Tickets gibt es auf der Webseite.
http://www.theaterviellaermumnichts.de/aktill.htm

Und hier noch ein Trailer für ein paar Eindrücke:
https://www.facebook.com/photo.php?v=648038311923437

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Wirre Gedanken im Kabelgewirr – „Der Klangmull“ von Kai Taschner

Theater Viel Lärm um Nichts

Herr K., ein paranoider Straßenkünstler, wird geschnappt, nachdem er in der Fußgängerzone als lebendes Grammophon mit einem Zahnstocher im Hintern die Passanten verärgert. Er wird in den „Maschinenraum“ gesperrt, in dem er darüber nachdenken soll, wie es so weit mit ihm kommen konnte. Dieser Raum ist ein Sammelsurium aus Schaltpulten, ungewöhnlichen Instrumenten und vor allem scheinbar Kilometern von Kabeln. Immer wieder diskutiert Herr K. hier mit einer geheimnisvollen Stimme aus dem Lautsprecher.

Umgeben von diesen merkwürdigen Gerätschaften philosophiert Herr K. über Gott und die Welt und erzählt bizarre Geschichten und Verschwörungstheorien, die manchmal erschreckenderweise gar nicht so abwegig wirken. Dabei geht der Rundumschlag gegen alles und jeden, von den Mitgliedern der modernen Unterhaltungsindustrie bis hin zu den fiesen Aliens, die Herrn K.s geliebten Fiat Panda verspeist haben. Und immer wieder bekommt man das Gefühl, das „Bekloppte“ wie Herr K. doch eigentlich unglaublich philosophisch sein können.

Kai Taschner sollte bestimmt jeder von uns zumindest einmal gehört haben. Der Münchner hat sich vor allem als Synchronschauspieler und -regisseur in Filmen, Serien, HörbüchernKlangmull und Videospielen einen Namen gemacht, er ist etwa der Nachfolger Hans Clarins als Pumuckl. Aber auch auf der Bühne und dem Regiestuhl ist Taschner immer wieder anzutreffen. „Der Klangmull“ ist das erste Kabarettprogramm des Künstlers und auch sicher eines der Ungewöhnlichsten, die man so zu sehen bekommt. Wie der Name schon sagt stehen ganz klar Stimme und Töne im Mittelpunkt. Der Theaterabend wird eigentlich permanent mit einem Klangteppich untermalt, der ebenso wie die wirren Gedankenspiele Herrn K.s absurd die Thematik wechseln kann. Von einer Waldstimmung, zur Dokumentation „So singen unsere Vögel“ auf BR alpha, zur Reality-Show „So vögeln unsere Sänger“ auf RTL. Immer wieder werden Figuren wie die autofressenden Aliens mittels Stimmverzerrung zum Leben erweckt und auch die Musik kommt nicht zu kurz in diesem Kabarettprogramm. Dabei bekommt man neben Keyboards auch ungewöhnliche Instrumente wie einem Theremin oder einem elektrischen Saxophon zu hören. Und immer wieder entstehen nach und nach Montagen von Aufnahmen, die den Zuschauer in scheinbar fremde Welten entführen.

Durch all die technischen Geräte bekommt man einen Einblick davon, wie die Arbeit in einem Tonstudio aussieht. Taschner schaltet und waltet den gesamten Abend lang so sicher in seinen komplizierten Aufbauten, dass man sich fragt, wie man selbst mit einem ordinären Theater-Lichtpult überfordert ein kann.

Besonders witzig ist die Märchenstunde, in der das Publikum dank des Deus-ex-machina-Knopfes über das Schicksal eines kleinen Igels auf der Landstraße entscheiden darf. Das ist aber nicht die einzige Rolle des Publikums an diesem Abend. Oder haben Sie sich schon einmal gefragt, was bei Ihnen zu Hause passiert, während Sie im Theater sitzen? …

Auf jeden Fall ist „Der Klangmull“ das ungewöhnlichste Kabarett-Programm, das ich bis jetzt zu sehen bekommen habe. Man kann nicht nur herzhaft lachen über die abgedrehten Verschwörungstheorien und schrägen Wortwitze, sondern bekommt auch immer wieder die Absurdität unseres alltäglichen Lebens vor Augen geführt. Und jeder wird zugeben, dass er mit einem leichten Anflug von Paranoia nach Hause geht. Mission erfüllt, Herr K.!

„Der Klangmull“ ist noch viermal im Theater Viel Lärm um Nichts in der Pasinger Fabrik zu sehen. Neben heute Abend gibt es noch Vorstellungen am 21., 22. und 23. November.

http://www.theaterviellaermumnichts.de/akkai.htm


Es lebe die Revolution! – „Der Grüne Kakadu“ in der Pasinger Fabrik

Theater „Viel Lärm um nichts“

Am 29. Dezember feierte die Groteske des österreichischen Autors Artur Schnitzler unter der Regie von Andreas Seyferth in der Pasinger Fabrik Premiere. Das Stück aus dem Jahr 1899 spielt in Paris, am Abend des 14. Juli 1789. Natürlich weiß jeder, dass dieser Abend – mit dem Sturm auf die Bastille – als Geburtsstunde der Französischen Revolution gelten sollte. Von den Unruhen auf der Straße ist in der Kneipe der gescheiterten Theaterdirektorin Madame Prospère einiges zu spüren. Nachdem ihr Theater pleite ging, eröffnete sie das Lokal „Der Grüne Kakadu“, in dem die reichen Gäste sich unter dem Gesindel von Paris herumtreiben können. Diese Gauner sind in Wirklichkeit Schauspieler aus Prospères Truppe, die die verhassten Adeligen unterhalten. Doch im Wirren der herannahenden Revolution vermischen sich Schein und Realität immer mehr. In der Pasinger Inszenierung wurden auch noch andere Texte der Revolution eingefügt, meist rezitiert von der „Schauspielschülerin“ Juliette.

Die an sich schon in der Vorlage grotesken Figuren sind in Seyferths Inszenierung kunstvoll ins Extremste überzeichnet. Es treffen die schrägsten Charaktere aufeinader: auf der einen Seite das gemeine Volk, das in moderner, jedoch meist heruntergekommener Kleidung auftritt; auf der anderen die adeligen Gäste, die mit glitzernden Kostümen des 18. Jahrhunderts, Puderperücken und Schönheitsfleck aufwarten. Herrlich ist etwa der tuntige Marquis von Nogeant, der sich in den jungen Chevalier Albain verguckt und immer wieder bei Prospères Beschimpfungen beteuert, es sei alles nur Spaß. Richtig Mitleid bekommt man mit dem Ex-Häftling Grain, der bei den Profis mitmachen will, jedoch nach diversen Schauspielversuchen wieder zum Akkordeonspielen verdonnert wird. Alle agieren in einer angedeuteten Kneipe, die völlig in roten Stoff – dem ehemaligen Theatervorhang – eingehüllt ist. Die Tische reichen auch bis in die vordersten Zuschauerreihen, sodass die Theaterbesucher auf diesen Plätzen praktisch auch zum Stück gehören. Und über allem kreist der Namensgeber der Bar, ein grüner Kakadu.

Eine absolut bemerkenswerte Leistung des Regisseurs ist es, das gesamte Stück mit nur acht Schauspielern zu bewältigen. In der Textvorlage gibt es 22 Sprechrollen plus Statisten! Hier wurden zum Teil Figuren gestrichen, trotzdem mussten die Darsteller in bis zu sechs verschiedene Rollen und Kostüme schlüpfen. Das ist jedoch auch ein kleines Manko der Inszenierung: aufgrund der wenigen Leute ist es auf der Bühne manchmal doch recht leer, da helfen auch die Stimmen aus dem Off nichts. Eine richtige Kneipenstimmung will meist nicht aufkommen. Vor allem am Ende sind es einfach für meinen Geschmack zu wenig Leute, die der Revolution zujubeln. Auch ist es stellenweise unlogisch, wenn Figuren abtreten und dann ohne Begründung nicht wiederkommen. Etwa der Komissär, der den Abend in der Kneipe beobachten will und sich daraufhin zurückzieht, um auf Prospères Rat hin in ziviler Kleidung wiederzukommen. Die Figur taucht jedoch nicht wieder auf, warum wird nicht erklärt. Zuletzt fehlte einfach gegen Ende der Fluss in der Handlung, es wirkte eher wie an die Aneinanderreihung von kurzen Revue-Nummern. Das zeichnete die Grenze zwischen Sein und Schein, die in diesem Stück eigentlich sehr verschwommen sein soll, manchmal etwas zu deutlich ab.

Trotz dieses kleinen Mankos ist die Inszenierung schon allein wegen des Witzes und der spielfreudigen Darsteller absolut sehenswert. Die acht Leute haben sichtlich Spaß an der Sache und interagieren oft auch mit dem Zuschauern an den Tischen. Allen voran sticht Ute Pauer als Marquise Sévérine heraus, die bei ihrem ersten Besuch im Grünen Kakadu mit kindlicher Begeisterung auf die spannenden Geschichten und Menschen reagiert und sogar einem Mord noch etwas Spaßiges abgewinnen kann. Auch flirtet sie mit jedem der Anwesenden, ob Männchen oder Weibchen, was an ihrem naiven Gatten völlig vorbeigeht. Bei allem Spaß ist das Werk jedoch auch sehr philosophisch. Die Sehnsucht der armen Bürger nach etwas Glück wird ebenso deutlich, wie die völlige Realitätsfremde der adeligen Gesellschaft. Auch lernen wir, dass Schauspieler in Wahrheit die ehrlichsten Menschen der Welt sind und die ganze Welt wiederum ein Theater.

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Wer das herrlich schräge aber viel zu selten inszenierte Schnitzlerstück selbst sehen will, der hat noch bis 9. März 2013 Gelegenheit dazu. Gespielt wird jeden Donnerstag, Freitag und Samstag um 20 Uhr.

http://www.theaterviellaermumnichts.de/best.php


Wer bin ich und wenn ja, wie viele? – Orlando.Eine Biographie // Theater viel Lärm um nichts, Regie: Jana Jeworreck

Zunächst steht in Jana Jeworrecks Inszenierung von Virginia Woolfs Roman „Orlando“ neben Unmengen an Büchern nur Katrin Wunderlich auf der Bühne und verkörpert dabei alle Orlandos auf einmal, wie sie im Strom der Zeit auftreten: Als junger Adliger im 16. Jahrhundert, als Poet, als Gesandter von König Charles II. zur Zeit der türkischen Aufstände in Konstantinopel, als weiblicher Orlando im 18. Jahrhundert, bis er – oder war es wieder sie – als Frau eines Abenteurers das 19. Jahrhundert verbringt. In der Gegenwart kollidieren schließlich all diese Ichs, die Orlando über die Jahrhunderte in sich vereint.
Virginia Woolf selbst beschrieb ihren Roman als „leicht zu lesen“. Ihrem Gedankengerüst zu folgen, stellt sich für den Zuschauer, der die Romanvorlage nicht vor sich hat, aber als überaus schwierig dar. Orientierung, an welcher Stelle der Biographie man sich befindet, bietet die mit Kreide an die Wand geschriebene chronologische Auflistung der Könige, die für die jeweilige Zeitepoche prägend waren. Und an manchen Stellen, das muss ich zugeben, dauerte die Zeit, bis wieder ein Name durchgestrichen wurde, sehr lange. Woran genau das lag, ist schwer zu sagen. Katrin Wunderlich konnte man den Spaß an dieser One-Woman-Show ansehen, der Funke sprang auch an den leichteren Stellen des Stückes direkt zum Publikum über, das Katrin Wunderlichs harte Arbeit dann mit Lachen belohnte. An Einfällen mangelte es auch beim Bühnenbild nicht: Die Unmengen an Büchern, die sich mal als Kleiderständer, mal als Schreibtisch, dann wieder als Dominosteine nutzen ließen, boten unendlich viele Möglichkeiten, die auch voll ausgenutzt wurden. Einen Stoff wie „Orlando“, der von sich aus keinen roten Faden bietet, zusammenzuhalten ist ein Kraftakt, eben weil jener rote Faden nicht zu finden ist. Neben der Leichtigkeit, mit denen Katrin Wunderlich große Teile des Stückes meisterte, blitzte manchmal auch etwas von der Anstrengung durch, die es kosten muss, „Orlando“ und seine verschiedenen Ichs zu verkörpern, die man wohl gar nicht bis ins Letzte verstehen kann.
Orlandos totalen Kollaps am Ende des Stücks ereilt dann auch den Zuschauer. Denn genau wie Orlando steht nach dem Erwachen für mich die Frage: Wer bin ich und wenn ja – wie viele? Dass ich verwirrt bin, liegt jedoch nicht an der Inszenierung, sondern am Stoff selbst. Aber waren Zeitreisen nicht schon immer anstrengend gewesen? Also: Zurück in die Zukunft!


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