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Entschuldige dich, dass du lebst! – Ding: Akademietheater // Sapir von Kleist

Das Ding von  Hanoch Levin. Eine lange Linie weißer Ufos die sich von links nach rechts oben über die Bühne aus ihr rauszieht. Eine Art rotes Zirkuszelt. Ein Briefkasten. Ein Mensch in einem weißen Ganzkörperanzug wo nur Gesicht, Füße und Hände rausschauen. Und ein stark geschminkter Mann im schwarzen Anzug, der etwas angespannt wirkt. Freeze.

Martin Petschan ist das Ding. Das Ding, das Bonbons ist, aber nicht genießen darf. Das gerne etwas abschneiden möchte, aber auch das gelingt eher weniger. Er wird von allem umliegenden dirigiert, der Musik, den Mitmenschen – aber nicht von sich selbst. Die einzige Entscheidung, die er zumindest selbst trifft, ist die zum Selbstmord, wenn auch nur als Protest gegenüber Pogra. Pogra (Samantha Ritzinger) ist das große rote Zirkuszelt, die mit riesigen Plateauschuhen, dem erwähnten Kostüm und gewaltigem, elephantösem Röhren die Bühne betritt und verlässt. Die Doppelfigur Teigalach/Klemansea wird von Leif Eric Young dargestellt – halb Mann, halb Frau, halb Anzug, halb „nackt“ mit einer schelmisch hopsenden Titte. Die brilliant gespielte überzeichnete Figur zeigt die Lächerlichkeit des ganzen, die Figur in sich ist eine Farce. Sie erinnert stark an Kabarett- und Revueshows der 20er Jahre, ein Kunstprodukt, das nur parallel zum Bühnenrand agieren kann und somit noch weniger ernst zu nehmen ist. Auch der Briefkasten hat einen Namen, Adasch Bardasch, gespielt von Asisa Hafez. Leider steht ihr die Rolle im gelben, anzugähnlichen Quader besser zu Gesicht als das, was danach kommt.

Was kommt danach? Pogra will heiraten um jemanden zu haben, der mit ihr teilen kann, wie sehr sie das Leben genießt, relativ egal, wen. Das Ding ist enttäuscht: Wenn du heiratest, springe ich vom Dach. Keine Reaktion. Niemand versucht, es aufzuhalten. Es lädt alle ein, seinem im großen Stil mit Buffet und Plemplem ausgestatteten Selbstmord beizuwohnen. Alle Figuren streiten sich darum, wer das Ding in den Tod getrieben hat, jeder möchte der Schuldige sein. Dann gibt es einen Bruch, alle Schauspieler schälen sich aus dem Kostüm, tragen eine Art grauen Körperanzug als Einheitsuniform wie das Ding. Sind wir alle nur Dinge? Sogar Pogra gibt ihr Zirkuszelt auf. Aber das Ding schafft es nicht, schafft den Selbstmord nur unter Mithilfe – schafft den letzten Schritt nicht, er will ja nicht eigentlich leben, aber der Selbstmord sei so schwer. Kein Problem, Adasch Bardasch, die ehemals vermeintlich einzige Freundin, hilft.

Und jetzt? Der Abend war äußerst amüsant, herrliche Spielfreude wurde an den Tag gelegt. Dem wunderschönen Umgang mit den Körpern, für den Angelica diSannio verantwortlich zeichnet, möchte ich ein großes Lob aussprechen. Allein durch die klar gesetzten und durchchoreografierten Bewegungsabläufe ist dieses Stück enorm interessant, Stichwort Oskar Schlemmer und Kinesphäre. Was die Sprache nicht vermitteln kann (und das ist in diesem Stück vieles), das wird gespielt, getanzt, gemimt, gehopst. Auch die Kostüme sowie das Bühnenbild unterstützen dieses abstrakt-absurde Theater, das an Ionesco erinnert. Die Geschichte selbst erinnert ein bisschen an Gombrowiczs Burgunderprinzessin. Die Darsteller zeigen fast durch die Bank enorme Präsenz. Die eigentlich dem Stück inhärente Tragik, und die Brücke zur Komik, schafft meiner Ansicht nach nur Martin Petschan.

Denn die Stückwahl, so gut begründet ich sie im Programmheft auch gefunden habe, findet keine Rechtfertigung auf der Bühne und wirkt in etwa so willkürlich wie die Bezeichnung eines Menschen, pardon, einer Figur, als Ding.

Besuchte Vorstellung: 24.11.2012, weitere Vorstellungen: 25.11.2012 um 20.00 Uhr

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Alles nur der Liebe wegen – Andreas Kriegenburg

Münchner Kammerspiele

KLICK

Als jemand der nicht sehr überzeugt von der Liebe ist, hatte ich gewisse Zweifel bei dem Titel.

„Alles nur der Liebe wegen“ hört sich schon so kitschig romantisch an. Ich dachte nur: Nein eigentlich hast du jetzt gar keine Lust auf so was. Aber gut die Karte war bestellt und neugierig war ich ja trotzdem.

Also schick machen, rein ins Theater, Platz suchen und warten bis es anfängt.

Das Licht ging aus, das Licht ging an und was sah ich auf der Bühne? Pinker Marmor überall. Das Bühnenbild erinnerte mich an einem Tanzsaal im Märchen. Es war ein großer Saal, mit riesen Fenstern und pinke Marmor und Bänke an den Seiten, eine Mischung aus einem Museum und Versaille.

8 Schauspieler, Walter Hess, Sylvana Krappatsch, Lena Lauzemis, Oliver Mallison, Stefan Merki, Annete Paulmann, Wiebke Puls, Edmund Telgenkämpfer, zeigten in wechselnden Rolle Klischeebilder der Liebe. Alle ironisiert aber alle sind sie  wahr.  Es wird alles schonungslos gezeigt: Speed Dating, die Neurosen der Singles, die Suchenden, die Angst haben, die Zufälle.

Durch die Ironie wird das wahre Gesicht der Liebe in unsere Gesellschaft gezeigt. Gibt es noch wahre Liebe bei uns? Oder hat jeder nur noch panische Angst vor zu viel Nähe? Sind wir noch in der Lage zu lieben? Diese Fragen werden sehr eindrucksvoll beantwortet. Hinzu kommt noch die kitschige Musik, die einen den ganzen Abend hindurch begleitet.

Man lacht, man weint und man denkt nach. Jedenfalls ging es mir so. Ich bin danach noch was essen gegangen und hab mir das Programmheft durchgelesen und ein paar wunderschöne Sätze gefunden.

„Die Liebe ist keine einfache Sache, es ist sehr schwer, sie in uns zu finden, und es ist unmöglich, sie anderweitig zu finden.“

„…in keinerlei Zwänge mehr zu stecken, sondern nur noch in der Fülle der Möglichkeiten“

Ich saß in diesem Restaurant und habe über meine Beziehung zur Liebe nachgedacht.  Es wird niemals einfach werden aber dieser Abend hat mir gezeigt, dass es sich lohnt, es doch mal wieder auszuprobieren. Einfach nur um nicht so zu enden wie teilweise die Figuren in dem Stück.

„Daher ist das Ende der Qualen in der Liebe nur der Beginn der wahren Strafe“



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