Schlagwort-Archive: Uraufführung

Eine große Tanzmusik – Faszination Tanz: B&M Dance Company München im KUBIZ Unterhaching // Heinz Manniegel

Ada Ramzews und Shun Wada in Eine kleine Nachtmusik

Ada Ramzews und Shun Wada

Ein Reigen, Barockmenuett, „Eine kleine Nachtmusik“. Mit dieser Uraufführung begann ein bunter Ballettabend im KUBIZ Unterhaching. Die B&M Dance Company vertanzte Mozart, Salonmusik der 30er Jahre sowie traditionelle Klezmer-Stücke. Der tänzerische Spagat zwischen klassischen Ballettformen und moderner Umsetzung glückte, das Publikum war begeistert.

Mehr Raum – man wünschte den Tänzern mehr Bühne, um sich die Seele aus dem Leib tanzen zu können. Denn dazu waren sie mehr als Willens – raumgreifende Beinarbeit, großartige Sprünge (bes. von Shun Wada),  Präzision und Ausdruck (Ada Ramzews) weckten das Publikum auf. Am schwächsten waren die – musikalisch ideal gewählten – Schwingungen in lila zur kleinen Nachtmusik. Trotz verspielter Choreographie und geschickter Nutzung des Ensembles sprang der (narrative) Funke bei mir nicht über. Technisch sei gesagt, dass manche Tänzer im klassischen Bereich sich augenscheinlich keine Mühe machen, richtig zu zählen. Nicht so bei der B&M Dance Company. Was hier bereits auffiel, war die Freude an und das Bewusstsein für Takt. Manch größerer und renommierterer Tanzkompanie bereiten sie mehr als nur Schwierigkeiten…

Interessant wurde es bei dem Solo „Lacrima“, mit dem Nami Fujita beim Tanzolymp 2013 in Berlin Silber holen konnte.  Klein, aber oho – der Neoklassizismus des Heinz Manniegel fusioniert mit modernen Elementen à la Russell Maliphant. Toll!

Nami Fujita in ihrem Solo Lacrima (Silber Tanzolymp 2013 Kategorie Modern)

Nami Fujita – Solo Lacrima (Silber Tanzolymp 2013 Kategorie Modern)

Das nächste große Stück des Abends spielt mit der Ästhetik der 20er und 3oer Jahre. Hier war die Narrative deutlich erkennbar und humorvoll umgesetzt. In „Hermann der Traumtänzer“  sammelt der Protagonist (Philipp Knapp) zu Mundharmonika-Klängen Schätze seiner Jugend ein – und fällt dank eines alten Grammophons in einen Tanz- und Tagtraum: solange die Platte spielt, tanzt Hermann – und mit ihm ein Ensemble aus Tänzern vergangener Zeiten. Standardtänze treffen auf klassisches Ballett und unkonventionelle Akrobatik, Eifersucht trifft auf den roten Stier in Frauengestalt (Kiriko Shimizu).

„Lomir Tanzn“ präsentiert ohne Spitzenschuhe und mit viel Ensemble eine Klezmer-Musik-Variation vom Feinsten. Diese Choreographie sorgt dafür, dass Hände lachen können und sich Soli in Duette verwandeln. Das immer wiederkehrende Element der Reihe, von der sich Einzelne lösen, zu der Andere zurückfinden, steht programmatisch für Heimat suchende auf der Reise. Es erfolgt keine direkte Festlegung, ob es sich um das Volk Israel handelt oder ein Tanzensemble, das seinen Platz in der Welt sucht. Dieses Ensemble hat seinen Platz für den heutigen Abend gefunden: im Herzen des Publikums.

Besuchte Vorstellung: 02.03.2013

Advertisements

UA Mjunik Disco – Stefan Pucher

nach Texten von Rainald Goetz (Rave, 1998), Thomas Meinecke und Andreas Neumeister

16.04.2011, Münchner Kammerspiele, Premiere, Uraufführung, Werkraum.

Im Mittelpunkt eine Musiklandschaft; Keyboard, Bass, E-Gitarre, Schlagzeug, Mikrophone…Eine kreisförmige Spielwiese für die  Akteure Marc Benjamin, Peter Brombacher, Lena Lauzemis, Martin Rühle, Thomas Schmauser, Christopher Uhe und Ivica Vukelic, die mit „Strange Magic“ den lässigen, intelligent unterhaltenden Abend eröffnen.

Stefan Pucher lässt seine Werkraum-Disco-Crew mit Sehnsucht und Belustigung in Anekdoten über die Entstehung der Pop-Kulutur (angeblich in München) schwelgen. Gestalten, Gefühle und Skandale eines vergangenen Nachtlebens werden so liebevoll beschworen, wie spöttisch verworfen. Da ist der Proll in alter Jogginghose, der sich verzweifelt bemüht die Aufmerksamkeit der Discoqueen der Nacht zu erlangen. Da ist die unnahbare Sängerin in weißer Discohose, die eine moderne Welt oder einen letzten Rausch besingt. Es ist ein glitzernder Trip, solange sich die Discokugel eben dreht.

Überraschend und witzig sind die Nachrichtensprecher-Einspielungen (Jo Brauner, aus dem Jahr 1999) – auf zwei großen Leinwänden ausgestrahlt – die z.B. die Finessen der DJ-Kunst oder vergangene/zukünftige Gesellschaftsveränderungen kommentieren. Dem Thema des Abends gemäß darf auch eine pseudo-pädagogische DJ-Akademie nicht fehlen, die den faszinierenden Irrsinn dieser Art von „Musik: Was ist eigentlich Musik?“ pointiert.

München, ein Musikvideo: Höhepunkte dieses Poptheaterabends sind in jedem Fall die musikalischen Einlagen, die nicht nur brilliant vorgetragen sind, sondern die – unterstützt von eigens dafür an bekannten Münchner Stadtschauplätzen (Englischer Garten, Pimpernell…) gedrehten Filmen – dem Zuschauer die Vergangenheit eines Discozeitalters vorführen. So wie sie gewesen sein hätte können, so wie sie präsent wird in der Gegenwart der Theateraufführung.

Zwar ließ sich das Premierenpublikum nicht zum tanzen mitreißen, dafür lauschte man gespannt dem abschließenden, unerwartet ernsten Monolog der Discoqueen über die von der Gesellschaft geprägten Bewusstseins-und Gedankenströme und entdeckte darin viel Wahres.

Musik gehört auch ins Theater. Schon deshalb lohnt es sich, in Mjunik Disco zu gehen und, weil es so gar nichts mehr mit der heutigen Münchner „Partykultur“ zu tun hat.


%d Bloggern gefällt das: