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Wer bin ich und wenn ja, wie viele? – Orlando.Eine Biographie // Theater viel Lärm um nichts, Regie: Jana Jeworreck

Zunächst steht in Jana Jeworrecks Inszenierung von Virginia Woolfs Roman „Orlando“ neben Unmengen an Büchern nur Katrin Wunderlich auf der Bühne und verkörpert dabei alle Orlandos auf einmal, wie sie im Strom der Zeit auftreten: Als junger Adliger im 16. Jahrhundert, als Poet, als Gesandter von König Charles II. zur Zeit der türkischen Aufstände in Konstantinopel, als weiblicher Orlando im 18. Jahrhundert, bis er – oder war es wieder sie – als Frau eines Abenteurers das 19. Jahrhundert verbringt. In der Gegenwart kollidieren schließlich all diese Ichs, die Orlando über die Jahrhunderte in sich vereint.
Virginia Woolf selbst beschrieb ihren Roman als „leicht zu lesen“. Ihrem Gedankengerüst zu folgen, stellt sich für den Zuschauer, der die Romanvorlage nicht vor sich hat, aber als überaus schwierig dar. Orientierung, an welcher Stelle der Biographie man sich befindet, bietet die mit Kreide an die Wand geschriebene chronologische Auflistung der Könige, die für die jeweilige Zeitepoche prägend waren. Und an manchen Stellen, das muss ich zugeben, dauerte die Zeit, bis wieder ein Name durchgestrichen wurde, sehr lange. Woran genau das lag, ist schwer zu sagen. Katrin Wunderlich konnte man den Spaß an dieser One-Woman-Show ansehen, der Funke sprang auch an den leichteren Stellen des Stückes direkt zum Publikum über, das Katrin Wunderlichs harte Arbeit dann mit Lachen belohnte. An Einfällen mangelte es auch beim Bühnenbild nicht: Die Unmengen an Büchern, die sich mal als Kleiderständer, mal als Schreibtisch, dann wieder als Dominosteine nutzen ließen, boten unendlich viele Möglichkeiten, die auch voll ausgenutzt wurden. Einen Stoff wie „Orlando“, der von sich aus keinen roten Faden bietet, zusammenzuhalten ist ein Kraftakt, eben weil jener rote Faden nicht zu finden ist. Neben der Leichtigkeit, mit denen Katrin Wunderlich große Teile des Stückes meisterte, blitzte manchmal auch etwas von der Anstrengung durch, die es kosten muss, „Orlando“ und seine verschiedenen Ichs zu verkörpern, die man wohl gar nicht bis ins Letzte verstehen kann.
Orlandos totalen Kollaps am Ende des Stücks ereilt dann auch den Zuschauer. Denn genau wie Orlando steht nach dem Erwachen für mich die Frage: Wer bin ich und wenn ja – wie viele? Dass ich verwirrt bin, liegt jedoch nicht an der Inszenierung, sondern am Stoff selbst. Aber waren Zeitreisen nicht schon immer anstrengend gewesen? Also: Zurück in die Zukunft!

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