Theater und Kritik

Wagen wir 2020 einen Blick hinein in die gute Stube. Kurzer Blick auf die Uhr. Oh, es ist schon spät. Pssst. Still. Wir spähen durchs Schlüsselloch ins Schlafzimmer hinein.

Aha! Da sind sie. Da liegen sie. Ein altes Ehepaar, Rücken an Rücken.

Sitzen sie im Restaurant, da ist der Höhepunkt einer Konversation die Bestellung beim Kellner. Den Rest der Zeit wird stumm aneinander vorbeigeschaut. Was sollte man sich auch sagen? Du hier / Ich dort / WIR fort.

So ergeht es den Berliner Theatern und der dazugehörigen Kritik.

Man sagt sich „Guten Tag!“. Man verträgt sich. Man lässt sich in Ruhe. Mehr nicht. Wären die Kinder nicht, eine Trennung stünde unmittelbar bevor. Da müssen die Kinder es eben machen. Wir wollen, dass sich wieder in die Augen geguckt wird, ungeschminkt und ohne Sonnenbrillen.

Die Krise des Theaters ist nur durch die Überwindung der Trennung von Theater und Kritik zu meistern.

Welchen Nutzen hat Kritik in der jetzigen Form? Keinen! Entweder es wird gelobt oder es wird verrissen.

Wenn es überhaupt zur öffentlichen Kritik kommt! Kürzlich wurde darüber berichtet, wie Papa Oliver der Mama Stephanie ihr gekochtes Allerlei vom Herd wegnahm und in den Ausguss kippte. Den Kindern zuliebe!

Immerhin: Er hatte vorher einen Löffel probiert und es für versalzen befunden. Das kann man den Kindern nicht vorsetzen!

Ein offenes Forum muss geschaffen werden. Endlich Austausch statt Abgrenzung. Wieso wird Regisseuren und Regisseurinnen nicht die Möglichkeit eingeräumt auch nach der Premiere weiter an einer Inszenierung zu arbeiten? Ja, Herr Meier Müller Schmidt, ich hör Sie sagen: „Mein guter Franz, aber wie soll das gehen. Das ist nicht möglich. Da gibt es Termine. Das ist der Betrieb!“ Ich antworte: „Ja, mein guter Herr Müller, dann ändert eben den Betrieb!“

Die Berliner Freie Szene steht da vor anderen Problemen. Als Theatermacher/in ist es schwierig jemanden ausfindig zu machen, der/die gewillt ist, eine Kritik über eine Theaterarbeit anzufertigen. Die „Big Player“ der Szene sind zwischen vierzig und fünfzig Jahren alt und versorgt. Alle anderen kriechen ächzend über die Bretter, die die Welt bedeuten und fragen sich, ob sie das Salz oder das Haar in der Suppe sind. Nur interessiert sich niemand für die Suppe.

Da kommen wir ins Spiel. Wir nehmen unsere nachhaltig hölzernen Löffel zur Hand und sind hungrig. Unsere Leibspeise ist experimentelles und politisches Theater.

Wir interessieren uns für Theater, das risikofreudig ist Wege zu beschreiten, die erst gegangen werden müssen.

Weg vom Produkt-Gedanken. Weg von Vermarktungsideen.

Für eine Rückkopplung von Theater und Kritik.

Für ein offenes Forum.

Für Experimente.

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