„Das Produkt“ – ein zündendes Stück Sprengstoff mit Mohammed als Drahtzieher!

Ja, das ist der Stoff aus dem Schlagzeilen gemacht werden, deren Sensationsgier sich auf alles stürzt was der zeitgemäßen Polemik entspricht. Zur Verwunderung ist der Schauplatz hierfür die Bühne des Foyers im kleinen Theater Landshut.

Das Produkt von Mark Ravenhill unter Regie von Constantin von Thun inszeniert eine Tour de Force durch das Gewaltspektakel eines nach Sensation und Unterhaltung lüsternen Filmproduzenten, der wahnhaft und unverfroren alle abgründigen Winkelzüge der Unterhaltungsindustrie bedient. Schauspieler Christian Mark verkörpert im Einmannstück einen schmierigen, im Chefsessel sitzenden, quotenbesessenen Filmproduzenten, der im Monolog eine imaginäre Hauptdarstellerin für sein Filmprojekt zu erwärmen sucht, um Bestandteil seiner Gewalt ausufernden und absurden Filmproduktion zu werden. Zündstoff und für einen Quotenschlager unumgänglich sind bekanntermaßen Gewalt und Sex. Entsprechend dieser Devise ergeht sich der Filmproduzent in seinen krankhaft anmutenden Beschreibungen des Drehbuchs und zieht alle Register des Show-Business. Während der Auftakt des Drehbuchs noch scheinheilig mit dem Aufschneiden eines Croissants des in Turban und Kaftan bedeckten Moslems beginnt, findet das amerikanisch geschürte Feindbild namens „Islam“ in einer Akkumulation von reißerischen Terror- und Gewaltszenen seinen Niederschlag: Sprengkörper, spritzendes Blut, abgetrennte Körperteile, Folter und brennende Körper.

Die Rolle die besetzt werden soll, ist die der Amerikanerin Amy, deren Mann dem Anschlag auf das World Trade Center zum Opfer gefallen ist und sie sich ausgerechnet in den Islamisten Mohammed verliebt, der ihr den weltbesten Orgasmus verschafft, sich aber kurz darauf als Terrorist der Al-Quaida entpuppt. Geblendet von seiner sexuellen Attraktivität, wächst ihre Wohnung zum Schauplatz einer fundamentalistischen Zelle heran, die Mohammeds Selbstmordattentat auf Disneyland Paris plant. Aus Liebe will sie sich gemeinsam mit ihm in die Luft sprengen. Doch ein Alptraum über die bevorstehende Gräueltat veranlasst sie noch die Polizei einzuschalten.

Getrieben von Sensationsgier potenzieren sich die Gewaltbeschreibungen des Filmproduzenten ins Abstruse, als Amy in Mohammeds brennende Arme fällt, die Körper verschmelzen und beide anschließend mit Verbrennungen im Swimmingpool kopulieren. Seine Inszenierungsvorhaben selbstgefällig kommentierend, eskortiert er mit seiner fingierten Kamera und weiß filmische Effekte der Zeitlupe und des Zooms an richtigen Stellen einzusetzen, mit dem Ziel das potenzielle Publikum auf die Folter zu spannen. Um den sensationsträchtigen Szenen Nachdruck zu verleihen, belebt er die Bühne mit suggerierenden Gesten und effekthascherischen Körpereinsätzen wie der Mega-Orgasmus Amys, sodass er letztlich die Rolle des Produzenten verlässt und selbst zum Darsteller und Alleinunterhalter seiner Dramaturgie der Gewalt wird. Selbst das Abwenden der potenziellen Hauptdarstellerin, die er imaginär im Zuschauerraum adressiert, scheint ihm in seinen Vorhaben nicht zu irritieren. Schauspieler Christian Mark verkörpert auf exzellente Weise den Inbegriff eines prätentiösen Blockbuster-geilen Filmproduzenten, der jegliche Schwelle des Schams aushöhlt.

Das Produkt - Pressefoto 1 (von Dr. Bernd Seydel)

Das nahezu nahtlose Bombardement von erzählten Gewaltszenen in „das Produkt“ führt auf satirische Weise das Prinzip des Reiz- und Reaktionsschemas der Unterhaltungsindustrie vor Augen, das bedingt durch die eigene Ausschlachtung der Brutalität und der daraus resultierenden Verrohung des Zuschauers, sich selbst wieder in seiner drohenden Erschöpfung übertrumpfen muss. Um die Empathie wieder zu aktivieren, bedarf es beispielsweise der Zuhilfenahme eines unschuldigen Kindes, das aber leider kurz darauf in die Luft gesprengt wird… Hoffentlich bleibt spätestens hier dem Zuschauer die überzogene Gewaltdarstellung à la Tarantino im Halse stecken. Angesichts der politischen Brisanz ist es nicht ganz unverfänglich, die Medien in ihrer Gewalt- und Sensationsgeilheit zu karikieren, indem deren Mechanismen – wenn auch in ironischer Darstellung – erst bedient werden müssen, um dann entstellt zu werden.

Der Regisseur Constantin von Thun wagt sich auf die schmale Gratwanderung und inszeniert mit den Ausdrucksmitteln des Theaters einen Klischee-überladenen Blockbuster als karikierenden Gegenstand des Theaterstücks, der keine Grautöne zwischen Schwarz und Weiß kennt und nur Gegensätze wie Hass und Liebe, Macht und Unterwerfung symbiotisch vereint. Getreu des Mottos „Je böser der Bösewicht, desto besser der Film“ sind Feindbilder wie die des islamistischen Terroristen prädestiniert, um der Schaulust des abgestumpften Zuschauers gerecht zu werden. Da „das Produkt“ den Stoff des Drehbuchs nicht gemäß dem Sensationalismus für sich nutzt, sondern in überzeichneter Weise darstellt, dient „das Produkt“ vielmehr dazu, sich selbst zu hinterfragen. Hier offenbart sich die Frage: Sind wir das Produkt der Unterhaltungsindustrie oder erfüllt sie nur unser Verlangen.

Auf jeden Fall stellt das Theaterstück „das Produkt“ unsere Konsumgewohnheiten auf den Prüfstand. Schließlich zeigt der Schauspieler Christian Mark den Vorgang des Darstellens, während sich das Dargestellte vor der individuellen Leinwand eines jeden abspielt, sodass er zum Voyeur seiner eigenen Bilder wird. So sind wir die vom Filmproduzenten letztlich Adressierten, die er zu überzeugen versucht. Der Zuschauer kann selbst entscheiden, inwieweit seine Geschmacks- und Toleranzgrenzen verschiebbar sind und ob er Opfer der Unterhaltungsindustrie und seines Machtpotenzials wird. Hier wird dem Zuschauer der Spiegel vorgehalten und er muss sich selbst fragen, ob er sich in ihm gefällt.

http://www.kleinestheater-kammerspiele-landshut.de/spielzeit-20142015/spielzeitprogramm/repertoire/das-produkt.html

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