Archiv des Autors: Claudia Jaworski

„Das Produkt“ – ein zündendes Stück Sprengstoff mit Mohammed als Drahtzieher!

Ja, das ist der Stoff aus dem Schlagzeilen gemacht werden, deren Sensationsgier sich auf alles stürzt was der zeitgemäßen Polemik entspricht. Zur Verwunderung ist der Schauplatz hierfür die Bühne des Foyers im kleinen Theater Landshut.

Das Produkt von Mark Ravenhill unter Regie von Constantin von Thun inszeniert eine Tour de Force durch das Gewaltspektakel eines nach Sensation und Unterhaltung lüsternen Filmproduzenten, der wahnhaft und unverfroren alle abgründigen Winkelzüge der Unterhaltungsindustrie bedient. Schauspieler Christian Mark verkörpert im Einmannstück einen schmierigen, im Chefsessel sitzenden, quotenbesessenen Filmproduzenten, der im Monolog eine imaginäre Hauptdarstellerin für sein Filmprojekt zu erwärmen sucht, um Bestandteil seiner Gewalt ausufernden und absurden Filmproduktion zu werden. Zündstoff und für einen Quotenschlager unumgänglich sind bekanntermaßen Gewalt und Sex. Entsprechend dieser Devise ergeht sich der Filmproduzent in seinen krankhaft anmutenden Beschreibungen des Drehbuchs und zieht alle Register des Show-Business. Während der Auftakt des Drehbuchs noch scheinheilig mit dem Aufschneiden eines Croissants des in Turban und Kaftan bedeckten Moslems beginnt, findet das amerikanisch geschürte Feindbild namens „Islam“ in einer Akkumulation von reißerischen Terror- und Gewaltszenen seinen Niederschlag: Sprengkörper, spritzendes Blut, abgetrennte Körperteile, Folter und brennende Körper.

Die Rolle die besetzt werden soll, ist die der Amerikanerin Amy, deren Mann dem Anschlag auf das World Trade Center zum Opfer gefallen ist und sie sich ausgerechnet in den Islamisten Mohammed verliebt, der ihr den weltbesten Orgasmus verschafft, sich aber kurz darauf als Terrorist der Al-Quaida entpuppt. Geblendet von seiner sexuellen Attraktivität, wächst ihre Wohnung zum Schauplatz einer fundamentalistischen Zelle heran, die Mohammeds Selbstmordattentat auf Disneyland Paris plant. Aus Liebe will sie sich gemeinsam mit ihm in die Luft sprengen. Doch ein Alptraum über die bevorstehende Gräueltat veranlasst sie noch die Polizei einzuschalten.

Getrieben von Sensationsgier potenzieren sich die Gewaltbeschreibungen des Filmproduzenten ins Abstruse, als Amy in Mohammeds brennende Arme fällt, die Körper verschmelzen und beide anschließend mit Verbrennungen im Swimmingpool kopulieren. Seine Inszenierungsvorhaben selbstgefällig kommentierend, eskortiert er mit seiner fingierten Kamera und weiß filmische Effekte der Zeitlupe und des Zooms an richtigen Stellen einzusetzen, mit dem Ziel das potenzielle Publikum auf die Folter zu spannen. Um den sensationsträchtigen Szenen Nachdruck zu verleihen, belebt er die Bühne mit suggerierenden Gesten und effekthascherischen Körpereinsätzen wie der Mega-Orgasmus Amys, sodass er letztlich die Rolle des Produzenten verlässt und selbst zum Darsteller und Alleinunterhalter seiner Dramaturgie der Gewalt wird. Selbst das Abwenden der potenziellen Hauptdarstellerin, die er imaginär im Zuschauerraum adressiert, scheint ihm in seinen Vorhaben nicht zu irritieren. Schauspieler Christian Mark verkörpert auf exzellente Weise den Inbegriff eines prätentiösen Blockbuster-geilen Filmproduzenten, der jegliche Schwelle des Schams aushöhlt.

Das Produkt - Pressefoto 1 (von Dr. Bernd Seydel)

Das nahezu nahtlose Bombardement von erzählten Gewaltszenen in „das Produkt“ führt auf satirische Weise das Prinzip des Reiz- und Reaktionsschemas der Unterhaltungsindustrie vor Augen, das bedingt durch die eigene Ausschlachtung der Brutalität und der daraus resultierenden Verrohung des Zuschauers, sich selbst wieder in seiner drohenden Erschöpfung übertrumpfen muss. Um die Empathie wieder zu aktivieren, bedarf es beispielsweise der Zuhilfenahme eines unschuldigen Kindes, das aber leider kurz darauf in die Luft gesprengt wird… Hoffentlich bleibt spätestens hier dem Zuschauer die überzogene Gewaltdarstellung à la Tarantino im Halse stecken. Angesichts der politischen Brisanz ist es nicht ganz unverfänglich, die Medien in ihrer Gewalt- und Sensationsgeilheit zu karikieren, indem deren Mechanismen – wenn auch in ironischer Darstellung – erst bedient werden müssen, um dann entstellt zu werden.

Der Regisseur Constantin von Thun wagt sich auf die schmale Gratwanderung und inszeniert mit den Ausdrucksmitteln des Theaters einen Klischee-überladenen Blockbuster als karikierenden Gegenstand des Theaterstücks, der keine Grautöne zwischen Schwarz und Weiß kennt und nur Gegensätze wie Hass und Liebe, Macht und Unterwerfung symbiotisch vereint. Getreu des Mottos „Je böser der Bösewicht, desto besser der Film“ sind Feindbilder wie die des islamistischen Terroristen prädestiniert, um der Schaulust des abgestumpften Zuschauers gerecht zu werden. Da „das Produkt“ den Stoff des Drehbuchs nicht gemäß dem Sensationalismus für sich nutzt, sondern in überzeichneter Weise darstellt, dient „das Produkt“ vielmehr dazu, sich selbst zu hinterfragen. Hier offenbart sich die Frage: Sind wir das Produkt der Unterhaltungsindustrie oder erfüllt sie nur unser Verlangen.

Auf jeden Fall stellt das Theaterstück „das Produkt“ unsere Konsumgewohnheiten auf den Prüfstand. Schließlich zeigt der Schauspieler Christian Mark den Vorgang des Darstellens, während sich das Dargestellte vor der individuellen Leinwand eines jeden abspielt, sodass er zum Voyeur seiner eigenen Bilder wird. So sind wir die vom Filmproduzenten letztlich Adressierten, die er zu überzeugen versucht. Der Zuschauer kann selbst entscheiden, inwieweit seine Geschmacks- und Toleranzgrenzen verschiebbar sind und ob er Opfer der Unterhaltungsindustrie und seines Machtpotenzials wird. Hier wird dem Zuschauer der Spiegel vorgehalten und er muss sich selbst fragen, ob er sich in ihm gefällt.

http://www.kleinestheater-kammerspiele-landshut.de/spielzeit-20142015/spielzeitprogramm/repertoire/das-produkt.html


„Das Fieber“ – ein ansteckendes und virulentes „Stück“ Selbstentäußerung, dessen gesammelte Innerlichkeit den Zuschauer nicht verschont lässt.

Kleines Theater – Kammerspiele Landshut

Im Foyer des kleinen Theater – Kammerspiele Landshut entfällt die Distanz schaffende Bühne vollends, wodurch der Zuschauer die fieberhafte Stimmung des Leidenden bis unter die Haut zu spüren bekommt. Es bedarf hier keines Podestes als zwischen Schauspieler und Zuschauer trennendes Element, im Gegenteil: Publikum und Schauspieler erleben einen gemeinsamen erfahrbaren Raum, der auf eine artifizielle Verkleidung der Bühne als „fiktives Außerhalb“ der Realität zu Gunsten einer Verschmelzung von Zuschauer- und Bühnenraum, verzichtet. Das fiese Ein-Personen-Stück von Wallace Shawn, von Gabriele Gysi inszeniert, ist in seiner Penetranz dazu geschaffen, den Zuschauer schonungslos und unangekündigt zu infizieren.
Den Auftakt des Stücks bestimmt das sinnesfreudige Ertönen einer live gespielten Violine, die unverschämt Unschuld suggeriert und vom klagenden und wahnhaften Auftritt des Schauspielers Knud Fehlauer konterkariert wird. Dieses Changieren zwischen einerseits ästhetischer Sanftheit und einer ungeschminkten thematischen Grobheit macht sich Gabriele Gysis Inszenierung zum Prinzip.

Das Fieber - Pressefoto ktl (Stefan Klein) (2)

Bild: Stefan Klein

Doch was sind die Ursachen des Leidens und welche Nebenwirkungen gehen damit einher?
In Form eines Selbstgesprächs geißelt sich ein Mensch aus bürgerlichen Milieu, als er sich die Ungleichheit zwischen Arm und Reich, Leid und Luxus auf eine hemmungslose und niederschmetternde Weise vor Augen führt. Im Bar-Bereich des Theaterfoyers, der gleichzeitig einen Teil des Bühnenbildes darstellt, spiegelt sich die Zerrissenheit des Protagonisten wider. Hektisch gräbt er in der Zeitung auf der Suche nach einer tragischen Schlagzeile, die das menschliche Leid dokumentiert, als müsste die wahre Realität jenseits der aufgebauten Fassade erst durch schwarz auf weiß geschriebene Indizien bewiesen werden, um sich seiner gewahr zu werden. In dem hitzigen Monolog repräsentiert er Kläger und Angeklagter zugleich und entkleidet sich der Lebenslüge eines Bildungsbürgers, die nur in einer von Realität abgekoppelten Schein-Welt Bestand hat. Er geht hart ins Gericht mit den an der Oberfläche der Gesellschaft tradierten Wert- und Moralvorstellungen, mit denen sich viele schmücken und der tatsächlich verinnerlichten Humanität auf der anderen Seite. Das Fieber stellt die Frage nach Schein oder Sein sowie nach der Bereitschaft, die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln zu überwinden. Erst das Überschreiten der gepolsterten Schutzhülle der Wohlstandsgesellschaft, das der Protagonist als Aufwachen in einem fremden und armen Land umschreibt, welches die eigene Sprache nicht spricht, entlarvt sich die normative Humanität als Farce. Knud Fehlauers Monolog trägt den moralischen Konflikt nach außen, der aus der Frage herrührt: Wie viel Verantwortung trägt das Individuum und auf wie viel Wohlstand ist der Einzelne bereit zu verzichten? Dementsprechend korrespondiert die aus dem Dilemma heraus schreiende Verzweiflung, die ihn neurotisch im Raum hin und her laufen lässt. Er wirft fragmentarisch Lebensfragen in den Raum, die assoziativ anmuten und nahtlos verschmelzen. Er ist das Sinnbild eines Bildungsbürgers, der sich die Frage nach humanitärem Handeln stellt, der aber gleichzeitig konstatiert, dass er auf Annehmlichkeiten des Lebens nicht verzichten will. Seine Anklagen werden vom Bedürfnis nach Kunst und Kultur stimmungsschwankend kontrastiert, als er plötzlich beim Ertönen der Geige krankhaft tanzt und singt und sich abwechselnd zu seinen Klagen mit Whisky betrinkt. Sein Lachen schlägt ins Weinen um, als er im Kunstgenuss ästhetisch schwelgend im selben Atemzug blutige Folterszenen beschreibt. Es herrscht eine ambivalente Zerrissenheit im Raum: zwischen dem Bedürfnis nach exquisiter Lebensführung und gleichzeitigem Bewusstsein über die wahre Realität, die einen immer wieder einholt.

Das Fieber - Pressefoto ktl (Stefan Klein) (3)

Bild: Stefan Klein

Voller Hohn zitiert er die Devise der Wohlstandbürger, wonach ihre Kinder „nur das beste haben sollen“. Seine Beschreibung eines aufwändig eingepackten Geschenkes mit viel Schnick-Schnack dient als Metapher für das Erziehen von Kindern in einer wohlbehüteten Umgebung, abgeschottet und konditioniert gegen geschürte Feindbilder, aber verwahrlost in ihrer Menschlichkeit. Das auf allen Ebenen sozial- und gesellschaftskritische Stück lässt auch eine Portion Marxismus nicht vermissen. Hier manifestiert sich dann doch noch die politische Gesinnung Gabriele Gysis als Tochter des ehemaligen DDR-Kulturministers Klaus Gysi. So artikuliert sich in „das Fieber“ der Mangel an Humanität durch Fetischisierung der Ware, wonach die Herrschaft der Dinge über den menschlichen Beziehungen steht. Unter einer dinglichen Hülle versteckt ist nicht nur der Wohlstandbürger, sondern auch der Wert der Ware, der abgekoppelt von menschlichem Produktionsaufwand als naturgegeben angenommen wird. Wahnhaft kreist das Stück um die Begriffe der Humanität und der Werte und hinterfragt das fraglos bestehende System einer kapitalistischen Gesellschaft.

Fest steht, dass der Titel „das Fieber“ nur das Symptom einer ernüchternden Erkenntnis sozialer Ungerechtigkeit ist. Eigentlich handelt es sich hier um Weltschmerz und um das Erkranken an der Doppelmoral des Bürgertums. Die Feststellung schmerzt, dass die Polarisierung zwischen Armut und Reichtum vermeintlich den zwei Seiten ein und der selben Medaille entspricht, wonach das Leben der einen, das Leid der anderen bedingt. Wer hat die Macht, um über das Schicksal der Menschen zu bestimmen?
Die Frage beantwortet der Schauspieler mit der resignierenden Feststellung, dass „die, die mehr haben mehr bestimmen und die, die wenig haben, wenig zu bestimmen haben!“ Gegen diese Devise, die eine soziale Ungerechtigkeit beschwört, ist die fieberhafte Anklage gerichtet. Trotz 100-minütiger intelligenter Lamentation über das Leid der Welt, bleibt ein Beispiel zweckdienlichen Handelns aus. Es drängt sich der Eindruck auf, dass der Auftritt Knud Fehlauers auf überspitzte Weise die Bekundung des Leids eines jeden Einzelnen widerspiegelt, dessen Beteuerungen niemandem hilft außer sich selbst zu besänftigen. So bleibt auch fraglich, ob auch nicht die Betroffenheit des Zuschauers nur der eigenen Beruhigung dient oder doch etwas in Gang setzt? Gemessen am Beifall der Zuschauer hat „das Fieber“ seine Wirkung geleistet. Doch es bleibt fraglich, welches Handeln die Betroffenheit tatsächlich bewirken kann. In seiner Inszenierung jedoch ist es ein unbehagliches Stück Wahrheit, das den Nerv der Zeit und den des Zuschauers trifft, der um eine Stellungnahme nicht herum kommt.
Beeindruckt hat das Stück vor allem durch die schauspielerische Intensität und die schonungslose Bombardierung der Zuschauer, die unprätentiös im Raum als Statisten eingebunden werden. Bemerkenswert ist auch, dass Kammerspiele Landshut solche Stücke mit Regisseurinnen wie Gabriele Gysi für sich gewinnen kann.

Erschöpft, aber mit sich zufrieden können die Zuschauer nun nach Hause gehen und zumindest von sich behaupten, dass sie sich nicht vor der Thematik gedrückt haben…und so bleibt die Frage: Inwiefern kann ein gesellschaftskritisches Theaterstück etwas verändern? Das sollte sich jeder selber fragen…

Weitere Termine sowie Informationen können auf unserer Veranstaltungsseite oder der Homepage des Theaters gefunden werden.

http://www.kleinestheater-kammerspiele-landshut.de/spielzeit-20142015/premieren/kalender/das-fieber.html


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