Weltliterarisch abgesicherter Klamauk: „Shakespeares wilde Weiber“ im Teamtheater

Sie hat ihren Shakespeare gelesen und weiß, wie man ihn zu verstehen hat: Die erfahrene Schauspielerin Molly, die in zahlreichen weiblichen Nebenrollen an zahlreichen deutschen Provinztheatern aufgetreten ist. Jetzt will sie trotz Kindern wieder ins Geschäft kommen, sie hat ja Erfahrung. Die andere hat ihren Shakespeare regelrecht studiert: Die Theaterwissenschaftlerin Andrea, die als Dramaturgin arbeitet, aber selbst gern spielen möchte. Wenn es um die Wortanzahlen einzelner Figuren und um die Häufigkeit bestimmter Wörter im Gesamtoeuvre des englischen Dichters geht, macht ihr niemand etwas vor. Kein Wunder, dass die beiden von Entsetzen und Verachtung gebeutelt werden, als der Soapdarstellerin Julia, die durch ihre Schauspielerei vor allem ihre ländliche Herkunft hinter sich lassen will, bei der Aufzählung weiblicher Shakespeare-Figuren sofort das Gretchen einfällt: „Das ist doch Goethe!“ ruft Molly entrüstet.

Aber die Bildungshuberei, die hier aufs Korn genommen wird, ist paradoxerweise Voraussetzung dafür, dass man die „turbulente musikalische Komödie“ (so die ambitionierte Selbstbezeichnung) von Harald Helfrich, Dorothee Jordan und Isabella Leicht überhaupt lustig finden kann. Die eitel-kunstbeflissene Molly würde nämlich ganz gut ins Zielpublikum von „Shakespeares wilde Weiber“ passen. Molly weiß einiges; wer mehr weiß als sie (wie die Dramaturgin), ist ein Freak; wer weniger weiß (wie die Soapdarstellerin), ist ein Banause. So erklärt sie die eigene Halbbildung zur gesunden Norm. Die gleiche Selbstzufriedenheit schwingt im Gelächter des Publikums mit, wenn man sich freut, dass man zu den verfremdeten, aufgefrischten oder ins Lächerliche gezogenen Shakespeare-Szenen, mit denen sich die drei Frauen auf der Bühne die Zeit vertreiben, die Originale erkennt.

Sie warten auf den „Macbeth“-Regisseur, aber der erscheint nicht, weil er die drei heimlichen Hauptrollen-Anwärterinnen heimlich testen will. Sie kramen in ihren Gedächtnissen und spielen spontan Szenen aus „Macbeth“, „Richard III.“, „Othello“, „Romeo und Julia“ und „Hamlet“ – zunächst, um den Rivalinnen zu imponieren, später auch einfach, um miteinander Spaß zu haben oder neue Rollen auszuprobieren. Heraus kommt eine bunte Mischung von komödiantischen Miniaturen, und der einzige rote Faden, der den gekonnten Klamauk notdürftig zusammenbindet, ist die Abstammung aus der gleichen ehrwürdigen Ecke der Weltliteratur. So hat bei aller Frechheit die ganze Veranstaltung einen bedenklich konservativen Anstrich. Was sich neckt, das liebt sich, und wir lieben unseren Shakespeare, umso mehr, da unsere Neckereien seiner Größe im Grunde nichts anhaben können.

Dazu passt, dass das Regietheater mit seinem gar nicht so neckischen Zugriff sein Fett wegbekommt: Als aus den drei anfänglichen Konkurrentinnen, die alle meinen, in Sachen Können respektive Bildung respektive Attraktivität die beiden anderen ausstechen zu können, gegen Ende Freundinnen werden, berichtet Molly angewidert von einer „König Lear“-Inszenierung im Stil von „Deutschland sucht den Superstar“. Obwohl die Absurdität ihres Gespöttels spätestens in den Moment klar wird, als Molly einklagt, man solle wenigstens Shakespeares Sprache nicht kaputtmachen, dabei aber natürlich nicht das englische Original, sondern die sperrigen deutschen Übersetzungen im Kopf hat, geht bei der pauschalen Abwertung eigenwilliger Regiekonzepte ein bestätigendes Raunen durchs Publikum. Verschwören sich Autor und Publikum hier wirklich gegen die Verschandelung von Shakespeare-Werken – oder wird das Publikum aufs Eis geführt, indem es die Karikatur der eigenen Ignoranz beklatscht?

Isabelle Leicht, Ursula Berlinghof, Claudia Hinterecker

Vielleicht liegt gerade darin die Stärke des Abends: Dass man sich bei den hemmungslos bedienten Klischees nie sicher sein kann, was Ernst ist und was Ironie. Lustvoll wirft die Inszenierung Steine ins eigene Glashaus, wenn einerseits in den Shakespeare-Szenen der drei Miminnen affektiertes und plattes Schauspiel karikiert wird, andererseits jedoch die realen Schauspielerinnen bei der Zeichnung ihrer Figuren auch gerne in die theatralische Übertreibung gehen. Für den schnelllebigen Witz wird da boulevardgemäß so manche charakterliche Glaubwürdigkeit geopfert. Auch das Spiel der Sympathie und Antipathie, der Allianzbildung und Rivalität zwischen den dreien folgt keiner erkennbaren Entwicklung, entscheidet sich von Fall zu Fall, von Szene zu Szene – wie überhaupt der ganze Abend lose aus Nummern zusammengefügt ist, inklusive einigen Songs, die die Nähe zur Revueästhetik bestätigen. Wenn man das alles nicht so ernst nimmt, geht das Konzept auf.

Vor allem deshalb, weil die drei Damen sich auf je eigene Weise mächtig ins Zeug legen und keine Langeweile aufkommen lassen. Claudia Hinterecker ist sich als herzensgutes Dummchen Julia, dessen vorgeschützte Eitelkeit beim kleinsten Angriff zerplatzt, für nichts zu schade. Co-Autorin Isabelle Leicht hat mit der etwas derben, vorlauten Dramaturgin vielleicht den glaubwürdigsten Part, zieht dafür in ihren pathetischen Monologen als Shakespeare-Heldin aber alle Register der Albernheit. Ursula Berlinghof als Molly lässt sich durch ihre umwerfende Bühnenpräsenz und schauspielerische Exaktheit ebenfalls nicht von boulevardesken Plattitüden abhalten, und ihr komisches Talent sorgt insbesondere in ihrer Darstellung von Richard III. für zwerchfellgefährdende Höhepunkte.

A propos: Ja, natürlich schlüpfen die drei Frauen auch in Männerrollen, gerade umgekehrt wie damals im Globe Theatre. Aus der immer wieder aufblitzenden Genderfrage – sowohl im Hinblick auf die untergeordnete Funktion von Frauengestalten bei Shakespeare als auch auf das heutige patriarchale Theatersystem – hätte das Stück mehr machen können, um Tiefe zu gewinnen. So bleibt am Schluss der Plan der drei wilden Weiber, sich von ihrem Regisseur zu emanzipieren und ein eigenes Projekt mit spezifisch fraulicher Sicht auf Shakespeare zu entwickeln, nur ein Denkanstoß. Aber gut: Unterhaltsam ist es trotzdem.

Aufführungen immer Mittwoch bis Samstag, 20:30 Uhr im Teamtheater, Tankstelle (bis 22.9.)

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