Archiv des Autors: Martin Petschan

Wenn politisches Bewusstsein langweilt: „Ich denke an Yu“ im Teamtheater // Regie: Stefanie Bauerochse

Sie muss schon ein unruhiger Mensch sein, die Übersetzerin Madeleine. Irgendetwas treibt sie um, macht sie grundnervös und unbeherrscht. Irgendetwas fehlt ihr, sonst würde sie sich nicht mit solch manischer Energie auf eine Zeitungsnotiz stürzen und es sich in einer Mischung aus Wichtigtuerei und Gutmenschentum zur Aufgabe machen, deren Hintergründe zu recherchieren, wobei ihre Recherche meist in der immer neuen Bekundung ihrer Fassungslosigkeit steckenbleibt: Yu Dongyue, erfährt sie aus der Zeitung, ein chinesischer Journalist, wurde kürzlich im Zustand geistiger Verwirrung aus der Haft entlassen, nachdem er 17 Jahre lang wegen Verschandelung eines Mao-Portraits einsitzen musste.

Aber Fassungslosigkeit über die Härte der kommunistischen Diktatur allein kann es kaum sein, was Madeleine dazu bringt, ihre Arbeit aufzuschieben, ihre geduldige chinesische Sprachschülerin ein ums andere Mal im rüdesten Ton nach Hause zu schicken (welche Ironie), weil sie an nichts anderes mehr als an Yu denkt, denn: Solche Fälle gibt es viele, da hat ihr Nachbar Jérémie schon recht. Was also steckt hinter Madeleines Fixierung auf diesen Fall? Vielleicht die Frustration in ihrem Liebesleben, von der wir in gelegentlichen Rückblenden erfahren? Vielleicht die Unzufriedenheit damit, dass sie in ihrem Job so langweilige Dinge wie einen Sachtext über Hausmüllentsorgung übersetzen muss?

Über Madeleines Hintergründe hätte man gern mehr erfahren. Aber dafür scheint sich Carole Fréchettes Stück „Ich denke an Yu“ nur am Rande zu interessieren. Stattdessen wird einem der plötzliche Ausbruch ihres politischen Bewusstseins als glaubwürdig verkauft. Anstatt die Hauptfigur kritisch zu beleuchten, schlägt sich das Stück erschreckend eindimensional auf ihre Seite und macht sein Publikum damit selbst zum Opfer von Madeleines aufdringlicher Aufklärungswut. Das ermüdet rasch.

Entbindet denn die politische Relevanz des Themas von der Pflicht, ein Stück spannungsvoll zu gestalten? Soll das (reale) Schicksal des Yu Dongyue den Zuschauer derart betroffen machen, dass er ein fast wendepunkt- und entwicklungsloses Stück ertragen kann? Gut, die Pointe kommt, die überraschende Enthüllung, dass bei der für Yu Dongyue so verhängnisvollen Demonstration im Jahr 1989 einiges doch etwas anders lief als zunächst vermutet, aber sie kommt spät und kann das Spannungstief kaum mehr beheben. Und: Ja, es gibt auch die Nebenhandlung um Jérémie, welcher der politischen Empörung seine private Familientragödie und seinen deprimierten Fatalismus entgegenstellt. Aber in der Inszenierung von Stefanie Bauerochse bleibt dieser Strang zu blass, um einen Kontrast zu schaffen und ernsthaft die Frage aufzuwerfen, wie sich Verantwortung im Politischen und im Privaten zueinander verhalten. Leider, denn so fehlen der hochenergetischen, fahrigen, zickigen Madeleine Gesprächspartner auf Augenhöhe, sodass auch ihre Energie irgendwann ins Leere stößt.

Melanie Mira als Nachhilfeschülerin Lin (mit authentischem asiatischem Äußerem) lässt sich von ihrer ungeduldigen Lehrerin alles gefallen und wird mit ihrem monotonen Akzent zum ebenso monotonen Sprachrohr des ängstlichen politischen Opportunismus – eine Bühnenfigur, die ohne erkennbaren Ironiefaktor an der Grenze zum rassistischen Ärgernis steht. Ulrich Zentner legt den hilfsbereiten und kontaktsuchenden Nachbarn Jérémie als tiefsinnigen, vom Leben abgehärteten Charakter an, hält sich aber meist dezent im Hintergrund. So kreist Hauptdarstellerin Gabriele Graf ganz um sich selbst – und das macht sie ganz gut, wenn auch ohne Entwicklung. Für ihre Monologe findet sie einen intimen, das Publikum gekonnt ignorierenden, mitunter die Unhörbarkeit streifenden Ton. Wie sie mit abgewandtem Blick auf ihrer Bücherinsel sitzt und ergebnislos grübelt, wie sie immer wieder Bücher und Fotos umschichtet und dabei in sich hineinmurmelt – das hat schon etwas Geheimnisvolles. Wenn dann noch die mutige Lichtgestaltung von Charlotte Marr hinzukommt, die Momente der Finsternis nicht scheut und ihre Figuren immer wieder effektvoll im Zwielicht umherschleichen lässt, dann wünscht man sich, dieses Team hätte sich ein reizvolleres Stück vorgenommen.

Im Rahmen der Reihe „Bonjour Québec“, die sich ab 7. Mai mit Lesungen neuer franko-kanadischer Stücke im Teamtheater fortsetzen wird, war das jedenfalls ein schwacher Auftakt.

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Sozialkritik im Eilverfahren – „Der Freund krank“ bei werkmünchen // Alex Novak

Zwei Standmikrophone und etliche Bierflaschen schmücken die kahle Bühne, die Jörg Kiefel für Nis-Momme Stockmanns „Der Freund krank“ im Theater werkmünchen ersonnen hat. Mikrophone in einem intimen Raum, wo man auch ohne Verstärkung jedes Wort mühelos versteht, noch dazu zwei für ein Ein-Frau-Stück – da hat offensichtlich jemand etwas sehr Wichtiges zu verkünden und will sichergehen, dass es beim Publikum auch ankommt. Als Katinka Maché dann aber loslegt mit ihrem Monolog, stellt sich rasch heraus, dass man hier als Adressat nicht besonders zuvorkommend bedient wird. Sie rast durch den Text, rattert ihn mit planmäßiger Unachtsamkeit herunter. Wer nicht mitkommt, akustisch oder inhaltlich, hat Pech gehabt. Auch die Mikrofone dienen gerade dem umgekehrten Zweck, indem sie mit ihrem Rauschen die Verständlichkeit einschränken, anstatt der Verdeutlichung zu dienen – sobald die Darstellerin auf die Verstärkung verzichtet, klingt der Text schon wesentlich klarer. Aber die meiste Zeit hat man es schwer und muss selbst entscheiden, wieviel Mühe man aufwenden will, um dem verbalen Sturzbach zu folgen. Mal strengt man sich an, mal lehnt man sich zurück, mal steigt man aus, mal wieder ein. Chaotisch und subjektiv präsentiert sich Stockmanns Story jedem Zuschauer nur in Schlaglichtern.

Dieses unverbindliche Angebot, sich angesprochen zu fühlen oder auch nicht, wäre an sich keine unspannende Methode, um einem monströs langen Monolog Herr zu werden (oder besser: Frau zu werden, denn die Inszenierung setzt sich über die eigentlich männliche Erzählperspektive des Monologs erfrischend kommentarlos hinweg) – wenn doch die Geschwindigkeit als solche auch Genuss bieten könnte. Wenn man auch in den Momenten, in denen man sich dafür entscheidet, nichts zu verstehen, etwas erleben könnte. Solange es Freude macht, jemanden mit Feuereifer reden zu hören, muss man ja nicht unbedingt verstehen, was er sagt. Aber die von Katinka Maché gestaltete ruhelose Erzählerin, die sich auf der Bühne gleichzeitig gestresst und zu Hause zu fühlen scheint, die zwischen ihren atemlosen Berichten immer wieder entspannt einen Schluck aus der Bierflasche nimmt, die permanent Auskunft gibt und dabei doch unnahbar bleibt – diese Gestalt ist unkonkret, hat zu wenig Eigenleben jenseits der erzählten Geschichte, als dass man sich an ihrem Verbalexzess erfreuen könnte. Und vor allem: Ihr Interesse an der Geschichte bleibt unklar.

In aller Kürze geht es in Stockmanns sozialkritisch-deprimierendem Milieuportrait um den Identitätskonflikt eines Mannes, der sich aus einer Industrievorstadt hochgearbeitet hat und nun auf Besuch dorthin zurückkehrt. Als Stadtplaner ist er für Entscheidungen mitverantwortlich, die seinen früheren Nachbarn die Lebensgrundlage bedrohen. Anfeindungen gegen den ungeliebten Aufsteiger sind die Folge. Darin verwoben ist die surreale Geschichte um eine Figur in der Nachfolge von Melvilles Bartleby: einen Fabrikarbeiter, der nach seiner Entlassung jegliche Aktivität bis hin zu basalen lebenserhaltenden Tätigkeiten verweigert und so aus eigenem Willen zum Pflegefall wird. Aber da ein Zusammenhang zwischen dieser Story und der eigenwilligen Präsentationsform kaum ersichtlich wird, nimmt das Interesse schnell ab. Das ist schade.

Unter Textfluten begraben: Katinka Maché

Unter Textfluten begraben: Katinka Maché

Und schade ist es auch um Katinka Maché, denn man gewinnt den Eindruck, dass die Inszenierung von Alex Novak den Charme und Facettenreichtum der Schauspielerin unterdrückt. Gelegentlich ahnt man ihre Spritzigkeit und ihr Temperament, um sie im nächsten Moment umso schmerzlicher zu vermissen. Zu eng klammert sie sich meist ans Mikrofon, beschneidet die Freiheit der Hände und des Blicks, fügt sich in das strenge Konzept, lässt sich von der eintönigen Vortragsweise plattmachen, bemüht sich um eine Neutralität, die es im Theater gar nicht geben kann. Der Kraftakt, den dieses Solo für sie bedeutet, ist erkennbar und nötigt Respekt ab – aber er begeistert nicht. Faszinierende Momente gelingen ihr allerdings dann, wenn sie von erzählenden Passagen in wörtlichen Dialog wechselt: Schnippisch, beiläufig und verächtlich spuckt sie die Sätze aus, als wäre sowieso alles klar. Da gewinnen das hohe Tempo und die provokative Nachlässigkeit der Sprache plötzlich Sinn, machen die Sprödigkeit und Verschlossenheit mit sich selbst hadernder Menschen sinnfällig. Was sonst stilistische Marotte ist, wird da zum Ausdruck. Stark auch die stillen Momente, die immer wieder willkommene Abwechslung inmitten der Atemlosigkeit bieten: wenn sie schweigend beobachtet, wie der Text als Projektion, auch ziemlich flott, über die kahlen Wände gleitet. Diese Mischung aus Ruhe und Hektik, diese schweigsame Geschwätzigkeit ergibt eine eigenwillige Spannung, aus der man noch mehr hätte schöpfen können.

Kein Zweifel – an diesem Abend folgt jede Rauheit, jede Zumutung einem Plan. Leicht nachvollziehbar ist er nicht.

Weitere Vorstellungen am 24. Januar und 26. Januar 2013, 20:00 Uhr


Keine Lust auf virtuelle Debatten – „Die ganz großen Themen sind hier“ auf der Studiobühne der TWM // Lukas Rehm

Gleich vorweg: Mit René Pollesch hat es nichts zu tun, auch wenn der Titel sich an dessen jüngste Münchner Arbeit „Eure ganz großen Themen sind weg“ anlehnt. Oder besser: Natürlich hat es mit Pollesch zu tun, so wie bei Pollesch und im öffentlich geführten Privatdiskurs, den er karikiert, irgendwo alles mit allem zu tun hat. Gerade wenn es um etwas ganz anderes geht. Bei Lukas Rehms Projekt „Die ganz großen Themen sind hier“ geht es um den Ort, wo es um alles gehen kann, wo es dann aber doch immer wieder und viel zu lange um das Gleiche oder um Ähnliches zu gehen scheint: es geht um das Internet. Wahrlich kein originelles, eher ein modisches Thema. Ohne ernsthaft etwas dagegen unternehmen oder das eigene Nutzerverhalten ändern zu wollen, machen uns allerorten Künstler darauf aufmerksam, wie gefährlich es ist, dass hier jeder seine anonymen Beleidigungen aussprechen kann, dass sich durch demokratisierte Informationskanäle die Dummheit verbreitet, dass die Konzentrationsfähigkeit leidet, dass die Menschen der unstrukturierten Überfülle an Daten nicht gewachsen sind und weiteres mehr.

Trotz des unoriginellen Themas ist das Projekt auf der Studiobühne der Theaterwissenschaft München aber originell. Es ist originell, weil es mit seinem Thema an genau der richtigen Stelle – gewollt oder ungewollt – auf die Nerven geht. Weil es das Phänomen Internet nicht nur verhandelt, sondern vorführt – indem es erlebbar macht, dass man zu diesem Thema überhaupt keinen guten, sondern nur einen nervigen Theaterabend gestalten kann. Und das ist dann schon wieder ziemlich gut, auf seine Art.

Was nervt? Punkt eins: Der Einsatz der Videoprojektionen, teils live aus dem Internet. Auf dem Bühnenboden und so nah am Publikum, dass man aufgrund des flachen Sichtwinkels gar keine Chance hat, etwas zu erkennen. Da wird das derzeit so modische Theatermittel zur Karikatur seiner selbst. Punkt zwei: Die teils ungemein uninteressanten Texte, die da erklingen, sämtlich (so die Behauptung) aus Foren oder Youtube-Kommentaren zitiert. Diskutiert wird über alles Mögliche, zum Beispiel über die Theatermacher Christoph Schliengensief und Claus Peymann, über ethnische Minderheiten und politische Korrektheit, über Genderfragen und ermüdend lange über die körperlichen Vorzüge eines weiblichen Pornomodels. Ein thematischer Gemischtwarenladen, strukturlos wie eine Google-Trefferseite. Punkt drei: Dass die Schauspieler über weite Strecken Englisch sprechen, was nicht gerade zu einer gelungenen sprachlichen Gestaltung beiträgt. Ähnlich wie die Daueraggression, mit der sich manche Forenteilnehmer – hier akustisch – abreagieren.

Die Mängelliste ließe sich fortsetzen. Aber all diese Störfaktoren sind am Ende nur vordergründig, denn: Geht es nicht genau darum? Ist nicht dieser mäßig interessante, immer unverbindliche, optisch wie inhaltlich flimmernde Austausch zwischen ungreifbaren Menschen, die ihre Stellungnahmen in notdürftigem Englisch über die Foren kleckern, ist das nicht der Alltag im Internet? Während René Pollesch in seinen Arbeiten vorgibt, den Leuten von heute auf den Mund zu schauen, dann aber doch gern genüsslich eine philosophische Etage zu weit oben ansetzt, wenn er seinen durchgedrehten Figuren intellektuelles Alltagsgewäsch in den Mund legt, erlebt man hier die unpersönliche Text-Über-Produktion blasser Internet-Autoren in Reinform. Am liebsten würde man den Ton ausblenden.

Was bliebe da übrig? So einiges. Denn zwischen thematischer Unverbindlichkeit und weißem Medienrauschen überlebt an diesem Abend allein: das Theater. Auf körperlicher Ebene zeigen Regisseur Lukas Rehm und seine Darsteller (Lisa-Marie Höke, David Niederer, Maximilian Pelz und Jan Struckmeier) eine schamlose Lust an wunderschön skurrilen Bildern, die mit den im Text verhandelten „Themen“ nicht das Geringste zu tun haben und gerade deshalb den stärksten Eindruck hinterlassen. Weil das Theater offenbar auf diese „Themen“ einschließlich des Metathemas „Internet“ keine Lust hat. Lust hat das Theater auf zerschlagene Teller, auf eine Waldgöttin mit silbernem Geweih, die in der Schubkarre herumgefahren wird, auf effektvolle Stürze, auf wechselnde geometrische Anordnungen der Darsteller, auf Tanzschritte, auf körperliche Verausgabung. Da zeigt die Truppe unbedingten Einsatz, eine Ernsthaftigkeit und Präzision, die auf der Studiobühne selten zu sehen sind.

Lust hat das Theater auch auf selbstironische Momente, die schon wieder mehr Berührungspunkte mit dem Thema aufweisen: Die herrlich sinnlose Verwendung von Kunstblut auf dunkler Bühne – eine Reflexion darüber, dass auch im Theater nicht alles so körperlich und echt ist, wie es tut? Oder die demokratische Einbindung anonymer Fremd-Körper von der Straße in den Schlussapplaus – eine Karikatur darauf, dass auch im Internet jeder beliebige User von der Straße mitmachen kann? Das macht Spaß, und bei solchen ästhetischen Erlebnissen wird klar, was die leibhaftige Bühne dem flachen Bildschirm voraushat. So sehr also auf den zweiten Blick alles bei diesem Projekt Sinn ergibt – man dürfte sich doch freuen, wenn die nächste Arbeit von Lukas Rehm mehr auf die virtuose Beherrschung der theatralen Mittel und auf ein originelleres Thema vertrauen würde.


Selbstdiagnose am offenen Herzen // „Und es gab keine Gedanken mehr“ auf der Studiobühne

„Ihr könnt euch selbst prüfen und reflektieren und analysieren – ihr werdet euch schließlich in vielerlei Hinsicht immer ein Rätsel bleiben.“ So schrieb es Hermann Hesse, so prangt es prominent auf dem Programmblatt, und so verkündet es die per Video projizierte Besserwisserin (Ella Platschka), die immer wieder das Suchen und Grübeln der beiden anderen Figuren von oben herab besieht und mit Sätzen aus der Erbauungsliteratur des Literaturnobelpreisträgers kommentiert. Tatsächlich wird da viel reflektiert und analysiert auf der Bühne, Rätsel gibt es aber kaum. Leider.

Das Regietrio Helena Grebner, Zarah Hain und Nadine Wiedemann widmet seinen nachdenklichen Abend der für Hesses Werk prägenden Befindlichkeit: dem Sinnzweifel,  der Todessehnsucht, der sozialen Hemmung und einem vorsichtigen Optimismus. Man erlebt Hesse netto: ohne Verpackung in eine Geschichte, konzentriert und skelettiert bis zur Blutleere. Mit befremdlicher Klarheit artikuliert Hauptcharakter Hermann (Lukas Kappmeier) die Ergebnisse seiner Selbstanalyse, legt sein Herz genauso offen wie das anatomische Schweineherz, das die Philosophin im Video unermüdlich traktiert, prüft, begutachtet. Deutlich, allzudeutlich machen die Regisseurinnen, worauf es ihnen ankommt. Vielleicht hätte es doch einer konkreten Biographie dieser Figur, einer Kontextualisierung ihres Befindlichkeitsextraktes bedurft. So aber sinkt Hermanns wenn auch eindringlich geschilderte Sinnkrise in ihrer Allgemeinheit zum Klischee ab, und das Ganze gerät zu einer recht didaktischen Philosophieveranstaltung, zu einer Analyse ohne erlebbaren Analysegegenstand. Womit der Kontrast zwischen der Analytikerin oben auf dem Schirm und dem dreidimensional im Leben stehenden Bodenpersonal fast verschenkt ist: Denn auch die unten scheinen wenn nicht am Ende ihrer Probleme, so doch am Ende der Selbstdiagnose längst angekommen zu sein.

Stärken hat der Abend auf der atmosphärischen Ebene. Durch klar fokussierte Bewegungen, langsames Grundtempo und eine gekonnt schummrige Beleuchtung entwickelt die Aufführung einen starken Sog. Die Schauspieler agieren einerseits erfreulich konzentriert, andererseits etwas steif. Letztlich lebt die Aufführung weniger von dramatischer Spannung als von der Rezitation der starken Texte. Ausgezeichnet funktioniert dabei das ständige Überblenden zwischen Hesse-Zitaten und heutigen Sätzen: Spürbar hat sich das Team Hesses Denken zu Eigen gemacht und mit der eigenen Erfahrungswelt verknüpft. Diese Mischung bringen Lukas Kappmeier und seine Kollegin Jana Griesmayr, sieht man von einigen Ausrutschern ins Pseudoemotionale ab, sprachlich sehr schön zum Klingen.

Jana Griesmayers Partie der Antagonistin Hermine ist es, die für Auflockerung sorgt: Mal verursacht sie Reibung, indem sie als Repräsentantin der Durchschnittsgesellschaft die Hypersensibilität des zweifelnden und verzweifelnden Hermann anprangert, mal teilt sie mit ihm das Irrewerden an zwischenmenschlichen Beziehungen. In der schönsten Szene des Abends geistern beide um die bühnenbeherrschende Spiegelwand herum, begegnen einander immer wieder wie alte Bekannte, die ihre gemeinsame Vergangenheit nicht finden können und so wieder auseinandergehen – mit dem Verdacht, vor Einsamkeit ein bekanntes Gesicht auf einen fremden Menschen projiziert zu haben. Das regt die Phantasie an, Fragmente von Geschichten sausen durch den Kopf, und auch die verspiegelte Wand wächst über ihre banale Interpretation als Aufforderung zur Selbstbetrachtung hinaus. Ist es das Hinterzimmer einer Disco, ist es ein Kneipenklo, ist es Kunst im Öffentlichen Raum? Und warum diese Dunkelheit? Welche suchenden Seelen treibt es an diesen zwielichtigen Ort? Um das freigelegte Herz wächst plötzlich wieder Fleisch. Davon hätte man sich mehr gewünscht.

Letzte Aufführung: Donnerstag, 6.12., 20:00 Uhr // Studiobühne der TWM, Ludwigstraße 25


Der notwendige Dritte – „L’Illusion conjugale“ am Teamtheater // Vincent Kraupner

Zwei  Stühle für drei Personen: Das kann nicht gut gehen. Während die Eheleute Maxime und Jeanne anfangs noch bequem einander gegenübersitzen, beginnen mit dem Eintreffen des befreundeten Claude die Platzwechselspiele. Ein simpler Regietrick, um Dynamik zu erzeugen, und er geht wunderbar auf. Ganz von selbst ergibt sich mal eine Zweierverschwörung gegen den Dritten, der keinen Stuhl abbekommen hat, mal ein Machtgefälle zwischen dem stehenden Showmaster und seinen beiden tiefergesetzten Versuchstieren, mal eine starke Allianz zweier stehender Inquisitoren gegen ein einsam auf dem Stuhl verbliebenes Verhöropfer. Den was zwischen den drei Figuren in Eric Assous‘ Komödie „L’Illusion conjugale“ vorgeht, ist lustvolles Taktieren, Aushorchen, Überführen, dessen Sinn sich dem Zuschauer nur teilweise enthüllt.

Maximes Absicht ist klar: Gerade hat Jeanne ihm bei einer spontanen Geständnisrunde berichtet, dass sie bisher eine, genau eine außereheliche Affäre hatte, und weil der nichtsahnende Claude gerade vorbeischaut, tut Maxime alles, um in ihm den geheimnisvollen Liebhaber dingfest machen zu können. Weniger scheint es ihm um die Wahrheit zu gehen als um die Lust an einem positiven Befund; ihn, der selbst zwölf kurze Seitensprünge eingeräumt hat, treibt nicht die verletzte Liebe des Gatten, sondern kriminalistische Neugierde. Jeanne hingegen, deren Konterfei mit sphinxenhaft verschlossenem Mund auf der Vorbühne prangt, agiert undurchsichtig, stachelt den Verdacht immer wieder an, um sich gleich darauf zu distanzieren, bleibt seltsam unbeteiligt – während dem unfreiwilligen Mitspieler Claude die Situation immer peinlicher wird. Lächelnd beobachtet sie die Verunsicherung der Männer, rotiert selbstvergessen auf dem weißen Lederdrehstuhl.

Mit den mondänen Sitzmöbeln und dem Designerglastisch, postiert auf bemüht idyllischem Kunstrasen, variiert Bühnenbildnerin Monika Staykova sich selbst, denn sie entwarf auch den Raum für Oliver Zimmers deutschsprachige Inszenierung, die bis vor einer Woche auf dem Programm des Teamtheaters stand (vergleiche unsere Besprechung „Freche Frage, lange Antwort“ vom 7. Oktober). Der konvex eingeengte Bühnenschlauch mit abstrakt-praktischen Sitzwürfeln, in dem Zimmer seine Figuren aufeinander losließ, ist einer großzügig geweiteten, von konkavem Rundhorizont begrenzten Fertigvillen-Atmosphäre gewichen. Und Staykovas Umakzentuierung ist exemplarisch für die weniger turbulente, dafür entspanntere, subtilere Faktur, die Vincent Kraupners originalsprachige Version auszeichnet. Leider erlaubt die Disposition es nicht, die zwei Produktionen direkt hintereinander zu zeigen – schade! Denn das Vergleichsprojekt hat sich gelohnt: Gerade weil beide Regisseure im Groben einem realistischen Komödienstil verpflichtet bleiben, lassen sich Rollengestaltung und Schauspielerführung im Detail trefflich unterscheiden.

Marie Nebel (Jeanne), Marcus Morlinghaus (Maxime), Thierry Seroz (Claude)

Während Zimmers schrulliges Ehepaar von Anfang an cholerisches und kokettes Temperament explodieren ließ, später aber auf diesem hohen emotionalen Niveau ermüdend hängenblieb, geht Kraupner sanfter heran, mit Sinn für Pausen, heruntergeschluckte Gedanken und feindseliges Abwarten. So stehen im dritten Akt mit steigendem Alkoholpegel noch neue Töne und eine plötzlich raumgreifende Dynamik zur Verfügung. Ganz ohne die Machoattitüden seines deutschen Kollegen zeigt Marcus Morlinghaus als Maxime sich von der Enthüllung seiner Frau mehr verunsichert als erbost; dann aber schwingt er sich zum Spielemacher auf, verbindet Nervosität und Stolz zu einer lauernden Daueranspannung. Mit provozierend angezogener Handbremse schlängelt er sich durch die Dialoge, versucht sich im Klugen und Geheimnisvollen und bleibt dabei doch jämmerlich durchschaubar, garniert mit einer Aura snobistischen Selbstmitleids. Eine großartige schauspielerische Leistung, dank derer der Abend auch über die unbestreitbaren Längen des Stücks eleganter hinwegschifft als seine Zwillingsproduktion.

Gegenüber ihrer deutschen Partnerin hält sich Marie Nebel als Jeanne sehr zurück, agiert jederzeit berechnend und ausgeglichen, ohne jedoch blass zu wirken. In solcher Intrigenseligkeit fühlt sich Thierry Seroz‘ ebenso schüchterner wie tumber Claude verständlicherweise unwohl: ein gelungener Typenkontrast, bei dem die Gemeinsamkeiten des zankenden High-Society-Paares doch zu überwiegen scheinen.

Als Claude schließlich gegangen ist, stünde wieder die richtige Anzahl von Sitzgelegenheiten zur Verfügung, aber Maxime kauert erschöpft an der Rampe: ein Stuhl bleibt leer. Plötzlich fehlt da doch etwas, und man ahnt, dass die Ehe von solchen Spielen mit wehrlosen Dritten lebt, dass es nicht das erste, nicht das letzte Spiel seiner Art gewesen ist. Ob es die Beziehung gefestigt oder zerrüttet hat, bleibt seltsam offen. Darin liegt Kraupners Leistung: In ein boulevardeskes Witz- und Wortgefecht eine homöopathisch wirksame Dosis von Melancholie einzuflechten.

Ein lohnender Abend – für frankophone Zuschauer und solche, die bei der deutschen Version gut aufgepasst haben, denn Übertitel gibt es nicht.


Hinter der Spielfreude lauern die großen Fragen // „Gegen den Fortschritt“ von teatro subversum

Wenn jemand „Gegen die Demokratie“ oder gar „Gegen die Liebe“ predigt, ist das in Deutschland sicher weniger salonfähig, als wenn jemand aufzeigt, was alles „Gegen den Fortschritt“ spricht. Das mag dazu beitragen, dass „Gegen den Fortschritt“ hierzulande das erfolgreichste Stück aus der „Contra“-Trilogie des katalanischen Autors Esteve Soler ist. Ob wir uns zu weit vom „survival of the fittest“ wegzivilisiert haben, ob wir unser Privatleben zu sehr durch Verträge regulieren, ob unsere Kinder zu viel Spaß an Gewalt haben und ob überhaupt die Menschen auf Dauer eine Seuche für die Erde sind – aus diesen großen und politisch korrekten Fragen generiert Soler scheinbar alltägliche Szenen, die nur deshalb so ulkig wirken, weil sie ihren Grundgedanken konsequent zu Ende denken.

Vor drei Jahren konnte das Münchner Publikum Solers Drama im Marstall erleben, nun präsentiert es die mexikanische Truppe teatro subversum im spanischen Original bei Heppel & Ettlich. Vergleicht man beide Produktionen, so kommt man in Versuchung, nationale Klischees zu bestätigen, denn während Jan Philipp Glogers deutsche Version des zivilisationskritischen Szenenreigens von Verstörung, Anspannung und Nervosität gekennzeichnet war, gehen die Mexikaner unter der Regie von Cecilia Bolaños mit rücksichtlosem Temperament heran. Extrovertiert, rampenzugewandt, selbstsicher, laut, bewegungsfreudig und mit einer gewissen schauspielerischen Selbstgefälligkeit. Mancher mag diesen Stil als oberflächlich empfinden, aber was die Mexikaner machen, das machen sie gut: Die aus professionellen Schauspielern und Laien gemischte Gruppe agiert ausnahmslos mit starkem Charakter und auf beachtlichem Niveau. Und Solers Text hat eine so klare Stoßrichtung, dass das kritische Potential mühelos durch die hochenergetische Schale durchbricht. Erstaunlicherweise läuft der Dauerhochdruck auch selten Gefahr, auf der Stelle zu treten, denn obwohl gern geschrien, gerangelt und selbstzweckmäßig auf der Bühne von links nach rechts stolziert wird, bleibt das Spiel präzise, sind die Drehpunkte im Text sauber erarbeitet, werden die Szenen plastisch. Besonders schöne Momente gelingen dort, wo sich in den entfesselten Spielfluss ganz nebenbei formalistische Körperskulpturen einschleichen – da erscheinen die egomanischen Charaktere für einen kurzen Moment fremdgesteuert und ausgestellt. Die halbherzig und effekthascherisch als Spielleiterin eingebaute Domina mit Lederkostüm und Peitsche hätte man da gar nicht gebraucht, um die Abhängigkeit der Figuren von einem höheren System zu zeigen.

Technisch greift die Inszenierung leider tiefer in die bescheidene Trickkiste der Kabarettbühne, als sie es verträgt: Andauernde Lichtwechsel zwischen kaum unterscheidbaren Stimmungen stören die Konzentration, und zudem interferiert das Licht immer wieder unangenehm mit den Beamerprojektionen. Da hätte man weniger herumspielen und sich auf die Gegebenheiten des Raumes einlassen sollen. Schließlich tragen auch die Übertitel ihren Teil zu der Lichtkleckserei bei; sie sind aber unverzichtbar, um auch deutschen Zuschauern das Verständnis dieser Aufführung zu ermöglichen. Und gerade für die lohnt es sich – weil man hier einen konsequent spielfreudigen Stil genießen darf, der sonst in unseren Landen eher mit Vorsicht genossen wird.

Weitere Aufführungen am 2., 3., und 4. November, jeweils 20 Uhr, Heppel & Ettlich im Drugstore


Freche Frage, lange Antwort – „Illusionen einer Ehe“ am Teamtheater

Das Licht geht an, ein Mann legt eine Patience, seine Frau kommt dazu und fragt aus heiterem Himmel nach einer Zahl: nach der Anzahl seiner außerehelichen Affären. Mit freundlicher Selbstverständlichkeit, lächelnd und erbarmungslos. Der überrumpelte Ehemann windet sich, gesteht einiges, stellt die Gegenfrage, erfährt etwas, will aber mehr wissen, forscht weiter. Da wird verglichen, verhandelt und (im wahrsten Sinne des Wortes) abgerechnet, und die ehemoralische Erörterung zwischen Jeanne und Maxime, ob es nun schlimmer sei, viele oberflächliche oder nur eine ernsthafte Affäre gehabt zu haben, läuft innerhalb kürzester Zeit auf vergnüglichsten Hochtouren. Noch haben wir kaum erfahren, wer die beiden eigentlich sind; auch das freundliche Bühnenbild mit Polstersitzwürfeln und großzügig geschwungenen weißen Wänden bleibt genüsslich unkonkret. In der ersten Umbaupause ist das Publikum nicht minder überrumpelt als der Ehemann zu Beginn – und vor Gelächter schon schwer erschöpft.

Die Eingangsszene von Eric Assous‘ Komödie „Illusionen einer Ehe“ ist ein geniales Dramolett, dessen Kunstgriff darin besteht, sich so konsequent auf eine einzige aus der Luft gegriffene Frage zu beschränken, dass die Figuren am ständigen Kreisen um das eine Thema irre zu werden scheinen. Leider schließen sich etliche Szenen an, die wenig Neues bringen und die freche Grundsituation in ein fades Licht rücken. Als mit dem Freund Claude ein potentieller Kandidat für Jeannes mysteriöse „ernsthafte“ Affäre zu Besuch kommt, verliert Maximes ständiges Nachforschen schnell an Reiz. Und Oliver Zimmers Inszenierung am Teamtheater bemüht sich zu wenig um Abwechslung in der äußeren Situation, als dass Maximes starrsinniges Verhör zum running gag, zur unbeirrbar wiederkehrenden Pointe werden könnte. Stattdessen nutzt sich das gleichförmige Verhalten ab, zumal Maximes Verdacht in Zimmers Darstellung reichlich unbegründet erscheint: Der Stücktext böte mehr Möglichkeiten, das Publikum durch Andeutungen selbst zum kriminalistischen Rätseln zu bringen, ob zwischen Claude und Jeanne nun etwas lief oder nicht.

Irene Rovan (Jeanne), Uwe Kosubek (Claude), Philipp Weiche (Maxime)

Zum Nachdenken zwingt dafür das Thema als solches, denn Assous‘ Stück macht weder eindeutige Werbung für die titelgebende „Illusion“ ehelicher Treue noch für jene gegenseitige Offenheit, deren halbherzige Anwendung auf der Bühne zu nachhaltiger (wenn auch im Boulevardstil abgemilderter) Gefühlsverwirrung führt. Welche Position die Taktiererin Jeanne zu dieser Frage einnimmt, das bleibt das eigentliche Rätsel: Mit welchem Ziel eröffnet sie das Spiel der Geständnisse? Und warum sieht sie so zweideutig zu, wenn Maxime Claude aufs Eis zu führen versucht? Bei Irene Rovan liegt diese geheimnisvolle Rolle in besten Händen. Sie zeichnet eine mal dominante, mal zurückhaltende Gestalt, in deren Launen man sich verlieben kann. Kontrastierend spielt Philipp Weiche einen prolligen, allzu durchschaubaren Maxime, der als hilfloser Choleriker gleich zu Beginn hoch einsteigt und sich wenige Steigerungsmöglichkeiten offen lässt. Obwohl ihm dabei manche Zwischentöne verloren gehen, trägt aber seine geschäftig gestikulierende Bühnenpräsenz den Abend in bester Boulevard-Manier. Uwe Kosubek übt sich als unbeteiligtes Verhöropfer Claude lange in vornehmer schauspielerischer Zurückhaltung, bis es ihm am Ende in einer (dramaturgisch etwas erzwungenen) Enthüllung wundervoll gelingt, in den sonst auf schnelle Pointen ausgelegten Abend einen Moment angespannter Ruhe einzubringen.

So lohnt sich der Besuch im Teamtheater eher wegen des routinierten Temperaments der Schauspieler, die nur in manchen entschieden zu langwierigen Szenen die Gunst des köstlich amüsierten Publikums verlieren. Ein Vergleich der schauspielerischen Ansätze bietet sich im November an, wenn am gleichen Ort, ebenfalls in Monika Staykovas Bühnenbild, die französischsprachige Truppe Cie Antéros ihre Inszenierung von „L’Illusion conjugale“ präsentiert: ein kluges Experiment der Teamtheater-Intendanz, zwei Perspektiven im kubistischen Nebeneinander zu zeigen, denn Eric Assous‘ Figuren lassen gerade dort Interpretationsfreiraum, wo der pure Text sie etwas simpel gestrickt erscheinen lässt. Und vielleicht haben die Franzosen auch einen anderen Blick auf die Bedeutung von Treue und Ehrlichkeit?

Weitere Vorstellungen: Mittwoch, Donnerstag, Freitag und Samstag, jeweils 20 Uhr (bis 3.11.)


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