Zugreifen! – Seven Thirty in Tights: Sophiensäle // Frédéric Gies

Seven Thirty in Tights

Frédéric Gies’ Version und Vision eines Gesellschaftstanzes spielt mit verschiedenen Lesbarkeiten des Begriffes: wie sieht unsere Vorstellung eines gelungenen Miteinander der Gesellschaft aus? Lassen sich Impulse und ihre Weitergabe, zentral in dem Stück „Seven Thirty in Tights“, in einem politischen Kontext denken? Könnte Politik folglich unmittelbarer auf Umstände reagieren?
Ausgehend von einem geschlossenen Kreis gehen die zehn Tänzer unter Aufgebot ihres gesamten Bewegungsrepertoires aufs Ganze. Der Kreis löst sich zu Anfang in Zeitlupentempo auf, eine Geschwindigkeit, die einem Robert Wilson würdig wäre. Ein Anhauchen einer Bewegung, das Atmen der Tänzer, das Knarzen der Dielen.

1 ½ Stunden Traum von Konzentration, Wiederentdeckung der Langsamkeit und der Suche nach Gemeinsamkeit ohne Individualitätsverlust. Währenddessen herrscht absolute Stille – die Musik für diesen ganz eigenen Rhythmus muss erst geschrieben werden, scheint es. Abgelöst und losgelöst von einem regulären Zeitmaß definiert sich dieser Rhythmus über Impulse, mal langsam, mal schnell. Kreisformationen, die durch den Raum mäandern wie eine Amöbe, lösen sich in wogende Menchenketten und schließlich ganz auf. Dabei sieht man von simplen Dehnbewegungen über naive Sprünge bis hin zu kompliziertesten 4-er Kombinationen wirklich alles.
Seven Thirty in Tights

Die Stärken des Stückes liegen in den Extremen Langsamkeit und Schnelligkeit. Dabei nehmen die Berührungen der Tänzer ebenso wie das Tempo zunächst immer stärker zu, der Zuschauer erwartet einen Höhepunkt, der sich ihm offenbart. So einfach macht es die Choreographie dem Zuschauer aber nicht. Mal wirken die Bewegungen verzweifelt, aber nie sinnlos. Im Wunsch nach Zusammenarbeit bewegen sich die Tänzer an den Grenzen des Bühnenraumes, nahe der Zuschauer, entlang. Sind wir besser, wenn wir alle als einer agieren? Mehrere Menschen zusammen als Einzeller? Gesellschaftstanz setzt Kommunikation, Konvention und daraus entstehende Kodizes voraus. Aber gibt es ein Voran, ein Weiterdenken – oder kehrt man unweigerlich immer zum Kreis zurück? Entscheidend ist die stets ausgestreckte, (zu)greifende Hand, der Willen zum Miteinander und die Suche nach neuen Erfahrungen.

Längen sind Teil des Stückes, auch wenn nach einer Stunde der Eindruck aufkeimt, man habe evtl. den Zenit überschritten. Zum Schluss setzt elektronische Musik ein, zu der alle gemeinsam einen Ton singen, immer in Abstimmung mit den anderen, die Stimmen klingen fast magisch durch die Electro-Wolke. Assoziationen zum Film „Wie im Himmel“ sind durchaus passend: das Gemeinsame findet jeder in seinem eigenen Ton/Tanz – und geht mit einem Lächeln.

Besuchte Vorstellung: 28.04.2013

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Über Susanne Ernst

studiert Theaterwissenschaft, Französisch, Amerik. Literaturgeschichte Zeige alle Beiträge von Susanne Ernst

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