Archiv der Kategorie: Tanz

Performance-Festival „Isarsprudel“ in München. Dieses Wochende!

copyright: Julia Schiefer

Wehende Bahnen von weißem Stoff, die vom Fluß getränkt werden. Daneben tanzen Menschen Tango. Eine Frau idealisiert sich im virtuellen Raum, eine andere zieht mit rauchendem Kohlegrill als Pudelersatz und einem umgeschnallten Wurstpenis vorbei. Am kommenden Freitag fällt zum dritten Mal der Startschuss für das Performance-Festival „Isarsprudel“.

Zwischen Deutschen Museum und Corneliusbrücke hat Martin Jonas und sein Team 11 Künstler_Innen aus verschiedenen Städten versammelt, die den Raum in den Isarauen bespielen. Ob situative Begegnungen oder Anstoß zum Nachdenken, ob Irritation oder Demonstrationen, ob spielerische Transgression oder Verfremdung über Übersetzung: An diesem Wochenende experimentieren Künstler_Innen mit dem ihnen Zuhandenen und an den Grenzen sozialer Räume.

Die Renaturierung der Isarauen wurde 2011 abgeschlossen. Seitdem dient das Stück des Isarufers als Erholungs- und Freizeitort, als Treffpunkt und Vergnügungsort. Dieses Jahr will Jonas die Isarauen als Grenzort verstanden wissen. Jenseits der urbanen Erholungskultur trifft man hier auch auf ambitionierte Projekte, z. B. der selbst gepflanzten Blumenbeeten auf der Corneliusbrücke. Und man trifft hier auch auf einen Ort sozialen Ausagierens von Lebensproblematiken und auf soziale Brennpunkte.

Alle der von Jonas und seinem Team ausgewählten künstlerischen Interventionen befassen sich in irgendeiner Weise mit dem konkreten Raum, der Isar, und im weiteren Sinne mit dem Raum München. Und allen Positionen ist gemein, dass sie den Raum durch verschiedenste Evokationen und Aktionen deutlich machen wollen.

Man setzt sich Kopfhörer auf und schlägt sich durchs Dickicht. Man entdeckt Leerstellen, sowohl Freiräume zwischen den gut besuchten Wegen als auch solchen, die sich zwischen gedanklichen Routinen finden. Eine Demonstrationen für das Nichtstun verfängt sich absichtlich im Paradox. Assoziieren, Erweitern, Lachen, auf dem Floß aus Treibgut sitzen, Spielen und Experimentieren.

Auch wenn Kunst im öffentlichen Raum dazu tendiert hierarchische Strukturen einzuebnen, hat sie bei „Isarsprudel“ auch die Chance konventionalisierte Spartialräume aufzubrechen und zu öffnen. Es wird sich zeigen, inwieweit das Projekt am Isarufer, an dem auch das icamp-Theater beteiligt ist, gelingt. Jedenfalls hörte ich, als ich vom Pressetreffen wegging, seit langem mal wieder das Rauschen der Isar. Die schwächer und stärker werdenden Geräusche der Flußbrandung wurden durch das Smartphone an meinem Ohr weniger oder stärker kanalisiert. Das harmonierte wunderbar mit der Mittagssonne.

Das Programm kann man auf der Weblog von „Isarsprudel“ einsehen.

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Spielwiese – Les Danseurs ont apprecié la Qualité du Parquet: Maison des Arts de Créteil // Les Chiens de Navarre

Ich habe gestern einmal mehr begriffen, warum Theater begeistern, faszinieren, fesseln, mitreißen, umdrehen, durchschleudern und wegspülen kann. Und das alles mit Humor. Es hat zwar Vorteile, aber eben nicht nur, wenn man sich hauptsächlich nach Vorschlägen von Dozenten richtet in seiner Abendgestaltung. An dieser Stelle ein großes Lob an das Festival „Exit“, das mir von meinem Freund und Bühnentechniker Luca empfohlen wurde.

Foto von celinef.com

Foto von celinef.com

In dessen Rahmen habe ich gestern eine Pina-Bausch-würdige Farce auf sowie Liebeserklärung an den Tanz gesehen, „Les Danseurs ont appprecié la Qualité du Parquet“, von dem Künstlerkollektiv Chiens de Navarre. Dieses „Parkett“, dieser Tanzboden empfing die vorderen Reihen, die über die Bühne den Saal betraten, als allererstes: bei rotgoldenen Sonnenuntergangslichtstimmung tanzten die Darsteller ausgelassen zu schwungvoller Salsamusik auf dem mulchartigen Erdboden, der sich über die gesamte Größe der Bühne erstreckte, mit den Zuschauern um die Wette. Das heißt mit denen, die wollten. Was wundervoll und unfreiwillig komische Situationen ergab. Schon bereute ich, nicht noch früher gekommen zu sein, diesem Spektakel hätte ich stundenlang zuschauen mögen, fürs mitmachen war ich schon zu spät dran (und leider sehr weit hinten platziert). Und damit ging der Rausch und Strudel an Eindrücken erst los. Ein Klavierschwein, das vorgibt, virtuos das Playback aus dem kaputten Klavier herauszuzaubern. Dazu eine Tänzerin, die sich durch ihre rhythmisch gesetzten Bewegungen über die Musik mokiert, ein Spagat aufwärts an einer Leiter beendet die komödiantische Einlage. Ein Stepptanz. Zwei nackte Männer überqueren den hinteren Teil der Bühne zu quälend krawalliger Musik, die auf deutsch fragt „Sind die Vulkane noch tätig?“. Eine Parodie auf Schwanensee, eine Bollywood (oder doch zumindest orientalische) Tanzeinlage. Wumm. Was für ein Durcheinander! Alle tragen sie Masken und/oder Perücken, bewegen sich zwischen einer Tim-Burton-artig grotesken Zappelästhetik und klassisch-codierten Tanzformen und das zumeist zu klassischer Musik. Dabei eine sehr an den Kabarett-Aufbau erinnernde Nummernshow, eine Art Revue. Keinerlei Anspruch auf Logik oder einen roten Faden. Den schreiende Höhepunkt, wo drei Autos, ein Motorrad, der Wiener Walzer sowie der Radetzkymarsch und Bierdosenschießen eine entscheidende Rolle spielen (und in grotesker Weise an das alljährliche Ballett des Neujahrskonzertes der Wiener Philharmoniker erinnern), will ich gar nicht näher erläutern. Zu komisch, schräg, verballhornt. Extase in jeder Hinsicht, als zum abschließenden Bolero Bauschs Frühlingsopfer (Armbewegungen der Frauen und Einbezug des erdigen Bodenbelages) zitiert wird. Wo war ich? Der rote Faden, richtig. Ich glaube, ich habe ihn die ganze Zeit gesehen aber nicht als solchen wahrgenommen. Es ist die unbändige, logisch nicht erklärbare und wogende Lust an der Bewegung. Ich habe schon lange keine Darsteller mehr gesehen, die solchen Spaß auf der Bühne hatten. Hier hat sich keiner ernst genommen, es regnet Glitzer, eine Massenorgie mit Rasensprenkler, die Stepptänzerin verfehlt die designierte Fläche und wird unhörbar, der Prinz wirkt wie ein tollpatschiger Geier mit seinen ulkigen (Helge Schneiders Meisenmann würdigen) Grand jetés. Und bei all dem ein solcher, ja, dyonischer Rausch, eine Woge des Tanzes, die ihresgleichen sucht. Noch heute, 05. April, im Maison des Arts de Créteil zu bestaunen, neben der interessantesten und verrücktesten interaktiven Ausstellung, die ich vermutlich je gesehen habe. Weil Frühling ist. Weil es Spaß macht und den Weg wert ist. Diese Spielwiese ist nur für uns, für langgezogene Kinder, die nicht verlernt haben, wie es sich anfühlt, zu spielen um des Spielens willen.


Dali Touiti mit „Rauschen“ im SchwereReiter // 27.03.2014

Das Frappante war die Musikwahl, wenn man Dalis Arbeit kennt, denn mit alva noto/Ryûichi Sakamoto war sie diesmal fast gefällig. Die Inszenierung wurde damit wesentlich reifer.

Der Pina-Bausch-Schüler Dali wählte diesmal für eine unter dem Titel „Rauschen“ summierte Doppelchoreographie einmal das Stück „Center of gravity Part II“ und dazu das Work-in-Progress „Physical“. Sowohl alva noto/Ryûichi Sakamoto als auch Dali stehen für Kunst, der es um Strukturen und Artefakte geht. Es entsteht ein Fabrikat, das durch den hohen Abstraktionsgrad ein organisches Gewebe erschafft, und dabei tatsächlich mehr als Cinematographie wirkt denn als bloßer Tanz. Deswegen kommt die Aufführung formelhaft daher, durch eine künstlerische Filterung und Siebung wie lauter kleine Szenen, die destilliert auf die Bühne gebracht worden sind.

Dabei setzt Dali auf starke Kontraste in der Lichtgestaltung. Tiefste Dunkelheit ohne Geräusche (die Schauspieler hielten sich die keuchenden Münder zu in den Pausen zwischen den Senquenzen) wird von einem fast grellen, weißen Licht ausgebleicht. Der Höhepunkt im letzten Drittel der Aufführung stellt dann auch die Frequenzschaltung in Sekunden des Lichtes dar, die den Tanz zur Reihung von Standbildern macht und so an eine Diashow erinnert. Doch das ist quasi nur Dekor zur eigentlichen Tanzperformance. Die vier Tänzer bewegen sich unter äußerster und permanenter Anspannung und von meisterlicher Präzision, die beeindruckend ist.

Was nicht fehlen darf im Genre des Abstraktionismus ist die Verflüssigung konzeptuell Geronnenem durch den Moment des Zufalls: Dali bindet die Tänzerpersönlichkeit ebenso in die Choreographie ein wie sie durchkomponiert ist. Zwei sich verschlingende Tänzer, ein Vierer-Gespann ganz knapp vor den Zuschauer, einer davon knallt immer wieder auf den Boden, Laufen an unmarkierten Linien am Boden. Er verleiht der Performance Authentizität durch Intensität. Das absorbierende Ambiente ist denn auch, was man Dali noch ankreiden könnte: ein wenig effekthascherisch kommt Lichtgestaltung und Choreographie daher. Ansonsten eine Performance, derer absorbierender Wirkung man sich kaum entziehen kann – ob gut oder schlecht.

Choreographie: Dali Touiti
Tanz: Edith Buttingsrud-Pedersen, Simone Detig, Mariko Yamada
Musik: alva noto, Ryūichi Sakamoto
Video: Felix Leon Westner
Licht: Dali Touiti, David Herzog


Sie tanzen doch so schön – La fille au cheveux blancs: Shanghai Ballett // R. Hu, A. Fu, D. Cheng, Y. Lin

I140319_Ballet de Shanghai_slider_v2ch habe Dienstagabend zum ersten Mal am eigenen Leib gespürt, wie unangenehm politisches Theater sein kann. Ich rede dabei nicht über die von Happening- und Performancekultur beeinflussten Varianten von Rimini Protokoll, Schlingensief, Castorf etc. pp. Oft hinterlassen sie einen schalen Geschmack beim Zuschauer, weil man sich ja doch ertappt fühlt durch das schonungslose Anprangern von sozialen Misständen. Mit schlechtem Gewissen oder wenigstens einem leisen Schaudern verlässt man das Theater.

Nein. Näher kommt dem ganzen eher Piscators politisches Theater, das in der Quintessenz den Kommunismus propagieren sollte. Wer das im Quadrat denkt, eine große Prise Mao darübergibt und dann nochmal umrührt, bekommt La fille au cheveux blancs, zu sehen Dienstag und Mittwoch in Paris. Es ist das zweite Stück des einwöchigen Gastspiels des Shanghai Balletts.

Basierend auf der gleichnamigen Oper war es eines von zwei Balletten, die unter Mao erlaubt waren. Es erzählt die Geschichte eines armen Bauernmädchens, deren Vater, als er seine Abgaben nicht zahlen kann, von den bösartigen Volksfeinden ermordet und sie als Geißel gefangen genommen wird. Natürlich war sie verliebt, er brachte ihr Essen, sie gab ihm eine Sichel dafür (mittlerweile ersetzt durch einen Geldbeutel mit seinen Initialen, das sei unpolitischer). Sie wird von ihren neuen Herren (wahlweise und je nach Gelegenheit konnten das Großgrundbesitzer, die nationalistische Partei während der Machtergreifung Maos, die Japaner, der Okzident, oder einfach irgendjemand sein, der der Partei nicht gefiel) misshandelt, kann aber in die Wildnis fliehen. Dort färbt sich ihr Haar aufgrund des Salzmangels weißblond. Um zu überleben, klaut sie Essen aus einem Tempel, und wird von den dortigen Bewohnern als Fantom gefürchtet. Damit alles im Guten endet, brauchen wir jetzt die kommunistische Partei. Und damit eine Wiedererkennung zwischen dem ehemaligen Liebespaar zustanden kommen kann, brauchen wir den Geliebten als Hauptmann. Hilfreich an der Stelle natürlich der Geldbeutel (Autsch). Zur Wiedererkennung! Alles gut? Nein. Erst müssen wir noch zwei ehemalige Großgrundbesitzer erschießen. Immerhin offstage. Und das wird dann gefeiert.

Ich bin nicht so naiv, dass ich mit etwas China-Kritischem gerechnet hätte. Aber wie kann es sein, dass ein durch und durch propagandistisches Stück über den Sieg des Kommunismus in China – gut? getarnt als Liebesromanze in der Liebesfarbe rot – heutzutage noch nach Paris eingeladen werden kann und überhaupt nicht kritisch beäugt wird? Kaum im Programmheft, eventuell die Erwähnung einer „époque tragique“ in der Vorankündigung. Kein Buh. Kein Pfeifen. Warum auch, sie tanzen doch so schön.
Jeder Riefenstahlfilm kann als Vergleich herangezogen werden. Klar, ganz einmalige Ästhetik, enorm gut komponierte Bilder. Das verhältnismäßig Simple, dem Auge Gefällige. Das mag der Mensch, vor allem die breite Masse. Mein Interesse gilt schon seit längerem der Inszenierung von Masse, und da hatte ich sie nun.

Ich bin sauer auf mich. Ich hab mich ja genausowenig wie die anderen getraut, zu buhen. Ich hatte schon große Schwierigkeiten, mir das Klatschen zu verkneifen. Aber sie waren ja gut! Verflucht gut. Während ich beim Chinesen um die Ecke (welch Ironie!) auf meine Nr. 8 zum mitnehmen warte, beschließe ich, eine Nacht über den Text zu schlafen.

Ich habe seit Monaten anfangen wollen, aus und über Paris zu schreiben. Ich hatte schon mehrere Kurzentwürfe, Anfänge, Ideen, Sentenzen, Zweizeiler… und ich habe so vieles, besonders an Theater gesehen. Überkandideltes, Beeindruckendes, Schönes, Langweiliges, Lustiges, Verspieltes, Düsteres, viel Robert Wilson, viel Tanz. Die Welle an verschiedenen Theater- und Tanzdarbietungen hat mich überrollt, und, entgegen meiner Gewohnheit, verstummen lassen. Warum führe ich mich also jetzt plötzlich so auf wie der Rächer eines Regimes?

Weil der kritische Ansatz fehlt. Ich hab nichts gegen Stücke, die ihren Zeitgeist kundtun. Das muss aber differenzierter betrachtet werden. Und es ist nicht damit getan, die Sichel durch ein Portemonnaie zu ersetzen, lieber künstlerischer Direktor. Im Gegenteil.

Lesetip: Artikel zum Stück auf dem französischsprachigen Blog „Regard sur la Chine


Tanzplattform 2014

Kampnagel

KLICK

Tanzplattform 2014 in Hamburg! Schon vor zwei Jahren in Dresden, konnte ich die Tanzplattform miterleben. Anders als in Dresden war hier alles auf einem Gelände, sodass man nicht hin und herfahren muss. Ein ehemaliges Industriegelände mit insgesamt sechs großen Hallen dienten als Veranstaltungsort für die Tanzplattform.

The Forsythe Company: Sider

Mein erstes Stück, gleich einer der großen Namen auf der Tanzplattform. William Forsythe mit seiner Company und dem Stück Sider. Der Kontext soll eine Tragödie aus dem 16. Jahrhundert sein, die in Bewegung übersetzt und mit Sprachmustern aus der Tragödie vermischt wird. Leider habe ich davon nicht sehr viel mitbekommen. Da ich ganz oben saß, konnte man die Worte auf der Tafel nur erahnen bzw. nur die Hälfte sehen. Ich kann mich noch an „is and isn`t“ erinnern, so waren alle Wortpaare aufgebaut. Ein Spiel mit dem Gegensatz. Die Tänzer waren teilweise von Kopf bis Fuß in bunten Klamotten eingehüllt, einige hatten elisabethanische Kragen um. Zwei Tänzer rezitierten die Tragödie in einem Englisch aus dem 16. Jahrhundert, sodass man leider nichts verstand. Forsythe verwendete große Pappen, mit denen immer wieder neue Gebilde gebaut und Geräusche erzeugt wurden.  Ein spannender Ansatz, der für mich leider nicht ganz aufging.

Richard Sigal: Black Swan

Eine riesen Leinwand im Halbkreis aufgebaut nimmt die ganze Bühne ein. Es ist dunkel und Richard Sigal kommt mit schwarz geschminktem Gesicht auf die Bühne. Hauptprotagonist sind Gedichte, die auf die Leinwand projiziert werden und im Lesen entstehen. Eine Stimme, verzerrt spricht die Wörter manchmal im Voraus, manchmal im Nachhinein. Eine Wortkomposition im Augenblick entsteht hier, während Sigal ganz klein und fast nicht sichtbar, wegen der Dunkelheit dazu tanzt und die Gedichte teilweise mitspricht. Teilweise werden die Gedichte ins Deutsche übersetzt, teilweise nicht. Die Stimmung ist jedoch von Anfang an klar. Düster aber nicht depressiv. Es hat etwas Suchendes und man wird mitgerissen mit der Flut an Worten, die über einen kommt. Eine wunderbare intermediale Inszenierung in der Sigal die Kraft des Wortes betont und sich selber damit in den Schatten stellt.

Isabelle Schad und Laurent Goldring: Der Bau

Kafkas unvollendete Erzählung dient hier als Inspiration für das Stück von Isabelle Schad und Laurent Goldring. Nackt kommt sie auf die Bühne, sie bewegt ihren Rücken und man sieht die einzelnen Muskeln und Knochen. Die Tiermetapher von Kafka wird hier in einer langsamen Verwandlung der Tanzenden zum Stoffknäul präsentiert. Innerhalb von 50 Minuten ist der menschliche Körper verschwunden und ein Knäul aus Stoffbahnen rollt über die Bühne, welches sich in der Bewegung immer wieder neu formt. Der Sound des Körpers und der Bewegung wird im Moment aufgefangen und wiedergegeben, jedoch fragt man sich wie das technisch gelöst wurde, da Schad keine Mikrophone am Körper tragen konnte. Ein bisschen lange dauerte das  finden der fünf oder sechs Stoffbahnen. Irgendwann kannte man eben den Ablauf und die Bewegungen. Erst im zweiten Teil, wurde das Stück wieder spannender. Der Stoffknäul formte immer wieder neue Tiere in seiner Bewegung. Für mich zumindest.

Swoosh Lieu: The Factory. Eine Besetzungsprobe

Absolventinnen der Angewandten Theaterwissenschaft Gießen zeigten hier eine Installation/Besetzungsprobe zu den Produktionsbedingungen von Künstlern. Wir waren in einer fortwährenden Probe und die Akteure fast nicht sichtbar. Eine Choreographie aus Maschinen, Bannern und Schriften stützte auf uns ein. Eine interessante Mischung. Wer bekommt die Produktionsmittel? Von wem werden sie Verteilt? Eine Auflistung aller Dinge, die für diese Produktion gebraucht werden. Und dann? Dann ist die Show zu Ende. Es werden Probleme aufgedeckt, die aber nicht weiter erforscht werden. Es werden Sachen an die Banner geschrieben, die jeder weiß aber nicht weitergedacht wurden. Schade, mich hätten die Lösungsansätze interessiert.  Eine Installation die zur Diskussion anregt: Hat leider nicht geklappt.

Zufit Simon: I like to move it

Zuifit Simon war eine der NEUEN auf der Tanzplattform. Eine Tänzerin betritt die Bühne und macht verschiedene Bewegungen ohne Musik. Es sind Bewegungen, wie man sie in den Clubs sieht oder bei den Background-Tänzerinnen der Superstars oder Rockkonzerten. Schwarze Lederhose, viel Schmuck und hohe Schuhe. Eine Lichtshow wie bei einem Konzert. Nur die Musik fehlt. Nach einer Weile holt sie sich einen Lausprecher und tanzt mit ihm. Sie legt sich auf ihn und je nach Bewegung kommen Geräusche aus den Lautsprechern. Sie komponiert sozusagen mit ihren Bewegungen. Eine Bewegungskomposition. Zwei weitere Tänzerinnen kommen dazu und die Komposition setzt sich fort. Das ist im Weitesten alles, was passiert. Es werden unterschiedliche Variationen ausgetestet: Boxen an den Füßen, herumwirbeln von Mikrofonen, verschiedenen Tanzschritte. Alles in einer einstudierten Choreographie, wie bei Backgroundtänzerinnen die bei THE DOME auftreten. Ohne Musik wirkt die Choreographie lächerliche und absurd. Für mich wurde hier der Tanz in der Musikbranche zitiert, vorgeführt und kritisiert, welches sehr spannend zu beobachten war. Mehr habe ich aber nicht mitnehmen können. Zwar wurden immer wieder neue Variationen ausgetestet, aber im Grunde war es immer dasselbe. Es gab keine Entwicklung, keine Spannung. Nach dem ersten WOW-Effekt wurde es langweilig.

VA Wölfl: Chor(e)ographie/Journalismus (Kurze Stücke)

Zu Beginn stellt sich Amelie Deuflhard auf die Bühne und erklärt, dass VA Wölfl nicht die gesamte Choreographie zeigen kann, da Kampnagel ihm nicht die gewünschten drei sondern nur zwei Tage zur Vorbereitung geben konnte. VA Wölfl komponiert das Stück mit seinen Tänzern in dem Moment bzw. er reagiert im Stück auf das Stück und die Zuschauer. Es ist keine feststehende Choreographie. Tänzer kommen mit Glitzerkostümen auf die Bühne und tragen ein Gewehr. Danach bleibt eine in der Mitte stehen und bewegt sich so langsam, dass man es mit dem bloßen Auge fast nicht sieht. Dazu eine Projektion und die Laute von Fußballfans in einem Stadion. Man kann sich ganz reinfallen lassen in dieses Bild. Dann ist es abrupt vorbei. das Licht geht wieder an. Keiner weiß was. Zuschauer sind verwirrt. Die ersten Leute gehen. Nach ein paar Minuten geht es weiter. Ein Sänger fängt im Publikum an zu singen. Gitarrenklänge auf der Bühne. Wieder ist alles vorbei. Zuschauer sind noch verwirrter. Manche beschweren sich, dafür ihr Geld ausgegeben zu haben, bleiben aber sitzen, andere Gehen. Einer schmeißt beim Gehen wütend Tennisbälle auf die Bühne, die vorher dort ausgeschüttet wurden. Wieder ein anderer schreit, es solle doch mal weitergehen. Großartig wie VA Wölfl mit dem Publikum spielt und es verarscht, auch wenn hier viel schief gegangen ist und der Auftritt eigentlich abgesagt werden sollte. Die Masse Zuschauer bewegt sich und ist nicht mehr nur stummer Konsument.

Antonia Beahr: Abecendarium Bestiarium

Mein absoluter Favorit dieser Tanzplattform! Am Sonntag konnte ich noch in die Vorstellung reinrutschen auch ohne Karte. Ich liebe sie. Beahr bat 13 Künstlerfreunde, dass sie Kurzgeschichten über ausgestorbene Tiere schrieben, die etwas mit ihnen selber zu tun haben. Charakterlich oder Namentlich. Hier wurden sieben dieser kurzen Stücke gezeigt. Jedes wurde einem Buchstaben im Alphabet zugeordnet. T wie der Tasmanische Tiger oder S wie die Stellersche Seekuh. Es war grandios. Eine Mischung aus Theater, Performance und Klangkunst zeigte sich hier, sowie die Wandelbarkeit der Antonia Beahr. Das Verhalten zwischen Mensch und Tier wurde sichtbar und wer zum Schluss als Sieger hervorgegangen ist. Eine lustige und zugleich traurige Performance. Die Zuschauer mussten zu den jeweiligen Orten mitgehen im Raum. Es war sehr eng und klein. Mit einer Herzlichkeit und Wärme leitete Beahr ihre Zuschauer an und sie hatte sie binnen ein paar Minuten um den Finger gewickelt. Schon bei FOUR FACES in Dresden fand ich sie großartig. Ich ging sehr gerührt aus dieser Vorstellung heraus. Großartig!

Tino Sehgal: [Ohne Titel][2000]

Drei Tänzer tanzen das Stück von Tino Segal, welches er vor 13 Jahren noch selber tanzte. Jeder in seiner eigenen Version. Ich schaute mir zwei an: Frank Willens und Boris Charmatz.

Frank Willens tanze im Foyer nackt auf einem harten Steinboden. Das Stück besteht aus Zitate von Choreographen. Ich entdeckte Tanzschritte aus Pinas Sacre. Das Foyer war voll und die Leute drängten sich um ihn. Man konnte seinen Schweiß sehen und manchen kam er so nah, dass sie seinen Atem spüren konnten. Es war fantastisch. Ein fantastischer Tänzer, der hier mit dem Publikum spielt. Alle wollten es sehen, doch kam er dem Zuschauer zu nah, rückten sie nach hinten, voller Angst berührt werden zu können. Sein Glied tanzte mit und eine Frau bekam es auch fast ins Gesicht. Er hielt es ihr sozusagen vor, wie später auch Boris Charmatz. Es war eine Provokation, auf die man sich einlassen konnte oder eben nicht. Ich fand es extrem spannend, wie das Publikum reagierte. Ich hatte aber auch noch nie so einen schönen nackten Mann gesehen, der in seiner Nacktheit und im Tanz immer noch so männlich war, obwohl er  auch Elemente aus dem klassischen Ballett tanzte. Es war faszinierend. 50 Minuten ging das Stück und wurde dadurch aufgelockert, dass er mit uns redete. Er hatte nicht sehr viel Platz aber er war wie ein Tier. Eine völlig andere Bühnensituation hatte Boris Charmatz. Er bekam die größte der Kampnagelbühnen. Zuschauer und Tänzer waren klar voneinander getrennt und er hatte viel mehr Raum für seine Bewegungen-  war aber auch nicht so nah am Zuschauer dran. Man erkannte die Stilistischen Unterschiede. Der Tanz im Foyer hat mich mehr beeindruckt, vielleicht weil ich da ganz vorne saß.

Ein aufwändiges Rahmenprogramm begleitet die Tanzplattform. Pitsching, Jurydebatte, Warm-Up. Man konnte gar nicht alles mitnehmen. Jeden Abend lud man zum Clubbing in die KMH. Sport -Spacken- Tanz, eine Uschi Geller Esperience. Sagen wir mal: Naja. Meins war es nicht. Verkleidete Performer machen auf Transe und laufen auf und ab. Es soll darum gehen sich mal gehen zu lassen, mitzumachen, zu trinken und zu rauchen. Es ging aber eher um die Performer, als um uns.

Im Foyer saß das Künstler-Duo aus New York, die mit uns eine Zeittafel konstruierten „The bureau for the future of choreography“. Ein Kamerateam filmte die Leute beim Schreiben.  Man konnte T-Shirts für 87 Cent kaufen auf denen „Life, Dance, Death“ stand. Ein schönes andenken und eine gelungene Tanzplattform, obwohl ich von Dresden vor zwei Jahren immer noch etwas mehr begeistert bin.

In zwei Jahren findet die nächste Tanzplattform in Frankfurt statt.


Spiel mit dem Körperlosem

Roland Walter war Veranstalter des Abends, der Raum brummend voll. Auf seiner „Künstlerrampe“ ließ er den Moderator und Mitbegründer der Initiative „Sexybilities“, Matthias Vernaldi, die junge Schauspielerin Marie Golücke ankündigen. „Marie ist extrem professionell, hat eine hohe Ausdruckskraft und kann mehrere Körper sichtbar machen.“ Zunächst einmal erinnerte mich AT LEAST NOT VISIBLE IF DISABLED PEOPLE FEEL an „Paradies : Glaube“ von Ulrich Seidel, oder die Performance „Liquid Skin“ von James Cunningham aus Australien.

Man hat Roland und Marie schon mal zusammen an einem Abend gesehen, jedoch als Performer zweier verschiedener Stücke, und zwar in München, am 15.02.2014 im Haus der kleinen Künste zum Performance-Abend „Körper und Ich„. LOVE EAT PUKE hatte Marie Golücke, mit Andreas Neu zusammen konzipiert, gezeigt. Roland Walter tanzte dort seine beiden, mit Yuko Caseki choreografierten Performances „Vogelflug“ und „Liberation of the powers in the body“. Nun waren Marie und Roland zusammen mit AT LEAST NOT VISIBLE auf der Bühne – eine wertvolle Kombination.

Da hopste sie aus dem Dunkeln hervor, in einem kurzen schwarzen Kleidchen. Ein körperlich behinderter Mann lag auf dem Boden. In diesem Moment erinnerte ich mich an all die Performer und Tänzer, die genau das versuchten, darzustellen – die verlorene Kontrolle um den Körper mit verzerrten Bewegungen, Zuckungen. Und hier war jemand, der das gar nicht darstellte. Roland Walter ist seit 2010 als Choreograf, Tänzer und Performer tätig. Ich sah Marie Golückes große Offenheit, sich auf ein solch sensibles Thema mit einer Natürlichkeit einzulassen, die einen Erlaubnisraum kreierte, als Zuschauer selbst diese Natürlichkeit mit dem Thema Sexualität und Behinderung zu erfahren.

Marie Golücke // Ackerstadtpalast

Roland’s Künstlerrampe, Montag, 24.02.2014

Eine undeutliche Stimme ertönte über die Lautsprecher. Ich nahm den Versuch wahr, einzelne Worte zu verstehen und mich zu ärgern, dass ich nichts verstehen konnte, doch ich entspannte mich. Das Wort „Mitleid“ kam ganz klar heraus. Von der weiblichen, klaren Stimme blieb mir „zumindest nicht sichtbar“ in Erinnerung. Die Frau teilte den Raum sehr respektvoll mit dem Mann, der, gekleidet in schwarzer Jogginghose und T-Shirt, auf dem Boden umher rollte. Ich fragte mich, wie sie wohl die Choreografie zusammen eingeübt hatten und konnte gar nicht glauben, wie das möglich gewesen war. Überrascht ließ ich eine Intimität auf mich wirken, die so ungewohnt und teilweise verstörend auf mich einwirkte und doch zärtlich, liebevoll und respektvoll war. In einigen Momenten kam der Kampf um die Sexualität zu tragen, die Wut über vermeintliche Behinderung und der Tanz herum um die Ausweglosigkeit.

Das Publikum bestand zum größten Teil aus Frauen, vielen jungen Mädchen. Als wir in der zweiten Hälfte der Performance als Zuschauer alle auf die Bühne gebeten wurden, um einen Ring um das Paar zu bilden, hatte ich ich den Eindruck, dass es uns gut tat, Sexualität, Nacktheit und Intimität ohne Wertung zu sehen. Marie und Roland hatten da etwas Unglaubliches gezeigt. All die Schablonen, wie wir sexuelle Interaktion, Beziehung und Werte betrachteten, fielen weg und waren schlichtweg ungültig, falsch, in diesem Moment. Was für eine Erleichterung und Befreiung.

„Ich bin auch da, wo ihr seid,“ sprach Roland’s undeutliche Stimme, und Marie sprach sie nach, wieder als Tonbandaufnahme. Sie zog seinen Körper über die Bühne und legte sich zu ihm, zog ihn aus, streifte sich seine Klamotten über, nachdem sie sich selbst bis auf die Unterwäsche ausgezogen hatte. Welche Frau würde sich schon die Klamotten eines behinderten Mannes anziehen? Eine sinnbildliche Frage, ob den Behinderung etwas Schmutziges sei, wäre unbeantwortet im Raum gestanden, löste sie sich nicht im Angesicht des Geschehens völlig in Luft auf.

Die körperliche Nähe, welche hier gezeigt wurde, wirkte in gleichem Maße irritierend und anziehend für mich, wie alltägliche Werbung mit explizitem sexuellen Kontext. Ist unser Verhältnis zu Sexualität nicht grundsätzlich behindert? Diese Art Szene als pervers und geschmacklos zu betrachten sind wir jedenfalls gewohnt. Es ist ein Tabu. Doch hier war kein Wort davon zu hören, nur das zu sehen, was ist, zu hören, wie es empfunden wurde.

Und es war wunderbar. All meine eigenen sexuellen Gefühle und Gedanken kamen hoch – Scham, Ekel, Erregung. Ein Vater hielt seine junge Tochter in den Armen, voller Erschaudern, das mit ihr zusammen zu sehen, doch sie hatten keine Wahl. Und ich glaube, es tat den beiden gut, hier nicht weg zu schauen. Auf die Bewertungsmaschinerie, welche wir antrainiert haben, konnten wir uns hier einlassen, oder eben nicht. Diese Wahl stand uns frei und eröffnete und uns die seltene Möglichkeit, uns unserer eigenen, persönlichen Behinderung mit Sexualität – allen Ängsten, Unzulänglichkeiten, unerfüllten Erwartungen und Begierden – zu stellen.

Marie Golücke und Andreas Neu gehen als Nächstes mit EAT LOVE PUKE auf Tour – zu sehen in der GalerieOutOfMyMind in Bremen am 22./23.03.2014. Zur nächsten „Künstlerrampe“ am 24.03.2014 sehen wir sie mit dem selben Stück wieder im Ackerstadtpalast und auch dort dann Roland Walter, dieses Mal mit Sonja Heller in SPEKTRUM.


Zu Gast bei Spielart: Geh mir aus der Sonne von Ofira Henig

Im Rahmen des Spielart Festivals zeigen aktuell viele internationale Künstler ihre Arbeiten, darunter auch Ofira Henig mit ihrer nur in Europa gespielten Produktion „Geh mir aus der Sonne“ im Schwere Reiter. In einer Art Biographien-Collage setzen sich die israelische Regisseurin und ihr Ensemble mit Heimat und Exil, mit Identität und Unterdrückung, mit künstlerischer Freiheit und persönlichen Überzeugungen auseinander.

Henigs eigener Weg zum freien künstlerischen Ausdruck, ihre Suche nach einer jüdischen Identität, ihre Ängste werden mit den Geschichten von Heinrich Heine, Federico García Lorca, Leni Riefenstahl und Robert Capa konfrontiert. Doch diese Charaktere vermischen sich immer wieder auch mit den Darstellern, die Grenzen verschwimmen. Obwohl alle Biographien geprägt sind von Vertreibung, Unterdrückung und Entbehrungen und in diesem Kontext auch die deutsche Vergangenheit nicht ausgeblendet werden kann, kommt das Stück keineswegs mit erhobenem Zeigefinger daher. Die Personen werden nicht schwarz-weiß gezeichnet, sondern als facettenreich, teilweise mit durchaus ambivalenten Charakterzügen dargestellt. So kann man als Zuschauer fast Mitleid bekommen mit Leni Riefenstahl, die doch eigentlich „nur schöne Filme machen“ wollte und sich keiner Schuld bewusst ist. Schließlich sieht sie darin ihr gutes Recht als Künstlerin, mit Nazi-Ideologie hat sie nichts am Hut. Beeindruckend ist die zum Teil unerschütterliche Vaterlandsliebe der Figuren. So wünscht sich Heine beispielsweise trotz seines schwierigen Verhältnisses zu Deutschland nichts mehr, als in seiner Heimat bestattet zu werden. Umso tragischer wirkt die Tatsache, dass er nun in Paris, Montmartre, begraben liegt. Wirklich Schuld sind nur diejenigen, die Lorca (alias Doron Tavori) als die „falschen Spanier“ bezeichnet, die es aber auch in jedem anderen Land gibt. Diejenigen, die ihn letztlich erschießen, „in den Arsch, weil er ein Schwuler ist“.

Genau wie die dargestellten Persönlichkeiten stammen auch die Schauspieler aus verschiedenen Ländern und sprechen verschiedene Sprachen. Die deutsche Übersetzung gibt es zum Mitlesen. Aufgrund der Textmassen kommt man so leider kaum dazu, dem Geschehen auf der Bühne zu folgen. Zum Glück der nicht multilingualen Zuschauer ist die Inszenierung allerdings auch eher statisch, der Text steht im Vordergrund. Abgesehen von Unterbrechungen durch Musik- und Tanzeinlagen kann man sich voll und ganz auf die spannenden Erzählungen konzentrieren.


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