Im Schonwaschgang – Very, very delicate Cycle: Schwere Reiter // Wachter / Demers

Ein Tisch beladen mit allerlei Konsumgütern (i.e. Essbares, Radio, Laptop), zwei Stühle in blau und grün. Mélanie Demers und Katja Wachter vermitteln Wohnküchenatmosphäre bei ihrer Uraufführung „Very, Very Delicate Cycle“. Gemeinsames Stühlerücken, Musik an, Musik aus. Besonders Mélanie Demers’ Bewegungsabläufe zeugen von einer ungebrochenen Dynamik, es dominieren Rundungen in den Bewegungen, wie beispielsweise das Abrollen des Fußrückens.
Der Streit der Stühle und Tänzerinnen impliziert ein Abwenden von Ordnung und Regelhaftigkeit. Aber ein „cycle“, ein Kreis, wieso ausgerechnet… der Titel? Der stand vor der eigentlichen Entwicklung des Stückes schon fest. Im gegenseitigen E-Mail-Austausch rotierten Vorschläge wie „Prophecies are Bullshit“ oder „The last woman standing is the bitch“. Ich hatte mich schon auf den Wachter-eigenen Humor gefreut: In scheinbarer Harmlosigkeit wird die eigentliche Thematik ganz ungezwungen naiv verhandelt und bewegt Lach- wie Denkmuskeln gleichermaßen. Damit kommen wir zum „delicate cycle“ – dem Titel, den jede der Tänzerinnen als ihren eigenen Vorschlag präsentiert – dem Schon- oder Feinwaschgang. Gleichzeitige Erklärung der Tänzerinnen doppelt sich mit dem Inhalt (gleichzeitiges Setzen zweier gegensätzlicher Worte – das insistierende doppelte „sehr“, sowie das elfenbeinartige „delicate“ – ….na?) Es ist wie eine Liebeserklärung an unsere Wäsche, wenn wir sie im Schonwaschgang waschen. Verstohlen denke ich an die guten alten Blusen meiner Oma – herrlich leichter Stoff, der locker 60° bei 1400 Umdrehungen verträgt. Werbung Ende.
Mélanie Demers tanzt eine Ménage à trois mit zwei Stühlen. Nicht die ideale Position der drei Elemente, sondern der Bewegungsablauf interessiert. Nicht auf dem Stuhl, sondern zwischen den Stühlen. Tick-Tack-Tick-Tack. Konsumgüter vom Tisch, weitertanzen. Ein Duell um den grünen Stuhl. Die zweite Unterbrechung: es ist noch alles möglich, drei Vorgehensweisen, wir machen aber auf jeden Fall die erste. Die wissenschaftliche Annäherung zum Thema „Gewohnheitsforschung“, loops, habits. Habits save us energy, being automatic. Habit loops! Wir sehen – Tanz als Gewohnheit. Wir fühlen – ungewöhnlich. Die beiden kehren zurück zum Tisch und greifen zu einer interessanten Möglichkeit , DJane zu spielen – dem An- und Ausschalten verschiedener Musikquellen, Wachter etwas lyrischer, Demers etwas elektronischer. Keiner lässt dem anderen seine Musik. Sichtbar werdendie Unvereinbarkeiten zweier Stühle, Positionen, Menschen. Katja Wachter wiederholt die Ménage à trois, dringlicher, denn wenn die Stühle eins sind, hat der Mensch keinen Platz mehr.
Wie viel brauchen wir in unserem Leben? Im Stil der Philosophie von Fight Club stellt sich die Frage, ob ich meine Besitztümer beherrsche oder sie mich. Während Katja Wachter einen Text zu ihrem Konsumverhalten vorträgt, liegt Mélanie Demers quer über dem Tisch, dreht sich, streckt sich nach all den am Boden verstreuten Gegenständen, ein BH, Kekse, Geld, zieht es in einer Art Tabledance zu sich und wirft es durch ihre Drehung gleich wieder runter. Sie kann sie nicht in ihren Kreis einfügen, eingliedern. Wachter isst die allseits beliebte Banane, dazu „I did it my way“. Die skurrile Situation endet unscheinbar, mit einer über dem Mikro hängenden Bananenschale.
Es beginnt eine Sequenz in der Wachter während des Tanzens Nummern von eins bis achtzehn ausruft, Mélanie erzählt von der Nichtigkeit jedes einzelnen Menschen. Dem Zuschauer wird kundgetan, diese Szene habe besondere Schwierigkeiten gemacht, es ging um natürliches Fallen und wieder Auffangen, es gab blaue Flecken, die Nummerierung war doof… Kurzum, „Diesen Teil gibt’s nicht mehr im Stück.“ Zurück auf Null. „Aber ein Duett wär schon schön gewesen…“ und das folgt. Es sind eventuell nur 40 Sekunden. Aber die sind mein Höhepunkt des Abends. Einzig und allein die Musik macht mir am Schluss einen Strich durch die Rechnung. Warum stets Knister-Knaster-Pfiiiiet, dieses Geraschel und Gepfeife kann doch nicht die einzige neue Musik sein, die zu Tanz passt? Schwarmdenken. Tanz um des Tanzes willen. „in spite of what I said before…” der Kunstgriff, die Zelebrierung des Ich, der einzelne Mensch als wichtig, unverzichtbar. Impulse zur Bewegung, Lächeln in den Gesichtern, sichtbares Eingehen auf den anderen, sich den Tanz einschreiben, sich selbst zuschreiben. Ein wunderschönes Fazit zum Sinn von Tanz – und habit loops.

Besuchte Vorstellung: 26.04.2013, weitere Vorstellungen: 27. und 28.04.2013, jeweils 20:30 Uhr.

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Über Susanne Ernst

studiert Theaterwissenschaft, Französisch, Amerik. Literaturgeschichte Zeige alle Beiträge von Susanne Ernst

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